Teil des Problems (18.06.2019)

Im Netz habe ich gelesen, dass die Baikalinsel Olchon, besonders der Hauptort Chuschir immer mehr unter dem Touristenansturm leidet. Der setzte ein, als die Insel 2006 ans Stromnetz angeschlossen wurde. Nach wie vor gibt es keine befestigten Straßen auf der Insel. Nach wie vor gibt es keine Infrastruktur. Nach wie vor schießen Hotels wie Pilze aus dem Boden.

Das ist uns schon 2014 aufgefallen. Jetzt soll es noch schlimmer sein. Dass chinesische Touristen 2017 Fährleute verprügelt haben sollen, kann ich allerdings kaum glauben.

Chinesen? Aggressiv? Gut, es sind auch in Irkutsk ein paar mehr als noch vor 5 Jahren, aber die sind doch alle eher lieb. Oder?

Die Schlägerei soll sich im Sommer 2017 ereignet haben. Als eine der drei Fähren zur Insel mitten im Fährbetrieb kaputt ging, kollabierte das System. Auf der Insel selbst kam es in der Folge zu Versorgungsengpässen und der Zivilschutz musste Trinkwasser einfliegen. An den Fährstellen aber bildeten sich kilometerlange Staus, es kam zu Wartezeiten bis zu 24 Stunden. Dass die Einwohner vorrangig abgefertigt wurden, brachte die Touristen teilweise zur Weißglut und eine Gruppe Chinesen versuchte eins der Schiffe zu stürmen und verprügelte dabei eine Mitarbeiterin.

Das klingt so unglaublich.

Keineswegs unglaublich scheint mir die Tatsache, dass die Wasserqualität nachgelassen hat. Wegen der Verbreitung einer bestimmten Algenart kommt es zur Konzentration von toxinproduzirenden Bakterien im See. Jedenfalls in Ufernähe. 20 m tiefer soll es noch ok sein. Vielleicht deshalb, oder weil sie lieber den Wissenschaftlern glauben, die sagen, alles sei gut, begannen die Chinesen im Januar 2018 mit dem Bau einer Wasserabfüllanlage. Das führte zu riesigen Protesten. 1,2 Millionen Russen unterzeichneten eine Petition und stoppten damit den Bau der Anlage.

Überhaupt die Chinesen. Die wollen 11 Milliarden Dollar in die touristische Entwicklung des Baikal stecken. Wäre schön, wenn sie da auch in Abwassersysteme. Kläranlagen und Müllentsorgung investieren würden. Allein, mir fehlt der Glaube.

Nun ja. Was den Touristenansturm betrifft, sind wir ja ein Teil dessen.

Wir müssen jetzt erstmal zum Baikal kommen und dann auf die Insel Olchon. Natürlich erwischen wir wieder den Minibus mit einem kleinen Schaden. Das Rad klingt komisch und irgendwann stellt das auch der Fahrer fest. Wir halten, er und seine Kollegen aus den anderen Bussen hämmern und schräubeln ein bisschen rum, dann geht es weiter.

Die Fahrt nach Chuschir auf Olchon dauert sehr lange. Schließlich sind 300 km zu bewältigen. 250 davon wenigstens auf mal besserer mal schlechterer Asphaltpiste, aber immerhin Asphalt. Auf der Insel geht es dann auf Huckelsandpisten weiter. Aber soweit sind wir noch nicht. Mit der Überfahrt dauert das im Idealfall 6 Stunden. Aber wir sind noch auf dem Festland. Nach der Zwangspause kommt die offizielle Pause in einem riesigen Selbstbedienungsrestaurant. Trotzdem sind die Speisen frisch und lecker. Jedenfalls unsere.

Dann sind wir an der Fähre. Wir müssen alle aussteigen.Und wundern uns nicht schlecht, dass die Chinesen, es sind sehr viele Chinesen, mit ihren viel zu großen Koffern auf die Fähre kommen. Warum lassen die ihr Gepäck nicht in ihren Bussen? Jedenfalls, wir finden das alles etwas nervend. Und dann glaube ich plötzlich die Geschichte mit der verprügelten Angestellten der Fährgesellschaft. Eine ganz kleine Frau versucht nämlich meine Freundin von ihrer sehr guten Position an der Reling wegzudrängeln und zu schubsen. Zum Glück zerrt sie ein junges Mädchen weg. Die Arschlochdichte ist eben überall gleich auf der Welt.

Auf der Insel angekommen, müssen wir alle ein bisschen schadenfroh grinsen, weil die Kollegen mit den großen Koffern jetzt in wirklich unkomfortabel aussehende Marschrutkas steigen müssen. Jetzt begreife ich, die sind mit Reisebussen angekommen. Reisebusse sind natürlich zu groß für die Fähre. Einige Ex-Reisebusinsassen sehen sehr entsetzt aus, und jetzt schäme ich mich schon wieder für meine Schadenfreude. Nur weil die mir mit ihren Koffern auf den Nerv gingen. Schließlich können die nichts dafür. Haben eine Reise gebucht und es hat ihnen sicher niemand erzählt, was sie hier erwartet.

Die Sandhuckelpiste bis Chuschir, ungefähr 35 km lang, kommt mir extrem huckelig vor.

Dann irrt der Fahrer lange durch die Straßen, um unsere Unterkunft zu finden. Man wird da nämlich direkt abgesetzt. Schließlich lässt er uns aussteigen. Unsere Pension ist hier nicht. Wir müssen fragen und ich erweitere meinen russischen Wortschatz. Bzw. war mir das Wort entfallen. Nun ist es wieder da. Möwe. чайка. Möwen zieren die Giebelfront unserer Pension. So finden wir sie. Denn natürlich steht sie nicht da, wo die Adresse vermuten lässt. In der Straße ist überhaupt kein Platz mehr. Die Pension wurde dahinter gebaut. In dritter Reihe.

Wir werden empfangen mit der Ankündigung, dass es in der Pension keine Chinesen gibt. Die scheinen nicht sehr beliebt zu sein. Und kaum Kinder. Russen scheinen zu denken, das Deutsche Rucksacktouristen keine Kinder mögen.

Dann laufen wir durch den Ort. Viel hat sich verändert. Vieles wurde neu gebaut. Wieviel, das werden wir in den nächsten Tagen noch sehen. Jetzt sehen wir, dass fast bis an den Schamanenfelsen heran gebaut wurde. In Chuschir, lernte ich vor 5 Jahren, lebten nur Russen. Kein Burjate käme auf die Idee, so nah an diesem heiligen Ort zu bauen. Und es heißt auch, dass die Leute früher Lappen oder Fälle um die Hufe ihrer Pferde wickelten, wenn sie hier vorbei mussten, um keinen Geist zu stören. Jetzt entsteht in unmittelbarer Nachbarschaft ein Restaurant mit großem Wintergarten, so dass man auch bei schlechtem Wetter den Blick auf den Felsen genießen kann. Etwas weiter oben steht schon ein Hotel mit garantiertem Blick auf den Felsen. Hier wurde soviel gebaut, dass ich das Hotel, in dem wir vor 5 Jahren logierten, nicht mehr finde. Es stand mal ziemlich einsam da. Ob es da wohl noch Ziesel gibt?

Am Hafen der Steg ist neu und ganz ohne Löcher, durch die man plumpsen könnte und erinnern Sie sich an den Ferienkomplex mit Zugang zum See, den die Cousine und ich vor 5 Jahren umklettern mussten? Da wohnen die Chinesen. Es sieht aus wie ein Lager, meint die Freundin, jedes Haus sieht aus wie das andere. Aber so sehen manche Vorstadtsiedlungen in Deutschland auch aus. Ich meine so eintönig. Diese Anlage hier ist natürlich aus Holz.

Mit ein bisschen Mühe kann ich auch die Bucht so ablichten, dass man keine Häuser auf dem Bild sieht.

Trotzdem, mir ist natürlich klar, dass wir Teil des Problems sind. Um so mehr freut es mich, dass sich Unmut in der Bevölkerung regt. Der Baustopp für diese Wasserabfüllanlage war ein erster Schritt. Jetzt fordern die Einwohner eine Straße. Wenigsten vom Fährhafen bis Chuschir. Man denkt über eine Begrenzung der Besucherzahlen nach, müsste sich allerdings vorher der auch hier herrschenden Korruption entledigen. Es gibt eine kleine Gruppe von Umweltaktivisten.

Ich drücke ihnen und der Insel die Daumen.

Über Inch

www.inch.beep.de
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3 Antworten zu Teil des Problems (18.06.2019)

  1. freiedenkerin schreibt:

    Oh, Chinesen können durchaus unangenehm werden. Ich habe während meines Jobs in der Münchner Residenz eine erkleckliche Anzahl unschöner Erfahrungen mit Angehörigen dieses Volks gemacht. Möchte aber jetzt nicht alle Chinesen über einen Kamm scheren, es gibt durchaus auch nette, gebildete, freundliche…

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  2. Zaphod schreibt:

    Unter Marschrutka habe ich mir eher so etwas wie auf dem vorletzten Foto vorgestellt und keine deutsche Qualitätsarbeit von Mercedes Benz. Die ist anscheinend nicht richtig an russische Straßenverhältnisse angepasst *fg*

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    • Inch schreibt:

      Normalerweise sehen Marschrutkas auch so aus wie auf dem vorletzten Bild. Und schlimmer. Der Olkhon Express ist da etwas „Besser“ ausgestattet. Wohl, um keine Touris zu erschrecken. Keine Ahnung. Jedenfalls mit so einem Ding wären wir nie an die Nordspitze der Insel gekommen. Da brauchte es schon robustere Gefährte

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