Brutalismus und alte Stätten (04.10.2019)

Das Kleine Kind, dass sich schon öfter auf dem Balkan rumtrieb, meinte, Bar sei eine hässliche Stadt. Da hat sie Recht.

Obwohl, ein bisschen muss man die Stadt in Schutz nehmen. 1979 nämlich wurde das ursprüngliche Bar, das 5 km im Landesinneren liegt, bei einem Erdbeben zerstört. Und auch, wenn am Meer schon vor 1979 gebaut wurde, nach dem Erdbeben wurde der Ort am Rande des Rumija-Gebirges aufgegeben und am Meer wurde gebaut, bis der Arzt kommt. Im damals üblichen Stil.

Es ist wirklich hässlich.

Aber das interessiert mich im Moment nicht. Ich versuche, meine Unterkunft zu finden.

GoogleMaps funktioniert nicht. Ok, ich nutze die Offline- Karten. Bitte ich Einheimische um Hilfe.

Die schicken mich hierhin und dahin. Als mir jemand rät, ein Taxi zu nehmen, versuche ich das. Aber der Taxifahrer weiß auch nicht, wo das ist.

Ich laufe und suche weiter. Renne hin und her. Und bin dem Heulen nah.

In einer größeren Straße gehe ich dann in ein Notarbüro. Die rufen kurzerhand in der Unterkunft an und ich werde abgeholt.

Es stellt sich heraus, ich bin ungefähr 30 min immer um die Pension herumgerannt, ohne sie zu finden. Wenn man dann weiß, wo sie ist, ist es ganz einfach. Von der Straße am Wasser aus sieht man sogar das Schild…

Ich habe ein nettes Zimmer, das beste, wie der Besitzer meint, mit Blick aufs Meer und auf die neugebaute katholische Kirche. Zwischen mir und dem Meer liegt freilich noch ein Olivenhain, die Küstenstraße und die Promenade. Und gleich neben der Pension wird ordentlich gebaut. Wie sich herausstellt, ist die Baustelle der Grund für meine Irrungen. Da wurde einfach eine Straße platt gemacht. Gebaut wird im üblich hässlichen Stil. Hoch und viel Beton. Soho City nennt sich der neue Komplex hochtrabend.

Egal.

Es ist T-Shirt- Wetter, früher Vormittag und ich will mir jetzt mal die Stadt ansehen.

Aber erst gehe ich essen. Ich habe Hunger. Setze mich in ein Restaurant an der Promenade.

Alter! Klar habe ich Hunger, aber wie soll ich diesen Fleischberg schaffen. Ganz unten drunter leigt sogar Grünzeug. Das esse ich auf, dazu zwei Stück Fleisch. Die restlichen 38 Stück lasse ich mir einpacken. Davon kann ich noch drei Tage leben.

Dann Stadt.

Bar ist die bedeutendste Hafenstadt Montenegros. Wie gesagt, das alte Bar liegt etwas landeinwärts. Das neue entwickelte sich erst im 20. Jahrhundert und besonders nach jenem Erdbeben. Allerdings wurde der Ort nicht gänzlich neu gegründet. Es ist schon seit dem 10. Jahrhundert bekannt. War mal in dieser, dann in jener Hand. Serben, Venezianer, Osmanen und auch Montenegriner herrschten hier. Davon zeugen kaum noch Spuren.

Bar ist hässlich!

Hat allerdings eine schöne Promenade und sehr schöne Sandstrände.

Aber ich erschrecke mich erstmal an der Architektur und flüchte ins Touristeninformationszentrum. Hier gibt es einen Stadtplan und eine Liste mit allen Bussen und Zügen, die von Bar aus irgendwohin fahren. Aufgelistet nach lokalen, nationalen und internationalen Verbindungen.

Ach Gugge! Hier gibt’s einen Bus nach Skopje! Gut zu wissen.

Aber ich begebe mich erstmal zur lokalen Bushaltestelle. Ich will ins alte Bar, nach Stari Bar. Eine junge Frau hilft mir. Sonst wäre ich vielleicht in den Schulbus gehüpft und sonst wo gelandet. Oder nie angekommen. Kommt nämlich kein Bus.

Mit der Anweisung, die Klappe zu halten, folge ich der jungen Frau in ein Taxi. Für genau den Buspreis setzt mich das in Stari Bar ab, während alle weiteren Insassen noch etwas weiter fahren.

In Stari Bar leben inzwischen wieder Menschen. Und bieten Öl und Oliven und Honig und Schnaps an. Ein Restaurant hat eh jedes Haus. Scheint es. Hier gefällt es mir. Der Ort ist belebt und fröhlich und schön. Und die Touristenmenge hält sich in Grenzen.

Der befestigte Teil des Ortes steht seit den 1960ern  unter Denkmalsschutz. Der Uhrturm wurde rekonstruiert, die Stadtmauer ist noch ganz gut erhalten und von dieser kann man tief im Tal ein Viadukt erkennen. Sonst eher so Ruinen. Aber sehr schön. Und wirklich wenig Touristen. Und man kann von hier oben bis zum neuen Bar gucken und zum Meer, auf Stari Bar sowieso und natürlich in die Berge. Und gaaaanz wenig Touristen.

Bis eine Herde Franzosen kommt. Ehrlich, so laute Franzosen habe ich noch nie erlebt. Die waren vermutlich erst in einem der zahlreichen Restaurants. Ich mache das jetzt. Und ich suche mir eins, wo Mutter und Tochter selbstgebackenen Kuchen verkaufen. Da sitze ich nun in der Sonne, sehe vorbei flanierenden Touristen zu und genieße das Leben.

Es kann so schön sein.

An der Bushaltestelle lerne ich ein älteres deutsche Pärchen kennen und wir schwätzen ein bisschen. Leider hat der Mann die unangenehme Eigenschaft, die Montenegriner zu bewerten.

Diesmal kommt der Bus und ich schlunze noch was an der Promenade entlang.

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9 Antworten zu Brutalismus und alte Stätten (04.10.2019)

  1. freiedenkerin schreibt:

    Der Blick von der Strandpromenade auf die Berge und die neue Kirche sind jetzt aber so hässlich nicht. 😉

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  2. wildgans schreibt:

    Das drittletzte Foto, so schön!
    Ich war da auch mal,lange her- noch nach Ulcinj gefahren, dort zum ersten Mal mit Männern, die auf Eseln reiten und die Frau hintennachlaufen lassen und mit Muezinn und so angesichtig geworden, ach ja, totale Angst vor denen hinter der Grenze hatten sie…damals. Albanien. Ob das heute noch so ist, weiß ich nicht. Konntest du was darüber erfahren?

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  3. Herr Ärmel schreibt:

    Schöne Fotos. Leider in bisschen zu früh für den berühmten Olivenmarkt in Bar bzw. Stari Bar. Andererseits gibts auch anderswo gute Oliven. Und für meinen Geschmack köstlichere. Und ich darf mitreisen und erinnere mich wieder an vieles. Und die Kirche ist jetzt vollendet. Steht der angeblich älteste Olivenbaum der Welt noch?

    Gute Weiterfahrt und schöne Entdeckungen wünsche ich Dir.

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  4. Zaphod schreibt:

    Der Blick von der Promenade ist der Hammer, manchmal macht drohendes Unwetter in Verbindung mit dem richtigen Licht echt was her. Und Stari Bar ist im Sommer wahrscheinlich völlig überlaufen, da hast Du wohl die richtige Zeit gewählt. Netter Ort.

    Die unangenehme Eigenschaft deutscher Touristen ihre Gastgeber zu bewerten ist mir auch häufig aufgefallen. Meistens wohlwollend (die sind ja so gastfreundlich hier unten) aber wenn sie erst mal ihre 14 Tage Pauschalurlaub hinter sich haben sind sie echte Landeskenner und wissen genau was hier alles schief läuft und was man verbessern könnte *fg*

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    • Inch schreibt:

      Ja, ich war da auch immer hin und her gerissen zwischen schnell in eine Kneipe flüchten oder weiter fotografieren. Am Ende blieb es bei der Unwetterdrohung und ich konnte gemütlich genießen. Das ist eben der Vorteil an Bergen. Man kann immer hoffen, dass der Regen im Nachbartal abgeht.

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