Und dann der See (09-10.2019)

(ACHTUNG: Bilderalarm)

Wenn ich schon mal hier bin und es keine wirklichen Wanderwege gibt, bleibt nur eins. Eine Bootsfahrt. Anbieter gibt es ja genug. An die niedrigen Preise in Montenegro gewöhnt, bin ich doch erst mal erschrocken. 25 € für eine Stunde. Dazu noch eine Abgabe für die Nationalparkverwaltung. Diese Abgabe ist völlig in Ordnung. Es ist wohl eigentlich der Preis für die Genehmigung, mit dem Boot dahin oder dorthin zu fahren. Ich hoffe, darüber wird auch die Anzahl der Boote gesteuert. Denn das scheint mir ein sensibles Ökosystem zu sein.

Ich weiß, ich störe es als Tourist gerade selbst. Ich weiß auch, dass ich mein Gewissen damit beruhige, dass die Anzahl der Motorboote gesteuert wird und die Nationalparkverwaltung etwas mitverdient. Aber ehrlich, für Kanu ist es mir zu kalt. Ich wüsste auch gar nicht, wohin ich paddeln sollte. Der See ist riesig.

Ich buche mir eine Bootsfahrt von 3 Stunden, nicht auf den großen offenen See hinaus, sondern in eine kleinere Ecke voller Schilf und Seerosenfelder und kleinere Inseln. Die Tour wird als Vogelbeobachtungstour angeboten, deswegen geht es schon 8:00 Uhr los. Nicht dass ich ernsthaft daran glaube, wirklich viele seltene Vögel zu sehen, so hoffe ich doch, dass der See am Morgen noch nicht so voller Ausflügler ist. Außerdem habe ich dann noch den ganzen Nachmittag Zeit für… ja ich weiß auch nicht.

Ich sitze also 7:00 beim Frühstück, 7:45 Uhr soll ich abgeholt und zum Bötchen gebracht werden.

Wir sind zu dritt. Und der Bootsführer natürlich. Und es ist ziemlich kalt so früh am Morgen. Die anderen zwei sind ein Pärchen aus Israel.

Es geht hinaus über einen kleinen Kanal auf den See und Richtung Eisenbahn- und Straßenbrücke. Hier gibt’s noch ein paar Bebauungen zu sehen und Ruinen von Festungen und … ziemlich viel Müll. Also im Wasser schwimmender Müll. Hauptsächlich so Flaschen und Plastiktüten. Im Übrigen aber erfüllt sich meine Hoffnung. Es scheinen außer uns nur Angler unterwegs zu sein bzw. Fischer.

Es gibt zwei Arten von Ausflugsbooten. Die etwas kleineren für 6-8 Gäste, wie unseres, und die Boote für Gruppen, ich schätze, da passen bis 30 Leute drauf. Ich bin froh, in so einem kleinen zu sitzen. Da hat man doch mehr Ruhe.

Was soll ich Ihnen erzählen? Gestern war ich sicher, am schönsten Flecken Montenegros zu sein. Ich würde den Skadarsee mal mit dazu nehmen. Zwar sehe ich wirklich keine seltenen Vögel, schon gar keine Pelikane, aber als die Sonne rauskommt, als wir etwas von den bebauten Ufern wegkommen und also auch kein Müll mehr durchs Wasser schwimmt, ist es einfach traumhaft schön.Der Käpt’n manövriert das Boot durch endlos erscheinenden Teppiche aus Seerosen, durch Schilf und um Inseln und Inselchen herum. Auf einer leben verwilderte Ziegen, auf der nächsten steht ein Kloster, auf einer anderen ist nichts. In einer stillen Bucht schaltet er den Motor aus und fordert uns auf, die Stille zu genießen. Ich bin sofort bereit dazu.

Leider hält es einer der Gäste nur eine halbe Minute aus. Dann plappert er los und fragt und fragt und fragt immer wieder dieselben Fragen, die er schon auf der Fahrt hierher gestellt hat. Schade.

Wir fahren weiter und sehen Komerane und Schwäne, Reiher und diverse Entenarten, Blesshühner und Möwen. Und wir haben Glück, noch ein paar offene Seerosen zu finden, die sich nun, wie es ihre Art ist, langsam schließen.

Ich vergesse, was ich mir in Ljubljana bezüglich der Kamera vorgenommen habe und fotografiere hemmungslos drauf los.

Als wir dann aus dem Gewirr von Kanälchen auftauchen und Richtung See fahren, kommen uns hie und da andere Ausflugsbötchen entgegen. Die meisten aber scheinen sich auf den Weg großer offener See zu machen. Was heißt die meisten. Ich sehe insgesamt vielleicht 8 andere Boote. Mag sein, dass es nachmittags mehr sind. Und natürlich, es ist Mittwoch. Und Wintersaison.

Inzwischen ist es sommerwarm geworden. Ich werfe meine dicken Bootstoursachen ins Hotelzimmer und wechsle wieder zu T- Shirt und kurzer Hose.

Virpazar ist klein, die Anzahl der Restaurants aber groß und die Auswahl daher schwer. Schließlich lande ich auf einem umfunktionierten Segelschiff in einem toten Kanalarm. Dann muss ich herausfinden, wie ich zum Bahnhof komme und wann da Züge fahren. Morgen will ich weiter. Erstmal nach Podgorica.

Es scheint nur einen Weg zum Bahnhof zu geben. Die Straße neben den Bahngleisen. Es gibt keinen Fußweg, nicht mal einen Randstreifen. Es ist gruselig. Zum Glück ist der Verkehr jetzt nicht soo dicht. Aber wie wird er morgen früh sein? Jedesmal, wenn ein Auto kommt, bleibe ich stehen und weiche aus, so weit ich kann, ohne in den Graben hinter mir zu stürzen. Es ist wirklich gruselig. Nach ca 1 km gibt es dann aber zwischen Gleisen und Straßen einen schmalen Streifen, auf dem man laufen kann.

Der Bahnhof sieht auch gruselig aus. Und verlassen. Ist er aber nicht. Die Angestellte dort ist unfreundlich und genervt, als ich nach einem Zug frage. Steht draußen am Fahrplan. Ja, aber fahren denn auch alle Züge?, will ich wissen. Sie explodiert fast, bewegt sich wütend nach draußen und siehe da, es fahren nicht alle Züge.

Neben dem Bahnhof stehen auch Häuser. Das ist offensichtlich auch Virpazar. Es gibt einen kleinen Tante- Emma- Laden und ein Hostel. Och, das ist Schade. Ich hätte lieber im Hostel gewohnt.

Ich schwindle mich zurück und frage mich ernstlich, wie ich den restlichen Tag verbringen soll. Ich studiere noch mal die Karte, vielleicht kann ich ja eine der aufgeführten Radtouren wandern? Nee, ist nicht hier oder zu weit. 17 km auf Asphalt zu laufen, dazu habe ich echt keine Lust. Hm. Da ist ja noch diese Festung. Ich habe zwar jetzt schon ganz viele alte Gemäuer gesehen, aber ehe ich mich hier totlangweile.

Zur Festung, Besac ist ihr Name, ist man in 30 min gelaufen. Sie steht oberhalb Virpazars und wurde 1487 von den Osmanen erbaut. Von ihr aus hat man gute Blicke in die Umgebung und kann diese also kontrollieren. Ende des 17. Jahrhunderts eroberten die Montenegriner die Festung. Und im 2. Weltkrieg nutzten die Italiener sie als Gefängnis.

2016 wurde die Festung komplett renoviert. Das nimmt ihr ihren Charme. Trotzdem, von da oben hat man nach allen Seiten geniale Sicht. Dafür lohnt sich der 1 € Eintritt allemal, dafür hätte ich auch mehr bezahlt. In der Festung selbst sind die alten Fotos das interessanteste, jedenfalls für mich.

Und während ich also da oben stehe und runter gucke, sehe ich, da gibt’s eine Art Feldweg weg vom Ort zum Bahnhof hin. Ich genieße noch etwas die Aussicht, dann schlendere ich zurück und suche und finde den Feldweg.

Er endet an den Schienen. Also er endet wirklich da. Man könnte jetzt über die Gleise zur Straße steigen… also das ist alles ein bisschen blöd. Ich suche mir jetzt eine Bank an einem der Kanäle und lese.

Abends dann gehe ich in ein Restaurant auf dem Markt. Plötzlich Stromausfall. Der Kellner ist etwas hilflos. Aber so ganz ohne Licht kann ich mein Essen wirklich nicht sehen. Meine Frage nach Kerzen verwirrt ihn, stattdessen bietet er mir sein Smartphone an, also die Taschenlampe darin. Nee, so was habe ich selber. Kerzen?

Schließlich schafft er es, welche zu finden. Und es ist irgendwie romantisch. Ach wenn ich meinen Tischgefährten, die rote Katze, jetzt nicht mehr richtig sehen kann.

Es gibt heute viele Bilder. Ich habe ja auch viel erlebt.

Über Inch

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8 Antworten zu Und dann der See (09-10.2019)

  1. wildgans schreibt:

    Etwas mühselige, aber überraschende Wege gibt es zu bestaunen. Schöne Text-Bild-Reportage!

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  2. Herr Ärmel schreibt:

    Nur wenige Jahre weg und schon hat sich offenbar einiges verändert. Der Tourismus scheint schon wieder zugenommen zu haben. Im Zuge der Jugoslawienkriege war er zusammengebrochen und die Touristen sind zunehmend in die Türkei gegangen. Dort wurde rasch eine entsprechende Infrastruktur aufgebaut.

    Die Festung Besac ist nun doch fertiggestellt worden. Und in Virpazar scheint das Leben zu pulsieren. Ben und Emma haben Undiscovered Montenegro erfolgreich weiter ausgebaut. Und auf dem See schippern immer mehr Boote.

    Pelikane beleben des See in den unzugänglichen Teilen des Sees. Im Süden Richtung Albanien. Um sie zu beobachten braucht es einen, der gleichzeitig ein Boot hat und Vogelkenner ist. Ich hatte auch nicht das Glück, jemals welche zu sehen.

    Ich danke Dir für die Schilderung Deiner Eindrücke und die stimmungsvollen Fotos.

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    • Inch schreibt:

      Da musste ich jetzt erst mal guggln, um herauszufinden, wer Ben und Emma sind. Unvorbereitet, wie ich immer losfahre. Das ich keine Pelikane zu sehen bekomme, war mir schon beim Besteigen des Bootes klar. Wenn Tiere selten sind, neigen sie eher selten dazu, vor Touristen zu posieren. Außerdem habe ich mit solchem Getier sowieso IMMER Pech. Ich sage nur Flamingos in Südfrankreich und Papageientaucher in Schottland.Aber vielleicht, wenn ich dereinst nach Albanien fahre, sehe ich mir den See von dort aus an. Und vielleicht habe ich da dann doch mal Glück.

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      • Herr Ärmel schreibt:

        Ich habe es nie von Albanien aus versucht, den See zu erkunden. Die Sprachhemmnisse. Ich habe auch keine Ahnung, wie den Grenzer sich verhalten. Ulcinj ist mehr Albanien als Montenegro. (Aber das ist ein eigenes Thema). Ich denke, da muss man sich vorher gut erkundigen.

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  3. Zaphod schreibt:

    Das mit den vielen Fotos war eine gute Idee, da sind ein paar echte Granaten dabei, das erste hatte gleich diesen wow Effekt, krass geniales Fleckchen Erde. Schönen Dank für’s mitnehmen.

    Und ich hab zwar keine Ahnung was Karadingsda Snitzla ist aber ich glaub das hätte ich jetzt auch gerne.

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    • Inch schreibt:

      Das ist ein Schnitzel, das gemeinsam mit Schinken im Brotteig gebacken wird. Äußerst köstlich. Und es hat den Vorteil, dass ich die Portion schaffe. Wenn ich die Pommes weg lasse. Denn zwar ist es sehr sparsam, wenn man wie in Bar soviel Fleisch hat, dass man noch drei Tage essen kann, verhindert aber auch, dass man sich in den Restaurants und Bars durch die lokalen Speisen frisst.

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  4. Nummer Neun schreibt:

    Oh wow – das ist echt hübsch!

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