Heimfahrt

Meine Mutter ruft mich an und fragt, wann wir am Samstag losfahren.

Fahren? Fahren wir irgendwo hin?

Zum Klassentreffen.

Ach Herrje, ich dachte, das wäre im Juli.

Früher war das Dorf ein Dorf eben, mit Bürgermeister und allem was dazu gehört. Zehn Jahre nach der Wende fiel es dem Sparzwang zum Opfer und wurde Teil einer größeren Dorfgemeinde. Jetzt gehört es wohl eher zu einer Gebietsgemeinde. Nicht weniger als 17 Dörfer gehören zu diesem Produkt irgendeiner Reform, darunter Orte, die mir früher, mit dem Fahrrad und als Kind, viel zu weit entfernt waren. Das mag wohl daran liegen, dass das Dorf am Rand der heutigen Gemeinde liegt, etwas abseits, und sicher ist man mit dem Auto heute schnell in den anderen 16 Orten. Trotzdem bezweifle ich, dass ein Gemeinderat, wo sitzt der eigentlich?, alle Belange aller Orte gleichberechtigt behandelt.

Im 12. Jahrhundert wurde das Dorf zum 1. Mal urkundlich erwähnt, irgendwann soll es mal über 1000 Einwohner gehabt haben, heute sind es um die 500.

Wir sind zu zeitig da. Das ist Absicht.

Am Hof, der heute vermietet ist, halten wir, werden eingeladen und sehen uns den Fortschritt des Innenausbaus an. Dann fahren wir langsam durch den Ort. 2 Parallelstraßen, verbunden durch drei Querstraßen.

Die großen Gehöfte verfallen. In zwei oder dreien sehen wir Wohnwagen, Zelte und junge Menschen. Ich drücke ihnen die Daumen, dass die Restaurierung gelingt, weiß aber, dass sie es nicht wuppen werden können. Die Gehöfte sind zu groß, es sind Bauernhöfe. Was will eine Familie mit Scheunen, Ställen und Wohnungen für drei Generationen Großfamilien? Das Dorf liegt zu abgelegen. Die Stadt zu weit weg und die Heiden und die Berge auch.

Idyllisch liegt es da. Die Bäume hoch, so dass man die Kirche suchen muss. Manches Anwesen verschwindet hinter üppigem Grün. In Richtung Norden kleinere Häuser. Flachbauten, teilweise nach dem Krieg gebaut, aber auch recht viel ganz neues, soweit man in einem 500-Seelennest von ganz viel sprechen kann.

Es ist Zeit zum Treffen zu gehen, dort werden wir sicher Antworten finden auf all unsere Fragen.

Die neuen Häuser gehören nicht ausschließlich Zugezogenen, auch die Einheimischen bauen hier, weil ihnen die Höfe der Eltern zu groß sind. Es ist, als erfinde sich das Dorf da neu.

Die Höfe werden wohl verfallen. Um die zu erhalten, braucht es zwei Gutverdiener. Aber diese Art Gutverdiener wohnen in den Städten, und die sind zu weit entfernt, denn das Geld darf natürlich auch nicht zu hart verdient sein, damit am Ende des Tages noch Energie bleibt für die alten Gemäuer. So sehen es die Leute hier.

Ich denke mir, öffnet das Dorf für Junge, für Alternative, für Kreative, und weiß, dass sie das nie tun werden.

Wir laufen zur Schule, längst geschlossen, mit dem Neubau hinter dem alten Haus, der später sogar noch aufgestockt wurde. 4 Klassen-8 Klassen- 4 Klassen- Schließung.

Ein Dorf in Sachsen, ganz im Norden. Das Nachbardorf, durch das wir auf der Herfahrt kamen, sah noch schlimmer aus. Würde ich die Gemeinde abfahren, die 17 Orte, würde ich wohl ähnliches zu sehen bekommen. Über Politik rede ich mit den Leuten hier lieber nicht.

Aber die ist auch nicht Thema des Tages. Thema sind Erinnerungen, Geschichten über die nicht Anwesenden, ein altes Poesiealbum und Zuckertüten. Bis zur 7. Klasse war ich Teil dieser Gemeinschaft, meine Mutter meine und unsere erste Lehrerin. Das Dorf war wie ein großer Abenteuerspielplatz, der Wald und die Felder ringsum eingeschlossen. Die nächsten Dörfer schienen meilenweit entfernt, wenn ich dahin zum Bäcker oder Fleischer oder Englischunterricht musste, schien mir das endlos weit, wenn wir dahin zum Baden fuhren, schrumpfte die Endlosigkeit auf erträgliche 3 Kilometer. Es war der beste Platz der Welt, um Kind zu sein. Für eine Kindheit ist das Dorf auch heute noch ideal.

Für die Bilder gilt: Wer groß und ganz gucken will, klickt aufs Bild.

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2 Antworten zu Heimfahrt

  1. Herr Ärmel schreibt:

    Die Bilder, so schön und teilweise doch auch beklemmend, wenn man deinen Text gelesen hat…

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  2. Ey wenn ich mir vorstelle, was manche Leute reißen können, wenn sie bloß ein paar verf***te Quadratmeter haben für ihren Bauwagen und ihren Hintern! Und die verrotten hier in Massen in Berlin 8und anderen Städten vermutlich auch) und würden freiwillig auf’s Land gehen… aber nicht, wenn sie dort nicht hinkönnen, natürlich (kryptisch gesagt, aber ich hoffe, man versteht was ich meine)

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