Der schönste Fleck in Montenegro (08.10.2019)

Mit dem Frühstück ist das hier so eine Sache. Eine feste Zeit dafür gibt es nicht. Als ich gestern runter kam in den Frühstücksraum, ist die Besitzerin erstmal in den kleinen Laden gegangen einkaufen. Auch heute sagt sie mir, dass das Frühstück aber noch nicht fertig ist. Kein Problem. Habe ich ja eingeplant.

Ich habe beschlossen, an den Skutarisee, wie er auf Deutsch heißt, zu fahren. Ich nenne ihn lieber Skadarsee.

Er ist der größte des Balkans, Nationalpark – jedenfalls der montenegrinische Teil, Heimat vieler endemischer Tier- und Pflanzenarten, Rastplatz und Überwinterungsgebiet für Zugvögel aus Nordeuropa, und durch ihn verläuft die Grenze zu Albanien. Eine der letzten Pelikankolonien Europas gibt es hier, über 200 Vogelarten, entweder dauerhaft oder auf der Durchreise, ausgedehnte Sumpfgebiete und viel Gebirge und Wald ringsherum. Klingt nach Naturparadies.

Eigentlich will ich mit dem Bus nach Bar fahren und von dort mit dem Zug weiter Richtung Podgorica, aber dann, am Busbahnhof in Ulcinj sehe ich, es gibt auch Busse in die Hauptstadt, da spare ich mir das Umsteigen und nehme den Bus.

Eine Stunde dauert die Fahrt und Busfahren hat den Vorteil, dass ich direkt am Ziel abgesetzt werde.

Virpazar. Das ist der einzige Ort am See, der in meinem Balkanführer beschrieben ist. Auf einer kleinen Übersichtskarte des Landes, die ich in einem Touristenbüro erhielt, finde ich immerhin noch zwei andere Orte, aber da führt die Eisenbahnlinie nicht lang. Und allein auf Busse möchte ich mich nicht mehr verlassen. Sie wissen schon. Oktober. Winterfahrplan.

Virpazar ist ein ehemaliges Fischerdorf mit ca 500 Einwohnern, zwei Hotels, einem Bahnhof etwas außerhalb (dort gibt’s auch ein Hostel, wie ich später feststelle), einen Supermarkt und zwei Sehenswürdigkeiten: ein Denkmal zur Erinnerung an die Partisanen und eine Festung oberhalb des Ortes. Aber deshalb kommt man nicht nach Virpazar. Dahin kommt man wegen des Sees. Frau auch.

Es gibt tasächlich noch Fischer. Aber die Haupteinnahmequelle scheint mir doch der Tourismus zu sein. Eine schier unübersichtliche Anzahl von Anbietern von Bootstouren tummeln sich auf dem kleinen Marktplatz. Zu den zwei Hotels kommen unzählige Restaurants. Und in jedem Hau scheinen Privatzimmer angeboten zu werden. Zwischen die Anbieter für Bootstouren quetschen sich kleine Verkaufsstände, wo garantiert originale Souvenirs angeboten werden. Der Ort ist so klein, dass wenigstens Reisebusse, denn die gibt es natürlich, hier nicht reinpassen. Die müssen auf der anderen Seite der Straße nach Podgorica parken. Gerade, als ich hier eintreffe, werden Asiaten ausgeschüttet.

Aber ich checke erst mal ein. Das Hotel ist, naja, mittelmäßig. Das Ärgerlichste ist, dass ich im Zimmer kein w-lan habe. Dazu muss ich ins Restaurant. W-lan ist wichtig für mich, da ich ja noch überlegen muss, was ich als nächstes mache und wo ich ein Zimmer brauche. Das Restaurant gehört zum Hotel, da gibt’s auch Frühstück, das nun wieder ist praktisch.

Virpazar hat frau sich in 30 min angeguckt.

Ich erstehe eine „Wander“karte.

Leider gibt’s genau hier, wo ich bin, eigentlich keine Wanderwege. Ich könnte mir ein Rad ausleihen. Aber Radfahren in den Bergen ist doof.

Also laufe ich los.

Ich will in ein Restaurant hinter Godinje. Also das ist natürlich nicht mein primäres Ziel. Ich will wandern, See gucken und Natur genießen. Die Straße nach Godinje führt am See entlang, soweit eine Straße an einem von Bergen umgebenen See an diesem entlang führen kann. Aber auch wenn ich schnell pflastermüde werde, die Aussichten sind gigantisch UND, ich bin hier fast ganz allein. Nur Radfahrern begegne ich hin und wieder und ab und an kommt auch mal ein Auto.

Das, ich sage mal, neuere Godinje, liegt direkt am See. Überall gibt es kleine Verkaufsstände an den Häusern, wo die Bauern Öl, Schnaps, Honig und Wein anbieten. Das alte Dorf, das sich rechts an einen Hügel schmiegt, lasse ich zunächst links liegen. Ich habe jetzt wirklich Hunger. Ich will zu diesem Restaurant in der Godinje Bucht.

Nuja, was soll ich sagen, es hat zu. Keine Saison mehr.

Mit hängendem Magen schleppe ich mich zum Dorf zurück, fachsimple mit zwei Radfahrern noch über die Zuverlässigkeit der Angaben in diesem Land und steige dann bergan zum alten Dorf.

Und lande im für mich schönsten Ort Montenegros. Das Dorf liegt auf einem Berg oberhalb des Sees, auf den man einen wirklich fantastischen Ausblick hat. Es leben hier noch Menschen, aber viele Häuser verfallen vor sich hin. Ich setze mich zu einem Opa, der ein Restaurant betreibt. Wir verständigen uns per guggltranslator, es gibt hausgemachte Wurst, Salat und Kaffee.

Während ich so sitze, die Ruhe und den Ausblick genieße, kommen zwei drei Touristen, kehren aber wieder um. Das ist denen wohl zu simpel hier. Und tatsächlich, als ich mit vollgestopftem Magen weiter wackle, ist eine Kehre weiter ein etwas nobleres Restaurant. Na ich bin froh, dass ich bei dem Opi war.

Es heißt, alle Häuser des Dorfes seinen über Keller bzw Tunnel verbunden. So konnten die Einwohner sich vor den Osmanen verstecken und kommunizieren bzw Wasser und Lebensmittel transportieren. Immerhin begann im nur 5-6 km entfernten Virpazar der montenegrinische Aufstand gegen die Türken.

Ich schlunze lange durch das Dorf, stecke meine Nase hier rein und da rein. Manche Gässchen und Pfade meide ich auch, weil sie mir zu gruselig erscheinen. Ich werfe immer wieder einen Blick zurück zum See. Hier ist es so schön. Glück in Tüten.

Als ich den Rückweg antrete, sind die kleinen Stände an den Höfen im unteren Dorf leider wie leer gefegt. Nicht so schlimm. Ich bin ja mit dem Rucksack unterwegs, da kann ich eh nicht unbegrenzt schwere Dinge kaufen.

Den Fisch, den ich in der Godinje Schlucht essen wollte und den der Opi im alten Dorf nicht hatte, esse ich im hoteleigenen Restaurant. Auch lecker.

Über Inch

www.inch.beep.de
Dieser Beitrag wurde unter Wanderlust abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Der schönste Fleck in Montenegro (08.10.2019)

  1. freiedenkerin schreibt:

    Schön und malerisch ist es dort wohl. Und das Bild mit der Festungsinsel ist ein Traum!

    Liken

  2. Zaphod schreibt:

    Echt schöne Gegend und ich wäre wohl auch beim Opi eingekehrt, denn damals, als das alles noch Jugoslawien hieß, waren die wenigen Restaurants die es gab fast alle in den Händen irgendwelcher Opis und Omis. Eigentlich immer war das Essen einfach, aber sehr lecker und der Wein so süffig dass man unbedingt eine Flasche mit nach Hause nehmen musste.
    Obwohl man natürlich weiß, dass der im kühlen Norden sofort ungenießbar wird wenn man ihn öffnet *gg*

    Gefällt 1 Person

  3. Herr Ärmel schreibt:

    Fisch essen? Am Skadarsko jezero? Ab nach Karuc. Das liegt in etwa quer gegenüber von Virpazar. Auf Guurgel Maps ist da nur der Eintrag Fish Restaurant. Bessere Forellen gibts auf dem ganzen schwarzen Berg nicht. Absolut typisch. Von Touris normalerweise nur gefunden, wenn sie sich verirrt hatten.
    Danke für die vielen Erinnerungen, die du bei mir aufweckst… Und für die schönen Fotos

    Liken

Schreibe eine Antwort zu Zaphod Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s