Wie man es Touristen warm und gemütlich macht (5. Oktober 2017)

15 km soll es heute gemütlich durch die Schluchten Zentraltuschetiens gehen. Es werden etwas mehr. Aber die Kilometerangaben werden eh immer nach unten retuschiert angegeben, wohl um uns nicht zu demotivieren.

Aber zunächst laden wir, oder besser Lewan, die Rucksäcke auf den Jeep. Also nach dem Frühstück. Dann quetschen wir uns alle in den Jeep. 10 Männer und Frauen. Und Lewan.

Die Hirten meinten, wir seien gestern zu spät los gegangen und wollen heute eher starten. Schaffen wir natürlich trotz aller guter Vorsätze nicht. Die Herden sind schon unterwegs, als uns Lewan aus dem Jeep schmeißt.

Um durch Schluchten zu laufen, müssen wir freilich erst mal runter. In die Schluchten.

Das geht über Stock und Stein. Gut, dass ich gute Bergschuhe habe und Wanderstöcke. Die Hirten laufen in Gummistiefeln.

Heute sollen sich die Schafe (und anderen Grasfresser) ausruhen und viel fressen, bevor es morgen über den Pass geht. Vielleicht meiden die Hirten deshalb jeden einigermaßen begehbaren Weg, wo er sich vermeiden lässt. So können Schafe, Esel, Ziegen überall ein bisschen fressen. Was nun wiederum ziemlich viel Arbeit für die Hirten bedeutet (in unwegsamen Gelände sind wir keine Hilfe, auf großen, fast ebenen Wiesen schon), denn Schafe und Ziegen laufen lieber nach links und rechts, um den besonders leckeren Grashalm dahinten zu erhaschen, statt geradeaus nach unten oder, später auch, nach oben.

Wir kommen nach Upper Omalo, wie es im Englischen heißt. Oder Alt- Omalo, wie es auf Deutsch heißt. Oder Semo Omalo, wie es auf tuschetisch oder georgisch heißt.

Hier standen ursprünglich 13 Wehrtürme, das ist Kesolo (Festung).  Die wurde im 13. Jahrhundert gebaut, als die Mongolen  gerade versuchten, sich das Land unter die Nägel zu reißen. Die Tuschen bauten sie, um darin Schutz zu suchen. Und so fanden sie auch Schutz in dem Keselo, als später immer mal wieder Stämme aus Dagestan „rüber“ kamen, um ein bisschen zu erobern und zu rauben. Und vor allen anderen folgenden Eroberern und Räubern. Schließlich war und ist Omalo der Hauptort Tuschetiens. Es liegt quasi im Tal, nämlich auf 2050m. Heute verlassen die meisten Bewohner den Ort im Winter, aber früher war das sicher anders. Schließlich lag und liegt die Region leicht abgeschnitten vom übrigen Georgien.

In Semo Omalo gibt es sogar eine recht noble Herberge. Also von außen vermutet man es ja nicht, aber die Fotos auf der Website, ja das Gasthaus hat eine Website, belehren den misstrauischen Mitteleuropäer eines besseren.

Auch in Omalo, egal ob oben oder unten, alt oder neu, sind die meisten Häuser in der typischen Schieferbauweise errichtet. Ohne Mörtel. Nur eben sehr exakt geschichtet. Und so halten sie und stehen da seit ein paar hundert Jahren,

Weil Upper ja oben liegt, müssen wir dann freilich runter, nach Neu- Omalo. Da gibt es sogar einen Minimarkt. Aber den verpasse ich, weil ich mich mit der Bäckerin unterhalte und dann den anderen hinterher hetzen muss, denn tuschetische Hirten warten nicht auf neugierige, schwatzhafte Inchtouris.

Die Bäckerin hat einen Universitätsabschluss. Als Deutschlehrerin. Sie hat auch als solche gearbeitet, als Georgien noch die Georgische Sozialistische Sowjetrepublik war und die Tuschen  nicht in ihren Bergdörfern leben durften.

Heute braucht man in Georgien keine Deutschlehrerinnen mehr. Heute lernen die Kinder in den Schulen Russisch und Englisch als wichtigste Fremdsprachen. Meine neue Bekanntschaft konnte sich mithilfe von „Brot für die Welt“ eine neue Existenz aufbauen, nämlich ihre kleine Bäckerei. Dafür ist sie sehr dankbar, fast habe ich das Gefühl, sie bedankt sich bei mir persönlich. Freilich kann sie ihr Geschäft nur im Sommer betreiben. Im Winter zieht sie mit der Familie ins Tal. Dort jobbt sie ein bisschen als Bibliothekarin.

Ich würde gern noch viel mehr wissen, aber, wie ich schon sagte, die Hirten. Und Inch lost in Tusheti ist nun auch nicht erstrebenswert, zumal ich immer noch, nuja, Probleme habe.

Es geht bergab über Wiesen und die Herde kommt  mir vor wie ein Ameisenhaufen. Aber dann gibt’s zum Glück eine Fresspause. Für Schafe, Ziegen, Esel, Pferde und Kühe.

Wir beehren ein Restaurant gleich neben der Weide. Auf meine Nachfrage stellt sich heraus, hier leben keine Cousine und kein Cousin Tikos, das Anwesen gehört Freunden.

Wir genießen die Kaffe/ Teepause. Dazu gibt es Kekse und die, die nicht ihre Zeit mit dem Gequatsche mit Einheimischen vertrödelt haben, packen ihre Schätze aus. Cola (soll ja auch gegen Durchfall helfen, ich bin längst nicht mehr die Einzige) und aus heimischen Supermärkten vertraute Riegel.

So laufen wir einigermaßen gesättigt zu den Herden zurück, nur um zu erfahren, dass die Hirten beschlossen haben, hier zu mittagessen.

Toll.

Aber es wird bis zum Abend nichts geben. Die Riegel sind bis auf Notrationen aufgefuttert. Es scheint nur vernünftig, zu essen. Übrigens, wer sich auf dieser Tour kein Wasser einsteckt, muss Wein trinken. Oder Tschatscha.

Die Hirten, die mit uns im Kreis sitzen, sind sehr sehr schüchtern. Trauen sich kaum, zu essen. Die Wahrheit ist, dass sie erst, als wir aufstehen, richtig zulangen. Dann stopfen sie sich hastig etwas zwischen die Zähne und machen sich kauend wieder an die Arbeit.

Es geht weiter bergab. Bis wir endlich in der Schlucht angekommen sind.

Und nun geht es zwei Stunden lang tatsächlich durch die Schlucht. Das ist so angenehm, dass ich verwirrt und enttäuscht bin, als Tiko sagt, dass hier Schluss ist für heute.

Weils aber steil bergauf ins „Hotel“ geht, steige ich mit den Mädels wieder zu Lewan in den Jeep.

Da bin ich heute noch froh, denn dort kann ich live erleben, wie man aus einer Art Terrasse einen beheizten Raum macht. Sehen Sie sich die Bilder an. (Und lesen Sie darunter weiter)

Shtrotta, wie das Hotel heißt, oder der Hof oder der Ortsteil, gehört zu Kisho.  Wir fragen nicht. Es ist zu kalt. Trotz aller Versuche. So ziehen wir nach dem Abendbrot zu den alten Leutchen in die Schlaf-Wohn-Küche. Aber da ist es nun wieder zu warm, vor allem, wenn man am Ofen sitzt. Trotzdem ist es ein lustiger Abend. Man kann sich Russisch verständigen. Vier der sieben Touristen können das. Die alte Frau kramt sogar noch ein paar deutsche Worte aus ihrem Gedächtnis.

Es gilt, nicht auf Toilette zu müssen, wenn frau und man erst mal im Bett liegt. Denn die Toiletten sind draußen. Und die Spülung ist eine Wasserflasche, die frau vorher ganz draußen an einem Wasserhahn auffüllen muss.

Natürlich muss ich nachts raus. Die anderen auch. Wenn einer  muss, werden die anderen wach und müssen auch. Gefühlt schlafe ich nur zwei Stunden. Wenigstens ist es im Schlafsack warm, dank meiner Trinkwärmflasche.

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7 Antworten zu Wie man es Touristen warm und gemütlich macht (5. Oktober 2017)

  1. gedankenarchivar schreibt:

    Beeindruckende Fotos! Auch der Bericht klingt richtig abenteuerlich!

    Gerne mehr davon!

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  2. Herr Ärmel schreibt:

    Wahnsinn, die feinen Fotos von den Viehtrieben. Und was du vom Verhalten der Hirten schreibst, dass die erst gegessen haben, wenn ihr fertig wart. Von denen könnte ich bestimmt einiges lernen. Aber wie immer, die gemeinsame Sprache fehlt. Das ist im südamerikanischen Urwald nicht anders..

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  3. Dirgis (Sigrid) schreibt:

    Ohweh, bei russisch hätte ich passen müssen. Trotz 8 Jahren gezwungenermaßen in der Schule ist bis auf ein paar Brocken nichts mehr vohanden.
    Ansonsten traumhafte Bilder.

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  4. Zaphod schreibt:

    Krasses Hotel. Also das erste, das andere würde ich ja direkt als Hotel durchgehen lassen. Und krasser Viehtrieb. Und krasse Berge. Und und und.

    Mir kam ganz kurz der Gedanke, dass ein weiteres Teilnehmen der seltsamen Dame aus Teil 1 und 2 durchaus für Amüsement hätte sorgen können. Hätte mich schon interessiert wie die mit Durchfall und Außenklo zurechtgekommen wäre :D.

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