Zweckgemeinschaft (01.10.2017)

Heute also beginnt die gebuchte Reise offiziell. Mit einer Stadtführung und dem Kennenlernen der Reisegruppe. Davor fürchten wir uns etwas. Also vor der Reisegruppe. Weder die Freundin noch  ich haben das jemals gemacht. Ich habe aber darüber schon mal in einem Blog gelesen. Wenn so jemand wie jene Bloggerin in der Gruppe ist… wie sind eigentlich so die georgischen Gefängnisse?

Wir treffen uns in der Lobby des Hotels. Kein vorsichtiges Antasten. Jeder wartet ab.

Außer eine. Die labert die Stadtführerin zu. Also eigentlich erklärt sie ihr, wie die Welt funktioniert.

Ach Du Scheiße.

Die Tour durch die Stadt ist im Prinzip die gleiche, wie wir sie gestern schon instinktiv gewählt haben. Nur das Wetter ist schlechter.

Weil Tbilissi sooft überfallen und zerstört wurde, sind die zu besichtigenden Häuser meistens nicht älter als 200 Jahre. Dabei wurde die Stadt schon im 5. Jahrhundert gegründet, von eben jenem Wachtang Gorgasali, den wir ja schon gestern besucht haben. Dass sich überhaupt hier Menschen, schon ein paar Tausend Jahre früher  ansiedelten, lag wohl am milden Klima (Tbilissi liegt in einem von Bergen umgebenen „Tal“) und an den Schwefelquellen, zur Bedeutung der Stadt trug sicher ihre geografische Lage bei, nämlich an der Kreuzung alter Karawanenwege gelegen. So kann man noch heute einige Karawansereien erahnen, manche zu Wohnhäusern umfunktioniert. Mit zugemauerten Eingängen und Toren, da braucht man schon eine Stadtführerin, die zu erkennen. Wir wollen ein solche ehemalige Karawanserei besichtigen, aber weil gerade irgendeine Wahlveranstaltung darin stattfinden soll und vorbereitet wird, können wir uns nur schnell die Toiletten ansehen. Immerhin.

Ebenso erging es uns an der Moschee, die ja gleich um die Ecke des Hotels liegt. Kein Zutritt. Wie gestern standen da wieder viele Bettler, die ganze Straße zur Moschee hinauf. Vor Kirchen stehen auch sehr viele Bettler. Vor der Synagoge nicht, fällt mir gerade auf. Möglicherweise haben die ein anderes System der Barmherzigkeit. Aber ich schweife ab.

Die Moschee liegt im Bäderviertel. Die Thermalquellen, aus den die öffentlichen Anstalten ihr Wasser beziehen, sind sehr schwefelhaltig, wirken antibakteriell, haben so zwischen 24 und 45° Wassertemperatur und entsprudeln alle dem Berg Mtabori. Die seltsamen Kuppeln, die ich Ihnen gestern schon auf Fotos zeigte, sind so eine Art Lichtquellen, da sie alle in der Mitte eine (verglaste) Öffnung haben. Die Bäder liegen nämlich samt und sonders unter der Erde.  Wir werden so ein Bad nach dem Viehtrieb ausprobieren, das verspreche ich der Freundin noch einmal.

An diesem Teil der Stadt und dieser Flussseite gefällt mir das Gassengewirr, dass sich nicht auf das Bäderviertel beschränkt, unterbrochen von großen breiten Plätzen, die früher als Basare dienten. Und  mit Stadtführern entdeckt man auch das Marionettentheater,  das schon von außen fasziniert. Zum Essen geht es runter an der Fluss (Tbilissi, die Altstadt liegt terrassenförmig angelegt zu BEIDEN Seiten des Flusses, der übrigens Mktwari heißt,  der Höhenunterschied zwischen dem tiefsten und dem höchsten Punkt des Zentrums beträgt 400m!) und essen in einem zum Restaurant umfunktionierten ehemaligem Bad.

Frau Erklärbärin sitzt neben der Stadtführerin und textet sie weiter zu. Gerade darüber, wie locker die Deutschen mit den Wölfen umgehen und wie verkrampft das die Schweizer tun, die eben stur seien. Ich setze kurz an, mich einzumischen, verzichte aber lieber, die beiden Schweizerinnen in der Runde gehen rauchen, ich gehe mit.

Frau Erklärbärin wird kaum zu ertragen sein, das steht fest. Ihr Mann dagegen ist still, trägt artig den Rucksack durch die Stadt und schweigt.

Wir essen die ersten Chinkali (Kinkali) und das, liebe Leserinnen und Leser, sind nichts anderes als Buusi, nur oben zu , viel größer und, ich entschuldige mich bei allen Georgiern, nur halb so lecker. Die Art sie zu essen, will auch gelernt sein. Am Zipfel packen, reinbeißen, Brühe ausschlürfen, essen. Außer den Zipfel, der bleibt auf dem Teller liegen. Gibt’s auch keine saure Sahne dazu.

Und auch hier, in diesem doch recht noblen Restaurant mit traditioneller georgischer Küche, gibt es kein Dessert. Kein georgisches. Das wird mich verfolgen. Eine Küche ohne Desserts, das gibt doch nicht.

Die Stadtführerin fährt nun mit uns Metro und läuft den Rustaweli-Prospekt ab. Die Gebäude stammen so etwa aus der Zeit um 1900. Weil der Prospekt aber breit ist und die Autos laut, fällt es ein bisschen schwer, zu genießen. Irgendeinen Charme kann ich eh nicht entdecken. Aber ein paar Kleinode. Immerhin.

Vom Hotel aus hat man einen guten Blick auf Wachtang Gorgasali, den legendären König, der das damalige Iberien vorübergehend in die Unabhängigkeit führte und als Stadtgründer Tbilissis gilt, und auf die Metechi- Kirche, die immerhin aus dem 13. Jahrhundert stammt und die ein König erbauen ließ, der später von den Mongolen hingerichtet wurde. Ich sagte es ja schon, Georgien war ziemlich beliebt als zu eroberndes Land. Wachtang I. kämpfte gegen die Perser.

Am Abend holt uns dann die „Deutsche Reiseleitung“ ab, wir treffen noch eine andere Gruppe, die machen eine 14-tägige Georgien-Rundreise und sind uns sofort sympathisch, wir laufen ins jüdische Viertel, erfahren von Steffi, die schon ne Weile hier lebt, dass frau sich eigentlich nirgends fürchten muss und betreten ein Wohnhaus. In dem gibt es zwei Restaurants. Wir nehmen das in der 1. Etage. Im Grunde ist das eine alte bürgerliche Wohnung. In einem Zimmer sitzen wir an einer langen Tafel und lernen die ersten Grundlagen eines georgischen Gastmahls und der Bedeutung des Tamadas.

Wir trinken auch zum ersten Mal  Chacha (sprich:Tschatscha) und weil wir noch keine Ahnung von den schädlichen Auswirkungen  dieses hochprozentigen Zeugs, dass Mann und Frau in der Bergen gern schon zum Frühstück trinkt, haben, gehen wir danach noch mit einem anderen zukünftigen Schicksalsgefährten  in eine Bar und trinken … Tschatscha.

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6 Antworten zu Zweckgemeinschaft (01.10.2017)

  1. freiedenkerin schreibt:

    So eine Erklärbärin kann einem schon die Reisefreude vergällen… Ich hoffe, ihr habt sie irgendwann zum Schweigen gebracht…

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  2. Zaphod schreibt:

    Das Traubengedönse sieht interessant aus. Haste nicht probiert? Wahrscheinlich gibt es dort so unendlich viel exotisches und fremdartiges Zeug, dass man gar nicht alles probieren kann 😀

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    • Inch schreibt:

      Wir haben welche gekauft. Wollten das in den Bergen essen. Wollten auch welche als Mitbringsel mit nach Hause nehmen. HAben wir dann alles nicht getan. Aus Gründen

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  3. Herr Ärmel schreibt:

    Klasse Fotos. (Und wieder Balkone 🙂 )
    Deine Reiseberichte lese ich zu gerne. Da ist man direkt dabei. Schade nur, dass du manches bloss anreisst. Oder auf später vertröstest….

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    • Inch schreibt:

      Hm. Das tut mir leid, ich habe mich versucht, kurz zu fassen. Wir sind aber später noch Mal in Tbilissi gewesen. Vielleicht wird da einiges näher betrachtet. Ansonsten: Frag doch einfach. Kommentieren kann ich auch ausführlich 😀

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