Pendeln und so

So, da pendle ich also.

Täglich.

Das hatte ich mir im Vorfeld nicht so kraftraubend vorgestellt.

Vielleicht wäre es das auch nicht, wenn es immer nur in mein Büro ginge. Etwas über 30 min dauert die Zugfahrt, der Weg insgesamt nur 50 min. Von meiner Wohnung ins Büro.

Das, das Büro, befindet sich in einer sächsischen Kleinstadt. Die ist um Umkreis bekannt als braunes Nest. Das war es schon in den 1990ern. Das ist es jetzt noch. Sogar unter den Geflüchteten hat sich das rumgesprochen. Und so gibt es Menschen, die überall hin wollen, nur nicht dahin. Das weiß ich aber erst, seit ich dort bin.

Ich war zunächst überrascht, positiv überrascht vom großen Unterstützernetzwerk für Geflüchtete. Nicht nur in eben jener Kleinstadt, sondern auch in den umliegenden Gemeinden. Überall da, wo es Unterkünfte gibt oder Geflüchtete dezentral in Wohnungen untergebracht sind.

Aber so ist das ja immer.

Die Öffentlichkeit nimmt eher das Negative war.

Schließlich berichten die Medien auch lieber darüber. Das lässt sich besser verkaufen. Siehe Dresden.

Helfende Menschen sind langweilig.

Natürlich ist es wichtig, über Rassismus zu berichten. Aber ich stelle es  mir schwer vor, mich immer rechtfertigen zu müssen, wenn ich aus so einer Stadt komme und nicht nur kein Nazi, Patriot oder AFDler bin, sondern auch konkret helfe.

Letztens war ich in Dresden. Eine zweitägige Konferenz. Natürlich habe ich die Gelegenheit genutzt und bei dem Kleinen Kind übernachtet. Das war nun ein Montag. Und klar, wir sind zum Postplatz, wo das kleinste Volk nach Merkels Absetzung schreit. Es war viel mehr Volk da als Gegner. Und! Sehr wenig Polizei. So wenig Polizei, dass ich ständig versucht war, die Straße zu überqueren und mir das Volk mal aus der Nähe zu betrachten.

Als ich anhub und dem Kind sagen wollte, „also in Leipzig…“, unterbrach sie mich höflich und wies darauf hin, dass man das in Dresden nicht so gern hört. Den Vergleich mit Leipzig habe man hier satt. Und ja, ich habe ja Recht, die Polizei nehme die Gegendemonstranten in Dresden nicht wirklich ernst. Immerhin, wir standen in Hör- und Sichtweite. Das war letztes Jahr, als ich mal extra hingefahren war, ganz anders. Und natürlich, es geht auch anders. Als dieser verbeamtete Gymnasiallehrer in einem Dresdner Lokal vom Denkmal der Schande schwadronierte und der Ausrottung der Deutschen, musste die Polizei die Gegendemonstranten doch ernst nehmen. Auch als es zum Gedenktag des 13. Februar 1945 zu Sitzblockaden gegen zwei Naziaufmärsche kam.

Aber ich schweife ab.

Es gibt auch in Städten, die nicht gerade als weltoffen gelten, sehr weltoffene Bürger. Und die haben meinen tiefsten Respekt. Sich in einer Kleinstadt, die wie ein brauner Sumpf anmutet, gegen eben jenen Sumpf zu stellen, erfordert viel Mut. Da bin ich doch froh, jeden Abend nach Hause in die große anonyme Stadt fahren zu können.

Nun möchte ich nicht sagen, dass es in jener sächsischen Kleinstadt mehr Nazis gibt als in anderen sächsischen Kleinstädten. Wahrscheinlich ist nur die Anzahl derer, die dazu klatschen höher als in anderen Kleinstädten generell. Auf jeden Fall gibt es eine beängstigend hohe Anzahl von Bewohnern, die schweigen. Die nichts damit zu tun haben wollen. Die sich nicht für Politik interessieren. Oder was auch immer sie für Ausreden haben. Vor sich und den Mitmenschen. Wer schweigt, stimmt zu.

In so einem Umfeld braucht man sich über Polizisten, die an Notruftelefonen sitzen und angeblich kein Englisch können, nicht zu wundern.

Aber ich schweife schon wieder ab.

Seit knapp zwei Monaten habe ich also mein Büro in der Kleinstadt. Die Wochen davor dienten ausschließlich und uns allen im Team dem Finden und Entwickeln von Strukturen. Da bin ich auch viel gependelt. In andere sächsische Kleinstädte, wenn ich Glück hatte, trafen wir uns auch in der Großstadt.

Ich freute mich auf das Büro. Netzwerkarbeit, und die ist überlebensnotwendig, wenn man etwas Neues startet, kann man nur vor Ort leisten. Und überhaupt. Nicht mehr jeden Morgen in den Kalender schauen, wo und wann ich heute sein müsste. Das wäre ja fast wie Urlaub.

Doch. Wenn ich zwei Mal in der Woche in „meinem“ Büro bin, kann ich mich glücklich schätzen. Meistens schaffe ich nur einen Tag. Die anderen vier schaue ich wieder in meinen Kalender, suche Züge raus oder laufe zu Bushaltestellen, wo mich Kolleginnen in ihr Auto einladen.

Das strengt an. Das stresst.

Deswegen ist es so ruhig auf diesem Blog.

Weil ich oft nicht weiß, wann ich nach Hause komme, dann den Weg für den nächsten Tag raussuche, meine Tasche umpacke, ein bisschen mit dem Kater spiele und ins Bett falle. Da sehe ich mir dann sinnfreie Serien an. Meistens schlafe ich ein, bevor geklärt ist, wer der Mörder war.

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Über Inch

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7 Antworten zu Pendeln und so

  1. Dirgis (Sigrid) schreibt:

    Das klingt nach einem ordentlichen Pensum. Mir wird nur nicht ganz klar, ob du es als positiv oder negativ empfindest. Ist irgendwann ein ende der Pendelei absehrbar?
    Hier in C. waren auf der letzten Demo so wenig Teilnehmer, dass gar keine Gegendemonstranten mehr gebraucht wurde. Sie gingen neben dem großen Kopf einfach unter.

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    • Inch schreibt:

      Die Arbeit ist positiv. Das Pendeln zu einem Arbeitsort stelle ich mir auch entspannt vor. Nur, dieses heute hier, morgen da, nervt, strengt an und lässt mich die Arbeit in „meiner“ Kleinstadt vernachlässigen. Und das ärgert mich richtig!

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  2. Herr Ärmel schreibt:

    Ich ziehe meinen Hut und wünsche dir viel Kraft und guten Mut weiterhin.

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    • Inch schreibt:

      Danke. Ich hab mir den Job ja rausgesucht. Sogar die Kleinstadt. Ich würde nur gern endlich dort kontinuierlich arbeiten können. Vielleicht wirds ja auch besser, wenn die Tage länger werden und ich abends im Garten hocke. 😀

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  3. gemeinsamleben schreibt:

    Wie der liebe Herr Ärmel schon schreibt, schön, dass du von dir so offen berichtest und auch ich wünsche dir weiterhin viel Kraft. Und,- immer wieder ein paar warme menschliche Begegnungen, die dich weiter tragen.

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  4. Zaphod schreibt:

    Huch, sie lebt ja noch. 😀
    Hört sich aber arg gestresst an mit der Pendlerei, wenn man da kein Auto hat geht unheimlich viel Zeit verloren. So etwas würde mich in Hamburg schon nerven, dabei haben wir noch einen ziemlich tauglichen ÖPNV, aber über die Dörfer tingeln stelle ich mir arg anstrengend vor.

    Aber schön mal wieder etwas von Dir zu lesen, irgendwann ist ja sicher auch Urlaub. Da hoffe ich selber auch gerade drauf…

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  5. Gudrun schreibt:

    Ich wünsche dir viel Kraft, liebe Inch. Und nebenbei auch noch ein bissel Zeit für dich selbst, den Garten, die Kinder und Enkel und natürlich für den Kater.

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