Der Weg zu den Hirten (3. Oktober 2017)

Als die Freundin das Video der Tschechen fand, schickte sie es mir mit den Worten Es hätte auch schlimmer werden können.

Also, da habe ich Ihnen am Dienstag spektakuläre Bilder gezeigt. Aber so schlimm hat es uns tatsächlich nicht getroffen.

Erstens geht es ab jetzt zu Fuß weiter (so jedenfalls der Plan), zweitens sind wir zu einer anderen Jahreszeit hier und drittens ist das Wetter besser.

Als ich am Morgen auf die Veranda trete, hat sich Neuschnee wie Puderzucker über Wiesen, Bäume, Häuser und Autos gelegt. Vermutlich auch über die Berge, aber die sehe ich nicht, die verschwinden im Nebel. Na toll, Inch fährt in den Kaukasus und kann ihn nicht sehen.

Nach dem Frühstück schmeißen wir unsere Rucksäcke in Lewans Jeep und machen uns mit unseren Spaßrucksäcken, Wanderstöcken und Kameras auf den Weg nach Girewi. Dort werden wir uns nur 10 km von der tschetschenischen Grenze entfernt befinden. Aber das wissen wir vor Ort nicht. Jedenfalls ich weiß eigentlich nicht so genau, wo ich bin. Georgien, Kaukasus, Tuschetien. Ich hatte keine Zeit und nicht den Druck, mich vor dem Urlaub vorzubereiten. Reisegruppe. Festplatte runterfahren. Wo wir danach hin wollen, in Georgien, nach der Rückkehr aus den Bergen, das weiß ich ganz genau.

Entlang des Pirkiti-Alasani- Flusses laufen wir gemütlich durch eine malerische Landschaft. Und Tiko erzählt schon mal ein bisschen von ihrer Heimat. Übrigens haben wir jetzt noch quasi eine dritte „Betreuerin“. Amalia kommt aus Armenien und arbeitet in einem Partnerunternehmen. Für sie ist zwar auch alles neu hier, aber sie muss sich an der Essenszubereitung und dergleichen beteiligen.

Das Wetter ist so – mau. Feucht, kalt, neblig. Trotzdem macht das Laufen Spaß.

Wir kommen am verlassenen Tuschendorf Parsma vorbei. Und steigen natürlich hinauf, uns das anzusehen.

So ganz verlassen ist es nicht, denn an einigen Häusern wird fleißig gebaut.

Die Tuschen wurden in den 1950er Jahren faktisch gezwungen, die Berge zu verlassen, um sie, die Tuschen, besser kontrollieren zu können. Aber der Reihe nach. Ich erzähle Ihnen, was ich behalten habe. Auf Vollständigkeit kann ich keine Rücksicht nehmen und sollte sich hie oder da ein Hör- oder Verständnisfehler eingeschlichen haben, dürfen Wissende mich gern korrigieren.

Sie kamen im 4. Jahrhundert als Flüchtlinge, die nicht so recht Bock auf die um sich greifende Christianisierung hatten. Später sind sie natürlich doch gute Christen geworden. Immerhin gibt es in Tuschetien, dass, wenn ich richtig gezählt habe, aus etwas zwischen 5 bis 10 Dörfern besteht, eine funktionierende Kirche. Dafür gibt es allerhand heilige Orte. Steinhaufen, Schreine, Wiesen, Haine. Die darf man nur auf bestimmten Wegen umgehen. Es gibt Wege für Männer und Frauen. Manche darf man nicht betreten. Ein paar mehr dürfen Frauen nicht betreten. Tiko meint, Ausländer meinten, das sei diskriminierend,  aber sie sieht das nicht so.

Glücklicherweise sind die Heiligen Orte umzäunt, so dass kein dummer Touri da rein tappt. Denn so gastfreundlich die Tuschen sind, so was können Sie gar nicht leiden. Sie essen auch kein Schweinefleisch. In den Bergen. Im Tal ist es erlaubt. Da, im Tal, leben die Tuschen im Winter. In den Bergdörfern im Sommer. Es gibt ein paar Menschen, die auch im Winter „oben“ bleiben, die sind dann freilich ein paar Monate sehr isoliert.

So, jetzt wird es kompliziert. Jeder Tusche gehört zu einem Kreis oder Clan, ich habe das nicht genau verstanden. Irgendwo habe ich gelesen, dass sie sich in Talschaften aufteilen. Aber Tiko hat von Kreisen gesprochen und im Prinzip war jeder, den wir getroffen haben, ihr Cousin oder Onkel, respektive Cousine oder Tante.

Es ist ein Volk der Schäfer und Hirten, was erklärt, warum sie Sommer- und Wintersitze haben. Vermutlich war das aber nicht immer so, denn in den Bergen stehen überall eine Art Wachtürme, auch in den Bergdörfern. Von da aus konnten sie sehen, wenn wieder mal jemand anrückte, in ihr Land einzufallen, dann fungierten die Türme auch als Signal- und Nachrichtentürme, die mittels Feuer- und Rauchzeichen übertragen wurden (die Nachrichten)

Die Familien flohen dann in die Täler, wenn genug Zeit blieb, oder in die Wehrtürme in den Dörfern. Da war der Eingang weit oben, nur über eine Leiter erreichbar.

Sie waren als Krieger sehr hoch angesehen.

Den Sowjets waren sie wohl etwas zu selbstständig und eigensinnig, man könnte auch unabhängig sagen. Deshalb mussten sie in den 1950er Jahren ihre Bergdörfer verlassen.

Das alles erzählt uns Tiko, während wir durchs Dorf tapsen und wie wild fotografieren.

Mir wird ganz komisch. Das kann nicht am Plumps- Hock- Klo liegen. So was kenne ich. Das kann auch nicht an der Höhe liegen, wie Steffi meint. Höhe bin ich gewöhnt.

Trotzdem ist mir komisch. So leicht übel und schwindelig.

Unten wartet Lewan, der inzwischen vorgefahren ist und die Mädchen bereiten das Picknick vor.

Mir ist immer noch komisch.

Ich glaube, ich steige lieber zu Lewan in den Jeep und fahre mit zum „Hotel“.

Dort lege ich mich mit Schlafsack und Tee ins Bett.

Und sterbe.

Inzwischen sind die anderen da. Weil es regnet, können sie nicht ins Hirtencamp, sondern die Schäfer kommen runter. Ein Schaf wird geschlachtet und zu Schaschlik verarbeitet.

Ich versuche mal kurz, ob es  mir besser geht. Mir ist nicht mehr schwindelig.

Dafür.

Naja. Ich bräuchte eine Toilette zur alleinigen und dauerhaften Benutzung. Gibt’s doch nicht. Das hatte ich noch nie. Heute morgen habe ich noch erzählt, wie ich mit einer anderen Freundin öfter urlaubte, sie danach mit Ruhr und dergleichen in der Quarantänestation landete und ich aus Sicherheitsgründen zu Hause bleiben musste. Und jetzt bin ich der Pflegefall.

Ich krieche wieder ins Bett. Mit trocken Brot und bitte nur abgekochtem Wasser.

Draußen tobt die Party.

Ich könnte heulen.

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Über Inch

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6 Antworten zu Der Weg zu den Hirten (3. Oktober 2017)

  1. Zaphod schreibt:

    Wilde Gegend. Etwas weniger Nebel hätte den Fotos sicher gut getan, aber auch so sehr faszinierende Aufnahmen, der Blick zurück z.B., die Wehrtürme oder der Wachturm von Girewi.
    Erdbeben gibt es da wohl nicht, bei der Bauweise der Häuser wäre ich sonst höchst misstrauisch *g*

    Und alles so spartanisch, dass ich da nicht unbedingt krank werden möchte. Gleich mal weiterlesen, ich hoffe Du hast das schnell überstanden.

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    • Inch schreibt:

      Von Erdbeben haben wir nichts gehört. Nicht dort. Aber es gibt Lawinen. Und das Zeug, aus denen die Jahrhunderte alten Häuser gebaut sind, liegt da rum. Und fällt eben manchmal runter. Wenn es taut zum Beispiel. Oder viel regnet. Auch wenn Ziegen oder Schafe meinen, da oben den einen Grashalm fressen zu müssen, treten sie gern mal was los. Da muss man bissl aufpassen. Die Häuser, die bauen die übrigens ohne Mörtel. Die Schiefer werden nur sehr geschickt übereiander gestapelt. So wie die Mauern in Schottland, die als Einfriedungen dienen. Nur hier eben Häuser. Schläft man in so nem Haus, muss man bissl aufpassen, wenn kein Teppich an der Wand hängt. Da rieselt sonst gern mal Dreck runter. Also Steindreck.

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  2. Herr Ärmel schreibt:

    Die Fotos zeigen meiner Meinung nach die Landschaft sehr eindrücklich. Dort würde ich auch gerne mal fotografieren.
    Hoffentlich hast du dich rasch wieder erholt.
    Schnell weiterlesen….

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  3. Herr Ärmel schreibt:

    Was ich noch sagen wollte. Es verwundert mich immer wieder, welche Rituale in abgelegenen ruralen Regionen gepflegt werden. Wir Mitteleuropäer verstehen da ganz viel nicht mehr… Eine Kirche nur einer bestimmten Seite zu betreten.
    Dieses Heiligtum darf nur von Frauen berührt werden, jenes dort drüben aber auf keinen Fall…

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    • Inch schreibt:

      Ja, ich finde aber genau das spannend, wenn Rituale oder Traditionen erhalten geblieben sind und gelebt werden. Ob ich manches gut finde oder nicht. Da maße ich mir kein Urteil an. Leider ist bei uns schon viel zu viel verloren gegangen. Ich kenne ja noch einige Gebräuche aus meiner Kindheit. Einer davon wird grad von Halloween verdrängt…
      Aber ich schweife ab.
      Jedenfalls, gelebte Traditionen, deshalb fahre ich gern an Orte, wo die noch zu finden sind. Oder sagen wir mal so, ich freue mich, wenn ich an Orten, zu denen ich fahre, so etwas finden kann. Auch wenn sie mir manchmal merkwürdig erscheinen

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      • Herr Ärmel schreibt:

        Genau, diese gelebten Traditionen sind so anziehend. Und vielleicht reizen sie uns so, weil bei uns immer mehr traditionelle Rituale verloren gehen oder durch reine Konsumrituale ersetzt werden sollen. Stichwort Halloween.

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