Ein kurzer Moment der Freude

Sonntag Nachmittag

H. singt aus voller Inbrunst mit. Und laut. Und falsch. Das bringt mich besonders jetzt, da im Canon gesungen wird, teilweise so aus dem Konzept, dass ich den Faden verliere. Außerdem unterdrücke ich Lachkrämpfe.

Wir sind in der Dresdner Staatsoperette am Ende eines 90-minütigen Konzerts für Flüchtlinge aus und um Dresden. Das Ensemble, Musiker, Solisten, Chöre, drei Dirigenten, bieten ein buntes Potpourri an klassischer Musik, Operettenmelodien und Musicalstücken, angefangen bei Mozarts Zauberflöte über Johann Strauß bis Leonard Bernstein.

Und nun also singen wir zusammen Dona nobis pacem. Wir, die Solisten und Chöre und das Orchester singt auch mit.

Dabei hatte der Tag gar nicht so gut angefangen.

Schon als ich auf dem Bahnhof der Kleinstadt bei Dresden anlangte, fiel mir ein Aufkleber auf: Refugees not welcome. Dann laufe ich auf einer Landstraße durch ein Industriegebiet zu dem abseits einer Plattenbausiedlung gelegenen Flüchtlingsheim, einem früheren Hotel. Es ist nicht ganz so abseits wie das kürzlich in Aue besuchte und der Bahnhof ist in 10 min zu erreichen. Und von da gelangt man in 11 min nach Dresden. Das ist doch nicht so schlecht, würde ich denken, triebe mich nicht die Sorge um H. hierher. Denn der macht seit seiner Verlegung hierher nicht nur einen unglücklichen Eindruck, er verfällt geradezu in Depressionen. Kein Deutschunterricht, die Security sind doof, die Stadt ist doof und seine Mitbewohner sind Albaner, Russen oder Araber und die versteht er nicht, weil die kein Deutsch oder Englisch können bzw verlangen, dass er arabisch spricht. In der Stadt hat er Angst und im Heim auch. H. ist Kurde und die wöchentlich in der Zeitung nachzulesenden Übergriffe auf Flüchtlinge bekommen plötzlich ein Gesicht, denn auch er wurde bereits bedroht.

Das ist nicht gut.

Als ich das Heim erreiche, wartet H. schon vor dem Eingang auf mich. Doch während er die Mitbringsel aufs Zimmer bringt, komme ich mit einer Frau der Bürgerinitiative, die gegen das gastunfreundliche Image der Stadt ankämpft, ins Gespräch. Und die bestätigt H.s Angst vor der Stadt. Ganz schlimm sei die Stimmung hier. Auch im Alltag. Sogar ein Bewohner, der seit 17 Jahren hier lebt und den jeder kennt, wurde von Einwohnern aufgefordert, sich wieder heeme zu scheren. (in seine Heimat zurückzukehren)

Dafür können wir die Frage mit den Deutschkursen klären, nämlich indem ich sie bitte, die Aushänge doch auch in englischer Sprache zu gestalten.

Die Security, ich kann das selber beobachten, sind nett und höflich. Auch zu den Flüchtlingen.

Wir tippeln zum Bahnhof. Da treffen wenige Minuten nach uns auch fünf Ehrenamtliche und ca 20 Heimbewohner ein. Und während H. und ich noch überlegen, ob wir lieber ins Panorama nach Dresden oder nach Meißen fahren wollen, werden wir gefragt, ob wir nicht mit in die Staatsoperette wollen. Da seien noch Karten übrig. Freudig schließen wir uns der Gruppe an und weil die Staatsoperette ganz weit draußen liegt, fahren wir zwei Mal S-Bahn und einmal Bus. Und ich kann die Zeit nutzen, um noch ein paar Dinge in Erfahrung zu bringen. Sportabend am Gymnasium, Bastel- bzw. Begegnungsnachmittag in einer Gemeinde, Laufgruppe.

Und im Konzert sitzen dann Landsleute neben mir, eine ganze Familie. Zwar aus Syrien, aber, erklärt H., ihre Sprachen sind nicht so unterschiedlich, dass er sie nicht verstünde. Leider haben die gerade ihre Duldung für drei Jahre erhalten und werden nun wohl bald ausziehen.

Auch die Bürgerinitiative scheint personell nicht stark besetzt. Im Vorfeld, auch vom Kleinen Kind, wurden Fragen zwar beantwortet, zu konkreter Hilfestellung kam es aber aus Zeitmangel nicht. Das Kind fährt nun fast jeden Abend in die Kleinstadt, um H. aufzumuntern und zu ermutigen, durchzuhalten. Meinen gestrigen Besuch hat sie genutzt, um für die Uni zu lernen.

Ich stehe auf den zugigen Bahnsteigen der Kleinstadt und mir geht H.s trauriger Blick nicht aus dem Sinn. In der Operette war er fröhlich und ausgelassen. Als ich mich verabschiedete, übernahmen wieder Einsamkeit und Verzweiflung.

*Beispiele                                                                                                       Bitte auch hier lesen 

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3 Antworten zu Ein kurzer Moment der Freude

  1. freiedenkerin schreibt:

    Wir sind von unserem Dasein in einem der reichsten Länder der Welt so übersatt, unzufrieden und auch unsensibel geworden, dass so manche gar nicht nachvollziehen können bzw. wollen, wie es in der oftmals gequälten Seele eines Flüchtlings wohl aussehen mag…
    Grad vorhin habe ich im Gesichtsbuch einen Artikel zum Thema gefunden:
    http://www.tagesspiegel.de/politik/empathie-und-die-fluechtlinge-die-unheimliche-not-der-anderen/12556362.html
    Morgen gibt’s Lohn, liebe Inch, und gleich am Abend werde ich ein bisserl überweisen können.

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  2. Frau Momo schreibt:

    Ich würde mich regelmäßig beteiligen. Alles weitere per Mail?

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