Im Gefühlschaos

Sonntag also Tag des offenen Denkmals. Ich durchforste das Programm und suche mir Orte, die sonst nicht geöffnet sind. Fünf stehen am Ende auf meiner Liste.

Die Konsumzentrale in Plagwitz, die Zentrale Hinrichtungsstätte der DDR in der Südvorstadt, Schacht Dölitz ganz im Süden, zwei Lichtspieltheater im Osten. Da ich abends noch ins Gewandhaus will, werde ich nicht alles schaffen. Der Schacht wird zuerst von der Liste gestrichen. Das Ost-Passage Theater wird vielleicht der Zeit zum Opfer fallen, da es nur bis 16:00 geöffnet ist, das Fortuna dagegen ist ziemlich weit im Osten.

Ich fahre erst mal in den Westen. Konsumzentrale. Bauhaus. Das wollte ich schon lange mal sehen.

Die Konsumgenossenschaft Leipzig gibt es seit 1884, damals noch als Consum-Verein für Plagwitz und Umgegend. Jeder DDR-Bürger kennt ja noch den Konsum, neben HO DIE große Einkaufskette. Aber wer weiß schon, dass das keine Erfindung der Nachkriegszeit ist?

Jedenfalls, der Consum-Verein ist erfolgreich, überall entstehen Filialen, da muss eine Zentrale her. Der Hamburger Architekt Fritz Höger setzt sich gegen vier Mitbewerber durch, so beginnen im Frühjahr 1930 die Bauarbeiten.

Ein halbes Jahr später (!!!), am 28.Juli 1930, wird die Zentrale eingeweiht. Nach einigen Erweiterungen wird der gesamte Komplex 1932 fertiggestellt.

Die Stahlbaukonstruktion mit Backsteinfassade erinnert, wen wunderts, an einen Ozeandampfer. Mich beeindrucken besonders die gewölbten Fensterscheiben. Im Innern ist mir das gesamte Haus zu dunkel.

Wunderbarerweise übersteht das Ensemble den 2. Weltkrieg, wird zu DDR-Zeiten Sitz der Konsumgenossenschaft. Nach der Wende schließen sich die Genossenschaften von Stadt und Kreis Leipzig und dem Kreis Delitzsch zur Konsumgenossenschaft Leipzig eG zusammen. 2000 beginnt die Sanierung des Architekturdenkmals.

Heute sind die Gebäude nicht nur Verwaltungszentrale, es gibt auch viele Untermieter. Festsaal und Sitzungssaal können außerdem für Tagungen, Feiern usw. genutzt werden.

Im Hof ist ein Fest mit Büdchen und Hüpfburgen, deshalb halte ich mich lieber ans Innere und fotografiere hauptsächlich dort. Wie gesagt, mir ist es innen alles etwas zu dunkel. Dann läuft mir noch eine Führung über den Weg. Ich höre ein bisschen zu und warte, bis die Truppe entschwindet. Leider hält sie sich nun sehr lange auf der Terrasse am Festsaal auf.

Das dauert zu lange. Ich packe meinen Kram zusammen und fahre in den Süden.

Arndtstraße 48, hinter dem heutigen Amtsgericht, im Frauentrakt der ehemaligen Vollzugsanstalt Erich-Kästner-Straße, mitten in der Leipziger Südvorstadt, befindet sich die ehemalige zentrale Hinrichtungsstätte der DDR.

Ich muss auf die Führung warten. Es gibt nicht viel zu sehen. Nur viel zu fühlen. Das Grauen. Während die unglaubliche Geschichte dieser ehemaligen Hausmeisterwohnung erzählt wird. Bis 1968 hatten die zum Tode Verurteilten noch einen letzten Wunsch frei. Und Zeit, einen Abschiedsbrief zu schreiben. Der nie zugestellt wurde.

Das Fallbeil steht nicht mehr. Nur die Abdrücke sind noch da. Und mir wird bewusst, dass ich auf dem Abfluss stehe.

Blutabluss.

Ich würde hier gern weg. Aber es sind viel zu viele Menschen in dem Raum.

Später wird erschossen. Genickschuss. Der Vollstrecker stand vermutlich hinter einer Tür. Hier war eine Holzwand mit Tür. Und während der Verurteilte diese Tür öffnete, trat der Henker hinter der anderen vor und tötete durch Genickschuss.

Die Leichen wurden auf dem Südfriedhof anonym verbrannt und begraben. Sterbeurkunden gefälscht.

Ich trete hinaus in die Sonne. Nach alte Kinos besichtigen ist mir grad nicht. Ich fahre lieber nach Hause.

Ich brauche eine Pause.

Abends dann Gewandhaus.

Saisoneröffnung.

Vier sinfonische Zwischenspiele aus „Intermezzo“ von Johann Strauß.

Stefano Bellani, einPianist aus Südamerika, stellt sein erstes Klavierkonzert vor (und gibt zig Zugaben) und nach der Pause Schwanensee op.20 von Peter Tschaikowski.

Unsere Gesellschaft wird sich verändern, hieß es letztes Jahr, als sich Flüchtenden für kurze Zeit die Tür öffnete. Ich muss daran denken und grinse. Zum Beispiel nämlich hier. In Konzertsälen, wo eifrig zwischen den Stücken geklatscht wird und verwirrte Deutsche entweder mitmachen oder sich still entrüsten. Kristjan Järvi, der Dirigent, trägts mit Humor, zeigt dem Publikum, wie viel Stücke noch kommen, eh geklatscht werden darf und bis zu Tschaikowski haben alle gelernt. Dann gibt es langen Beifall, eine Zugabe und ehrlich, ich finde das mit der Begeisterung zwischen drin eher Klasse.

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9 Antworten zu Im Gefühlschaos

  1. Herr Ärmel schreibt:

    Ein halbes „gefällt mir“ hätte ich lieber gedrückt. Für den ersten Teil deines Berichtes. Der zweite löst schon nur vom Lesen ein leichtes Grauen aus. Eine Hausmeisterwohnung wird zur Hinrichtungsstätte.
    Deine Fotografien gefallen mir alle sehr gut.
    Den Konsum gabs ja auch hier als Kette. Und die ersten grösseren Märkte an den Ortsrändern hiessen Kondi. In einem verdiente ich mir als Schüler nachmittags das Geld für Mofabenzin, Kippen und Schallplatten…

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  2. Gudrun schreibt:

    Hinter dem Petersteinweg gab es ein Frauengefängnis. Wir hatten im Gebäude davor eine Gerichtsverhandlung und mussten lange darauf warten. so lief ich einfach durch das leere, angrenzende Gebäude und fand mich im Gefängsnistrakt wieder. Dunkel, muffig, abblätternde Farbe an den schweren Türen mit dem kleinen Fenster drin und den schweren Riegeln, Spinnweben an den Deckenleuchten. Den Gefängsnistrakt gibt es heute nicht mehr, aber die beklemmenden Gefühle von damals hatte ich jetzt gerade wieder als ich deinen Bericht las.
    Gruß von der Gudrun.

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  3. Danke für die wirklich beeindruckende Führung.

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  4. freiedenkerin schreibt:

    Ich verstehe es ehrlich gesagt auch nicht recht, warum man nach den einzelnen Sätzen einer Symphonie nicht klatschen sollte/darf. Schön, wenn diese bislang so starre Regel nach und nach zumindest ein wenig aufgeweicht wird. 😉

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  5. Zaphod schreibt:

    „Ein halbes „gefällt mir“ hätte ich lieber gedrückt. Für den ersten Teil deines Berichtes. Der zweite löst schon nur vom Lesen ein leichtes Grauen aus.“
    Diesen Satz vom Herrn Ärmel kann ich so unterschreiben. Dabei fing das fotografisch ja recht hübsch an, mit der Fassade in der Arndtstraße. Den Herrn Mielke hätte man 93 ja mal fragen können, ob er seine humanistische Variante den 6 Jahren Knast eventuell vorziehen möchte.

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