Segen Internet

Ein Freund

Wir haben uns, denke ich, knapp 25 Jahre nicht gesehen.

Nicht nur nicht gesehen, sondern den Kontakt verloren.

1990 war er noch mal hier, in L.E., als die Bockwurst auf dem Augustusplatz sprach. Der Augustusplatz hieß damals noch Karl-Marx-Platz und wir waren die einzigen, die der Bockwurst das mit den blühenden Landschaften und dem Wohlstand für alle nicht geglaubt haben, was zu sehr aggressivem Verhalten unserer Mitmenschen uns gegenüber führte. Ähnlich aggressiv wie heute, wenn die Legionellen da rumlabern. Nur heute schützt uns die Polizei vor denen. Damals mischten wir uns einfach unters Volk, wir mussten das eben auch erst lernen mit der Demokratie und dass Meinungsfreiheit nicht gleich Meinungsfreiheit ist. Aber heute sind „die“ auch aggressiver, weil es mit dem Wohlstand nicht so richtig geklappt hat. Und das mit der Meinungsfreiheit haben sie auch nicht kapiert, jedenfalls nicht, wenn es um die anderer geht. Dass man aber jetzt notfalls hauen darf, oder zumindest Beifall klatschen und rassistische Sprüche ungestraft von sich geben darf, dass haben sie gelernt. Immerhin.

Ich schweife ab, aber nicht ganz, denn genau darüber unterhalten wir uns an einem Wochenende im Januar in seiner Wohnung am Potsdamer Platz in Berlin. Seine Wohnung ist nicht ganz korrekt. Sie gehört eigentlich der ungarischen Botschaft, in der er seit ein paar Monaten arbeitet. Vorher war er in Wien. Und natürlich in Budapest. Aber eigentlich wohnt er jetzt am Balaton, ist verheiratet und hat ein halbes Dutzend Kinder.

Dass wir uns in L.E. zum letzten Mal gesehen haben, hatte ich vergessen, ich hätte auf Budapest getippt. September 1989. Damals wohnte er schon nicht mehr bei dem Freund, DSC_7519bei dem wir immer unterkamen, wenn wir da waren und mit dem er uns doch erst bekannt gemacht hatte. Damals kam ich mit dem Großen Kind, das damals noch ganz klein war, gerade aus dem Urlaub in Rumänien zurück und er hatte herausgefunden, in welchem Flüchtlingslager die besten hygienischen Bedingungen herrschten. Weil ich doch mit dem Kind unterwegs war. Damals waren nämlich tausende Ostdeutsche nach Ungarn geflohen. In der Hoffnung, irgendwie „rüber“ zu kommen. Schließlich waren die Botschaften in Prag und Warschau schon voll. Damals waren die Ungarn, obwohl mich ihr Nationalismus schon damals sehr erschreckte und heute deshalb nicht wundert, noch sehr freundlich, kümmerten sich um ihre armen europäischen Nachbarn, brachten sie in Lagern unter, in denen sie geduldig auf das warten konnten, was passieren würde. Heute würde man die übrigens als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen.

Aber ich schweife ab.

Wir wollten in kein Lager, sondern nach Hause.

Auch darüber unterhalten wir uns in der Wohnung am Potsdamer Platz.

DSC_7525 Und natürlich streifen wir durch die Stadt, er zeigt mir, was ihm wichtig erscheint. Das Holocaust Mahnmal zum Beispiel, oder die Gethsemanikirche und das Märkische Viertel. Wir reden über die Verfolgung der ungarischen Juden damals und die Diskriminierung der ungarischen Roma und Sinti heute. Und über die Probleme. Über Versuche, die Kinder zum Schulbesuch zu zwingen, über gute Ideen und falsche Umsetzungen. Wir reden über gemeinsame Freunde, rumänische und ungarische, die wir jeweils aus den Augen verloren haben. Er ist ein bisschen traurig, dass ich keine alten Fotos mitgebracht habe, aber als er mich im Sommer besucht, krame ich alles raus und es stellt sich heraus, dass er einem meiner rumänischen Freunde nur aus dem Fernsehen kennt. Ein in der ganzen ungar-sprachigen Welt 08-24-18-12bekannten Mönch, der Waisenheime errichtet und unterhält. Das nun wieder wusste ich nicht. Ich lernte ihn kennen, bevor er  das Zölibat ablegte. Also ich kenne mich da nicht aus, aber er hatte wohl etwas Zeit, sich zu überlegen, ob er wirklich Mönch werden will und in dieser Zeit kletterten wir gemeinsam in Rumäniens Bergwelt rum und krochen in Höhlen. Später, als wir Mitte der 90er dort waren, trafen wir ihn kurz, aber von Waisenheimen war da noch nicht die Rede.

Ich schweife schon wieder ab.

Wir verbringen ein schönes Wochenende in L.E., treffen abends noch andere Freunde auf einer Party. Er spricht zum Glück ganz hervorragend Deutsch. Wir reden über das Dublin-Abkommen und Schengen, über Rechtspopulismus und Flüchtlinge, über ungarische Juden und Gedenksteine, die möglicherweise errichtet werden könnten an Orten, die man nicht sofort mit KZs in Verbindung bringt. Über alte Freunde und die Kinder, Pegida, Legida und Orban. So ein Wochenende ist lang. Da kann man über viele Dinge sprechen. Persönliches, Erinnerungen, Politik, Musik, Literatur, Freunde, Ungarn, Rumänien, Deutschland, meine Besuche in Budapest vor drei Jahren und in Rumänien.

Das ist jetzt schon wieder vier Wochen her. Es wird weitere Besuche geben. Es gibt ja noch so viel zu besprechen, zu diskutieren und zu erinnern.

Ach, wie er mich gefunden hat?

Das Internet ist nicht nur schlecht, liebe LeserInnen. Und da ich Ende letzten Jahres noch in Lohn und Brot stand, hat er mich ganz einfach im Institut gefunden.

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Über Inch

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6 Antworten zu Segen Internet

  1. freiedenkerin schreibt:

    Das Internet hat zwar seine Tücken, ist aber im Grunde genommen eine wirklich sehr gute Erfindung. Ich habe dank dem WWW vor einigen Monaten eine Cousine „wiedergefunden“, die ich vor etlichen Jahren schon aus den Augen verloren hatte. 😉
    „Die Bockwurst“, ist das der Dicke, Kanzler Birne, der Kohl? 😉

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  2. ostnomade schreibt:

    … von blühenden Landschaften konnte und durfte nur einer reden …

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  3. Herr Ärmel schreibt:

    Das Internet hat schon seine guten Seiten – wären wr uns sonst begegnet?

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  4. Zaphod schreibt:

    Bei Bockwurst hab ich an Krenz gedacht, der sieht irgendwie auch so wurstig aus. Kohl ist für mich immer nur Birne gewesen *g*

    Mit der Suche nach alten Freunden habe ich im Netz kein Glück gehabt, die Fußballkumpels sind alle wenig internetaffin, klicken und lesen geht grad noch, bei der Mailadresse wird es schon kompliziert. Die anderen kennen sich in Neuland gut genug aus um keine Spuren zu hinterlassen oder leben irgendwo in der Diaspora *g*

    Dafür hab ich viele nette Menschen und sogar neue Freunde gefunden, die ich ohne das Netz nie kennengelernt hätte. Dafür nehme ich die ganzen Vollposten in Kauf die sich hier rumtreiben, die kann man zur Not ignorieren.

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