Ein Gedenktag in Deutschland

Als der Rabbi mit seinem Gebet beginnt, schiele ich so unbemerkt wie möglich zu A. Der lauscht genauso respektvoll wie davor der Fürbitte der 3 Christen.

A. betet 5 Mal täglich. Und damit auch während des Deutsch- Unterrichts. In einer Ecke des Klassenzimmers legt er den Gebetsteppich aus und drei vier weitere Jungs aus Afghanistan folgen ihm.

Doch heute sind wir nicht im Klassenzimmer. Heute sind wir in Abtnaundorf, am Mahnmal zum Gedenken an die Nazi-Opfer.

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Deutschklasse am Mahnmal

In diesem Leipziger Randbezirk entstand 1943 ein Außenlager des KZ Buchenwald. Die etwa 1000 Häftlinge mussten in der Rüstungsindustrie arbeiten. Bis auf etwa 300 kranke und marschunfähige wurden sie beim Anrücken der Alliierten auf einen Todesmarsch nach Tschechien geschickt.

Am 18. April 1945, dem Tag, da die US-Armee in Leipzig einrückte, wurden da, wo der Obelisk heute an alle Opfer des NS- Terrors erinnert, 80 Menschen verbrannt. Auf dem Mahnmal, das 1958 eingeweiht wurde, steht 80 Widerstandskämpfer, in Quellen im Internet ist von Häftlingen die Rede.

Jeden 27. Januar finden verschiedene Gedenkveranstaltungen in Leipzig statt. Häufig war ich mit am Bahnhof, um an die Deportationen zu erinnern, habe symbolisch einen Koffer zum Bahnsteig getragen, eine Ausstellung mitorganisiert.

Heute nun Abtnaundorf, zusammen mit meinen 20 Schülern aus Syrien und Afghanistan und ein paar mehr Bewohnern der Unterkunft für Minderjährige, zwei Betreuern und einer Referentin vom Amt für Demokratie.

OBM Jung spricht wie immer klare Worte, spannt den Bogen vom Nationalsozialismus zu Legida. Dieser Mann gefällt mir immer besser. Wenn ich bedenke, dass ich ihn nur wählte, um einen Polizisten als Stadtchef zu verhindern. Heute, seit Legida, bin ich mehr als glücklich. Ein Bürgermeister, der klare Worte findet gegen Rassismus, Hetze und Menschenverachtung, der sich  nicht von Morddrohungen einschüchtern lässt , entschieden sogenannte Dialoge mit Rassisten ablehnt und immer wieder Stellung bezieht gegen Rechts und all, die rechtes Gedankengut und rassistische Gewalt dulden und zulassen, so einen Bürgermeister wünsche ich nicht nur jeder sächsischen Gemeinde.

Es folgt ein zweiter Redebeitrag eines tschechischen Journalisten (Historikers?), dann beten und bitten die Christen. Dann folgt der Rabbi.

Später erfahre ich, dass nicht alle Schüler so reagierten wie A. und alle um mich stehenden. Mindestens einer hat sich abgewandt mit den Worten, er hasse Juden.

Er ist einer von denen, die am Dienstag nicht zum Unterricht kamen. Angeblich hatte einer Kopfschmerzen. Laut Betreuern handelte es sich eher um kollektive Verweigerung. So fehlte ein ganzes Zimmer. Am Dienstag haben wir über Anne Frank gesprochen. Und über den Holocaust. Darüber, dass die Juden damals nirgendwo hin fliehen konnten, weil niemand sie wollte. Und dass das heute nicht mehr passieren kann, weil das Recht auf Asyl ein Menschenrecht ist. Weil heute Menschen, die von Krieg, Folter oder Verfolgung bedroht sind, Schutz in einem anderen Land finden könnten. Und Deutschland hält sich daran.

Wie immer, wenn ich mit Menschen aus dem arabischen Raum über den Holocaust spreche, sind diese entsetzt über das Ausmaß des Massenmordens. Wie immer, wenn ich mit Menschen aus dem arabischen Raum über den Holocaust rede, bin ich entsetzt, dass diese meistens noch nie, nie, etwas davon gehört haben.

Nach dem Ende der Gedenkveranstaltung kommt eine Frau zu mir und bedankt sich, dass wir die jungen geflüchteten Menschen hierher gebracht hätten, weil das gut sei, auch für die anderen Gäste, denn die Jungs hätten sich sehr respektvoll verhalten.

Heute werde ich mit der Klasse trotzdem noch einmal über den gestrigen Tag sprechen. Und über Religionsfreiheit und Respekt. Über den ersten Teil des gestrigen Tages.

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Fahrt zum Rathaus

Denn im zweiten Teil ging es ins Neue Rathaus. Dort wurde eine Ausstellung eröffnet, Fotos von Alt-Leipzigern mit dem Willkommensgruß und meinen Schülern. Dazu in ihren Muttersprachen formulierten Wünschen für die Zukunft. Der Wunsch des Nachmittags ist, dass die Alt-Leipziger mit den jungen Flüchtlingen ins Gespräch kommen.

Das klappt auch ganz gut. Sogar A., der heute auf sein Nachmittags-Gebet verzichtet hat, und der anfangs eher allein, und wie ich ihm unterstelle, traurig, da sitzt, sehe ich irgendwann lachend im Gespräch mit Deutschen.

Natürlich sind auch andere Flüchtlinge da. Solche, die vor mehr als 70 Jahren aus Litauen flohen, solche, die irgendwann aus Russland nach Deutschland kamen, solche, die ihre schlesische oder böhmische Heimat verlassen mussten. So können die Schüler nicht nur ihr Deutsch anwenden, sie lernen auch viel über die Geschichte ihrer Gastgeber. Und darüber, dass den meisten Flucht und Verfolgung, Diktatur und Krieg kein Fremdwort ist, weil doch jeder mindestens Verwandte hat, die etwas oder alles von dem selbst erlebt haben.

Im Rathaus habe ich viele Fotos gemacht. Es ist klar, dass ich Ihnen diese hier nicht zeigen kann.

 

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Über Inch

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7 Antworten zu Ein Gedenktag in Deutschland

  1. Pizzicato schreibt:

    Liebe Inch,
    ich lese hier schon eine ganze Weile still mit. Auch wenn ich weiß, daß viele Blogger sich Kommentare wünschen, habe ich bisher nicht kommentiert; v.a. das Gefühl, meinen Senf zur Sache wird sicherlich niemanden interessieren, hielt mich davon ab. Aber heute muß ich einfach. Danke sagen!
    Ich bin Leipzigerin. Ich studiere Medizin und habe wenig Zeit für Anderes. Durch Dein Blog kriege ich Vieles aus meiner Stadt mit, wovon ich sonst nichts wissen würde (traurig, ich weiß). Allein das finde ich großartig, genau wie Dein Engagement für die Flüchtlinge (und damit für jeden, der sich zu dieser Gesellschaft zählt!). Aber dieser Post hier, der macht mich fast ein bißchen ehrfürchtig. Ich bin so dankbar dafür, daß Du Deine Schüler mit dem Holocaust konfrontierst UND sogar nochmals nachfragst, wenn diese das gar nicht wünschen und/oder sich entziehen. Genau dieses Ins-Gespräch-kommen, ist es, was wir gerade so dringend brauchen, finde ich. Ohne Unangenehmes auszusparen oder doppelte Buchführung. Ich bin beeindruckt, daß Du darauf hinweist. Danke! Danke dafür, aus meiner komischen Perspektive, in der ich das, was Du tust goldrichtig finde und es selbst nicht hinbekomme.

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    • Inch schreibt:

      Vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar, der mir gar nicht wie Senf vorkommt und auch nicht aus einer komischen Perspektive heraus. Ich danke Dir auch für Dein positives Feedback.
      Für mich gehört auch die Diskussion über unangenehme Dinge bzw. verschiedene Sichtweisen zur Integration, gerade das gehört dazu. Denn wie sollen sich die Geflüchteten in die Gesellschaft eingliedern können, wenn sie nicht wissen, was uns wichtig ist und wieso es bestimmte Regeln, Ge- und Verbote gibt. Das gilt ja nicht nur für Religionsfreiheit, sondern auch für andere Dinge, die in anderen Ländern einfach anders gesehen werden. Und damit meine ich jetzt nicht nur arabische Länder.
      Ich höre sooft von Menschen, dass sie ja nichts gegen Ausländer hätten, die müssten sich nur an unsere Regeln halten. Wer aber soll ihnen denn unsere Regeln beibringen, wenn nicht wir? Und was nun wieder das betrifft, so finde ich immer, Fühlen, Erleben, Sehen ist besser als Reden.
      Gestern übrigens haben wir das Thema noch einmal ausführlich nachbearbeitet. Mit Besuch eines Klassenzimmers aus der Zeit 1933-1945 und eines Raums, in dem einer jüdischen höheren Schule gedacht wurde. Aus Schubfächern konnte man die Biografien der ehemaligen Schüler und Lehrer entnehmen. Da drei vorzulesen, war wohl das eindrücklichste. Immerhin griff ich dabei zufällig auch nach einer, die eine geglückte Flucht zum Inhalt hatte

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  2. freiedenkerin schreibt:

    Der Leipziger OB gefällt mir auch zunehmend besser. Ich glaube, der Herr Jung und der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter zählen zu den vorbildlichen Stadtoberhäuptern Deutschlands.

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  3. gemeinsamleben schreibt:

    Auch mich, liebe Inch, hat dein Beitrag sehr nachdenklich gemacht. Das deine Schüler noch nie, nie etwas vom Holocaust gehört haben, erstaunt mich sehr, auch wenn es mich nicht wirklich verwundert. Es zeigt mir mal wieder, wie große meine und unserer aller Wissens doch ist.
    Danke für diesen Beitrag!

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    • Inch schreibt:

      Nun, wie hieß es letztens bei xtra3? Flüchtlinge sind keine niedlichen Kuscheltiere, oder so ähnlich. Die meisten, die derzeit zu uns kommen, kommen aus einem anderen sogenannten Kulturkreis, haben eine komplett andere Erziehung genossen, kennen Demokratie nur vom Hörensagen und sind sich vermutlich nicht immer darüber im klaren, was das wirklich bedeutet, auch für ihre eigenen Ansichten. Es macht keinen Sinn, davor die Augen zu verschließen. Zu einer möglichst gelingenden Integration gehört für meine Begriffe auch, genau über diese Unterschiede zu sprechen. Geduldig und nachdrücklich. Leider ist es in der derzeit aufgeheizten Stimmung im Lande fast nicht möglich, sachlich darüber zu sprechen (Schönen Gruß an die Trolle!) bzw zu schreiben. Um so mehr freue ich mich, dass mein Blog da doch auf eher positive Resonanz stößt. Und vielleicht können Sie es ja auch als Tipp verstehen beim Umgang mit geflüchteten Menschen: Nicht alles was uns selbstverständlich ist, kennen diese

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  4. Zaphod schreibt:

    Naja, da unten sind Holocaustleugner wie Machmud Achmachmalnendjihad garantiert nicht die Minderheit, insofern ist es nicht verwunderlich dass der Holocaust da kein Thema ist. Wer weiß schon was die den Kids da in den Schulen erzählen.
    Wäre vielleicht nicht schlecht, wenn man Flüchtlinge alle noch mal in die Schule schicken würde für ein paar Monate, nicht nur Sprachunterricht, auch Geschichte, Staatsbürgerkunde..
    Wahrscheinlich aber passiert das nur sporadisch, wenn sich ehrenamtlich ein paar Leute des Themas annehmen.

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