Was wir von den Neubürgern lernen können

Deutschland ist Klasse, sagt K.

In Syrien muss man auf jedem Amt bezahlen, wenn man was haben will. Hier geht man einfach zu einem anderen Bearbeiter.

Nachdem das mit der polizeilichen Meldung also gelungen ist, fährt er zum Jobcenter.

… und kommt mit einem dicken Stapel Formulare zurück. Und zwei Terminen.

Wir machen uns über HA, VM, EK, KDU und was weiß ich nicht alles her. Muss ich selber erst Mal gucken, was das ist und bedeutet.

Jedenfalls, wir müssen zur Krankenkasse und ihn anmelden.

Machen wir. Oder versuchen es. Denn, so die wiederum sehr nette Dame am Schalter erklärt uns: Das macht das Jobcenter.

Gut.

Bank.

DIE Dame ist wirklich nett und müht sich eine Stunde ab. Obwohl K. noch gar keinen Ausweis hat, weil der muss erst gedruckt werden. Als Ausweis dient ein Brief, in dem erklärt wird, dass sein bisheriger Ausweis, von dem er eh nur eine Kopie hat, der alte ist ja in der Druckerei, ungültig ist.

Trotzdem, die Dame macht es möglich. K. hat ein Konto und die Dame sein Versprechen, dass er, sobald sein Pass usw. da sind, er den sofort vorlegt.

Erster Termin Jobcenter. Eingliederungsvereinbarung.

Die Formulare brauchen wir nicht. Und überhaupt: Wieso sind Sie in Leipzig? Sie müssen erst zur Ausländerbehörde. Ihr Pass wird nach kurz vor Polen geschickt. Warum haben Sie sich  nicht erst dort beim Jobcenter gemeldet? (Weiß der Typ hinterm Computer, dass K. dann die Genehmigung des Jobcenters kurz vor Polen gebraucht hätte, um nach Leipzig ziehen zu dürfen?)

Mir ist trotzdem flau.

Wir rasen nach Hause und rufen kurz vor Polen an.

Alles halb so schlimm, beruhigt mich die Stimme am anderen Ende der Leitung. K. kann hin wo er will. Und wieso hätte er sich erst hier anmelden sollen? Die Ausländerbehörde in Leipzig kann seinen Pass anfordern, wenn Sie das beantragen. Sonst kommen Sie eben noch mal her.

Wochenende. Grillparty. Welcome in Germany. Wie ist es eigentlich, wenn man so gar keinen Alkohol trinkt und dann mit besoffenen Weibern nachts durch den Wald zurück radelt?

K. ist beeindruckt.

Zweiter Termin Jobcenter. Leistungsabteilung. Vorher versuchen wir das mit der Ausländerbehörde. Dort ist es aber so voll, dass wir nie den Termin am anderen Ende der Stadt schaffen.

Die Dame ist sehr nett. Hier sind unsere Formulare richtig. Und was fehlt, füllt sie aus.

Ausländerbehörde? Was wollen Sie denn da? Da gehen Sie erst hin, wenn Ihre Ausweise da sind. Vorher können die da nichts machen (Gut, dass es so voll war).

Aber Krankenkasse müssen schon Sie machen. Wir zahlen dann den Beitrag, aber die Anmeldung machen Sie. Dann gibt es noch eine sehr kompetente und ausführliche Beratung wegen der zu suchenden Wohnung oder einer WG. Und dem Integrationskurs.

Draußen überlege ich rauchend, wie wir jetzt die Krankenkasse von der Anmeldung überzeugen. Da fragt K. Gibt es hier kein office?

Klar doch, gleich um die Ecke. Da gibts sogar Kaffee und Kakao und Tee für Umme im Wartebereich. Und 30 min später ist  K. ordentliches Krankenklassenmitglied.

Deutschland ist Klasse, sagt K.

In Syrien muss man auf jedem Amt bezahlen, wenn man was haben will. Hier geht man einfach zu einem anderen Bearbeiter.

Finde ich auch. Und danke K. für die Lehrstunde.

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5 Antworten zu Was wir von den Neubürgern lernen können

  1. Zaphod schreibt:

    Hmmm, also sollten wir von den Neubürgern lernen, dass der Amtsschimmel in Deutschland gar nicht so übel ist, weil woanders isses noch vieeel schlimmer?
    Muss man hier nichts mehr bezahlen? Früher gab es doch immer die Kasse, an der man irgendwelche Marken erwerben musste (ich war schon lange nicht mehr auf nem Amt)

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    • Inch schreibt:

      Genau. Woanders brauchste immer Knete. Und hier ist es umsonst. Jedenfalls da, wo wir waren. Meldeadresse, Bank, Krankenkasse, Jobcenter. Kommt natürlich wahrscheinlich drauf an, was Du da willst.

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  2. Oh, dann ist K.’s Antrag auf Asyl bewilligt worden? Herzlichen Glückwunsch unbekannterweise.
    Bin vor Kurzem auf eine Arbeitshilfe gestoßen, zum Übergang ins ALG II, hier ist sie:
    https://willkommeninbienenbuettel.wordpress.com/2016/04/19/arbeitshilfe-zum-thema-uebergang-asylbewerberleistung-zu-jobcenter/

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    • Inch schreibt:

      Oh, danke für den Link.Der ist wirklich hilfreich. K.s Asylantrag ist bewilligt worden, ja. Und nu gehts darum, sich schnell ein Zukunft aufzubauen, egal ob die hier in Deutschland oder später in Syrien sein wird. Ausbildung oder Studium kann man ja in beiden Ländern gebrauchen.

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