Abschied

Gestern war der letze Unterrichtstag.

Sechs Wochen habe ich zwanzig Teenager aus Afghanistan und Syrien im Fach Deutsch unterrichte. Zwei und eine halbe Stunde täglich von montags bis freitags.

Das Gute am Kurs war, dass ich dafür bezahlt wurde. Also war das sozusagen mein erster Job als Lehrerin. Mal sehen, vielleicht wird irgendwann ein echter Beruf draus. Einer von dem ich leben kann. Denn diese 12, 5 Stunden pro Woche gingen gerade noch als Nebenjob durch.

20 Jugendliche. Das war eine echte Herausforderung. Denn seit September hatte ich es als Ehrenamtler nur mit Erwachsenen zu tun. Und in den Klassen saßen maximal 10 Leute, nur einmal hatte ich kurz eine große Klasse von vielleicht 20 Schülern. Da der Unterricht aber in einer Erstaufnahmeeinrichtung stattfand, löste sich die Gruppe schnell auf. Die einen wurden verlegt, die anderen fanden andere Lehrer. Denn in dieser EAE gab es sehr viele ehrenamtliche Helfer. Nun ja, was ich sagen will, Erwachsene sind ein ganz anderes Kaliber. Ernsthaft, sehr ehrgeizig. Letztlich kommen nur die Geflüchteten zum Unterricht, die wirklich Deutsch lernen wollen.

Die Teenager wollten  natürlich auch Deutsch lernen. Aber es sind  eben Kinder, da schwankt die Motivation manchmal. Und manchmal sind sie einfach nur müde. Meistens aber waren alle sehr motiviert.

Dazu kamen die unterschiedlichen Vorkenntnisse. Ein Teil der Klasse hatte schon einen Intensivkurs absolviert, ein anderer begann bei 0 und vier lernten sogar erst schreiben. Die Schwierigkeit bestand darin, immer das richtige Mass zu finden, so dass sich die einen nicht langweilen, die anderen nicht überfordert sind und die vier Schreibschüler schneller lesen als schreiben lernen. Letzteres ist mir gelungen, drei der vier, das kann ich ruhigen Gewissens behaupten, können schreiben, der vierte  muss noch hart an sich arbeiten, ist aber der Jüngste in der Klasse gewesen und braucht deshalb vielleicht etwas länger. Schließlich, könnte ich mir vorstellen, vermisst er als jüngster seine Eltern und Familie evtl mehr. Ein paar Jungs sind in den 6 Wochen 18 geworden und mussten aus dem Heim für unbegleitet minderjährige Asylbewerber ausziehen. Dass sie trotzdem weiter zum Unterricht gekommen sind, hat mich gefreut. Und bestätigt. Die anderen Jungs mussten während der sechs Wochen komplett in eine andere Einrichtung umziehen. Das führte zeitweise zu Missverständnissen und Kommunikationsblockaden –  seitens der Sozialarbeiter.

20 Jugendliche. Das war auch ein Prüfstein. Wegen der Klassengröße, die wohl an Schulen eher zu erwarten ist. Und wegen der Altersstruktur. Teenager müssen ganz anders gehandhabt werden als Erwachsene. Sie brauchen Pausen und im Unterricht viel mehr Abwechslung als 40jährige.

Letztendlich stand ich auch unter Druck, weil ich ja dafür bezahlt wurde und meine Auftraggeber mit Recht erwarteten, dass der Kurs erfolgreich verläuft.

Sollte es mir also gelingen, die Vermittlung von Deutschkenntnissen zum Beruf zu machen (die erforderlichen 500 Unterrichtseinheiten, um eine Zulassung zu beantragen, habe ich jetzt), konnte ich in den letzten anderthalb Monaten testen, ob ich das wirklich will.

Naja, der in jedem Fall höher bezahlte Job an der Uni war einfacher. In den letzten Tagen war ich abends manchmal ganz schön geschafft. Natürlich habe ich nebenbei zweimal pro Woche  auch noch ehrenamtlich Erwachsene unterrichtet, so dass es nicht bei 2,5 Stunden täglich blieb, trotzdem, sollte es mal dazu kommen, dass ich das zum Beruf machen könnte, müsste ich, um mich davon ernähren zu können, wenigstens 5 Stunden am Tag unterrichten. Da werde ich abends ganz schön müde sein.

Aber zurück zu „meinen“ Teenagern.

Gestern war unser letzter Tag.

Wir haben viel zusammen erlebt. Gelacht. Um Wörter gerungen. Um Verständigung gerungen. Spiele gespielt. Gesungen. Ich habe ein paar Wörter arabisch gelernt und ein paar Wörter farsi. Ich habe jede Menge Biografien gehört.

Und manchmal habe ich mich neben mich gestellt, die Kinder angesehen, die ernsthaften und die lustigen, und mich erschrocken bei dem Versuch, mir vorzustellen, wie sie aus Afghanistan oder Syrien nach Deutschland gekommen sind. Allein.

Sie wollen Maschinenbauingenieure werden, Bau – und Elektroingenieure. Sie wollen Informatik studieren oder eine Ausbildung machen. Zum Automechaniker oder zum Koch.

Ich wünsche allen, dass sie es schaffen. Dass ihre Träume wahr werden. Dass die Enttäuschungen, die sie erleben werden, sie nicht aus der Bahn werfen. Ich wünsche ihnen die Stärke und die Geduld, die sie brauchen werden, um hier in Deutschland ganz anzukommen.

Ich wünsche ihnen schlicht und einfach ein glückliches Leben.

Und ich vermisse sie jetzt schon.

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3 Antworten zu Abschied

  1. Manu schreibt:

    Ein sehr schöner Beitrag! Toll, dass du, allen Schwierigkeiten zum trotz, mit so viel Leidenschaft deine Lehrtätigkeit ausübst. Dass du dich an deine Schüler anpasst und dich über jeden Lernerfolg freust! Mach weiter so! 🙂 Lg

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  2. Sabienes schreibt:

    Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie man Leute unterrichtet, mit denen man keine gemeinsame Sprache hat. Ich bin überzeugt, dass ihr alle miteinander eine hervorragende Arbeit macht. Und du bist bestimmt eine tolle Lehrerin!
    LG Sabienes
    Sabienes

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  3. freiedenkerin schreibt:

    Irgendwie liest sich das so zwischen den Zeilen, als hättest du deine Berufung gefunden. Und auch ich wünsche den Kids von Herzen ein glückliches und gutes Leben.

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