Vergessen in Serbien

Hallo, ich bin das kleinere der beiden Kinder der Autorin dieses Blogs und ich schreibe jetzt mal ausnahmsweise was. Ich war kürzlich einen Monat in Serbien und ich möchte irgendwie davon erzählen, aber was und wie und wo ich anfangen soll und soll ich überhaupt?

Ich fange mal von vorne an.

In Dresden reisen wir zu fünft ab. Wir nennen uns Support Convoy, ein Verein aus Dresden, gegründet mit dem selbsterklärten Ziel, Flüchtende auf den Fluchtrouten zu unterstützen. Vor Ort fusionieren wir mit Rigardu, die dort sehnlichst auf ihren Sprinter warten. Der war zum TÜV in Deutschland, was den Vorteil hat, dass wir ihn randvoll mit gespendeten Schlafsäcken nach Serbien kutschieren können. Das ist kein großes Problem innerhalb der EU und auch nach Serbien schaffen wir es relativ reibungslos. Eigenbedarf, ja. Urlaub, ja. Ja, ja.

Unser Ziel ist ein 14.000 Einwohner Städtchen direkt hinter der EU-Außengrenze, mitten auf der bekanntermaßen ja dichten Balkanroute, da sind nämlich, auch wenn das irgendwie gern vergessen wird, trotzdem noch Menschen. Die Lage ist prominent. Es gab hier mal ein offizielles Camp, das wurde vor ein paar Monaten geschlossen und beliebt war es eh nie. Jetzt gibt es nur noch den Jungle: ein Sammelbegriff für das Übernachten in.. zwischen.. auf.. irgendwo. R. sagt, er hasst den Sternenhimmel, weil er ihn jede Nacht sieht, wir einigen uns darauf, dass er immerhin besser ist als Regenwolken.

Links und rechts der Autobahn sehen wir Polizisten den Wald durchsuchen. Dann lernen wir, was wir hier machen werden: wir stellen täglich morgens und abends einen Kanister von 1000 l Trinkwasser auf einen Feldweg (dafür der Sprinter!) und alle zwei Tage Duschen. Klingt easy. Also gleich los mit den Duschen, das läuft so: Vier Camping-Duschzelte, zwei Duschköpfe angeschlossen an besagten Wassertank. Kurze Wasserpause, vier Hände strecken sich mir entgegen, Shampoo verteilen. Mein Idealismus trifft auf die Realität: Ich gebe zu wenig Shampoo, sagt N. Aber die Verschwendung, sage ich. Es gibt hier sonst keinen Luxus, sie bekommen so viel sie wollen, sagt N. Das sehe ich ein, schäme mich und lerne schnell, die Pfützen seifigen Wassers neben den Feldern zu ignorieren. Dann: Dreckige Unterhosen und Socken einsammeln, gewaschene ausgeben, Handtücher ausgeben, Handtücher einsammeln, Shampoo nachfüllen, Duschköpfe umhängen, kaputte Zelte zuhalten, zu kleine Unterhosen und zu kurze Socken umtauschen. Es sind ungefähr 30 Grad, wir stehen auf offenem Feld. Es ist anstrengend, die Stimmung ist gut, duschen macht glücklich, das Wasser reicht für maximal drei Stunden.

„Zuhause“, das ist ein kleines altes Haus mit Hof, vier Betten und zwei Sofas für momentan sieben Leute, läuft die Waschmaschine permanent. Alles auf 60 Grad, wegen Krätze und so. Es gibt drei Wäscheständer im Hof und keinen Plan für den Winter.

Essen macht die No Name Kitchen, größtenteils Spanier, die eine Straße weiter wohnen, elf Uhr gibt es kaltes Frühstück (Melone, Brötchen, Keks) und Tee, achtzehn Uhr meistens gekochtes, bereitet und verteilt immer mit Hilfe der Flüchtenden. Der Wassertank daneben. Hier werden Flaschen abgefüllt, Kleidung gewaschen, Schuhe und Zähne geputzt. Wir bringen außerdem einen Generator mit, an dem die Handys geladen werden können. Und einen Fußball. Wir lernen einander kennen. L. spricht fließend französisch, das kommt ziemlich gut an, vor allem bei den flüchtenden, deren Englisch nicht so gut ist. Ich kann mir keine Namen merken, keine Gesichter, keine Geschichten, nach ein paar Tagen stellt sich ein routiniertes Kennenlernen ein: Wie heißt du, woher kommst du, wie lang bist du schon hier, wo willst du hin, möchtest du eine Zigarette, Woher hast du diese Narben? Was ich mir in Deutschland keinen Geflüchteten zu fragen traue – die Details der Flucht – sind hier Smalltalk.

Samstag abend sitzen ein dutzend Volunteers am Feuer und schmieden Pläne, in die einzige Disko im Ort einzufallen, da erreicht uns ein Anruf: Zugunglück, keine Details, ein Toter, nicht weit entfernt. Wir fahren ins örtliche Krankenhaus, ein oder zwei Verletzte sollen hier sein, sind sie nicht, ganz gut so, Krankenhaus ist ein Euphemismus, mehr als Schmerzmittel gibt es hier nicht für Menschen ohne europäischen Pass. Also der Verletzte liegt im nächstgrößeren, 35 km entfernt, fahren wir seine engsten Freunde zu ihm? Mit Flüchtenden im Auto erwischt werden ist Schmuggelei, wird mit mindestens einem Jahr serbischem Gefängnis bestraft, fahren wir seine engsten Freunde zu ihm?

Regelmäßig, ach was, täglich, teils mehrmals täglich, versuchen hier junge Männer, ach was, der jüngste ist dreizehn, die EU zu erreichen. H. war fast ein Dutzend Mal in Zagreb, immer abgefangen, da steht Polizei vor dem einzigen Büro, in dem (theoretisch) Asylanträge entgegengenommen werden, die sammelt ein, deportiert, das Wort dafür heißt Push Back, der Status der Aktionen heißt illegal. Das muss man sich vor Augen führen: Bleibereicht-für-alle!-Schreie verhallen im Vakuum, was hier regelmäßig verweigert wird, ist viel grundlegender das Recht, Asyl in irgendeiner Form überhaupt erst einmal zu beantragen. Mein Kopf begreift das nicht. Wenn in Grenzwäldern Grenzpolizei Jagd macht mit Nachtsichtgeräten, Bewegungsmeldern, Hunden, Helikoptern, wenn nachts in Wäldern Polizei wehrlose Menschen zusammenschlägt, ihnen das wenige, das sie haben, stielt oder (noch perverser) einfach zerstört, Handys verbrennt, wenn das alles in irgendeinem Kuhkaff (Verzeihung!) passiert, wen wundert das. Aber in Zagreb? Eine Hauptstadt der EU? Genau so Hautstadt eines EU-Landes wie Paris, London, Berlin? Wieso kommen die damit durch? Viele kommen von gescheiterten Versuchen morgens schon zurück zum Essen, von manchen hört man nichts mehr. Nichtwissen ist be(un)ruhigend.

Die Stimmung in der Stadt ist.. interessant. Jeder weiß, was wir hier machen, warum sollten Ausländer sich sonst hier aufhalten. Wir geben uns Mühe, wirklich freundlich zu sein zu jedem einheimischen Gesicht, das uns misstrauisch mustert. Ich glaube, mindestens jeder zehnte erwachsene Mann hier ist in irgendeiner Form Polizist. Sie sind ständig präsent, Grenzpolizei, Lokalpolizei. Wenn wir die großen blauen Busse mit den vergitterten Fenstern sehen, fällt die wöchentliche Disko – zwei kleine Boxen und jeder will mal sein Handy anschließen – aus. Am nächsten morgen tauschen wir Zahlen aus. Dreizehn mitgenommen, alle wieder frei. Sechsundzwanzig eingesackt, Verbleib unklar. Ich verstehe das System nicht so richtig, manche kommen auf die Wache und dann wieder raus, es gibt Gerüchte über Schmiergelder, manche kommen in offizielle Camps und bleiben dort, manche kommen zurück, zu fuß. Mehr als einmal steht der Polizeichef vor unserer Tür, wieviele Menschen wohnen hier, Passport, was macht ihr hier. Die Spanier werden stärker schikaniert, ab und zu müssen ein paar über Nacht auf die Wache, Essen bereiten ist viel weniger legal als unsere Arbeit. Um es vorsichtig zu formulieren. Wir sind einigermaßen geduldet, so lang wir die Migranten aus der Stadt raushalten, nicht hereinholen, so lang wir die Polizei nicht nerven, so lang wir bei unserem Wasser bleiben.

Ich drücke mich davor, von den Flüchtenden selbst zu erzählen. Was soll ich weitergeben, Zahlen, Namen, einzelne Geschichten, Durchschnitte? Wir sprechen von 150 Männern, Jungs, Kindern, sehen aber mehr, manche bleiben lange, manche nicht, manche gehen weiter, manche zurück, viele stecken einfach nur fest. Frauen und Familien sind eher in den Camps. Die meisten sind seit Monaten in Serbien, alle sind schon ewig unterwegs. Greece is land of prison, kein Gerichtsverfahren, keine Ahnung, wie lang die Haft dauert, 25 Leute auf 16 Quadratmetern, vor dem Fenster, wie ekelhaft, ausgerechnet ein Flughafen. R. war fünf oder sechsmal dort, das letzte Mal zwei Monate. Von den griechischen Gefängnissen erzählen so viele. Außerdem von Booten, Zügen, Schmugglern, Diebstahl, Gewalt, Familie, Freundschaft, Träumen. Wir überlegen eine kleine Rechtsberatung zu etablieren. Chancen auf tatsächliches Asyl in, sagen wir, Deutschland, haben nicht viele. Eine handvoll wurde gar schonmal abgeschoben, wer diese Scheiße zweimal auf sich nimmt, hat es doch schon allein deshalb verdient, denke ich. Ich stelle mir Rechtsberatung etwa so vor: Du hast keine Chance, du hast eine ziemlich gute Chance, du musst dich beeilen – sobald du achtzehn bist, ist deine Chance dahin. Aber erstmal müssen wir Gerüchte bekämpfen: Nein, deine Registrierung in einem EU-Randstaat wird nicht nach einem Jahr gelöscht, nein, nur weil du Afghane bist, hast du nicht automatisch Asyl sicher, nein, deine toten Verwandten interessieren in Slowenien niemanden, nein, du kannst in Deutschland nicht arbeiten mit deinen vierzehn Jahren, nein, du kannst deine Freundin nicht nachholen, wenn ihr nicht verheiratet seid, Liebe allein reicht nicht.

Manche haben so viele Menschen sterben sehen, dass ich denke: Wenn sich da jemand beschwert, dass die Integration nicht von selbst läuft, dann haue ich demjenigen persönlich eine rein. Zuhause liegt der aktuelle Spiegel, darin ein Artikel über den Brenner, Situation ähnlich, aber anders, eine Freiwillige sagt, der Mythos Deutschland mache sie wütend, die falschen Vorstellungen, die sich hartnäckig in den Köpfen halten. Ich denke: Arbeit, Familie, Auto, Wohnung, falsche Vorstellungen? Aber so einfach ist es ja bekanntlich nicht. Den Ort am Zug, wo man sich ganz gut verstecken kann manchmal, nennen sie Sarg, passend, denn: wenn du Mist baust, bist du tot.

Ich habe so viele so tolle Menschen kennengelernt. Was für ein Klischee. Schieben wir den ganzen Idealismus beiseite, wissen wir, dass Kommunikation auf Augenhöhe eine Utopie ist, wir hören also zu und lernen und lernen kennen, so unbefangen wie möglich. Wir freunden uns schneller an mit denen die besser Englisch sprechen, Hierarchien sind unvermeidlich, wir reden über Zuhause, über gestern, heute, morgen, über Züge, Familie, Polizisten, Krankheiten, Hunger, Mama, wir lernen Kochrezepte und manchmal ein bisschen arabisch, wir beobachten Konflikte und entstehende Freundschaften, wir begrüßen die, die neu ankommen mit ironisch ausladenden Armen: Welcome! Nice to meet you. Wenn er in Deutschland ist, verspricht er, ruft er uns an und lädt uns alle auf einen Kaffee ein, wir streiten uns, wer zahlen wird, wir verabschieden uns wie jeden Abend: See you in Germany! Zum Frühstück ist er wieder da, dreckige Hosen, kaputte Füße. Die tägliche medizinische Versorgung übernimmt eine neunzehnjährige Spanieren. Welcome.

Eine ganze Woche lang ist die Waschmaschine kaputt, das bedeutet keine frischen Unterhosen, keine frischen Socken, irgendwann nur noch die ganz kleinen Handtücher. Wenn es regnet, fallen die Duschen ganz aus, einen trockenen Platz dafür gibt es nicht. Ich hatte mir die Reaktionen schlimmer vorgestellt, wirklich wütend wird kaum einer, nur enttäuschtes Hinnehmen, man kann ja nicht alles haben, sie waschen ihre Socken mit kaltem Wasser und Shampoo vor dem Sprinter.

Und sonst so: Der Tank leckt, der kleine Tank ist ganz hinüber, die Haarschneidemaschine funktioniert nicht mehr, die Einwegrasierer werden knapp, uns gehen die Mülltüten (Taschen, Regenschutz, Unterlagen) aus, jeder braucht irgendwas, alles ist knapp, die Ladekabel gehen ständig kaputt, die Schmutzwäsche stapelt sich und wird bei jedem Regenschauer wieder feucht, der Strom fällt aus, wir sind nur noch zu viert, nur einer kann Auto fahren, mit weniger Menschen lassen sich die Duschen nicht betreiben. Abends trinken wir Bier aus zwei-Liter-Plastik-Flaschen oder gehen zeitig schlafen, eine Schachtel Zigaretten kostet hier zwei Euro, wir kochen Nudeln oder Eier, wir streiten uns und lachen viel, wir sind eine ganz normale WG.

Wir haben niemals richtig Pause, auch wer mal einen halben Tag aussetzt macht irgendwas: Geschirr spülen, Wäsche waschen, Buchhaltung, Gedanken. Manche Volunteers bleiben monatelang. Nach acht Tagen und zwei kaputten Ersatzwaschmaschinen fahren wir nach Belgrad und kaufen endlich eine neue. Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so erleichtert.

Wenn es regnet, gibt es das Abendessen in einer verfallenen Fabrik, hier ist es laut und dunkel und voll und ich fühle mich nicht richtig wohl. In dieser Fabrik lebte ein Großteil der Flüchtenden, bis das Gelände vor ein paar Monaten von der Polizei geräumt wurde. An den Regenabenden beginnen wir also, uns wieder dort aufzuhalten, eines Abends kommt die Polizei, guckt, guckt, fährt wieder. Die Jungs beginnen wieder, hier zu schlafen.

Hier wird getrommelt, gesungen, getanzt, ein junger Afghane macht sich lustig, weil ich nicht tanze, mag das Trommeln der Algerier aber selbst nicht so sehr, ein Pakistani erzählt mir, ihm sei es egal, wo er am Ende lebt, ihm gefällt es überall, wo getanzt wird. Wäre er zuhause geblieben, wäre er jetzt verheiratet. Er ist immer fröhlich. Wir reden oft mit und über ihn, wir mögen ihn, es ist schwer, von seinem Lächeln nicht angesteckt zu werden, wir machen uns Sorgen, er versucht nie, weiter zu kommen, er ist steckengeblieben, er wirkt irgendwie verloren hier – aber gut, wer tut das nicht, oder? – wir machen uns Sorgen. Aber das verkommt zum Hintergrundrauschen in unseren Köpfen.

Wir reden überhaupt die ganze Zeit über die Jungs. Ansonsten reden wir noch ein bisschen über Politik und Musik und die Dublin-Verordnung und die Uni und Politik und dann wieder über die Jungs. Am Abend der Bundestagswahl sehe ich die Ergebnisse und denke an Grenzen und Regierungen und Menschen und Zugunglücke. Und an Menschen, die manchmal drei Stunden zu Fuß aus einem staatlichen Camp zu einem Sonnenblumenfeld laufen, um dort auf der staubigen Erde eine Mahlzeit einzunehmen, weil sie im Camp nicht satt werden.

H. erzählt, in wie viele Länder man mit einem afghanischen Pass einreisen darf und vergleicht die Zahl mit unserer. Ein pakistanischer Freund hat ihr erzählt, sein größter Traum sei eigentlich, nach Indien zu reisen, dafür braucht er einen europäischen Pass. Wir sind uns einig, dass es sich für Freiheit zu kämpfen lohnt. Wir wissen, dass das nicht alle so sehen. Die Jungs sagen Mama Merkel, ich bringe ihnen das Wort Mutti bei, sie sagen: Mutti ist eine gute Frau, aber sie bezahlt auch die Grenzpolizei. Ich nicke, komplexer müssen wir das nicht machen. Ich sage die Jungs, manchmal reden wir über sie wie Kinder, werden damit unabsichtlich Teil der Beschissenheit der entwürdigenden Gesamtsituation. Und im nächsten Moment dreht sich schon wieder alles; wenn sie uns von ihren Erfahrungen erzählen, fühle ich mich wie das ahnungslose Kind.

Es ist schwer, den Punkt zu treffen zwischen Abstand und Nähe, zwischen professioneller Distanz und Bemutterung. Am schlimmsten spürt man das bei der Verteilung von Kleidung: wir haben nicht genug für alle und wir müssen uns irgendwie damit arrangieren. Nur, wer wirklich etwas braucht, bekommt es auch – sofern es da ist. Aber wer braucht die drei einzigen Decken am dringendsten? Wer bekommt das letzte Paar Schuhe in Größe 42? Wir finden eine einzige regenfeste Jacke. Was machen wir damit?

Es fällt schwer, die richtige Wahl zu treffen, insbesondere dann, wenn es so viele davon gibt. Es fällt schwer, dem einen zu erklären, dass wir keine Jacken haben, und dem anderen eine zu geben, nein, wir haben keine kleineren Hosen mehr als diese, und diese hat Flecken, die auch nach dem dritten Waschgang nicht verschwinden wollen. Dafür ist es ein lächerlicher Endorphinschub, einem erwachsenen Menschen endlich einen Pullover mit Kapuze geben zu können, nachdem er tagelang darum gebeten hat. Ein Afghane ist abends wütend: Zuhause hatte er programmiert, IT, Arbeit, jetzt muss er jeden Abend junge Mädchen um eine Decke anbetteln. I am sorry, sage ich. Wie oft müssen wir das sagen, bis uns alle glauben? Wie oft, bis uns niemand mehr glaubt?

Den Jungs ist ihr Äußeres wichtig, das hat zum einen was mit Würde zu tun, zum anderen mit Pragmatismus: Wer wie ein Flüchtender aussieht, wird wie einer behandelt, wird in den Städten hinter der Grenze von der Polizei aufgegriffen, wird von Jägern bedroht. Wir scherzen: Zieht den Jungs Anzüge an, eine Aktentasche, setzt sie in Züge. Während wir das denken, fummeln wir Kletten aus Socken und entsorgen blutbesprenkelte T-Shirts.

Wenn sie mich bitten, über Nacht ihr Handy zu laden, weil sie morgen nach Kroatien wollen, frage ich: Train, Walking, Container? Wenn sie nicht erreichbar sind, sich nicht mehr melden und niemand etwas weiß, ein, zwei, zehn Tage, ist das ein gutes Zeichen: Vielleicht sind sie in Europa, vielleicht kein Geld auf dem Handy, vielleicht Akku sparen, vielleicht schlafen, vielleicht irgendwas. Diese Ungewissheit ist so normal, dass ich ein paar Tage brauche, um das komische Gefühl benennen zu können, das ich irgendwie im Hinterkopf hab, aber so gar nicht einordnen kann. (Das Gefühl heißt Sorge.) Wir hören: Autounfall, vierzehn Menschen, drei im Krankenhaus, wir fragen nach Namen und ganz, ganz heimlich und leise und beschämend und unausgesprochen atmen wir langsamer, wenn uns zu den Namen keine Gesichter einfallen. Wie zur Hölle sollen wir hier bitte professionell bleiben?

Die Leute, mit denen ich hergefahren bin, fahren nach zwei Wochen zurück, ich denke was solls, ich bleib noch ein paar Tage, habe ein totales Motivationstief und denke: was für eine Scheiße. Man darf auch und vor allem nicht unterschätzen, was drei Regentage für eine krasse Auswirkung auf die Psyche haben können. Ein Freund aus Pakistan spürt meine Laune, muntert mich auf, spricht über das Leben und dass man manchmal eben mit dem zurecht kommen muss, was man bekommt, ich weiß mit der Situation nicht umzugehen: Ist es angemessen, am hier sein kurzzeitig zu verzweifeln, während er hier festsitzt? Danke, sage ich. Mit der neuen Waschmaschine wird alles besser, ich bleibe noch ein paar Tage mehr und dann noch ein paar Tage und manchmal ist es so furchtbar, dass ich nur noch heim will und manchmal ist es so furchtbar, dass ich einfach nicht weg kann und gleichzeitig, wenn die Sonne scheint gibt es richtig gute Tage. Der Boiler geht kaputt und die Duschen sind kalt, bei 19 Grad und starkem Wind, sorry my friend, be strong! An diesen Tagen freuen wir uns über jeden einzelnen Customer.

Ich reise nach exakt einem Monat ab und lasse einen unveränderten Ort zurück, am Tag nach meiner Abreise wird unser Haus polizeilich durchsucht, eine Woche darauf werden drei Busse voll Flüchtenden deportiert und keiner weiß, wohin. Es gibt ein Camp an der mazedonischen Grenze, mit Ausgangssperre und mit wer hier abhaut wird geschnappt und sofort deportiert. Von dort wird nach Mazedonien abgeschoben, das ist genau so wenig legal wie das kroatisch/slowenische Abschieben nach Serbien, wie das Zusammenschlagen wehrloser Jugendlicher, wie deren Geld und Besitz zu verbrennen, wie Asylanträge zu verhindern. Was kommt als nächstes? Die Zukunft des Projektes ist ungewiss, die Zukunft der Menschen vor Ort noch mehr, was wird im Winter?

Auf dem Rückweg gönne ich mir einen Kurztrip nach Zagreb. Und eine Erkältung. Wie resümiere ich jetzt? Ich sag mal: Ich bin ziemlich wütend jetzt. Und besorgt. Und die heimliche Hoffnung, mit der direkten Arbeit die eigene Ohnmacht besiegen zu können, hat sich natürlich nicht erfüllt, im Gegenteil. Statt dessen ein flüchtiger Eindruck: Einzelschicksale, verwoben in einem Durcheinander aus Hoffnung und Enttäuschung und Pech und Glück. An diesem objektiv hässlichen Ort, einen Schritt neben der EU, ist alles irgendwie seltsam sinnlos und dabei auch schrecklich wichtig. Ich bin froh da weg zu sein und ich vermisse es ein bisschen. Und die Jungs. Wenn ich das nächste Mal hinfahre, sehe ich keinen von ihnen wieder, das haben sie mir versprochen.

 

Rigardu ist esperanto und heißt hinsehen. Support heißt Unterstützung. Mehr passiert hier nicht.
Wer diese und ähnliche Arbeit finanziell, personell, materiell, sonstwie unterstützen oder bessere Bilder sehen möchte: Support Convoy, Rigardu, No Name Kitchen

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7 Antworten zu Vergessen in Serbien

  1. gedankenarchivar schreibt:

    Ein wirklich schockierender, herzerwärmender und aufweckender Bericht.
    Was du alles in einem Monat gesehen und erlebt hast….das verändert einen. Kaum vorzustellen, wie sehr das die Flüchtenden über mehrere Monate hinweg verändern muss.

    Wir sind alle Menschen.

    Ganz viel Respekt und liebe Grüße aus dem Gedankenarchiv

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  2. Inch schreibt:

    Oh, das klingt noch viel schlimmer, als es unsere Kommunikation per Whatsapp vermuten ließ. Bin wirklich gespannt auf das, was es noch persönlich zu erzählen gibt

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  3. Hedi schreibt:

    Ich hab es erst eben lesen können. Ich hab es quasi durch deine plastischen Worte vor Augen gehabt….genau wie die Bemerkungen meiner Freunde und Bekannten…diese Asylanten….warum machen die das…wir sollten alle mal öfter von der eigenen Komfortzone weg hin zum realen Leben in der Wirklichkeit…..deine Worte haben mich wirklich sehr bewegt. Und Hut ab für deine Arbeit!

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  4. Dirgis (Sigrid) schreibt:

    Da bleibt einem jedes Wort im Hals stecken.

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  5. Zaphod schreibt:

    Ganz viel Liebe, Respekt und Dankbarkeit für Eure Arbeit. Schön, dass es Euch gibt.

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  6. freiedenkerin schreibt:

    Danke, dass ihr euch so für Flüchtlinge einsetzt. ❤

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  7. Herr Ärmel schreibt:

    Vielen Dank für diesen aufschlussreichen und erhellenden Bericht. In Südosteuropa kann man den Eindruck gewinnen, dass Mitteleuropa in einem anderen Sonnensystem angesiedelt ist. Und dass die Menschen dort kaum einen Schimmer davon haben, wie das Leben in den südosteuropäischen Ländern vor sich geht.
    Ich selbst habe es auch erst begriffen, als ich dort für einige Jahre lebte und z.B. lernte, wie die fünf Kriege Nachjugsolawiens verlaufen sind. Bis dahin gings mir wie vielen Menschen hier. Ich dachte, dass da alles ein Krieg wäre, der lediglich mehrfach wieder aufgeflammt wäre…

    Viel Erfolg für die weitere Arbeit!

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