Urlaub an der See

Das letzte Stück der Zugfahrt ( 6 Stunden, 3 Umstiege) hörte sich an wie eine Reise in meine Kindheit.

Wolgast, Zinnowitz, Ahlbeck, Heringsdorf. Jemand löste eine Fahrkarte nach Karlshagen und auf dem Streckenplan über der Waggontür fand ich Peenemünde.

Leider, oder zu Glück, war es schon dunkel, so dass nur die Namen Erinnerungen wach riefen. Aber bei Tageslicht hätte ich vermutlich das Gesehene mit dem Gehörten nicht in Verbindung bringen können. Ich war mit 13, eher mit 12 Jahren zum letzten Mal hier. Da interessierte ich mich nicht für Architektur. Nur der Bahnhof von Wolgast rief eine diffuse Erinnerung wach. Vermutlich weil wir da immer umstiegen und etwas Aufenthalt hatten. Nach einer Nachtfahrt mit dem Zug.

Heute ist man schneller am Ziel. Trotzdem, 6 Stunden dauert es immer noch.

Mein Ziel ist Swinoujscie. Eigentlich ist mein Ziel die Ostsee. Aber die Deutsche ist auch im Winter unerschwinglich und außerdem vermutlich immer noch zu voll. Auf der Polnischen Seite ist es sicher einsamer, ruhiger.

Ruhe suche ich. Deswegen Ostsee. Ich will lange Wanderungen am Strand machen und möglichst wenige Kontakt zu Menschen.

Ja,eigentlich nicht mein Ding. Aber im Moment, in den letzten Monaten, stresst mich die Arbeit doch sehr. Ich habe täglich mit Menschen zu tun. Und die sind, wie eine Kollegin es sagte, ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Es sind intelligente, fokussierte, nette dabei. Und solche, die man privat meiden würde.

Am schlimmsten aber sind die Ämter. Nicht die Menschen, die dort arbeiten. Oder nur teilweise. Die Ämter als Ämter an sich. Mit ihren völlig unlogischen Vorgehensweisen. Und seit zwei drei Monaten nun auch noch Gerichte. Und Anwälte.

Wie dem auch sei, das Fass ist voll und bevor er überläuft also eine Woche Entspannung pur.

Ich bin nach Swinoujscie gereist, wie ich es am liebsten tue. Ohne große Vorbereitung. Ohne Reiseführer. Nur den dicken Wattemantel habe ich reparieren lassen. Damit ich nicht friere. Am Strand.

Ich weiß nicht, ob Swinoujscie früher, als es noch Swinemünde hieß, zu den Kaiserbädern gehörte. Fakt ist, dass der Kaiser hier gern und oft weilte. Fakt ist, dass die Stadt am Ende des 2. Weltkriegs sehr zerstört wurde. So wirkt die Stadt, wenn man vom Bahnhof kommt und Richtung Zentrum läuft, erstmal… hässlich. Neubauten aus den 1950ern bis 1970ern.

Und das, was an alten Häusern noch steht ist nicht mein Geschmack. Diese Bäderarchitektur hat mir noch nie gefallen.

Aber ich bin ja wegen der Ostsee hier.

Mein Hostel liegt günstig. Ich kann mich entscheiden, ob ich nach links oder rechts gehe. Ich komme immer zur Ostsee.

Am Dienstag mache ich einen Schlenker, lande genau zwischen links und rechts und laufe Richtung Swine. Es ist ein sonniger Tag, ordentlich viel Wind, und doch ein paar Menschen am Strand. Ich glaube, manche suchen Bernstein. Ich lasse mich auch ca 2 Minuten hinreißen. Aber ehrlich, ich würde Bernstein am Strand nicht mal erkennen, wenn ein Fähnchen dran steckte. Bernstein hat mich noch nie wirklich interessiert, weder in Roh- noch in geschliffener Form. Hühnergötter schon eher. Als ich Kind war und die Sommer zur Hälfte auf Usedom, zur anderen Hälfte auf dem Darß verbrachte.

Da wo die Swine in die Ostsee fließt, geht es freilich nicht weiter. Ich laufe also am Fluss lang, wundere mich kurz über Skulpturen, die eigentlich zu den Osterinseln gehören, besichtige zwei Festungen und noch etwas, was auch was mit Krieg zu tun hat, schaue mir genau an, wo die Schiffe zur Insel Wolin ablegen, lasse mich im Touristeninformationszentrum darüber aufklären, dass Swinoujscie auf Usedom UND Wolin liegt und Karsibor gehört auch dazu. Dass die Gegend Land der 44 Inseln heißt und dann wundere ich mich, als ich wieder stadteinwärts biege, dass ich gleich am Hostel bin. Irgendwie habe ich am Vormittag einen riesigen Haken geschlagen.

Zum Essen gehe ich in die andere Richtung, lande wohl am Touristenzentrum mit Boutiquen, Cafés und Restaurants, finde das empfohlene Fischrestaurant doch und esse ganz vorzüglich. Fisch natürlich.

Am Mittwoch, das steht fest, setze ich über nach Wolin.

Am Mittwoch ist das Wetter trübe.

Da will ich nicht nach Wolin.

Da laufe ich lieber am Strand lang mindestens bis Ahlbeck. Ich wechsle mal auf die Promenade, dann wieder an den Strand und komme so bis Heringsdorf- Neuhof.

Die Seebrücken sind hübsch, es gibt viel mehr Menschen hier und vielmehr Geschäfte. Am erstaunlichsten aber ist die sofort komplett andere Architektur. Hier scheint es nicht so viele Zerstörungen gegeben zu haben bzw. nach den 1990ern genug Geld,die alten Villen und Hotels zu restaurieren. Aber wie ich schon sagte, mir gefällt die Art Architektur nicht.

Ich muss mich korrigieren. Die große Stand-Promenade geht ja seit 2011 bis Swinoujscie und tatsächlich finden sich da schon recht viele Ressorts und Villen. Es wird auch fleißig gebaut. Auch im Naturschutzgebiet, das seinen Status bereits 2010 erhielt. Eigentlich darf man das freilich nicht betreten, aber wenn man da ein neues schickes Hotel hin bauen kann, kann man schon mal ein Auge zudrücken.

Die Sorgen gibt’s auf Deutscher Seite nicht. Da wurde offensichtlich schon vor 120 Jahren bis direkt hinter die Dünen gebaut. Da, wo auf Polnischer Seite das Naturschutzgebiet liegt.

Sehr merkwürdig erscheint mir Ahlbeck. Links der Promenade die pompösen Hotels und Villen. Rechts, zumindest auf einer Länge von vielleicht 200 m, die Holzhütten der Fischer, Trekker, Kähne, Fischkisten, Räucheröfen. Und natürlich, in etwas besserem Zustand, die Verkaufsbuden und Imbisse, wo es „garantiert“ frischen Fisch gibt.

Was ich nicht sehe, sind Wohnhäuser. Aber die gibt’s garantiert, weiter im Landesinneren.

In Heringsdorf stehen noch welche in Sichtweite der Promenade. Falls sie nicht gerade abgerissen werden. Hier gibt es auch noch ab und an Villen aus Holz. Die gefallen mir gleich besser. Natürlich ist alles saniert und hübsch. Und wie gesagt, viel zu viele Menschen.

Morgen soll das Wetter besser werden. Da fahre ich nach Wolin.

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4 Antworten zu Urlaub an der See

  1. Herr Ärmel schreibt:

    Hach, so stimmungsvolle Fotos. Das packt mich gleich wieder das Reisefieber… Nuja, vielleicht wirds ja dieses Jahr wieder was mit einer Fahrt nach Nordosten an die Ostseestrände.

    Viel Vergnügen noch. Und nach einem windigen Strandspaziergang gibts vorzüglichen polnischen Wodka… 😉

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  2. xs4all schreibt:

    „Jemand löste eine Fahrkarte nach Karlshagen “

    Komm schon… gib’s zu.
    Du hast heimlich ein großes oder ein kleines Kind mitgenommen; gell?
    Für alle Fälle. Man weiß ja nie und schließlich ist ja irgendwas immer…

    ;-))

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  3. Zaphod schreibt:

    Also ich finde Bäderarchitektur ziemlich interessant, sehr filigranes Gedöns und vor allem viel Holz, das würde mich schon mal interessieren. Vielleicht auch weil’s hier so etwas nicht gibt.

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