Flüchtlinge schieben

Es ist klar, in einer Erstaufnahmeeinrichtung kann niemand bleiben. Auch wenn es hier in Leipzig schön ist. Viel schöner als in Dresden oder Chemnitz oder gar Heidenau oder Freital.

Die Leute werden irgendwann verlegt. Nach irgendwohin in Sachsen. Manche haben Pech, manche Glück, denn es gibt sie durchaus, die kleineren sächsischen Gemeinden, die dafür sorgen, dass sich die Neuankömmlinge dort wohl fühlen. Die Gemeinden, wo niemand vor der Unterkunft steht und sich freut, dass da endlich jemand ist, der noch weniger hat als er selbst. Jemand, den man anschreien kann und der sich nicht wehren kann.

Doch warum werden Familien getrennt? Warum Brüder? Eltern von ihren Kindern? Was läuft da falsch? Sind die Ämter wirklich überfordert? Oder paart sich hier jahrelange Ignoranz mit einer plötzlich schier unüberwindbar scheinenden Herausforderung?

Und ich habe den zwei Brüdern noch gesagt, dass, egal, wohin sie kommen, sie zusammen bleiben werden. Und heute erzählt mir ein anderer in Deutsch (nach 2,5 Monaten hier!), dass seine Eltern in Dresden sind.

Ist es nicht schlimm genug, diese Menschen, die entwurzelt sind und die gerade angefangen haben, sich wieder zu öffnen, Fuß zu fassen, Freunde zu finden, ein zweites Mal zu entwurzeln? Muss denn dann auch noch die Trennung von der Familie sein? Aus Schlamperei oder Ignoranz in irgendeinem Büro? Oder einfach Unkenntnis?

Und ist man erst Mal getrennt, ist die Zusammenführung mühselig. Anträge müssen gestellt werden. Was aber, wenn man in einem Ort gelandet ist, wo sich keiner findet, bei der Antragstellung zu helfen? Ich komme ja selbst mit manchem Formular nicht klar und ich würde von mir doch behaupten, dass ich ganz gut Deutsch kann. Aber jemand, der gerade aus seiner Heimat geflohen ist?

Natürlich ist es ein Fortschritt, aus einer Halle, in der man mit Hunderten auf Feldbetten lagert, heraus in ein Hotel mit 9-Bett-Zimmern zu kommen. Aber wenn dieses Hotel in Übigkau steht? Oder Meißen? Heidenau? Freital?

Dort ist es wie in Syrien, erzählt mir einer, da lebe ich lieber auf der Straße, und während ich ihn zu überreden suche, wieder zurück zu gehen und ihm erkläre, dass er sonst sein Asylverfahren riskiert, verschweige ich den Syrer, der, in Freital gelandet, seinen Asylantrag zurück gezogen hat. Er sei aus Angst um sein Leben aus seiner Heimat geflohen, hat er gesagt, aber hier muss er genauso um sein Leben fürchten.

Es gibt Menschen, die wachsen einem besonders ans Herz, professionelle Distanz hin oder her. Das ist wie immer im Leben. Die kann man nicht im Stich lassen. Nicht, wenn sie um Hilfe bitten. Das kann man nicht. Das ist unserer als Menschen nicht würdig.

Man kann auch aus der Distanz helfen. Kontakte herstellen, sich um Deutschkurse kümmern, sogar Anmeldungen vornehmen und Formulare ausfüllen. Und wenn die Hilfesuchenden dann erst Mal neue Freunde gefunden haben, leben sie sich meistens auch am neuen Ort schnell ein. Egal in welcher sächsischen Pampa der liegt.

Doch wenn dieser Ort Freital heißt?

(Gestern wurde in Freital ein 18-jähriger Iraker verprügelt, als er an einer Bushaltestelle wartete)

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Über Inch

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9 Antworten zu Flüchtlinge schieben

  1. freiedenkerin schreibt:

    Es ist so bitter und beschämend, dies hier zu lesen, liebe Inch. Von der Kaltherzigkeit, Unfähigkeit oder Überforderung der zuständigen Behörden angefangen bis zu der Tatsache, dass Menschen, die bei uns Schutz und die Chance auf ein neues Leben gesucht haben, aus Angst um ihr Leben sich wieder auf die Flucht begeben müssen…

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  2. Gudrun schreibt:

    Das mit der Distanz, wie immer man sie jetzt nennt, ist verdammt schwer. Therapeuten trainieren das jahrelang. Das heißt nicht, dass man kein Mitgefühl mehr hat, das heißt eigentlich nur, dass es einen nicht auffrisst und dass man alle gleich behandeln kann.
    Ach, liebe Inch, was wäre, wenn es die vielen Ehrenamtlichen nicht gäbe, die die keine Mühe und Zeit scheuen?

    Und jetzt noch etwas ganz anderes.
    Herzlichen Dank, dass du das Rezept vom Pfefferminzsirup aufgeschrieben hast. Die letzte Pfefferminze aus dem Garten ist verarbeitet und ich habe einige Wintervorräte mehr.

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  3. Frau Tonari schreibt:

    Ich bin mir nicht sicher, ob die offenbar nicht vorhandene Familienkoordinierung Unvermögen, Desinteresse, Überlastung, Folge von Resignation und damit Dienst nach Vorschrift ist. Vielleicht zerreißt zu viel auch die Empathiestränge der handelnden Festangestellten. Oder aber – und das weigere ich mich, mir vorzustellen – es ist Teil eines Verschreckungsgedankens.

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  4. Zaphod schreibt:

    Das sind so Sachen, die verstehe ich einfach nicht. Es gibt doch für jeden Furz hier einen Arbeitskreis oder zumindest einen Beauftragten. Wie wäre es denn mal mit einem Schwachsinnsbeauftragten, eine öffentliche Nummer bei der man anrufen kann um offensichtlichen Schwachsinn zu melden, wie Familientrennungen z.B. und der regelt das dann ganz unbürokratisch.
    Ach Mist, jetzt merk ich auch den Denkfehler. Unbürokratisch. In Deutschland ^^

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  5. ostnomade schreibt:

    Ich bewundere Deinen Einsatz aus vollem Herzen!
    Hört die Gastfreundschaft der Leipziger an der Stadtgrenze auf? Ich würde nicht so sehr auf andere sächsische Städte mit unerfreulichen Ereignissen verweisen, wenn das Elend so nah liegt …
    Meine Jüngste besuchte das Gymnasium im südlichen Landkreis Leipzig während der vergangenen 3 Jahre. Nicht nur einmal wurde sie gebeten, besser nicht auf die Strasse zu gehen. Nazi- Demo.
    Ihr Liebster hat sein Elternhaus in einem Dorf im nördlichen Landkreis. In die Dorfgaststätte konnten sie niemals gehen.
    Sie hat einfach Mandelaugen und einen dunklen Teint, dickes schwarzes Haar, recht hübsch, ein bißchen zu exotisch vielleicht für die erdverbundenen Landesbewohner.
    Unter meinen Freunden sind einige, die montäglich auf dem Theaterplatz auf der Gegendemo antreten, zivilisiert, nicht im steinewerfenden schwarzen Block.
    Verallgemeinerungen neigen zur Ungerechtigkeit, denke ich.

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