Das Fest des lebensspendenden Stammes (14. Oktober 2017)

Heute hat das Kleine Kind Geburtstag. Ich schicke ihr einen Gruß nach Hause, die vernetzte Welt macht es möglich.
Heute also wollen wir nach Mzcheta, der alten Hauptstadt von Georgien. Die Stadt war fast 1000 Jahre, nämlich von der Mitte des 1. Jahrtausends vor Christi bis zur Mitte des ersten Jahrtausends nach Christi die Hauptstadt der iberischen und kartlichen Könige. Hier traten sie zum Christentum über, aber die hier gemachten archäologischen Funde reichen noch viel weiter zurück, in die Zeiten Babylons.
Mzcheta lag an der Seidenstraße, war eine der wichtigsten Handelszentren zwischen Kaspischen und Schwarzen Meer. Die Römer Plutarch, Strabon und Plinius schreiben über sie. Heute ist Mzcheta, nur wenige Kilometer von Tbilissi entfernt, eines der religiösen Zentren des Landes. Die Kulturdenkmäler der Stadt gehören zum UNESCO-Welterbe, das sollte man nicht verpassen.
Allerdings, am 14. Oktober ist das Fest der lebenspendenden Stammes. Vielleicht nicht der günstigste Tag, dahin zu fahren. Aber die Freundin will nicht zweimal in die Stadt, wir beide wollen zum Fest. So fiel ein Vorher- Besuch aus und heute ist der letzte Tag in Georgien. Jetzt müssen wir.
Natürlich wollen alle nach Mzcheta. Schon in die Marchrutka Nr. 105 kommen wir kaum, klemmen irgendwie zwischen Tür, Geländer und Pobacken. An der Metrostation heißt es aussteigen, mit der Metro nach Didube fahren und dort die richtige Marchrutka suchen. Die, die nach Mzcheta fährt. Hier teilen sich Busse und Markt wieder den Platz, trotzdem muss man einfach nur den Leuten hinterher laufen und man landet an der richtigen Stelle. Wohl weil es über die autobahnähnliche Straße Richtung Gori geht, packt der Fahrer sein Mobil nicht so voll, besorgt sich noch einen Zettel, der ihm erlaubt, heute in die Stadt zu fahren und ab geht’s.
Kaum in Mzcheta aus der Marchrutka gepellt, bieten uns Taxifahrer an, dahin und dorthin zu fahren. Für 30 Lari. Ausflugsziele bietet die Stadt, die früher aus mehreren miteinander verbundenen Festungen bestand, genug. Zum Beispiel die Dschwari – Kirche. Sie gilt als eines der vollkommensten Beispiele frühgeorgischer Baukunst, steht auf einem 100 m hohen Felsen und ist von überall sichtbar. Der Ort, an dem die Kirche steht, war schon vor- christlichen Kulturen heilig. Eigentlich eine Schande, dass wir die Kirche aus dem 6. Jahrhundert nicht besucht haben, aber dafür fehlt uns wirklich die Zeit. Wie auch für die Feste Armazis Ziche auf dem Bagineti, oder besser die Ruinen der einst mächtigen Burg.

Wir konzentrieren uns auf die Kirchen in der Stadt.

Und auf das Fest.

Es ist ein bisschen wie in Tbilissi plus Kindervergnügen plus sehr viel Tanz und Musik. Georgischer Tanz und georgische Musik, vermute ich mal. Das gibt es auf einer Bühne, die wir auch erst einmal ansteuern. Dann essen wir im besten Restaurant der Stadt, weil wir uns von der Terrasse einen guten Blick auf die Bühne und das Markttreiben erhoffen. Aber die strategisch günstigen Tische und Sofas sind reserviert. Dafür haben wir einen wunderbaren Blick auf o.g. Festung und Kirche. Auch Sweti Zchoweli ist gut zu sehen, was insofern wichtig ist, da es unten in der Kirche und rund herum so von Menschen wimmelt, dass fotografieren schier unmöglich ist.
Wir essen gut und ausgiebig, bezahlen dafür fast nix und solange die Reservierer noch nicht da sind, schauen wir immer mal dem Treiben auf der Bühne zu. Das könnten wir eigentlich den ganzen Tag tun. Aber Kirchen nur aus der Ferne gucken ist auch doof.
Wir bahnen uns also wieder den Weg durch Schaulustige und Straßenhändler. Und durch eine unglaubliche Anzahl von Bettlern. Einer wirft sich schreiend auf den Boden und hält dabei einen Jungen im Arm. Das ist schon ein bisschen widerlich.
Vor dem Kirchentor stehen dann so viele bettelnde Frauen, dass mir schnell das Kleingeld ausgeht. Aber dann schaffen wir es doch irgendwie, unbeschadet aufs Kirchgelände zu kommen. Da ist es ganz schön voll. Also richtig voll.
Wir sind im Samtawro- Frauenkloster. Hier stand der Palast König Mirians, das ist der, der das Christentum als Staatsreligion in Georgien einführte. Die meisten Gebäude stammen aus dem 11. Jahrhundert, aber die kleine Kapelle im ehemaligen Garten ist nachweislich aus dem Anfang des 4. Jahrhunderts. Sie ist der erste christliche Sakralbau auf dem Territorium Georgiens und wurde an der Stelle errichtet, an die sich die Syrerin Nino zum Beten zurückzog.
Ist die Kirche an sich schon viel zu voll, an die Kapelle ist gar kein herankommen. Fast sieht man sie nicht, so viele Gläubige wollen sie betreten, berühren, küssen.

Wir wühlen uns wieder durchs Volksfest, die Händler und Bettler zur nächsten Kirche.

Sweti Zwocheli, die erste KIRCHE von Mzcheta , sie wurde in den 30er Jahren des 4. Jahrhunderts errichtet. Im 11. wurde sie durch einen Kreuzkuppelbau ersetzt. Und natürlich rankt sich um Sweti Zchoweli eine Legende. Wie könnte es anders sein. Wir sind in Georgien. Die Georgier lieben neben Märtyrern auch Legenden. Und das ist sie also, die Legende:
Als die Rabbiner über Jesus und seine Lehre zu Gericht saßen, luden sie Rechtsgelehrte aus allen Provinzen, auch den entferntesten ein. Elias aus Mzcheta war so ein Rechtsgelehrter und Iberien eine weit entfernte Provinz. Seine Schwester Sidonia aber beschwor ihren Bruder, keinesfalls für die Verurteilung Jesus‘ zu stimmen. Doch Elias kam zu spät, Jesus war bereits gekreuzigt worden. Er bestach die römischen Legionäre und erhielt das blutgetränkte Hemd des Heilands. Und nahm es mit in seine Heimat. Als Sidonia ihn erblickte, schnappte sie sich das Hemd, presste es an ihre Brust, wurde vom Schlag getroffen und sank darnieder. Da sie noch im Tod das Hemd nicht hergeben wollte, musste sie mit ihm begraben werden. Aus dem Grab aber wuchs eine mächtige libanesische Zeder. Als 300 Jahre später die Syrerin Nino zunächst den König und dann das Volk bekehrte, ließ König Mirian eine Basilika errichten, genau da, wo Sweti Zwocheli heute steht. Dafür mussten 7 mächtige Bäume gefällt werden, einer davon war jene Zeder auf Sidonias Grab. Der aus ihr gehauene Stamm aber widersetzte sich der Bearbeitung und ließ sich nicht in die richtige Lage bringen. Also betete Nino und bat Gott um Hilfe und wie von unsichtbarer Hand getragen schwebte der Stamm an seinen vorgesehen Platz . Tropfen eines wundersamen lebensspendenden Balsams flossen aus ihm und so entstand der Name der Kirche: lebensspendender Stamm.
Und am 14. Oktober also wird das in ganz Georgien gefeiert. Und wir sind hier, in der Mutter aller Kirchen. Sie ist natürlich sehr schön. Und sehr alt. Aber auch sehr voll mit Menschen, die wohl immer noch auf ein Wunder hoffen. Sie küssen Bilder und Kreuze, kriechen um etwas herum, in dem das Hemd Jesus‘ aufbewahrt sein soll. Das ist mir etwas zu viel Frömmelei.
Ich komme mir etwas deplatziert vor. Ich habe ja kein Problem, in Kirchen zu fotografieren. Aber wenn sie so vollgestopft ist mit so sehr Gläubigen, fühle ich mich schon unwohl.
Draußen ist es auch voll. Der Patriarch ist in irgendeinem Nebengebäude. Und alle wollen ihn sehen. Von Männern mit schwarzen Sonnenbrillen abgeschirmt kommt er heraus, steigt in ein großes schwarzes Auto und fährt davon. Das Volk rennt ihm mit hoch gereckten Handys nach. Bad in der Menge sieht anders aus.
Wir wühlen uns wieder durchs Volksfest, wir wollen noch ein bisschen Stadt gucken.
Gleich neben der Kirche stehen die alten Häuser Mzchetas. Und davor allerhand Stände und Händler. Wir lassen uns an einem Tisch nieder, schauen zu, wie Espresso auf Sand gekocht und Granatapfelsaft zubereitet wird. Dann beobachten wir das Treiben. Ein Kind kommt und bettelt mich an. Die Saftverkäuferin will ihn vertreiben, der Junge schnappt sich das auf dem Tisch bereit liegende Trinkgeld, küsst die Münze, macht eine Geste in meine Richtung und verschwindet lachend. Ich bin ziemlich sauer. Rotzfreche Göre, rege ich mich auf. Etwa 50 m weiter positioniert sich seine Mutter, die bis dahin ganz gut zu Fuß war, als leicht behindert, alt und abgehärmt und bettelt wehklagend.
Das wars. Bettler können mir ab sofort gestohlen bleiben.
Die Freundin hat keinen Bock auf noch mehr, zum Beispiel die Dschwari- Kirche, für die jetzt doch noch Zeit wäre, also wühlen wir uns wieder durch das Volksfest zum Platz, wo die Marchrutkas ankommen und abfahren. Nachdem es uns nicht gelingt, uns in die erste zu drängeln, bin ich bei der zweiten ganz Georgierin. Ich drängle meinerseits einen Opi mit Enkel weg. Weil ich mich aber dafür natürlich schäme, vergewissere ich mich 30 sec später, ob es die beiden auch in den Minibus geschafft haben. Haben sie. Puh.
In Didube ist immer noch Markt und wir stürzen uns ins Gedränge. Der Freundin aber riecht es zu streng (obwohl ich Fischstände und Fleischhändler extra und aus Rücksicht meide), so dass ich nach dem Kauf der obligatorischen Konfekts nachgebe und wir zurück fahren. Mit der Metro und dann mit der Marchrutka. Die Stelle, wo wir den Fahrer stoppen müssen, finden wir diesmal ganz allein. Im Dunkeln. Wir haben uns eingelebt. Morgen geht’s nach Hause. Und darüber werde ich auch berichten. Verlassen Sie sich drauf.
Jetzt erst mal folgen wieder viele Fotos. Und wie immer gilt: Drauf klicken = groß gucken.

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3 Antworten zu Das Fest des lebensspendenden Stammes (14. Oktober 2017)

  1. Vinni schreibt:

    Die Bilder sind toll, auch die von den Tänzen, trotzdem erfüllt mich der Bericht von den drängenden Menschen und den Bettlern mit Grausen. Ich hab’s ja eh nicht so mit Menschenmengen…

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  2. wildgans schreibt:

    Auf den interessanten Mitlebefotos sehen die Menschen aus, als würden sie all das, was sie tun, mit viel Herzblut tun!
    Ich mag diese Reiseberichte sehr!
    Gruß von Sonja

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  3. Zaphod schreibt:

    8658! Und überhaupt, tolle Serie! Sweti Zwocheli hast Du ja fast ohne Touris geschafft 🙂
    Auf der einen Seite ist es natürlich ärgerlich, wenn man laufend Leute vor der Linse hat, aber das Fest zu verpassen wäre glaube ich noch ärgerlicher gewesen, wenn man schon mal zur richtigen Zeit da ist.

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