# Heimat

In Thema Nr. 7 in sunnys Projekt Punkt.Punkt.Punkt., bei dem sie Blogger jeden Sonntag dazu aufruft, sich einem vorgegebenen Thema zu widmen, geht es um Heimat.

Heimat.

Was ist das eigentlich?

Ein bestimmter Ort?

Menschen?

Gerüche?

Oder doch eher Erinnerungen?

Hat Heimat immer etwas mit unserer Kindheit zu tun?

Ich bin in Leipzig geboren, habe die ersten 5 Lebensjahre hier verbracht und lebe nun, nach einem 4-jährigen „Heimspiel“,  seit 35 Jahren ununterbrochen hier.

Doch als ich über das Thema Heimat nachdachte, fiel mir sofort das Dorf ein, in dem ich eingeschult und 8 Jahre, also den größten Teil meiner Kindheit, gelebt habe.

Bilder formen sich vor meinem inneren Auge, Stimmen erklingen und Gerüche tragen mich in trockene, heiße und staubige Sommer zurück.

Doch plötzlich mischen sich andere Bilder hinein.

Eine große Stube, in der sich die ganze Familie versammelte. Das Bett hinterm Schrank, ein langer Schlauch von Badezimmer, eine lange Tafel im Wohnzimmer, viele Menschen auf vielen Stühlen, an denen ich mich lang hangele. Der Park und das Hexenhaus. Dicke Baumstämme.

Das alles gehört nicht zu dem Dorf.

Das alles gehört zu der Wohnung und Umgebung in Leipzig, in der ich bis zum 5. Jahr lebte. Die Familie wohnte zusammen, die Großeltern mit dem jüngsten Onkel bewohnten das eine Zimmer, die Tante mit Familie ein anderes, wir das dritte. Nur der älteste Onkel war schon ausgezogen.

Habe ich also zwei Heimaten?

Leipzig ist für mich DIE Stadt in Deutschland, nie würde ich in einer anderen leben wollen, kann es mir nicht mal ansatzweise vorstellen.

Ein Leben auf dem Land käme für mich auch nicht in Frage. Ich brauche die Stadt mit ihren Möglichkeiten, aber auch mit ihren Fluchten … aufs Land.

Was also ist Heimat? Ein Gefühl? Eine Mischung aus Erinnerungen, Gefühlen, Orten, Gerüchen, Menschen und … Wörtern? Ich glaube schon. Und ja, auch aus Wörtern.

Im alten Blog habe ich vor fast fünf Jahren schon einmal darüber geschrieben. Und heute nehme ich mir die Freiheit heraus, das hier einfach zu wiederholen. Ich kopiere mich selbst. Bitteschön.

Auch Wörter sind Heimat.

Deutschland hat die meisten Mundarten bzw. Dialekte, habe ich gestern im TV gelernt.

Als ich vor einigen Jahre über einen Titel für eine Kategorie im alten Blog nachdachte, kam ich auf das schöne Wort „Därre“.

Das ist Sächsisch und wurde in dem Dorf, in dem ich aufwuchs, benutzt (Woanders habe ich es nie gehört, was nicht weiter verwundert, gibt es in Sachsen doch, so der Sprachwissenschaftler Gunter Bergmann, 21 verschiedene „Mundartlandschaften“).

In Erinnerung wurde es mir vor einigen Jahren gebracht, als es einen aus einem Nachbardorf stammenden  jungen Mann an die Uni verschlug und er mir von seinem Därr’n erzählte.  Sofort regten sich in mir wohlige Heimatgefühle,  der Geruch von Sonne stieg mir in die Nase, in meinem Kopf entstanden Bilder von in Staub gehüllten Ährenfeldern, nackten Kinderfüßen auf Feldwegen, überdimensional großen und unter der Last reifer Früchte ächzenden Kirschbäumen, der fröhlichen Emsigkeit der Heumahd, dem geschwätzigen Treiben der Daunen zupfenden alten Bäuerinnen in unserer Wohnstube, den Küken, die im Winter in eben jener neben dem Kachelofen piepsten, der Unantastbarkeit der Guten Stube an gewöhnlichen Tagen, der Zugehfrau, die der Hausherrin bei der Vorbereitung und bei der Bewirtung half, wenn sich zu besonderen Anlässen die Familie, die das halbe Dorf umfasste, in der Guten Stube im besten Sonntagsstaat zum Kaffetrinken versammelte, der wohligen Wärme des Stalles, den ungeheizten Schlafzimmern darüber und den Geräuschen der Stallbewohner, die durch die Decke zu uns drangen, dem verbotenen Spiel auf der Tenne und in der Dreschmaschine.

Wenn ich darüber nachdenke, ist es eigentlich mein Lieblingswort aus jenen Zeiten, wohl, weil es so allgegenwärtig war und variabel einsetzbar, ganz sicher aber, weil ich es woanders nie gehört habe.

Därre hat unterschiedliche Bedeutungen, die aber, denkt man genauer drüber nach,so unterschiedlich gar nicht sind.

Zunächst mal ist es ein Adjektiv, oder, wie ich   noch in der Schule gelernt habe, ein Eigenschaftswort.

Därre bedeutet dünn, klein, mager, hager oder, Sie vermuten es vielleicht schon, dürr.

Dann ist es aber auch ein Substantiv. Als solches bezeichnet es alles Menschliche, das jünger, kleiner, dünner, dürrer, hagerer oder magerer ist als das Objekt, zu dem es in Bezug gesetzt wurde.

Ein Därrer könnte also Ihr jüngerer Brüder sein, der aber nicht kleiner sein muss als Sie, oder ihr Sohn oder Ihr Enkel. Haben Sie mehrere jüngere Brüder oder mehrere Söhne oder mehrere Enkel, wird sich der Därre meistens auf den jüngsten dieser Jungenschar beziehen, es könnte aber auch der kleinste oder der dünnste gemeint sein. Eine Därre ist analog dazu Ihre jüngere Schwester, die aber nicht kleiner sein muss als Sie, Ihre Tochter oder Ihre Enkelin. Bei mehreren… siehe Därrer

Es könnte aber auch ganz unspezifisch wahlweise das jüngste oder kleinste Mitglied eines ganzen Clans oder einer ganzen Schulklasse gemeint sein. Bei den Därrn (Mehrzahl) könnte es sich um eine ganze Grundschule handeln, die Schüler der 1. Klasse, eine Kiga- Gemeinschaft , überhaupt Kinder allgemein, je nachdem, in welchem Kontext das Wort gerade steht. Natürlich, aber in dieser Weise findet es als Substantiv eher selten Verwendung, könnte auch das dünnste Mitglied jedweder  menschlichen Gemeinschaft gemeint sein. Nein, bei Dünnen, Hageren usw. bedient man sich lieber des Adjektivs, das sich dann aber nicht mehr nur aufs Menschliche bezieht.

Sollte es Sie, liebe Leser und Leserinnen dieses Blogs also einmal in meine dörfliche Heimat, einer Gegend, wo übrigens schon ein Bewohner aus dem Nachbardorf misstrauisch als Fremder betrachtet wird, verschlagen und es Ihnen gelingen, einen Einheimischen in ein Gespräch zu verwickeln, dann achten Sie, sollte z.B. der Begriff „Dor Därre Hund“ fallen, unauffällig darauf, wohin der Einheimische deutet, blickt oder zuckt.  Denn dor därre Hund könnte, im einfachsten Fall, natürlich ein dünner oder ein kleiner Hund sein. Es könnte aber auch ein dem Sprecher unsympathischer Mensch männlichen Geschlechts sein. Schauen Sie sich nach dünnen oder kleinen, hageren Menschen männlichen Geschlechts um. Wenn der därre Hund natürlich ein unsympathischer Mensch männlichen Geschlechts ist, der gar nicht klein oder dünn oder hager ist, sondern zufällig der jüngere oder jüngste von irgendwas, haben Sie schlechte Karten.

Aber mal ehrlich, wenn Sie WIRKLICH mal in diese Gegend kommen, verstehen Sie eh kein Wort. Da fällt das mit dem därr‘n Hund dann weesgnebbchn ooch nich mor off.

Bilder aus der (dörflichen) Heimat. Auf die Bilder klicken und Sie können sogar den Dorfrand erkennen. Und die Straße, die zu unserem Hof führt.

 

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Über Inch

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8 Antworten zu # Heimat

  1. Iris schreibt:

    Du hast Recht: Heimat kann überall sein und es ist geprägt von Gefühlen und Assoziationen, die sich wie ein Puzzle zu diesem Begriff zusammenfügen.
    LG Iris

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  2. Sandra schreibt:

    Hallo Inch,

    ich glaube auch, das Heimat mit Orten genauso zu empfinden ist, wie mit Eindrücken, Freunden und Gefühlen. Ich wohne seit Ewigkeiten in unserer Kleinstadt, aber wenn ich zum Beispiel mal wieder nach Hamburg komme, überschwappt mich ein gutes Gefühl. ich habe hier Plätze und Erinnerungen die mir wichtig sind. Dazu kommen Freunde, die hier leben. Es ist also auch eine Art von „heimatlichem Gefühl“. Därrer ist ja ein äußerst komplexes Wort und wohl mit etwas Vorsicht zu genießen ;-).

    Liebe Grüße
    Sandra

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  3. Teamworkart schreibt:

    Dialekte kenne ich aus meiner Herkunftsgegend auch zur Genüge. Oft sind sie wirklich schon von Ort zu Nachbarort verschieden. Ich konnte viele davon immer gut verstehen, aber nie sprechen. Mein Bruder ist da ein Naturtalent, er kann alles nachmachen, selbst Sächsisch, was ich bis heute nicht verstehe, und was für mich einfach nur fremd klingt.
    Schöne Fotos, die mich sehr an „meine“ Wochenendgegend erinnern. Das war früher sogenanntes „Zonenrandgebiet“.
    LG Sabine

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  4. freiedenkerin schreibt:

    „Home is where my heart is“ – ich finde, dieser Ausspruch trifft es perfekt. 😉

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  5. Zaphod schreibt:

    Ach ja, zwei Heimaten hab ich auch, wobei die Erinnerungen an die ländliche Heimat nicht ganz so ausgeprägt sind, war sie das doch meistens nur zur Ferienzeit. Sieht aber in meiner Erinnerung sehr ähnlich aus wie Deine Bilder, im Sommer muss ich da direkt mal wieder hin.

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  6. siprecess schreibt:

    Beim Thema Heimat werde ich immer ein wenig wehmuetig. Ich bin mittlerweile in meiner vierten Heimat angekommen. An alle habe ich gute Erinnerungen. Jede hat etwas besonderes, da fanden Meilensteine meines Lebens statt – meine Kindheit und Jugend, erste Liebe, Hochzeit, Geburt der Kinder, Einschulung der Kinder etc. Und doch weiss ich trotzdem immer noch nicht, wo ich mal alt werde. Tja. Einerseits moechte ich nichts missen, andererseits hadere ich manchmal mit dieser Unbestaendigkeit. Aber es ist nunmal nicht zu aendern.

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  7. angloswiss schreibt:

    Ich fand nicht einmal die Wort auf englisch, was genau ein Heimatgefühl beutet. Ich glaube Heimat is einfach wo man sich wohl fühlt.

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  8. Barbara schreibt:

    Liebe Inch,

    ist das ein wunderschöner Text! ich habe ihn sehr gerne gelesen. Die Bilder gefallen mir sehr. Ich kann sie riechen. 🙂

    Auch mein Solothurner Dialekt hat einige Wörter, die ganz besonders sind. Leider sind sie langsam am Verschwinden, d.h. sie werden eingedeutscht oder verenglischt oder gestrichen. Das ist einfach so und weder als positiv noch als negativ zu bewerten.

    Siprecess macht in ihren Kommentar eine Gedankenfolge, über die ich gerne noch nachdenken möchte:

    Meilensteine –> gute Erinnerungen –> Heimat

    Ich wünsche dir eine gute Zeit
    Barbara

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