Stalin, Krieg und Gastfreundschaft (11. Oktober 2017)

Weil es so preiswert ist, haben wir uns 1. Klasse gegönnt. Zum Glück. Denn die 1. Klasse ist ein Witz. Eher schlechte 2. Klasse. Dafür ein Riesen Tamtam beim Einsteigen. Mit Tickets und Passport und allem Drum und Dran. Das haben die Georgier sich schön beibehalten aus Sowjetzeiten.

Die Freundin und ich sitzen eigentlich getrennt (wer verkauft Sitzplätze an zwei Personen, die zu zweit am Schalter stehen und kaufen, die nicht benachbart sind? Also wir wissen ja, wer uns diese Sitzplätze verkauft hat. Aber warum? Warum tun Menschen so etwas?  Woher kommt diese Art Ignoranz?  Oder Arroganz? Sind diese Art Menschen der Meinung, dass andere Menschen, die etwas von ihnen wollen, dankbar zu sein haben, dass sie sich und ihre kostbare Arbeitszeit überhaupt diesen … Bittstellern, diesen Nobodies, diesen Normalos  widmen dankbar zu sein haben und alles hinzunehmen haben, was diese Menschen ihnen hinwerfen? Ist es eine Form von Machtgefühl? Dabei war die Schalterbeamte nicht mal unfreundlich. Wir hatten nicht, wie so oft in Russland, das Gefühl, dass wir sie in ihrer Arbeitszeit stören, eindringen in ihren Schlummer und es im Prinzip eine Frechheit unsererseits darstellt, dass wir sie an ihrem Arbeitsplatz stören. Die Sitzplätze, die sie uns dann verkauft hat, zeigen aber, dass sie das mit den Kunden und den Dienstleistungen doch noch nicht ganz kapiert hat. Egal), weil der Wagon aber fast leer ist, sitzen wir doch zusammen und der kontrollierende Schaffner, der natürlich noch mal währende der Fahrt gucken muss, ob wirklich nur Leute mit korrektem Ticket an ihm vorbei in den Zug gelangt sind, stört sich nicht einmal daran.

Dumm ist, dass wir nicht so recht gefrühstückt haben, weil wir glaubten, 1. Klasse, da gibt’s Kaffee und mindesten Snacks zu kaufen. Da kommt so jemand mit Rollwägelchen durch. Ist natürlich absoluter Blödsinn.

Die Fahrt nach Gori dauert auch nur eine Stunde, wir müssen also nicht den Hungertod sterben. Dort, in Gori, stürzt sich sofort ein Taxifahrer auf uns. Den brauchen wir auch, denn wir haben keinen Plan von der Stadt, im wörtlichen Sinn. 5 Lari will er für die Fahrt, als er uns dann aber vor dem Gasthaus absetzt, will er nur noch 3. Die Fahrt ist nicht allzu weit, und das, was wir von Gori sehen, sieht ganz gruselig aus. Das mag am Regen liegen, aber ich weiß nicht…

Im Gasthaus sind wir viel zu früh. Die Zimmer sind noch belegt, heißt es, im Speisezimmer sitzen Polen und frühstücken, ich krame schnell eine polnische Begrüßung aus den Tiefen meines Gehirns und dann werden wir schon in einem Gemeinschaftsraum geparkt.  Von dem gehen zwei Zimmer ab, eins wird unseres und nach einer Stunde Warten bekommen wir sogar noch Frühstück.

Genial.

Das Ehepaar vermietet wohl, um Gäste zu haben und Unterhaltung, das wird ganz schnell klar. Sie sind herzensgut und sehr kommunikativ. Natürlich, wie alle Georgier, können sie über 500 Jahre zurückliegende Kriege und Metzeleien klagen, als wären sie… aber das hatte ich Ihnen ja schon erzählt.

Wir müssen erst mal wieder Ausschlafen. Dann geht es ins Stadtzentrum.

Gori also. Sowohl mein etwas älterer Reiseführer als auch die Ausgabe von 2017 schreiben „ Die Stadt selbst ist wenig interessant, aber als Ausgangspunkt für Ausflüge in die Umgebung bestens geeignet“. Genau deshalb sind wir hier. Und wenn wir schon mal hier sind, da müssen wir natürlich –  ins Stalinmuseum.

1999 lebten in Gori noch abchasiche Flüchtlinge und vor dem Museum stand das letzte  Stalindenkmal der ganzen ehemaligen UdSSR, in der 2017er Ausgabe ist davon keine Rede mehr.  Immerhin, in Gori gibt es eine Festung, eine Felsenfestung, die wir von der Stalinallee (!!!) aus auch sehen können. Schon im Jahr 65 nach Chisti erlangte sie gewisse Bekanntheit , als sie dem Ansturm der römischen Legionen unter Pompeius standhielt.  Die Festung scheint vom Zentrum aus gut und schnell erreichbar, doch wir lassen sie im wörtlichsten Sinne links liegen, wir wollen zum Museum am Ende der Allee.

Dort stehen wir erst einmal vor einem von einem marmornen Schrein überdachten Ziegelhäuschen, hier wurde Jossif Wissarioniowitsch Dschugaschwilli geboren. Der Priesterlehrling, der sich später Stalin nannte.

Während wir so noch rumstehen und Witze machen, kommt ein Reporter von Al Jazeera und interviewt mich zum Stalinmuseum. Ja, da waren wir ja noch gar nicht drin. Trotzdem will er wissen, warum wir hinein wollen und was wir erwarten.

Tja, warum wollen wir da hinein? Wir erwarten ganz sicher keine reflektierte Ausstellung, die sich kritisch mit Stalins Leben und Wirken auseinandersetzt. Die Georgier lieben ihren großen Staatsmann, so wie er in vielen Teilen Russlands ja ebenfalls noch verehrt wird. Aber warum wollen wir hinein? Weil er Teil unseres Geschichtsunterrichts war? Immerhin hat er den Krieg gewonnen und uns befreit,  und die Amis, so haben wir es gelernt, haben ins Geschehen ja erst eingegriffen, als der Sieg der Russen schon ziemlich klar war. Freilich haben wir auch von den Säuberungen erfahren, damals im Geschichtsunterricht. Und das Lenin vor ihm als seinen Nachfolger gewarnt hat, aber das wirkliche Ausmaß seiner Verbrechen, darüber haben wir uns erst nach 1990 informieren können.

Warum wollen wir da hinein? Weil der Mensch an sich sich gern gruselt? Weil uns das Böse an anderen fasziniert? Weil wir im Innersten wissen, dass auch viel Böses in uns steckt?

Keine Ahnung. Ich stottere rum.

Dann gehts ins Museum.

Dort treffen wir sehr alte Menschen, vermutlich Veteranen mindestens aus Revolutionszeiten und –  Ausländer. Die einen sicher, um ihrem Helden und größten Führer ihre Ehre zu erweisen, die anderen, um sich zu gruseln.

Der Museumsbau selbst im klassizistischen Stil ist riesig. Ihm wie auch der Stalinallee in typisch sowjetischen gigantischen Ausmaßen mussten viele alte Ziegelhäuschen weichen, nur das, in dem der Generalissimo geboren wurde, durfte als Teil des Komplexes stehen bleiben. Im Museum ist es dann so, wie wir es uns vorgestellt haben. Stellen Sie sich eine Kultstätte für einen sehr gewaltigen Gott vor. Es scheint, als sei jedes Schnipselchen, dass Georgiens großer Sohn, der Vater aller Sowjetvölker jemals angefasst hat, eine Reliquie. Erst sind wir unangenehm berührt und diskutieren über  das Subjekt der Verehrung, dann sind wir zunehmend wütend, dann lachen wir das alles nur noch aus. Manches kann man eben nur mit Humor ertragen. Und nur weil wir Russisch können, vor allem die Freundin ja richtig gut, und nur, weil wir Details kennen und nach denen SUCHEN, finden wir die winzig kleinen Hinweise. Zum Beispiel Lenins Diktat, in dem er vor Stalin warnt. Und in einem Nebenraum die Fotos von 6 ehemaligen Mitstreitern, die aus dem Weg geräumt wurden. Da ist kurz von Repressionen die Rede. Lesen kann es freilich nur, wer Russisch kann, denn hier fehlen die knapp gehaltenen Englischen Übersetzungen komplett. Zudem handelt es sich um Leute, die schon ermordet wurden, als Lenin noch lebte.

Und am Ende dieses Gang kommen wir in einen Raum, in dem jede Beschriftung fehlt, sogar die georgische. Hier geht es offenbar um die Ermordung der Russischen Zarenfamilie, wie wir an den Fotos erkennen. Und dann ist da noch eine Zelle. Aber wer saß da drin? Stalin sicher nicht, da wäre sie beschriftet. Die Zarenfamilie? Ein Teil davon? Jemand anderes? Wir wissen es nicht.

Es gibt dann noch Stalins Salonwagen zu besichtigen. Wir sehen ihn von diversen Fenstern aus, finden aber zunächst nicht hin. Auf der Suche nach dem Weg landen wir im Verwaltungstrakt. Na das ist wie in Russland. Stören Sie mal arbeitende Menschen mit ihre Arbeit betreffende Anliegen. Im übrigen ist hier alles nicht mehr ganz so chic.  Also war es sicher mal, aber da gibt’s doch einige Schadstellen im Parkett, an den Fliesen und der 50 Jahre alten Wandfarbe.

Wir finden den Waggon und stehen vor verschlossenen Türen. Schon als wir aufgeben wollen, kommt so eine Museumsführerin und schließt für eine Gruppe auf. Wir huschen mit rein, müssen der missmutigen Dame aber natürlich mittels unserer Eintrittskarten nachweisen, dass wir berechtigt sind, dass heilige Gefährt zu betreten. Und so schauen wir uns den provinziellen Luxus an, der lächerlich scheinen könnte und überflüssig, wenn man nicht  bedenke, dass der Vater aller Völker damit an seinen verhungernden Kindern vorbei gefahren ist.

Wir sind ziemlich frustriert, als wir das Museum verlassen und brauchen dringend anderen Input, ehe wir den Tag beschließen und der Einladung unserer Wirtsleute zum Essen folgen. Auf dem Herweg sind wir am Kriegsmuseum vorbei. Ja, ist jetzt auch nicht gerade erheiternd, aber lenkt vielleicht etwas ab.

Hier ist die Frau Ticketverkäuferin sehr freundlich. Das erst 2009 eröffnete Museum befasst sich in seinen Ausstellungen vor allem mit dem 2. Weltkrieg, und da speziell mit georgischen Divisionen und den Kämpfen im Kaukasus, und den Kriegen nach 1990. Da hier oft auf russische oder gar englische Übersetzungen verzichtet wurde (Ausländer interessieren sich scheinbar nicht für diesen Teil der Geschichte), können wir uns vieles nur zusammen reimen. Bedrückend finde ich Fotowände mit den Porträts der Opfer der Stadt nach 1990. 2008 wurde Gori Opfer von russischen Luftangriffen, später rückten russische Truppen in die Stadt ein, es gab offiziell etwas über 250 zivile Opfer  und knapp 300 georgische Militärs kamen ums Leben. Spuren der Kampfhandlungen sind in der Stadt noch zu sehen.  Die Stadt liegt nur 25 km von Südossetien entfernt. Falls die Geschichte Südossetiens, in der die Georgier keine sehr rühmliche Rolle spielten, Ihnen entfallen ist, guggeln Sie bitte selbst.  Oder folgen Sie diesem Link.

In einem Café gönnen wir uns eben einen solchen, dann wackeln wir zurück in unser Gasthaus. Die beiden deutschen Mädels, die inzwischen eingecheckt haben und natürlich auch zum Abendessen eingeladen wurden, kennen wir aus dem Hostel in Tbilisi. Eins rannte mich fast um, als ich von Toilette kam. Wir empfehlen Diarrh- Limit.

Und dann kommen noch zwei Tschechen. Die hatten woanders gebucht, standen dort aber vor verschlossener Tür und finden nun hier Unterschlupf. Der Chef des anderen Gasthauses sei sicher Abchase, meint unser Gastgeber abfällig. Er mag auch keine Russen und Türken. Nie wurde mir der georgische Nationalismus so deutlich wie hier und an diesem Abend. Das, wovor ich mich gefürchtet habe, es ist alles da. Aber wir alle steigen nicht auf diese Art Diskussionen ein. Das ist zu dumm. Und, was sollen wir einen Georgier darüber belehren, was er von Abchasen und Russen zu halten hat? Wir waren nicht hier. Weder in den 1990ern noch 2008. Wir sitzen in unserem friedlich reichen Mitteleuropa und bilden uns satt und sicher unsere Meinungen.

Wir essen lecker und trinken Wein. Der Wirt ist der Tamada und ich kann mit meinem neu erworbenen Wissen glänzen, als er den Trinkspruch mit der Familie bringt. Ich ergänze die nicht anwesenden Lebenden durch die nicht anwesenden Toten.  Und nun also, liebe Leserinnen und Leser, kommt endlich , auch wenn dieser Blog schon reichlich lang ist, ein kleiner Exkurs in die Gepflogenheiten des georgischen Gastmahls. Sie können sich sicher vorstellen, dass es etwas anders abläuft als hierzulande. Schließlich heißt es in Georgien „Ein Gast ist ein Geschenk Gottes“ und die Gastfreundschaft ist sozusagen eine georgische Pflicht. Natürlich, das ist klar, kommen ziemlich viel Speisen auf den Tisch. Und  natürlich Wein. Sehr viel Wein. Von dem können die Georgier viel mehr trinken als wir.  Das ist Fakt. Und um den zu trinken, den Wein, braucht es Trinksprüche. Eigentlich ist es verboten, zwischendurch mal am Glas zu nippen. Es muss erst einen Trinkspruch geben und dann wird das Glas geleert. GELEERT. Bei Ausländern drücken die Georgier aber, gastfreundlich wie sie nun mal sind, ein Auge zu. Trotzdem verläuft so ein Essen immer mit einer sehr hohen Anzahl von Trinksprüchen. Im Prinzip, so müssen Sie sich das vorstellen, verlief in Tuschetien jedes Abendessen so. Und als wir in Kachetien im Restaurant unseres Nobelhotels die Rückkehr in die Zivilisation feierten, spendierte uns irgendein georgischer männlicher Gast  ein Glas Wein. Mit uns meine ich den anwesenden Frauen, und nur denen. Weil das so Sitte sei. In Georgien.

Aber zurück zu den Trinksprüchen  Die wirft nicht jeder, wie es ihm oder ihr beliebt, in die Runde. Dafür ist der Tamada verantwortlich. Der bestimmt Thema und Tempo der Trinksprüche und sorgt dafür, dass sich kein Gast von der Tafel ausgeschlossen fühlt. Er ist also vielmehr als der Trinkspruchlieferer, er ist der Zeremonienmeister des Gastmahls, verantwortlich für die Stimmung und Kommunikation in der Runde.

Nun sagt er aber nicht einfach einen Trinkspruch auf, alle stoßen an, trinken und fertig. Am Anfang, bevor ich das begriffen habe, dachte ich „Warum quatschen die denn alle rein?“. „Wie unhöflich, wir müssen doch erst anstoßen und trinken, bevor wir weiter quatschen“. Aber genau darum geht es. Trinksprüche werden beantwortet, erweitert, es kann zig mal Gaumachos gerufen werden, ehe man  bzw. frau endlich trinken darf und kann. Die Reihenfolge der Dinge, auf die ein Toast ausgesprochen wird, ist zunächst vorgegeben:  Man trinkt auf Gott und seinen Sohn,  auf den Gastgeber, die Gäste, abwesende Lebende und Tote, auf die Liebe, die Frauen (alle Männer stehen auf. Eigentlich), auf Kinder, Alte, Heimat, Freundschaft,  auf die Wechselfälle des Lebens, natürlich auf den Wein und auf gutes Gelingen. Und immer wieder auf den Frieden. Frieden für alle. Je geistreicher und wortgewandter ein Tamada ist, desto höher wird er verehrt.  Er kann dabei auch Gedichte rezitieren oder große Denker zitieren. Aber das können auch die Gäste, wenn sie aufgefordert werden , den Trinkspruch fortzusetzen oder einfach selbst das Bedürfnis haben, etwas hinzuzufügen. Ich habe gelesen, dass das schon mal dazu führt, dass die Gäste singen oder tanzen, statt einfach nur zu antworten.

So, das war ziemlich kurz gefasst. Eigentlich muss man so ein Essen mal erleben. Und das geht ganz einfach, denn sobald ein Gast da ist, wird aus einem gewöhnlichen Essen ein Gastmahl eben.

So ausufernd war unser Abend in Gori dann aber doch nicht, mit zwei Georgiern, vier Deutschen und zwei Tschechen war der Anteil der Ausländer einfach zu hoch. Der Gastgeber war auch recht gnädig und hat uns nicht gedrängt, ständig Wein zu trinken. Trotzdem war es ein sehr schöner Abend in Englisch, Deutsch und Russisch.  Wir haben viele Geschichten gehört und erzählt, gut gegessen, einige Tipps für unseren morgigen Ausflug erhalten und natürlich auch getrunken.

Gaumachos!

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4 Antworten zu Stalin, Krieg und Gastfreundschaft (11. Oktober 2017)

  1. Dirgis (Sigrid) schreibt:

    Oh, ich weiß sogar noch wer Teddy genannt wurde? Meine Kinder werden es wahrscheinlich nicht mehr lernen.

    Gefällt 1 Person

  2. Zaphod schreibt:

    Da kommt aber nicht nur der Stalin her, die haben auch einen wohl inzwischen recht berühmten Frauenchor. Gori Women’s Choir, bin ich heute zufällig in der Zeitung drauf gestoßen, weil die gerade mit Katie Melua auf Tour sind.

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