Busy Monday

Nach den Erfahrungen vom Samstag bin ich gespannt, wie das workcafé heute laufen wird.

Wir sind in einer großen Flüchtlingsunterkunft im Osten der Stadt und wollen ein paar Bewohnern helfen, Lebensläufe zu schreiben. Diese brauchen sie a) um in das Projekt RESQUE 2.0 aufgenommen zu werden, b) lernen sie, wie wichtig Lebensläufe sind, um auf dem Ausbildungs- und/oder Arbeitsmarkt in Deutschland Fuß zu fassen.

10:00 Uhr warten  Mitarbeiter des Projekts, ein paar Ehrenamtliche und eine Dolmetscherin auf die Männer und Frauen, alle aus Afghanistan.

Das workcafé wird gut angenommen. Es kommen so viele, dass es richtig eng wird.

Nach einer kurzen Einführung schnappe ich mir einen jungen Mann, suche einen Platz in einem Nachbarzimmer und wir wurschteln uns gemeinsam durch das Formular. Name, Adresse, Familienstand, Geburtsdatum, Geburtsort, Schule, Ausbildung, Arbeit, Besondere Fähigkeiten, Ausbildungs- oder Berufswunsch. Bald sitzt rechts von mir ein weiterer junger Mann und wir wurschteln uns zu dritt. Dann sind wir vier. Manchmal unterbreche ich die anderen, weil da irgendwo einer sitzt, der Englisch kann. Der muss hie und da helfen. Und einer kann schon ganz ordentlich Deutsch. Und wenns gar nicht weiter geht, hole ich die Dolmetscherin aus dem anderen Zimmer.

Es ist ja nicht nur das zu uns so unterschiedliche Schulsystem, es sind oft auch die ganz anderen Lebensumstände.

Was? Da hast Du gearbeitet? Das geht nicht, da warst Du doch noch in der Schule. Ja, ich war in der Schule und danach arbeiten.

Was? Du hast nie eine Schule besucht? Aber Du kannst doch schreiben? Ja, habe ich in Deutschland gelernt.

3 Jahre Schule, 7 Jahre oder gar keine. Ganz unterschiedlich sind die Geschichten meiner drei Hilfsbedürftigen.

Nein, ich glaube, eine Ausbildung könnt Ihr in Deutschland nicht machen. Dazu müsst Ihr wenigstens 9 Jahre in die Schule gegangen sein. Na gut, wir können Eure Wünsche aufschreiben. Aber Ihr werdet wohl eher gleich arbeiten müssen. Was würdet Ihr gern arbeiten?

Es folgt ein Vortrag über den Arbeitsmarkt in Deutschland. Wichtige Wörter. Arbeitgeber, Arbeitnehmer. Was ist ein Arbeitsvertrag? Was dürft Ihr überhaupt machen? Als Geduldete oder mit einer Aufenthaltsgestattung? Nachrangprüfung, Mindestlohn…

Manchmal denke ich, von soviel Info muss jemand aus Afghanistan doch erschlagen werden. Soviel Regeln, soviel Verbote. Aber die Reaktionen sind durchweg positiv. In Deutschland sind Arbeitnehmer auch irgendwie geschützt. Es gibt ein soziales Netz.

Wir, die wir schon immer hier leben, vergessen das gern mal.

Eine kurze Verschnaufpause zu Hause und dann ab zur Gegendemo.

Legida marschiert heute mit Unterstützung aus Dresden.

Offiziell sollen es 800 gewesen sein. Uns kommt es eher wie 400-500 vor.

2000 Gegendemonstranten allein an der Hainspitze. Es sind so viele Menschen hier, dass sie gar nicht alle auf den Platz passen.

Kommt, lasst uns zur Runden Ecke gehen, da ist auch eine Kundgebung. Da sollen noch mal 500 AntifaschistInnen sein.

Das man nicht zu angemeldeten Kundgebungen kommt, ist man in Leipzig von der Polizei ja gewohnt.

Wir stehen also an der Thomaskirche. Da drüben. Ist da nicht Mahnwache? Da, an den Stolpersteinen? Aber sind das Polizisten oder Mahnwächter da drüben?

Einer, der uns den Weg versperrt, fragt, wohin wir wollen.

Zur Mahnwache.

Er begleitet uns tatsächlich rüber.

Fein, freut sich die Nichte, jetzt sind wir ganz nah dran.

Und nur zu dritt.

Und sehr nah dran.

Ob uns die paar Gitter vor den besorgten Bürgern schützen werden?

Ob uns die Polizisten beschützen werden?

Macht nichts, sagt die Nichte, wir sind ganz nah dran.

Es dauert 10 min, eh die Polizisten, die wir von der anderen Straßenseite aus irrtümlich für Mahnwächter gehalten haben, merken, dass hier was nicht stimmt.

Entschuldigung die Damen, was machen Sie hier?

Naja, Mahnwache.

Aber die ist doch schon vorbei.

Ach Du liebe Güte, ich habe mich schon gewundert, dass wir hier alleine stehen.

Ja, die sind jetzt alle an der Thomaskirche. Und gleich kommt Legida. Ich bringe Sie schnell zurück. Das wird hier zu gefährlich für Sie.

Gickernd lassen wir uns zurück begleiten.

So was aber auch.

Letztens die 30 sportlichen jungen Menschen, die hinter dem Rücken der Polizei winkend den Ring entlang rannten, um weiter vorn eine Blockade zu unterstützen, heute der Irrtum mit der Mahnwache. Wenn seit mehr als einem Jahr, wenn jetzt auch zum Glück nur noch monatlich, immer wieder der kleine zum Weihnachtsbaum umfunktionierte Rollifahrer seine besorgten dumpen Freunde über den Ring führt, muss man ein bisschen auf Abwechslung hoffen oder selbst für welche sorgen.

Im Übrigen freue ich mich nach den Erlebnissen des 12.12. doch über die heute sehr netten Polizisten. Ich glaube, ich habe sogar eine Kamera gesehen, die auf Legida gerichtet war!

Nächstes Mal ist schon April. Da kann man sich mal ein Buch mitnehmen und entspannt auf den Spuk warten.

Wenn er nur endlich vorbei wäre.

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2 Antworten zu Busy Monday

  1. schnipseltippse schreibt:

    Hier gibt es ein berufsvorbereitendes Schuljahr, dass braucht werden kann, sobald die Deutschkenntnisse ausreichen. Im Anschluss daran kann man dann eine Ausbildungsstelle suchen.
    Ich wünsche mir das für meine Jungs soooo sehr.

    Gefällt mir

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