#Herzensbücher

Beim 6. Thema in sunnys Projekt Punkt.Punkt.Punkt., bei dem sie Blogger jeden Sonntag dazu aufruft, sich einem vorgegebenen Thema zu widmen, muss ich nicht lange nachdenken.

Herzensbücher.

Das ist einfach.

Natürlich könnte ich hier Alexander McCall-Smith‘ wunderbar skurrile Geschichten über die Bewohner der 44, Scotland Street in Edinburgh aufzählen, oder Ian Rankins Krimis, die in der selben Stadt spielen.

Mir würden jede Menge russischer und sowjetischer Schriftsteller einfallen, vor allem die Vertreter der sogenannten Dorfliteratur. Unfassbar traurige Bücher über unfassbar aussichtslose Biografien und Geschehnisse irgendwo in Sibirien. Allen voran Valentin Rasputin.

Ich könnte David Benioffs Stadt der Diebe erwähnen, die wunderbar schrägen Bücher des Andrej Kurkow,  Gerard Donovans Winter in Maine, die Strugatzki Brüder und natürlich Isaac Asimov.

Nicht vergessen dürfte ich Bert Brechts Flüchtlingsgespräche, Erich Kästners Gedichtbände, und zwar alle, Vaclav Havels Versuch, in der Wahrheit zu leben und unzählige andere.

Sie sehen, die Liste wäre zu lang.

Im alten Blog habe ich versucht, ein paar der gerade gelesenen vorzustellen. Ich habe aufgegeben… ich lese zu viel und auch der alte Blog war kein Buchrezensionsblog.

Aber, es gibt eins, das hebt sich tatsächlich von allen ab  (und sollte auch im alten Blog noch seinen Platz bekommen).

Vielleicht, weil es von allem etwas hat.

Es ist russisch, es ist  historisch, es ist ein Liebesroman, es ist unfassbar traurig und unfassbar schön.

Und, natürlich, es stammt von einem meiner Lieblingsautoren.

Im Sommer 2014, als ich auf einem Moskauer Friedhof das Grab eines anderen großen Russen suchte, stolperte ich über das von Alexej Tolstoj. Ich erkannte sofort Katja und Dascha, die zwei Schwestern, und ihre Ehemänner Iwan und Wadim, die vier Hauptfiguren aus der Trilogie „Der Leidensweg“. Sie zieren in Lebensgröße das Grab des großen Dichters.

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Erzählt wird die Geschichte der Schwestern Katja und Darja Bulawina, beide aus gutbürgerlichem Haus, irren sie durch die Strudel der Revolutionsjahre und versuchen sich und ihren Weg zu finden. Alles, was sie aus der „guten alten Zeit“ mitnehmen konnten, sind ihre Liebe und ihr Mitleid. Darjas Mann, der Ingenieur Iwan Telegin, schließt sich schon früh den Bolschewiki und später der Roten Armee an. Katjas Mann, der Aristrokat Wadim Roschtschin, glaubt, Russland nur retten zu können, wenn er sich den Weißen anschließt und unter Denikin gegen die Revolutionäre kämpft.

So irren die vier in den Jahren 1916 bis 1920 durch ein Russland voller Blut, Hass, Brudermord, Glauben, Hoffnung, Fanatismus, Hunger, Angst und Selbstzweifel. Das einzige was in dieser Zeit des Irrsinns Bestand zu haben scheint, ist die Liebe, die alle vier verbindet.
Alexej Tolstoi, der während der Revolution zunächst emigrierte, kehrte so um 1921 in die Sowjetunion zurück und schrieb fortan pro sowjetische Werte. Trotzdem gelang ihm mit dem Leidensweg ein neutrales Werk. wenn das Ende auch pro sowjetisch ist. Aber pro sowjetisch endete damals ja auch die Geschichte.
Ich kann das Buch (drei Bände) wirklich jedem, egal, ob geschichtsinteressiert oder nicht, nur empfehlen. Auch Männer brauchen sich nicht zu fürchten. Zwar werden zwei große Liebesgeschichten erzählt, aber es ist eben kein Liebesroman, zumal die Protagonisten fast die ganze Handlung allein durch die Weltgeschichte stolpern.

Allerdings ist es nur noch im Antiquariat bzw. bei ebay erhältlich. Da es eben ziemlich neutral ist, wurde es in Deutschland nur kurz und nur in der Sowjetischen Zone (1947/1948), verlegt. Und das vereinigte Deutschland hat das Buch wohl noch nicht wieder entdeckt.

update: Bei der Suche nach einer Rezension oder Inhaltsbeschreibung stoße ich auf den Hinweis, dass die Trilogie noch einmal 1967 erschien. Natürlich auch in der DDR.

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Über Inch

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15 Antworten zu #Herzensbücher

  1. Iris schreibt:

    Unter meinen in der Jugend gelesenen Büchern befindet sich eine autobiografische Reihe von Wladimir Lindenberg, die Bobik-Bücher. Daran musste ich denken, als ich deine Beschreibung von „Der Leidensweg“ las.
    LG Iris

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  2. Sandra schreibt:

    Hallo Inch,

    ich habe einige wenige Bücher von sowjetischen Autoren gelesen. Sie waren fast ausnahmslos sehr gut. Ein Problem habe ich aber dabei und gebe es unumwunden zu. Oftmals klangen Namen sehr ähnlich und ich musste ab und an zurück blättern, weil ich nicht mehr genau wusste, wer wer ist. Das liegt vermutlich daran, dass ich im Alltag eher weniger mit russischen Namen konfrontiert bin. Mit einem Roman der in China spielte hatte ich auch so meine Namensprobleme ;-).

    Liebe Grüße
    Sandra

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  3. Barbara schreibt:

    Guten Morgen, Inch,

    ich mag russische Erzähler oder Autoren und/oder Geschichten aus Russland auch sehr. Ich denke, an dieser Tatsache ist „Doktor Schiwago“ (alias Omar Sharif) schuld. 🙂
    Dass die Drehorte in Spanien und FInnland lagen, hat mich als Teenager nicht gestört.
    Mein „Lieblings-Russe“ ist Leo Tolstoi. Ihn mag ich nicht nur als Romancier, sondern auch als Philosophen sehr.

    Mit lieben Grüssen aus der Schweiz
    Barbara

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    • Inch schreibt:

      Ach, der Doktor Schiwago liegt hier auch noch – ungelesen – rum. Ich glaube, daran ist die Verfilmung Schuld, dass ich den noch immer nicht gelesen habe. Die war so unfassbar schmalzig. Aber ich weiß, das Buch soll viel viel besser sein. Beim Leidensweg habe ich ja auch zuerst die Verfilmung gesehen. Das war aber eine russische. Ich glaube russische Verfilmungen russischer Romane sind einfach besser als amerikanische. Nujs, ich lese den noch, den Schiwago.
      Leo Tolstoi ist zweifellos er bekanntere Tolstoi, er ist ja der Onkel von Alexej. Mir liegt er nicht so. aber das ist ja Geschmacksache. Gerade lese ich „Die Kosaken“ von ihm.
      L

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  4. angloswiss schreibt:

    Ab und zu lese ich gern Russische bücher, aber auf deutsch. Ich lernte Russische 12 Jahren, aber es braucht ein Leben Russische Literatur zu verstehen.

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  5. ostnomade schreibt:

    … bestellt, einmal wegen mangelnder Bestandspflege storniert, nun warte ich auf den zweiten Antiquar. Auf alle Fälle muss es mehr DDR- Auflagen gegeben haben. Die nicht lieferbare war von 1967.

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  6. Zaphod schreibt:

    Ach nee, unfassbar traurige Bücher sind nichts für mich, ich leide immer so mit, gerade bei unglücklichen Liebesgeschichten und dann werd ich depressiv und schlafe schlecht.
    Lieber unfassbar lustige Bücher wie Armistead Maupins Stadtgeschichten oder die Sach- und Lachbücher über die Erde, das Universum und den ganzen Rest… 😀

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    • Inch schreibt:

      Ja, die Bücher über die Erde, das Universum und den ganzen Rest habe ich schlichtweg vergessen. Was für ein Fauxpas.
      Im Übrigen empfehle ich Dir Alexander McCall-Smith‘ Lach – und Sachgeschichten über die Bewohner der 44, Scotland Street. Da gehts zwar nicht um die ganze Erde, aber so eine Hausgemeinschaft ist ja auch ein ganz eigenes Universum, jedenfalls dann, wenn dieses Universum in 44, Scotland Street liegt

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      • Zaphod schreibt:

        Was Armistead Maupins „Stadtgeschichten“ für San Francisco sind, ist „44, Scotland Street“ für Edinburgh. Steht so bei Amazon. Muss ich lesen und hab mir gerade den ersten Band bestellt, den es scheinbar nur noch antiquarisch gibt. Danke für den Tipp, ich suchte ohnehin noch etwas Lektüre für den Urlaub…

        Gefällt 1 Person

  7. Pingback: … ein Monat ohne … | ostnomade

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