Ehrenamt und Profession

Ziemlich intensive Wochen liegen hinter mir.

Es ist schon ein Unterschied, ob man sich täglich freiwillig aus den Federn erhebt oder ob aus Notwendigkeit. Auch wenn ich in den Monaten bis April durchaus manche Tage 8 Stunden auf den Beinen war. Freiwillig. Schließlich hätte ich jederzeit sagen können: Stopp! Das wird zu viel. Ich brauche eine Pause.

Tat ich fast nie.

Ich glaube, die Psyche ist schon ein schwer unterschätzter Faktor. Auch in Sachen Arbeit.

Zum Glück habe ich ja einen Job gefunden, der meinen freiwilligen Aktivitäten der letzten Monaten mehr als nah kommt.

Zum Glück bin ich dabei auf Kolleginnen gestoßen, die sich der Sache genauso annehmen wie ich.

So haben wir uns in den Aufbau von Strukturen gestürzt, Bürosuche, Hintergrundrecherchen und Teambildung, die Formulierung von Verträgen und Vereinbarungen.

Am Donnerstag dann konnten wir unser Projekt in einer Auftaktveranstaltung vorstellen. Das Interesse schien groß zu sein. So jedenfalls interpretiere ich gern im Anschluss gestellte Fragen, Menschen, die das Gespräch mit den Akteuren suchen.

Am Donnerstag Abend waren wir dann alle, glaube ich, ziemlich fertig. Und erleichtert.

Ich muss mich nun wieder etwas mehr um meine ehemaligen Schüler kümmern.

Es ist ja so mit Arbeit und Ausbildung. Die Sprachkurse sind bis B1 kostenfrei. Genau so lange bezahlt das Jobcenter ALG II für die betreffende Person. Deutschsprachniveau B1 ist die Mindestanforderung für die Aufnahme einer Berufsausbildung, oder sagen wir lieber, vieler Berufsausbildungen.

Schwierig wird es für Menschen, die gern ihr in Syrien abgebrochenes Studium fortsetzen möchten. Die brauchen mindestens C1. Theoretisch müssten sie diese Kurse selber bezahlen, das Jobcenter drängt zur Aufnahme irgendeiner Arbeit und die meisten Geflüchteten möchten eigentlich auch gern so schnell wie möglich unabhängig vom Amt und selbstbestimmt leben. Doch wie kurzsichtig wäre es denn, jetzt irgendeinen Helferjob anzunehmen?

So ist ein gutes Netzwerk gefragt und Unternehmen, die den Vorteil längerfristiger Qualifizierungen sehen und als Partner bereit stehen. Was ich hier gerade „privat“ erlebe, wird mir ab Januar beruflich genauso begegnen. Mit der Herausforderung, dass die Strukturen im Landkreis etwas andere sind als in der Stadt.

Hier gibt es Vereine, die sich um Stipendien kümmern. Stipendien, die erst einmal den Erwerb der für ein Studium notwendigen Sprachkenntnisse ermöglichen. Oder es gibt Institute, die einem Geflüchteten kurzerhand ein bezahltes Praktikum anbieten, in dem er bis zum Beginn des Studiums schon in seinem Fachgebiet arbeiten kann, zusammen mit deutschen Kollegen, und so den fachspezifischen Wortschatz erlernt. Für den „Rest“, besonders die Vorbereitung auf die äußerst schwierige Deutschprüfung, steht jemand aus dem Verwandten- und/oder Freundeskreis zur Verfügung.

Was aber ist mit dem jungen Mann, der gern eine Ausbildung zum Verkäufer machen will? Dafür wird B2 verlangt. Da hilft nur ein Minijob, mit dem der Sprachkurs finanziert werden kann. Und dann eine gezielte Ausbildungssuche in einem Unternehmen, dass seinen besten Auszubildenden gleich die Fortsetzung der Ausbildung und damit den Abschluss als Kauffrau/mann anbietet. Denn schließlich, der junge Mann hat mal Management studiert. Und der Lehrer? Er wird nie hier in seinem Job arbeiten können. Aber vielleicht, wenn er eine Helfertätigkeit in einem sehr, wirklich sehr großem Unternehmen beginnt, wird er sich hocharbeiten können. Es liegt nun an ihm. Und was mache ich mit der Physikerin, die hier putzt? In einem Restaurant?. Was mit der Biologin?

Manchen könnte der Wunsch, so schnell als möglich unabhängig vom Amt zu sein und selbstbestimmt zu leben, irgendwann auf die Füße fallen. Könnte zu Unzufriedenheit, Selbstverachtung und Reue führen. Trotzdem ist es ihre Entscheidung. Ich kann nur zuhören und manchmal über mögliche Alternativen sprechen, die ja auch noch später zur Verfügung stehen könnten.

Das ist privat so wie im Beruf.

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