9 Stunden (10.10.2019)

Podgorica, die Hauptstadt Montenegros, ist nicht so groß. Das Land selbst hat nur um die 650000 Einwohner, 150000 davon leben in der Hauptstadt. Das ist nicht groß.

Nun kann man aus der Größe eines Ortes keine Rückschlüsse auf Sehenswertes schließen, allein mein Balkanführer klingt nicht, als müsse ich da zwei Tage bleiben. Es gibt eine überschaubare Altstadt, eine Kneipenmeile, eine Fußgängerzone. Dafür jede Menge Dinge in der Umgebung, zu denen man ausflügeln könnte. Allein, ich muss auch irgendwann wieder nach Hause und Zagreb will ich auch noch sehen. Da fahre ich am Donnerstag am frühen Vormittag lieber nach Podgorica, gucke mir die Stadt an, und fahre dann mit dem Nachtzug nach Belgrad.

Eigentlich wollte ich die Strecke ja gern am Tag fahren, aber dazu hätte ich entweder auf Podgorica verzichten müssen, was ich nicht will, oder eine Nacht da bleiben müssen, wozu mir die Zeit fehlt. Und da ich also nun sowieso noch mal hier her muss, lasse ich auch den Plan, am späten Nachmittag zur Grenze zu fahren und dort auf den Nachtzug zu warten, fallen. Auch wenn die Stadt nicht die Größte ist, will ich doch Zeit haben, sie zu erkunden.

Die Fahrt dauert nur etwas über eine halbe Stunde, klar, sind ja nur 27 km. Dann, in Podgorica, gebe ich meinen großen Rucksack beim Toilettenmann ab und kaufe mir ein Ticket nach Belgrad. Diesmal Touristenklasse. Das sind nur 4 Betten in einem Abteil und kostet ganze 9 Euro mehr als ein Bett in einem 6-Mann-Abteil. Hier ist die Dame am Schalter ganz lieb und freundlich und erklärt mir auf Russisch, oder jedenfalls so, dass ich es mit meinem Russisch verstehen kann, dass sie mir ein Bett in einem Frauenabteil reserviert hat. Das ist wirklich lieb.

Und dann habe ich 9 Stunden Zeit.

Also,

um es vorweg zu nehmen,

3 Stunden hätten auch gereicht.

Podgorica bedeutet ja am Berg, was Sinn macht, denn dieses Land besteht aus Bergen. Es ist ja ein einziger Berg, das Land, Montenegro, der Schwarze Berg. Podgorica klingt auf jeden Fall besser als Titostadt. So hieß sie von 1946 bis 1992.

Im 2. Weltkrieg wurde die Stadt 70 Mal bombardiert. 70 Mal. Da darf man nicht allzuviel altes erhaltenes erwarten.

Ansonsten eine Geschichte, wie man sie überall auf dem Balkan findet. Ilyrer, Daker, Thraker, Römer, Serben. Der Name Podgorica findet 1326 seine erste schriftliche Erwähnung. 400 Jahre, von 1474 bis 1879, gehörte die Stadt zum Osmanischen Reich. Die meisten Bauten aus dieser Epoche wurden im 2. Weltkrieg zerstört. Nur der Uhrturm steht noch, trotzt, im 18. Jahrhundert erbaut, allen Zeiten und Umbrüchen.

Er markiert auch den Beginn der Altstadt, der Stara Varos. Auch dieses älteste Viertel der Stadt wurde im 2. Weltkrieg stark zerstört, also eigentlich fast vollständig, so sind die Wohnhäuser zwar neueren Datums, die Struktur der Gassen und Gässchen wurde aber erhalten. Und die zweistöckigen Häuser sind teilweise von mannshohen Mauern umgeben. Die Osmanagic- Moschee, im Herzen des Viertels, wurde wie der Uhrturm im 18 Jahrhundert erbaut. Im Gegensatz zum Uhrturm wurde sie im Krieg allerdings stark beschädigt, dann aber in den 1990ern wieder aufgebaut.

Nach dem Abzug der Türken 1879 gehörte die Stadt übrigens zum Fürstentum Montenegro, war aber noch nicht Hauptstadt. Die hieß damals Cetinje. Die Stadt hatte damals nicht mehr als 13000 Einwohner. Im 1. Weltkrieg besetzten dann Österreicher die Stadt, im 2. erst Deutsche, dann Italiener. Dazwischen gehörte sie schon mal zum Königreich Jugoslawien.

1944 wurde Podgorica dann befreit, und zwar durch die jugoslawischen Partisanen. Es gehörte bis 1992 zu Jugoslawien und dann zur Bundesrepublik Jugoslawien. Seit 2006 ist Montenegro mit seiner Hauptstadt Podgorica unabhängig und inzwischen leben hier etwas über 160000 Menschen

Ich schlendere durchs Viertel Richtung Fluß.

Dort wo Ribnica und Moraca zusammenfließen, stehen die Ruinen der osmanischen Festung Ribnica. Und weil das Flußbett der Ribnica gerade ausgetrocknet ist, kann ich die alte Brücke, die noch als einziges Teil intakt ist, von allen Seiten bestaunen. Und es gibt Bänke und viel Grün, geradezu eine Einladung für ein kleines Picknick.

Dann überquere ich die Moraca und hier ist alles aus Beton. Nach dem 2. Weltkrieg musste die Stadt schnell aufgebaut werden. Und so sieht es hier eben aus. Doch so ein Fluß macht vieles wieder wett, vor allem, wenn er links und rechts grün ist. Ich schlendere durch einen Park zu Milleniumsbrücke, die, wie der Name schon sagt, jüngeren Datums ist und lande in der Kneipenmeile.

Podgorica ist eine merkwürdige Stadt. Gerade schlendert frau noch durch eine Fußgängerzone mit zweistöckigen Häusern, da steht man vor Prachtbauten aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts, erschrickt sich vor hässlichen Betonburgen und findet sich wieder in engeren Straßen mit zweistöckigen Häusern. Da ist es gut, dass es so viele Parks gibt, wo man sich von den Verwirrungen erholen kann.

Nachdem ich irgendwo gegessen habe und denke, 3 Stunden hätten auch gereicht, sich die Stadt anzusehen, mich aber auch nicht entschließen kann, zum Beispiel zum Ostrog Kloster außerhalb der Stadt zu fahren, laufe ich zum Gorica- Hügel. Bevor ich den großen Park betrete, besuche ich die St. Georgs- Kirche (Sveti Dorde). Die wurde zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert erbaut und ist damit als das älteste erhaltene Bauwerk der Stadt.

Auf dem Hügel, wo man hie und da schöne Aussichten auf die Stadt hat, findet sich ein ganz anderes Denkmal. Ein viel jüngeres. Es ist das 1957 fertig gestellte Partisanendenkmal. Hier liegen 97 Partisanen begraben.

Und dann lande ich in einem Restaurant. Es ist Sommerwetter, ich setze mich soweit als möglich vom Spielplatz weg und schaue bei Kaffee und Kuchen den Spaziergängern, den Hundeausführern, den Radfahrern und Joggern zu.

Dann will ich aber nun doch noch den Markt finden. Ich liebe Märkte. Ich laufe also eine breite Straße durch die halbe Stadt und finde, was ich suche. Allerdings entspricht der Markt nicht ganz meinen Vorstellungen. Es wird da eher viel Billigkram angeboten, Plastik und in der ersten Etage Gemüse und Obst. Handwerk findet sich nirgends. Schade.

Also bleibt nur, mich auf der Kneipenmeile bei Cider und Buch dem Warten hinzugeben.

Als ich dann zum Bahnhof laufe, spricht mich ein junger Mann auf Englisch an. Ob ich ihm helfen könne. Er käme aus Syrien. Sei über Türkei und Griechenland hierher gekommen. Wolle nach Deutschland. Und er wolle sich ein Zugticket kaufen, das koste aber 21€, und er habe nur 5. Ob ich ihm helfen könne. Mir schießen Fragen durch den Kopf. Wieso kommt er erst jetzt? Wo war er die letzten Jahre? Wohin soll ihn das Zugticket bringen? Fragen über Fragen. Sie zu stellen, komme ich mir zu Deutsch vor. Nein, die ganzen fehlenden 16€ kann und will ich ihm nicht geben. Ich gebe 10. Und frage mich bis heute, war der echt?

Egal, ich hole meinen Rucksack und der Zug fährt ein. Der Zug besteht nur aus drei Wagons. Und keiner davon ist ein Schlaf- oder Liegewagen.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Heute wieder eine überschaubare Anzahl an Bildern.

Über Inch

www.inch.beep.de
Dieser Beitrag wurde unter Wanderlust abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu 9 Stunden (10.10.2019)

  1. Herr Ärmel schreibt:

    „…Dann überquere ich die Moraca und hier ist alles aus Beton..“ Dann warst Du kurz vor meiner ehemaligen Wohnung. 😉
    Unter der Brücke (auf dem Weg zum B<ahnhof) gibt es ein Café mit Buchladen. Das hätte Dir sicherlich besser gefallen als die öde Fussgängerzone…. [Sag´ doch mal vorher, wohin Du gehst]
    Und neben dem Pod Volat (Uhrturm) gibt es ein gleichnamiges Restoran. Mit den leckersten Cevapi . . . Dass die Ribnica noch im November dermassen ausgetrocknet ist, lässt auf einen sehr heissen Sommer schliessen.
    Ich weiss ja nicht, wie es heute ist, aber 1. Klasse war kaum teurer als 2. Klasse von Podgorica nach Belgrad.
    Deine Fotos veranschaulichen wie immer prima, was Du gesehen hast.
    Ich bin gespannt, was Du von Zagreb berichten wirst.

    Liken

    • Inch schreibt:

      Ich habe die ganze Zeit in Podgorica an Dich gedacht. Ich habe auch in Montenegro viel an Dich gedacht
      Vorher Bescheid sagen? Als ich zu Hause los bin, stand doch nur Ljubljana fest. Dann irgendwie über Belgrad nach Skopje. Dann entweder Richtung Sofia Bukarest, oder Richtung Podgorica. Ich wusste nicht, wo ich sein werde. Ich wusste nur, dass ich nicht nach Albanien wollte, nicht nach Ungarn und nicht nach Bosnien Herzegowina Ich hätte auch in Griechenland enden können. Oder im Kosovo. Ich wollte je nach Wetter und Möglichkeiten unterwegs entscheiden. Am Ende musste ich mich nach den Möglichkeiten richten. Wichtig war mir, ein Gefühl für den Balkan zu bekommen. Für spätere Reisen

      Liken

      • Herr Ärmel schreibt:

        Klar, wenn man spontan reist und nicht nach einer ganz konkreten Vorausplanung, dann hat man alle Freiheiten, kann aber auch manches versäumen. Ich würde mich auch eher treiben lassen und mich auf überraschende Entdeckungen freuen…

        Liken

        • Inch schreibt:

          Hat eben Vor- und Nachteile. Manches habe ich schon auf anderen Reisen versäumt und mich hernach geärgert. Anderes habe ich dafür entdeckt, was ich bei Vorbereitung nie gesehen hätte. Aber das war nicht meine letzte Reise auf den Balkan. So kann ich Versäumtes evtl nachholen

          Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s