# Ohne geht nicht

Es ist ja nun nicht so, dass ich Ihnen nicht von unserem wirklich schneereichen Wochenende in Bozi Dar erzählen will. Ich habe den Bericht sogar schon fast fertig.

Allein, als ich die passenden Fotos aussuchen wollt, stellte ich fest: Alle gelöscht. Fast alle gelöscht.

Nachdem ich nämlich die Bilder auf meine zwei externen Festplatten kopiert hatte, habe ich sie auf der SD-Karte gelöscht. Doch dann stellte ich fest: nur die 10 ersten haben tatsächlich den Weg in die Sicherung gefunden.

Und damit komme ich zum Thema des letzten Sonntags, zu dem ich erst heute schreiben kann, weil ich quasi schockgelähmt war.

Denn ohne was geht es tatsächlich nicht?

Ohne meine Fotos.

Ich müsste natürlich hier eigentlich schreiben: Ohne meine Kinder geht nicht, ohne meine Enkel, meine Familie, meine Freunde. So in der Reihenfolge etwa.

Aber, das ist ja irgendwie selbstverständlich, oder? Das ich alle Kameras und Fotos hergeben würde, um meine Kinder UND Enkel, Familie, Freunde zu retten. Daran zweifelt wohl niemand.

Da muss ich an gelesene Bücher und gesehen Filme denken. Würde ich ein Kind opfern, um das andere zu retten? Würde ich einen Enkel opfern, um den anderen zu retten?

Es ist klar, dass das theoretische Fragen sind. Fragen, die man sich in seinen schlimmsten Albträumen nicht auszumalen mag. Ein Albtraum, sich vorzustellen, jemals in diese Situation geraten zu müssen.

Denn die Antwort lautet natürlich: NEIN. Hier von meinem Sessel aus, aus meiner warmen Stube heraus, umgeben von allen Annehmlichkeiten der Zivilisation, einen gefüllten Kühlschrank in der Küche wissend, friedlich und derzeit noch fern aller tatsächlich lebensbedrohlichen Klimakatastrophen lebend.

Natürlich müsste ich dann noch antworten, dass ich ohne Toleranz nicht leben könnte. Ohne Mitmenschlichkeit und Respekt. Da würde mir sicher noch einiges einfallen. Mir fällt aber als erstes ein, ohne was ich leben könnte, nämlich ohne Dummheit. Dummheit, darauf könnte ich wirklich verzichten. Dummheit in jeglicher Form. Sie könnten nun rufen, und ohne Extremismus, Intoleranz, Hass, und was es alles so an schlechtem gibt. Aber ich entgegne Ihnen: Ohne Dummheit wäre ausreichend. Denn gäbe es die Dummheit nicht, würden die Menschen, alle Menschen, die Tricks und Manipulationen hinterfragen und durchschauen. Sie würden nicht selig grinsend in Kriege ziehen, die niemals ihnen selbst zugute kommen. Sie würden sich nicht in Sekten verlieren, falschen Versprechungen glauben, den einen Gott für besser als den anderen halten. Sie würden erkennen, wann ein Versprechen ein falsches ist. Sie würden Lügen erkennen und Führer durchschauen.

Das ist alles sehr wichtig. Ganz klar.

Aber

Meinen Kindern, meiner Familie, meinen Freunden geht es gut. Und keiner hat ein Problem, das nicht lösbar wäre.

Und gegen die Dummheit anzukämpfen, kann jede/r für sich selber tun. Oder er/sie umgibt sich nur mit ausgewählten Menschen, so dass er/sie die Dummheit ausblenden kann. Entweder, weil er/sie sie aus seiner/ihrer Umgebung entfernt hat. Oder weil er/sie sie in seiner gleichgeschalteten Welt nicht mehr bemerkt, nicht mal, wenn sie ihn/sie selber befällt, was ziemlich dumm wäre.

Also.

Ohne was geht wirklich nicht?

Ohne die Kamera und die Fotos.

Und nicht das erste Mal erlebe ich gerade, wie wichtig mir diese Dinge sind.

Vor mehr als 15 Jahren wanderte ich mit dem Kleinen Kind auf dem Jakobsweg in Spanien. Als wir uns davon ausruhten in San Sebastian wurde ich bestohlen. Der Verlust einiger Wertgegenstände einschließlich der Kamera war nicht so schlimm wie die Tatsache, dass die Diebe belichtete Filme mitgeklaut hatten. Die vermisse ich heute noch, denn diese Wanderung, die zur Pilgerfahrt wurde, irgendwie, war eine ganz besondere. Zwar überließ mir die Freundin ihre Fotos, aber obwohl nun immerhin nicht ganz ohne bildgewordene Erinnerung, merkte ich doch gerade hier sehr schmerzlich, wie unterschiedlich Sichtweisen sind.

Viele Jahre später machte ich mich in einem November auf nach England und Wales.

Ich war allein unterwegs, nur manchmal begleitet von meinen Gastgebern. So hatte ich viel Zeit zu schlendern, alles genau zu ergründen und stundenlang auf das eine Foto zu warten. Doch weil ich mir das Warten mit Fotografieren versüßte, gab der Akku am nächsten Motiv auf. Am Tower in London und kein Foto. Das.Geht.Gar.Nicht. Zwar entdeckte ich durch dieses Mißgeschick eine Ecke, in die ich sonst nie gekommen wäre, trotzdem musste ich später noch einmal hin, zum Tower, um Fotos zu machen. Das ist schon ziemlich extrem.

Und eigentlich hätte es die Blödheit mit den Bildern von Bozi Dar nicht gebraucht, um zu wissen, dass es ohne Kamera und Fotos nicht geht. Aber wie sagte ich oben, auf Dummheit, wie man Blödheit auch nennen kann, könnte ich eh gern verzichten. (Dafür nehme ich zur Kamera gern noch Stift und Schreibheft mit.)

Den Bericht von Bozi Dar gibt es trotzdem noch. Die Eltern der Prinzessin versuchen dieser Tage, gelöschte Fotos wieder sichtbar zu machen.

Ach Sie wissen nicht, was ich mit diesem Thema des letzten Sonntags meine?

Sunny lädt uns an diesem Tag immer  zum Projekt “Punkt.Punkt.Punkt.” ein, bei dem wir uns zu einem vorgegebenen Thema äußern dürfen, sowohl bildlich als auch textlich.

DSCN4135

 

 

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Über Inch

www.inch.beep.de
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17 Antworten zu # Ohne geht nicht

  1. Sandra schreibt:

    Hallo Inch,

    verlorene Bilder sind tatsächlich etwas das (fast) gar nicht geht. Besonders der Jakobsweg war besonders schmerzlich, das kann ich mir gut vorstellen. Bevor ich meine erste externe Festplatte kaufte, gab es einen Crash auf der „normalen“. Ich war am Boden, betroffen waren damals nicht nur Bilder sondern auch einiges an Texten. Man könnte sie natürlich wieder tippen, aber sie wären auch nie gleich. Genau wie die Fotos deiner Freundin. Tja Dummheit erreicht leider manchmal mehr als das Gegenteil, da stimme ich zu. Wusstest du übrigens, das es leichter ist sich dumm zu stellen ,als andersrum? *Kleiner Joke am Rande*
    Iris ist übrigens meine Co-Autorin auf dem Blog, werfe deinen Beitrag immer gerne unter meinem Beitrag ab.

    Liebe Grüße
    Sandra

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  2. Trude schreibt:

    Verlorene Bilder sind sehr sehr ärgerlich, so erging es uns zur Hochzeit der Tochter……
    Aber es wurde alles wieder gut. Habe einen Kollegen auf der Arbeit, ein Dresdner und er hat einen Spruch: „Dummheit schafft Freizeit!“ und das lebt der auch. Habe durch ihn heute nach 6 Wochen mal ein (1 und nur 1) Wochenende frei und nächste Woche geht es wieder in die neue Runde……und er ist in „Austria“ zum Skilaufen.
    Ärgere dich nicht zu sehr. Winke, die Trude.

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  3. Frau Tonari schreibt:

    Du schreibst mir wirklich aus der tiefsten Seele.
    Und wenn wir eines Tages gehen, bleiben vermutlich nicht einmal mehr die BIlder/Fotos.

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  4. Hallo Inch,
    wenn du erstmal keine neuen Fotos auf der SD-Karte speicherst, solltest du alle Fotos wiederherstellen können. Die werden eigentlich nicht richtig gelöscht, sondern nur versteckt und zum überschreiben freigegeben.
    Schau mal hier: http://praxistipps.chip.de/sd-karte-geloeschte-bilder-wiederherstellen_38598

    Liebe Grüße und Viel Glück,
    Rick

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  5. freiedenkerin schreibt:

    Mein allergrößter Alptraum: Dass ich irgendwo einen Haufen feiner Fotos mache – und diese dann gelöscht werden. 😉
    Ach, ja, wenn es nur keine Dummheit gäbe…

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  6. Zaphod schreibt:

    Na dann ist ja alles gut, als ich den Anfang gelesen habe dachte ich nur kein Problem, solange sie die Karte nicht verwendet hat um Tierfotos zu machen.
    Gelöscht oder formatiert ist nie ein großes Problem, für alles gibt es die passende Lösung, nur überschreiben darfste halt nix oder zumindest möglichst wenig.

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    • Inch schreibt:

      Nuja, ich selbst habe es auch versucht, also die Fotos wieder herzustellen, und mich zu blöd angestellt. Der Papa der Prinzessin hats geschafft. Übrigens kamen da nicht nur die verlorenen Bilder zum Vorschein sondern zum Beispiel auch die aus Russland, die schon lange überschrieben sein sollten. Na macht nix, lieber so als anders, auch wenn der quasi Schwiegersohn ein bißchen ob der Menge der Daten fluchte 😀

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  7. Herr Ärmel schreibt:

    Alptraum, so eine Vorstellung, alle Fotografien zu verlieren. Wobei, ich habe bei dem Hinundher-Genudel von Festplatte auf Festplatte versehentlich mal über 2000 Cds gelöscht.
    Aber das waren ja zum Glück keine Fotos…

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    • Inch schreibt:

      Zwei TAUSEND CDs?

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      • Herr Ärmel schreibt:

        Ich bin nicht mehr der jüngste, da kam einiges zusammen im Lauf der Jahre… 🙂
        Entscheidender bei solchen Verlustgelegenheiten ist allerdings die Frage, was man wirklich vermisst hinterher. Warens tatsächlich alle CDs eine Band oder nur zwei oder drei? Warens alle Fotos einer Reise oder nur einige entscheidende, die den Eindruck der ganzen Reise in sich trugen?

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  8. Barbara schreibt:

    Liebe Inch,

    ich habe mir schon öfters Gedanken über die Dummheit gemacht und bin zum Schluss gekommen, das es nicht die Dummheit einer grossen Mehrheit ist, die ich anprangern möchte, sondern die Habgier einiger weniger. Im Gegensatz zu den Dummen, die v.a. sich selber schaden, sind die Habgierigen die intelligenten Banditen, die sich auf Kosten aller anderen Macht anhäufen und bereichern.

    Ich wünsche dir einen guten Start in die neue Woche
    Barbara

    PS: Unsere Katze Mimi sieht den Wohnwagen als ihr zweites Zuhause an. Sie ist dies von klein an gewöhnt. Ich weiss nicht, ob das mit dem Schrebergarten auch so gehen kann. Gibt es da etwas, was deine Katze als Zuhause anerkennen könnte?

    Gefällt 1 Person

    • Inch schreibt:

      Hallo Barbara, erst Mal willkommen hier in meinem Blog und danke für Deinen ausführlichen Kommentar. Mit der Habgier hast Du natürlich recht. Trotzdem meine ich, gäbe es die Dummheit nicht, würden Menschen die Habgier anderer durchschauen und sie nicht gewähren lassen. Dass man mit Dummheit nur sich selber schadet, da widerspreche ich ganz vehement. Denn gerade weil Menschen nicht in der Lage sind, Verblender und Verführer zu durchschauen, folgen sie denen in Kriege, sprengen sich und andere in die Luft, oder zünden bewohnte Häuser an. Das sind nur 3 Beispiele. Aber jedes für sich steht dafür, dass dumme Menschen eben nicht nur sich selbst schaden.
      Die Katze kennt den Garten gar nicht. Aber sie ist total auf mich fixiert. Deshalb hoffe ich, wenn ich ihre Decke mitnehme und, ja lacht nicht, ihre Toilette, dass sie sich evtl eingewöhnen kann. Wir müssen es ausprobieren. Beide, die Katze und ich…

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