Der übliche Schock (7. Oktober 2017)

Wenn man aus dünn besiedelten oder sehr armen Gebieten in Großstädte kommt, wenn die Menschen in jenen dünn besiedelten oder sehr armen Gebieten auch noch, wie es uns scheint, recht archaisch leben, die Großstadt aber modern ist oder sich zumindest den Anschein gibt, erlebt man eine Art Schock.

Ich erlebe eine Art Schock.

Jedesmal.

Wenn ich aus dem armen Rumänien kam in das für Ostblockverhältnisse unglaublich reiche Budapest und auch als ich Jahre später aus der rumänischen Maramures in die ungarische Hauptstadt kam.

Ich stehe dann immer etwas fassungslos da. Die Menschen sind mir viel zu viel, es ist zu laut und die Probleme der gestressten Einwohner scheinen mir lächerlich, wohl wissend, dass genau diese Probleme in spätestens zwei Wochen wieder meine eigenen sein werden. Je nachdem, wie lange ich mir die Gelassenheit bewahren kann.

Als mich der Greyhound seinerzeit über Nacht von den Amischen direkt ins Herz New  Yorks katapultierte, wollte ich die Stadt sofort wieder verlassen. Zum Glück ging das  nicht, weil ich ja abhängig vom Flieger war. Zum Glück, weil New York sich  als spannender, faszinierender Ort entpuppte.

Als wir nach Tbilissi kamen, waren wir auch geschockt. Zwar hatten wir uns am Abend vorher in unserem Nobelrestaurant in Kachetien schon etwas an die Zivilisation gewöhnen können, aber die georgische Hauptstadt erwartete uns mit dem jährlichen Stadtfest. Und Stadtfest oder überhaupt Fest bedeutet in Georgien, dass alle, wirklich alle auf der Straße sind. Und ich meine jetzt nicht nur die Einwohner. Denn überall sitzen Frauen und Männer und verkaufen, was sich verkaufen lässt. Jeder kann irgendetwas schnitzen, stricken, kochen, backen, häkeln, malen, filzen, anbauen.  Und wer nichts kann, kann wenigstens Kinder schminken. Übrigens, diese Art der Kinderbespaßung obliegt in Georgien, wie  bei uns ja eher üblich, nicht den Frauen, sondern den Männern. Wer all das nicht kann, kauft eben Wasser oder Luftballons und verkauft sie wieder. Dazwischen wird überall, wirklich ÜBERALL gegrillt. Die nobelsten Restaurants werden zu Grillbuden. Dazwischen räumt jeder zweite Bewohner seinen privaten Grill raus und verkauft, ja was schon, Schaschlik. Schaschlik ist übrigens eine georgische Erfindung, die sich über das gesamte russische Reich verbreitet hat und auch in Georgien heute unter seinem russischen Namen, Schaschlik eben, geliebt und zelebriert wird.

Und wer wirklich gar nichts kann, der bettelt. Teilweise auf sehr kreative Weise, wenn ich das mal positiv ausdrücken darf. Aber dazu später.

Wir fahren also im Kleinbus nach Tbilissi.

Der Freundin ist schlecht. Es dauert eine Weile, eher wir sie dazu überreden können, sich doch bitte vor zum Fahrer zu setzen. Die Schweizerinnen haben Durchfall. Ich irgendwie auch wieder. Der Fahrer tut mir leid, der sichtlich Angst um seinen schönen neuen Kleinbus hat. Dazu die hysterische Fracht (der Hamburger ist der einzige verbliebene Mann, da das Pärchen beim Chef des Unternehmens im Auto sitzt). Als er fast eine Hündin mit Welpen überfährt, ist das Gekreische groß. Und dann muss er natürlich ab und an mal halten. Und zwar jetzt hier sofort. Weil die eine Luft braucht und die andere einen Busch und Papier.

Was gut ist am Reiseveranstalter, ist, dass er uns nicht am Hotel im Bäderviertel absetzt, wo ja die Tour offiziell endet, sondern zu unserem Hostel bringen lässt. Das liegt in Neu- Tbilissi. In einer Fußgängerzone. Später erfahren wir, dass die Einwohner die Straße als Touristraße bezeichnen. Tatsächlich reihen sich hier Bars, Cafés und Restaurants aneinander, dazu Hostel und Souvenirshops. Wissen wir aber nicht, als wir aus dem Bus hopsen und uns durch das Gedränge oben beschriebenen Straßenfestes wühlen.

Unser Hostel liegt in einem typischen georgischen Hinterhof. Die Stadtführerin hatte uns vor einer Woche extra so einen gezeigt. Nun wohnen wir in einem. Das Zimmer ist eng und hat nur ein winziges Fenster. Ich habe versucht zu fotografieren. Es ist auch nicht abschließbar. Es sei ja immer jemand da, meint der junge Mann. Der gehört zu der Familie, die die Unterkunft betreibt und die wohnt auch hier. Man trifft sie ständig in der Küche. Die liegt Richtung Hof quasi im Keller. Aber in die andere Richtung ist noch ein Hof, da liegt die Küche im Erdgeschoss. Es gibt eine Toilette für Hostel und Familie. Da ist auch die Dusche drin. Das wird hart für leicht kränkliche Mitteleuropäer.

Wir packen aus, richten uns ein und schlafen erst mal eine Runde.

Dann laufen wir zum Bäderviertel. So groß ist Tbilissi wirklich nicht, scheint es. Auf dem Maidan treffen wir die Schweizerinnen und den Hamburger. Auch das Pärchen kommt noch mal kurz vorbei, um Tschüß zu sagen,, muss aber weiter, weil es bei Freunden eingeladen ist, bevor es weiter nach Sarajevo geht.

Wir fünf suchen und finden tatsächlich eine etwas ruhigere Gasse mit Restaurants. Wir sitzen draußen. Es ist warm in Tbilissi. Was für ein Genuss. Und. An diesem Abend sehr wichtig. Von dem die ganze Stadt einnehmenden Geruch nach Schaschlik und dem Qualm der Grills und Öfchen ist hier fast nichts zu spüren.

Die Schweizerinnen werden weiter ans Meer fahren und geben uns wertvolle Tipps für den Zugticketkauf.

Wir werden uns morgen erst mal in das Stadtfest stürzen. Jepp.

Fotos wie immer. Drauf klicken = groß gucken. Und. Morgen gibts wieder mehr Fotos

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4 Antworten zu Der übliche Schock (7. Oktober 2017)

  1. freiedenkerin schreibt:

    Ich mache zwar bei weitem keine so abenteuerlichen Touren wie du, aber den Schock kann ich irgendwie nachvollziehen. So etwas Ähnliches empfinde ich auch jedesmal, wenn ich vom Ausland – Italien, Griechenland oder Amerika – wieder zurück nach Deutschland komme.

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  2. Herr Ärmel schreibt:

    Diesen Zivilisationsschock kenne ich auch. Und ich habe den Eindruck, dass der sich in letzten Jahren noch verstärkt hat.
    Inzwischen geht mir das hier im Rhein-Main-Gebiet schon so, wenn es sich nicht vermeiden lässt, in der Städte fahren zu müssen…
    Und wieder eindrucksvolle Fotos. Schönen Dank dafür.

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  3. Zaphod schreibt:

    Und wie schmeckt so ein Original Schaschlik nu? Oder haste etwa nicht probiert?

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