Heute kein Kosten (8. Oktober 2017)

Im Hostel, unten im Keller, in der Küche, da sitzen die Besitzer und rauchen. Als ich gestern Abend draußen auf dem Hof stand, haben sie mich extra darauf hingewiesen.

Ich bin zwiegespalten. Einerseits ist das natürlich komfortabel. Andrerseits stört es mich.

Aber früh am Morgen, wenn das Hostel noch schläft, ist das ok. Ich muss ja zeitig raus, weil ich die erste auf der Toilette sein will.

Zwei Moldawier sind schon da. Und rauchen.

Das sind Roma.

Also eigentlich weiß ich nicht, ob es Roma sind oder Sinti oder. Der Mann erklärt mir stolz, dass sie Gipsy aus Moldawien sind. Hm. Als politisch korrekter Mensch darf ich nicht Zigeuner sagen. Aber leben in Moldawien Roma? Oder Sinti? Oder? Ich frage nicht. Denn wenn sie oder sind, sind sie vielleicht beleidigt, weil ich zwar Roma und Sinti „kenne“ aber nicht sie. Die Welt ist kompliziert.

Sie laden mich zum Essen ein. Ich lehne dankend ab. Ich würde ja gern, aber…

Was das Essen  betrifft, verhalten wir uns inzwischen leicht paranoid.

Die Freundin hat gelesen, dass man auch die Zähne nur mit gekauftem Wasser putzen soll. Also tun wir das. In Gaststätten trinken wir nur aus geschlossenen Flaschen bzw. Dosen, denn wir trinken hauptsächlich Cola. Soll ja helfen. Ich glaube, in Georgien habe ich soviel Cola getrunken wie in den letzten 30 Jahren zusammengenommen. Frisches Gemüse kommt nach wie vor nicht auf den Tisch. Alles muss gekocht, gebraten, gebacken sein. Deshalb kann ich zum Glück auch Kaffee trinken. Ok, die aufgeschäumte Milch…

Aber wir sind eh chancenlos. Inzwischen haben wir erfahren, dass es hier eine sehr lange Hitzewelle gab und irgendein Virus oder irgendwelche Bakterien jeden Ausländer flach legen. Es soll schon ganze Reisegruppen ermittelt haben. Und sogar Georgier.

Zum Frühstück gibt’s Bananen und Salzstangen. Wir kaufen nur noch, was gut verpackt ist, am besten in Mitteleuropa zubereitet wurde und irgendwie hilft.

Dann wackeln wir zur Apotheke.  Die Frau hinterm Tresen grinst, verkauft uns jedem eine Packung Diarrh-Limit und schärft uns ein, alle 6 Tabletten nach Anweisung und bis zum Schluss zu nehmen. Ich kaufe noch Antibakterielle Tücher dazu. Ich hasse Menschen, die sich nach Benutzung von Toiletten die Hände derart reinigen. Ich bin paranoid.

Straßenfest ist überall in der Stadt. Sogar auf den Dächern der Bäder. In den engen Gassen der Altstadt ist kaum ein Durchkommen und die Plätze wie der Maidan oder der, wir nennen ihn Europaplatz, sind überfüllt.  Wir versuchen auch die Stadt zu fotografieren, was angesichts der Menschenmassen ein schwieriges Unterfangen ist. Die Bettler haben ihre Plätze vor den Kirchen und Moscheen verlassen. Oder es sind heute einfach mehr. Manche ziehen eine echte Show ab. Schmeißen sich mitten auf den Gehweg oder Platz, liegen da und zittern und schreien. Das ist ziemlich übel und animiert mich nun nicht gerade dazu, etwas Kleingeld herauszugeben.

Oberhalb des von uns so getauften Europaplatzes gibt es Kinderreiten. Die, die die Pferde führen, sind keine reitdenden Mädels wie hierzulande. Mir sehen sie eher, ja, wie „unsere “ Hirten aus. Ich hoffe, die da haben noch Herden und das hier ist nur ein kleiner Nebenverdienst. Glücklich sehen sie dabei allerdings nicht aus.

Wir lassen uns treiben. Gern würden wir Schaschlik essen. Oder diese Süßspeisen, die die alten Frauen da zusammenrühren. Oder Freundin, guck mal, DAS sieht ja auch sehr lecker aus. Was das wohl ist?

Es ist zum Heulen. Ich achte nie auf die Ratschläge für Touristen. Esse und probiere am liebsten auf der Straße. Doch an diesem Sonntag bin ich ganz brav. Die Freundin auch. Nur einmal wollen wir Kinkali kaufen, aber die Frau, die die verkauft (es ist nicht dieselbe, die die Kinkali zubereiten), scheucht uns davon.

So essen wir brav im Restaurant. In der Touristraße. Abends. Und unterwegs eben Bananen und verpackten Scheiß aus dem Westen.

Und geröstete Nüsse. Eine Ausnahme wird ja wohl erlaubt sein.

Zum Glück gibt es genug zu sehen. Und ich könnte ja Socken für die ganze Familie kaufen. Aber es gibt weder ganz kleine  für die Enkel noch ganz große  für die mit Schuhgröße über 40. Aber so eine gefolizte Tasche? So eine Marienkäfertasche? Die ist doch wie gemacht für Prinzessinnen. Und die Omi legt mir noch eine Haarspange dazu. Auch gefilzt. Versteht sich ja von selbst.

Und dann wird überall getanzt und Musik gemacht. Am meisten dort nahe der Brücke, den Platz finden wir nur zufällig, weil wir mal einen anderen Weg gehen wollten. Und wenn Sie sich wundern, dass die Bilder so unscharf wirken, ja, da war überall Rauch. Wie Nebel. Von den Grills.

Die Frauen rennen mit Blumenbändern im Haar rum. Die Freundin auch. Ich nicht.

Und es ist Sommer.

Ein schöner Tag. Vom gestrigen Schock nichts mehr zu spüren. Tbilissi ist noch schöner, wenn die Einwohner feiern.

Als wir zurück laufen, verlaufen und fürchten wir uns etwas, so gruselig sieht das Viertel aus. Aber die Männer sind nett, winken und schreien uns nach und zeigen uns, wo es lang geht zur Fußgängerzone in Neu- Tbilissi. Da wo die Touris wohnen und alles etwas sauberer scheint.

Die Hostelmama hat unsere Wäsche von der Leine genommen und zusammengelegt ins Zimmer getan. Währenddessen sitzen wir ganz lange in der Touristraße draußen auf einem Freisitz und sehen dem Treiben zu. Denn Einwohner gibt’s ja auch hier. Und es ist Sommer.

Achtung: Heute gibt es sehr viele Fotos.

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9 Antworten zu Heute kein Kosten (8. Oktober 2017)

  1. freiedenkerin schreibt:

    Faszinierend! Und fremdartig, exotisch, neugierig machend – als kämen deine Bilder teilweise von einem anderen Planeten.

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  2. Herr Ärmel schreibt:

    Da du dich noch nicht verabschiedet hast von deinen virtuellen Reisebegleitern, darf ich auf weitere Berichte hoffen. Fein!
    Deine Fotos reizen meine Reiselust. Und wenns auch lediglich hier in Deutschland ist. Auch ein exotisches Essen. Wenn auch nicht eben Undefinierbares aus Plastikkübeln 😉
    Aber so ein Schafsschaschlik ist bestimmt lecker…

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  3. Zaphod schreibt:

    Wenn da jeder zweite einen Grill aufbaut, wer isst dann die ganzen Fleischberge? *g*
    Normalerweise würde ich auch alles probieren wollen, aber wenn man schon schlechte Erfahrungen gemacht hat will man die nicht unbedingt sofort wiederholen, insofern ist Deine „Paranoia“ mehr als verständlich. Schaschlik und Kinkali sehen allerdings aus als könnte man das versuchen, immerhin ja gekocht bzw. gegrillt.

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  4. ostnomade schreibt:

    Ein wundervoller Bericht ist das wieder geworden! Ach ja, in Moldawien gibt es Roma. Und viele Doppelstaatler mit Rumänien.

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    • Inch schreibt:

      Das mit den Doppelstaatlern wusste ich. So wird der Moldawier dann zum EU- Bürger ;). Nur mit den Roam war ich mir echt nicht sicher. Aber jetzt wo Du das mit Rumänien erwähnst… bei ein bisschen Nachdenken hätte ich drauf kommen können

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