Ganz ohne Bücher

Was verstehen Sie unter Anarchie?

Ich habe mir etwas mehr Krawall vorgestellt. Etwas mehr Chaos.

Weil ich mir schon dachte, dass ich da wahrscheinlich falsch unterrichtet wurde, in der Schule, und später in den Medien, fragte ich am Samstagmorgen beim Frühstück meine Gästin. Die ist aus hinter Frankfurt am Main, die kommt aus dem Westen, die war früher…, na lassen wir das, die weiß das bestimmt.

Ich erhalte eine extrem kopflastige Antwort.

Freitag also. So ganz ohne Bücher läuft er nicht ab, allerdings haben die nichts mit der Buchmesse zu tun, sieht man mal von Ulmers Gartenkalender ab, den mir jemand von der Messe mitgebracht hat.

Erstmal nämlich, am Nachmittag, gebe ich Deutschunterricht. Und nutze dabei sehr glücklich die sehr nützlichen Bücher, die mir meine Gästin mitgebracht hat. Da die immer und nur zur Buchmesse kommt, hat das dann doch irgendwie damit zu tun.

Und zum Abendessen treffe ich mich mit ihr und ein paar Bekannten, die auch nur einmal im Jahr nach Leipzig kommen, in der Alten Nikolaischule. Dort nehme ich dankbar besagten Gartenkalender in Empfang und während die anderen nach dem Essen zum Israelischen Abend gehen, was eigentlich auch mich reizen würde, langjährige Leser dieses und des Vorgängerblogs wissen da, fahre ich in den Süden. Ganz in den Süden. Zum Connewitzer Kreuz. Ins Epizentrum quasi.

Dort in der Prager Kinobar läuft „Projekt A –  eine Reise zu anarchistischen Projekten in Europa.“Es gibt eben Dinge, die sind wichtiger als ein Israelischer Abend, zumal, wenn sie nicht zum Mainstream Kinoprogramm gehören und am Freitag zum letzten Mal laufen.

Ich hätte natürlich schon am Mittwoch ins Luru gehen können, aber am Mittwoch war es eklig kalt, das Luru ist irgendwo am Plagwitzer Bahnhof, da kennt sich ja kein Schwein aus, also bin ich hier, im Wohngebiet.

Am Tresen löse ich mein Ticket, denke, dass ich mit einem Glas Wein und einem Wasser durch den Filmabend kommen müsste und richte mich mit Getränken und großen Erwartungen ein.

Es geht los wie erwartet.  Junge Menschen ketten sich an Bahngleise, werden aus dem Gefängnis entlassen, rennen vor der Polizei weg, wohnen in Häusern mit wenig Komfort oder lassen sich von Straßenblockaden wegtragen. Vom Sand im Getriebe ist die Rede, der Abschaffung des Staates, Macht und dann besucht die Protagonistin ein von den Bewohnern besetztes Altersheim.

Die Filmemacher Moritz und Marcel nehmen uns nun mit nach Griechenland, in ein Viertel in Athen, in das sich kein normaler Polizist mehr traut. Aber die mit Helm und Schild sind überall. Die letzte Bankfiliale hat vor kurzem geschlossen, 25% der Griechen haben keinen Zugang zum Gesundheitssystem… Griechenland ist gerade ein gutes Pflaster für anarchistische Projekte. Und so gibt es da eine Ambulanz, eine Ambulanz, in der jeder behandelt wird und die Medikamente (Spenden) kostenlos sind. Es gibt Schulen, man wurschtelt sich mit Jobs durch, es gibt Lebensmittelverteilungen und Gärten und Parks da, wo früher Parkplätze waren. Wir gucken zu, wie Beton aufgebrochen und das Loch mit Erde gefüllt wird. Weil alles basisdemokratisch ist, ändert sich das Bild des Parks recht häufig. Dazwischen sieht man brennende Autos, ein Mann, der eins löscht, die zu spät angerückte Feuerwehr und schwarz gekleidete Menschen, die die Feuerwehr anbrennen.

Man sieht Massendemonstrationen und in den Nebenstraßen kracht und brennt und qualmt es. Alle tragen Gasmasken. Alle Polizisten. Und jeder zweite Demonstrant.

Da zeigt sich das erwartete Chaos.

Die Menschen im Viertel kommen mir aber sehr organisiert vor. Der Staat hilft uns nicht. Also helfen wir uns selbst. Dafür bleibt der Staat aber bitte auch draußen.

In Spanien lernen wir die CGT kennen, schweifen kurz in die Geschichte des Anarchismus im Allgemeinen und im Spanien der 1930er Jahre im besonderen ab und kriegen dann ein paar Projekte zu sehen.

Im Gegensatz zu den Griechen nutzen die Spanier bestehende Strukturen und verhandeln auch in Institutionen. Aber im Grunde geht es natürlich um Selbstverwaltung, Solidarität, Kollektive und darum, dass die Spanier die Anarchie im Blute haben. Und natürlich um die Abschaffung aller Hierarchien und jeglicher Herrschaftsformen.

Hier ist überhaupt nichts chaotisch, die Leute sind gut organisiert und die Kollektive gut vernetzt.

Der Film endet in München. Das Kartoffelkombinat bezeichnet sich selbst nicht als anarchistisch. Das wäre auch eine völlig falsche Bezeichnung. Auch wenn die Protagonisten natürlich von eigenem Grund und Boden träumen. Das Kartoffelkombinat ist eine solidarische Landwirtschaft. Und vielleicht der einzig mögliche deutsche Weg. Solidarisch, basisdemokratisch, selbst verwaltet, ohne gleich den Staat abschaffen zu wollen.

Ein sehr schöner und informativer Film. Er erzählt von Idealisten und Realisten, von Träumen und Existenzkämpfen.

Wahrscheinlich sind alle meine Leser wie meine Gästin viel gebildeter als ich und kennen sich mit anarchistischen Projekten natürlich aus. Ich habe das bisher immer mit Künstler- Möchtegern- und Nudistenkommunen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Verbindung gebracht. Und nebenbei gemerkt, dass ich mein „Wissen“ über die Vorgeschichte zum Spanischen Bürgerkrieg korrigieren muss. Offenbar hat man da im Geschichtsunterricht in der DDR ein paar Dinge unterschlagen oder verdreht. Von Anarchosyndikalismus habe ich da jedenfalls nie gehört.

Ich würde gern nach Spanien fahren. Oder zum Urlaub nach Athen.

Hier der Trailer zum Film

Projekt A – Trailer (deutsch) from Projekt A Kollektiv on Vimeo.

 

Und hier die im Film vorgestellten Projekte http://www.projekta-film.net/projekte/

 

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2 Antworten zu Ganz ohne Bücher

  1. Zaphod schreibt:

    Mitnichten, Du kennst Dich damit garantiert besser aus als z.B. ich, Du bist mindestens einen Film voraus. Wird wahrscheinlich wieder ein Akt werden den sehen zu können, aber vielleicht gibts den ja mal auf Arte. Würde mich nämlich auch interessieren.

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    • Inch schreibt:

      Er läuft wohl nur in Programmkinos. Abe die sollte es in HH doch geben, oder? Oder meinst Du das mit dem überhaupt erst Mal ins Kino finden? Das kann ich verstehen. Das ist genau mein Problem, normalerweise. UNd hätte mich das Kind, das Kleine, nicht gescheucht…

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