Angezubert

Ich gebe zu, ein bisschen plagt mich das schlechte Gewissen, als ich samstags auf dem Bahnhof stehe.

Alle kommen nach Leipzig. Zur Anti-TTIP/CETA-Demo. Nur ich, ich fahre weg.

Dabei könnte ich das voll verdrängen, wenn ich mit dem Auto gefahren wäre, aber die Prinzessin ist krank, das Wetter schauderhaft kalt und regnerisch, der Inchbruder hat sich das Inchfamilienauto gekrallt, ins Inchbruderauto passt kein Kinderwagen, was bei nasskaltem Wetter schlecht ist, weil man nicht wüsste, wo man den Kleinen König ablegen könnte und dann noch die kranke Prinzessin. Kurzum, die Kleinfamilie bleibt in der Stadt und so allein, nee, allein muss ich nicht Auto fahren.

So stehe ich also zu ungünstigster Zeit am Bahnhof. Mein Zug geht 12:00 Uhr. Lauter TTIP/CETA-Gegner strömen mir entgegen. Aber als ich im Zug sitze, ehrlich, habe ich sie schon vergessen. Die Demo sowieso. Asche auf mein Haupt.

Die Hütte wird 40, das muss gefeiert werden. Ich wundere mich noch ein bisschen Wieso denn der 40.? und werde aufgeklärt, dass bei diesem Jubiläum noch die Entdecker/Er- und Umbauer mit dabei sein werden. Wer weiß, wie das in 10 Jahren ist. Ein einleuchtendes Argument und eins, das wieder einmal zeigt, wie familiär unser kleiner Verein ist, auch wenn er in den letzten Jahren doch ganz schön gewachsen ist und schon zu groß, alle zu kennen, wird doch noch an alle gedacht.

Natürlich, zu so einem Jubiläum, da kommen viele, die passen nicht in die für maximal 40 Leute ausgelegte Wanderhütte. Also zelten. Bei bestem Herbtskaltnasswetter. Und die Party findet natürlich auch im Freien statt.

Immerhin, als ich das Ziel an der Elbe erreiche, regnet es gerade nicht, was mich veranlasst, sofort und ohne Geplänkel mein klitzekleines Zelt aufzubauen. Die Wiese ist schon gefährlich morastisch, ausgelegte Bretter sollen den Zugang erleichtern, werden aber im Laufe des Abends und bei Fast-Dauerregen zu einer lustigen Rutschparty.

In Leipzig habe ich mir auf dem Bahnhof schnell noch Gummistiefel gekauft, aber das ist Quatsch, ich ziehe lieber die Strümpfe aus und die Tefas an, das ist immer noch das beste.

Siggi erzählt davon, wie vor 40 Jahren die Scheune gefunden, der Pachtvertrag geschlossen und schließlich umgebaut wurde. Er erzählt von einem dreijährigen Kletterverbot (an das sich natürlich niemand recht hielt), von Material, dass in Betrieben nicht mehr gebraucht wurde, von Material, das irgendwie beschafft wurde, von haarsträubenden Transporten desselben von Leipzig in die Sächsische Schweiz, von der Einweihung, von Ausbauten, Hüttenwarten, der schwierigen Zeit um die Wende herum. Ein kurzweiliger Beitrag, untermauert mit alten Fotos. Und doch verpassen ihn einige, denn hinter dem Gebilde aus Festzelt, Tarps und Bühne hat Paul DIE Attraktion schlechthin aufgebaut: Ein Wannen-Blubber-Schaumbad!

Ich kann Ihnen sagen. Wenn wir das Ding schon vor 20 Jahren gehabt hätten, meint Rainer, hätten wir jetzt eine große, eine sehr große Jugendgruppe. Mir ist es tatsächlich gelungen, das Ding einmal leer zu fotografieren, das war wohl während des Essens, und dieses Foto zeige ich Ihnen hier. Denn sonst, sonst waren da immer Leute drin. Nackt natürlich. Ich glaube 10. Oder 12? Oder doch nur 8? Ich habe nur Beine, Arme und Köpfe gesehen. Alles irgendwie sehr durcheinander, sehr fröhlich. Ab und zu hüpfte einer raus, oder zwei oder fünf und stürmte nackt aber schaumig die Tanzfläche. BSV-eigen Flitzer sozusagen.

Getanzt wurde nach dem Essen, nach dem Kulturprogramm und nach der Ehrung an diesem Abend gewählter bester Köche, bester Nudelköche, bester Hüttenwarte, Vereinsmutter/vater, Hüttenmutter/vater, Bezwinger, bester Figur beim Klettern, bester Motivator und was weiß ich nicht noch.

Es spielte dann auch noch eine Band, die war gar nicht schlecht. Aber der Bär ging natürlich ab, als Max und Andi mit Band auf die Bühne kamen. Die Jungs sind sozusagen im Verein groß geworden, einen kenne ich gar seit seiner Kindergartenzeit. Heißen die eigentlich noch Höhenrausch? Oder doch Helenes Fischer? Egal. Die älteren Herren U60 pogten wie die Irren, fast war kein Tanzen möglich, schaumtrunkene Flitzer stürmten die Tanzfläche, es war ein Fest, des BSV würdig.

Ich hatte mich übrigens zum Glück auf Bier eingestellt, denn der Wein war irgendwann alle. Was für ein trockenes Ende wäre das gewesen.

In der Hütte dann Disko, draußen um das Lagerfeuer drängten sich, als es gerade mal nicht regnete, wohl dreißig Leute.

Ich wusch mir Füße und Schuhe, bevor ich zum Zelt schlitterte. Vergebens.

Am nächsten Morgen dann mehr oder weniger verkaterte Menschen an der großen Frühstückstafel. Verkatert , aber fröhlich. Und in der Klettertruppe gibt’s ein neues Wort: ANZUBERN. Danke Paul. Und ein Glück, dass wir das Ding nicht schon vor 20 Jahren hatten.

Die Fotos sind nicht gut, aber historisch. Wer den Zuber (Wannen-Blubber-Schaumbad) groß sehen will, klickt auf die Bilder.

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7 Antworten zu Angezubert

  1. Trude schreibt:

    Da hattet ihr aber auch schlechtes Wetter erwischt, so ein Mist. Habt jedoch fein das „Beste“ daraus gemacht, alle Achtung *lach*. Für die Prinzessin gute Besserung……
    Winke und LG, die Trude.

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  2. Herr Ärmel schreibt:

    Habe ich das richtig gelesen, dass in den Zuber mehr als ein Mensch hineinpasste 😉

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