Neue Wege

Altkötzschenbroda.

Schon mal davon gehört? Nein? Sollten Sie aber. Das Dorf, eigentlich nur ein Anger, hat immerhin 40 Kneipen, Geschäfte und Hotels. Da brummt das Leben, sage ich Ihnen. Gut, nach 19/20:00 Uhr brummt es etwas verhaltener. Und es gibt auch nicht alles zu jeder Zeit. Zum Beispiel keine Cocktails zur Happy Hour. Steht zwar so an der Tafel, aber das extra abwischen? Da müsste man es ja Dienstag wieder dran schreiben. Oder wann immer neue Ware kommt.

Trotzdem, wir hätten gleich hierher kommen und den Tag hier verbringen können. Der Flecken Erde ist wirklich hübsch und die Sache mit den Cocktails wird mit soviel Charme vermittelt, das kann man das ertragen.

Aber wenn wir gleich hierher gekommen wären …  wir wollten schließlich wandern.

Weinwandern.

Und weil es die letzten Male immer an Saale und Unstrut ging, wollten wir es diesmal mit der Elbe versuchen. Ok, die Weingebiete sind verdammt nah an Dresden, aber an der Unstrut ist das Wahlvolk auch nicht schlauer, nur sind die nicht so oft im Fernsehen. Oder in der Zeitung.

In Leipzig sieht es heftig nach Regen aus, als wir uns am Bahnhof treffen, aber, in Radebeul erwartet uns Sonnenschein. Jaja, Radebeul. Karl Mai und so. Wir sehen auch das Hinweisschild zum Grab des Märchenonkels und natürlich zum Indianermuseum, das jetzt ja schon lange Karl-Mai- Museum heißt, aber wir gehen da nicht hin. Wir waren da eh alle schon, als das noch bzw. vorübergehend ein Indianermuseum war, und überhaupt, Wein ist das Ziel. Besenschänken. Straußenwirtschaften, Weinberge und Federweißer. Wir verlassen die Karl-Mai-Stadt also auf kürzestem Wege und erklimmen die Hänge der edlen Trauben.

Mensch ist das steil.

Also letztes Jahr, ja, da mussten wir nur einmal Fähre und schon sind wir in die erste Wirtschaft geplumpst. Wollte ich nur mal gesagt haben, Frau Reisegruppenleiterin.

Und dann, als wir endlich oben sind, müssen wir noch endlos latschen. Also bitteschön, ich habe Durst. Und wieso ist es so warm?

Na wenigstens gibt es hier lustige Straßennamen. Und ein alter Herr erklärt uns nun, dass das Spitzhaus heute ne Geschlossene Gesellschaft hat , aber wir könnten zum Pfeiffer und da und da lang, da haben Sie schöne Aussichten und laufen durch die Weinberge.

Er kommt noch paar Mal und freut sich und an so einer Aussicht, wo man auf Dresden guckt, erzählt er dann vom 13.02.1945. Wir sind inzwischen 12 Personen und 2 Hunde, da gibt es genug interessierte Zuhörer, ich will weiter. Und als ich so an einer Miniaturausgabe des Völkis, das aber natürlich ein Bismarckturm ist, vorbei schlendere und eine Bank im Schatten finde, auf der es sich trefflich verdursten lässt, während die Kumpels lieber einem Opi zuhören statt sich um mein Überleben zu sorgen, kommen zwei Freunde aus Leipzig die Treppen hinauf gestiegen. Was für ein Zufall und was für ein Hallo. Und ja, da unten, da unter den Kastanien, da lässt es sich gar trefflich sitzen und Wein trinken.

Doch als die Kumpels 100 Jahre später endlich kommen, laufen die einfach geradeaus weiter, ignorieren mein Winken und Rufen und nach unten zeigen DA.UNTER.DEN.KASTANIEN.

Der Pfeiffer ist das Ziel. Basta.

Da gibt es einen rustikalen Freisitz mit Blick auf die Weinberge. Nur leider. Ich fühle mich heute wie aufm Bahnhof, mault ein Kellner, als jemand versucht, ein Gespräch zu beginnen. Und 12 Leute? ZWÖLF?, die essen wollen, also nein, das ist nicht zu schaffen. Aber Sie können sich hinsetzen und drinnen am Tresen Ihre Getränke selber holen.

Also ehrlich, so durstig kann ich gar nicht sein, dass ich Geld hier lasse. Kumpel 13 und 14 kommen, aber ohne Hund, der ist erschöpft und liegt im Wohnmobil, irgendwo da unten.

Ok, wir gehen jetzt auch runter.

Zur Grundmühle. Yeah.

Wir sind so durstig, dass wir ein paar Radfahrer überholen und bleiben dann lange, sehr lange im hübschen Hof der Gastwirtschaft. Schließlich essen wir lieber ganz viel, wer weiß wann es wieder was gibt, wenn hier alle wegen Reichtum nicht arbeiten wollen. Und weil die Zeiten so unsicher sind, nehmen wir auch lieber noch ne Karaffe Wein.

Der Gutedel ist dann leider alle, aber es gibt ja auch noch andere durchaus bekömmliche hiesige Weine. Und wieder kommt ein älterer Herr, der die letzen Stunden nebst Gattin am Nachbartisch saß und muss uns sagen, wie schön es doch sei, dass sich Menschen so wie wir noch so zusammenfinden.

Und dann geht’s – nach (Altklötzschenbroda. es heißt natürlich) Altkötzschenbroda.

Natürlich rennen wir erst mal an all den wunderschönen Weinhinterhöfen vorbei, weil eine Dame und zwei Herren unbedingt an die Elbe wollen. Naja, stimmt schon, Elbweingebiet, aber man kanns auch übertreiben, man muss die Füße nicht in die Elbe stecken, um den Wein zu genießen. Muss man nicht.

An der Elbe, die machen 18:00 Uhr zu. Also zurück.

In Stumpfs Hof ist es ganz leer, aber auf jedem Tisch, wirklich auf jedem, liegt so ein dämliches Reserviert-Schild.

So landen wir in der Schwarzen Seele. Ohne Cocktails. Dafür mit dem leckersten Federweißer seit langem.

Nur schade, dass ich mir den Anger nicht so richtig angucken konnte, bei dem Hin- und Her- Gerenne. Kann ich auch nicht im nächsten Jahr nachholen, denn da geht’s wieder an die Unstrut. Sollen die an der Elbe doch an ihrem Geld ersticken.

Und überhaupt. So ein an Schänken dünn besiedeltes Weinbaugebiet, das gibt’s ja gar nicht. Und das an einem langen Wochenende.

Der Federweißer allerdings…

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14 Antworten zu Neue Wege

  1. ostnomade schreibt:

    … ich fürchte, das Verhältnis zu Dresden ist auf Dauer gestört. Die Stadt macht es den Medien aber auch zu leicht. Sie ist architektonisch zweifellos schön und hat vom Aufbau seit den 90ern sehr profitiert. Der allgegenwärtige Dialekt bietet, als Kontrastprogramm, auch dem allerletzten TV- Reporter jenen Sound, den man mit Gänsefleisch- Anektoden an gesamtdeutschen Stamm- und Nierentischen so gerne nachahmt.
    Altkötzschenbroda ist wirklich schön geworden, das stimmt.
    … kleine Klugscheisserei: Karl May, der Chef des Indianermuseums und Geschichtenausdenker, schreibt sich mit Ypsilon.

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    • Inch schreibt:

      Ja, das mit dem MaiMay, da schäme ich mich nicht. Ich findeden so schlecht, dass ich mir seine Schreibweise nicht merken muss, was natürlich resepktlos ist, das gebe ich zu. Aber ich halte die Geschichten der Welskopf-Henrich eben für authentischer. Trotzdem, jetzt weiß ich es. Mai mit Y :D. Dresden, Sachsen, ja, dafür schäme ich mich.

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  2. freiedenkerin schreibt:

    Das erinnert mich an eine Geschichte, die mir ein ehemaliger langjähriger Arbeitskollege in der Gastronomie vor einiger Zeit mal erzählt hat: Wenn man in den Restaurants der DDR keine Lust hatte zu arbeiten, dann reservierte man schlicht und einfach alle Tische. Man wurde ja schließlich mit einem Festgeld entlohnt, und hatte keine Umsatzbeteiligung. 😉

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    • Inch schreibt:

      Scheint ja überlebt zu haben, diese Methode. Nur wenn mir noch einmal so ein Gastronom aus der Flimmerkiste entgegen jammert, wie sehr er wegen des Mindestlohns am Hungertuch nagt!!!

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  3. Herr Ärmel schreibt:

    Altklötzschenbroda Altklötzschenbroda Altklötzschenbroda – was für ein Name aber auch.
    Den werde ich mir merken. Ich werds jedenfalls versuchen…
    Öhm, Wein, der auf Bäumen wächst (? – – ja ja, Apfelwein), solchen Feinwein gibts da nicht auch zufällig irgendwo? Ich würde ihn auch durchaus gerne an einem Ort trinken, der nicht unbedingt Altklötzschenbroda heisst 😉

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  4. Zaphod schreibt:

    Altklötzschenbroda (copy & paste, alles andere ist zu anstrengend) würde ich spontan übersetzen mit „möcht ich nicht begraben sein“ *fg*
    Andererseits kann man sich in 40 Kneipen schnell ins Grab saufen. Jedenfalls wenn man da bedient wird 😀

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    • Zaphod schreibt:

      Ich muss noch anmerken, dass es da wirklich hübsch aussieht, mit den ganzen bunten Häuschen. Man sollte in jedem Dorf eine/n Hübschmacher/in beschäftigen 😀

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      • Inch schreibt:

        Ja, es fragt sich nur, was hübscher macht, ist doch hübsch eine Wahrnehmung der Sinne. Hübsche ich mich also selber auf inkl der Gefahr, das andere das gar nicht sehen oder lasse ich den Wein als Hübschmacher seine Arbeit verrichten? Aber will ich dann so angehübscht als hübsch empfunden werden? Ich glaube, ich muss doch noch mal hin und sinnieren

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