Das Dorf, das guggl nicht kennt (19.06.2019)

Der Frühling, sagt unsere Wirtin, ist ungewöhnlich kühl in diesem Jahr. Aber heute ist es schon am Morgen angenehm. Jedenfalls scheint es, als reiche eine Jacke oder ein dünner Pullover, wenn man das Haus erst nach dem Frühstück verlässt.

Zum Frühstück gibt es eine seltsame warme Speise aus Eiweiß. Vermute ich. Kascha ist es nicht. Die Wirtin nennt es Omelett. Aber irgendwas ist komisch. Und es schmeckt nicht. Zum Glück ist ein russisches Frühstück reichhaltig, so dass wir uns an Brot und Wurst und Marmelade halten können.

Wir haben, nachdem wir gestern Pläne geschmiedet haben, tief und fest geschlafen, fühlen uns ausgeruht und bereit. Die Freundin will keinen Bootsausflug machen, weil sie Angst hat, dass wir die einzigen zwei Nicht- Chinesen auf dem Boot sein könnten. Das ist mir Recht. Vor 5 Jahren war es hier sehr heiß und staubtrocken, weswegen wir nicht per Marschrutka ausflügelten. Jetzt ist das Wetter genau richtig. Aber erst morgen. Übermorgen Klein- Chuschir und überübermorgen mit dem Rad auf die andere Seite der Insel.

Und heute?

Heute laufen wir am Strand lang. Richtung Norden. Richtung Wald.

Olchon ist die größte Insel des Baikalsees. Und die einzig ständig bewohnte. 1700 Menschen leben hier ständig. Dazu kommen Besitzer, Betreiber und Angestellte aus dem Gastgewerbe, die nur im Sommer hier sind. Und Hunderttausende Besucher. 2016 waren es schon über 700000.

Olchon ist das burjatische Wort für Wald. Oder auch trocken, lese ich. Es stimmt beides. Denn die 72 km lange Insel ist zur Hälfte mit Wäldern bedeckt, die andere Hälfte ist Steppe. Es gibt nicht einen einzigen Fluss auf der Insel. Auch keinen Bach.

Chuschir liegt ungefähr in der Mitte der Insel, so dass man bei der Anreise zwar nicht durch flaches, aber baumloses Land fährt. Wir wollen jetzt endlich mal den Wald sehen.

Dazu müssen wir wieder am Schamanenfelsen vorbei. Immerhin schützen da Holzabsperrungen davor, dass man mit dem Auto ganz ran fahren kann. Auch an den Strand kommt man nicht mehr mit dem (motorisierten) Fahrzeug. Gleich am Parkplatz, der auch neu ist, stehen ein paar Holzschnitzereien rum, die wir uns ansehen. Die erinnern etwas an die Stelen oder Statuen, die wir oft neben oder an den Jurten sehen.

Dahinter begänne jetzt der Wald. Aber wir laufen doch erst mal am Strand lang. Es ist so schönes Wetter. Wir tragen kurze Hosen, ziehen manchmal die Jacken aus und stecken sogar die Füße in das Wasser des Baikal. Biotoxine hin, Giftstoffe her.

Wir sind fast ganz allein hier. Nur zwei bis fünf Personen begegnen uns. Ob am Strand oder später im Wald weiß ich nicht mehr. Sicher am Strand, denn im Wald, da hätten wir vielleicht mal jemanden nach dem Weg fragen können, daran würde ich mich erinnern.

Hier ist es so menschenleer wie man sich Olchon wünscht. Hier kann frau die Natur genießen. Glasklare Luft, blaues Meer, weiße Wolken, den Sandstrand, die Steilküste aus weißem Marmor am anderen Ufer und der atemberaubende Blick von der Steilküste, an der wir jetzt stehen.

Im Wald verfitzeln wir etwas. Wir haben eine Karte, ja, aber auf einer Insel wo sich die Leute ständig neue Wege schaffen, sind Karten bestenfalls eine Orientierungshilfe. Aber bange wir uns nicht. Links ist der Baikal, rechts irgendwo die „Straße“, hinter uns Chuschir. Sollten wir an Charanzew vorbei laufen, finden wir trotzdem zurück.

Charanzew, so heißt das Dorf, in das wir wollen, hat 97 Einwohner und ist damit immerhin zweitgrößter Ort der Siedlung. (Es gibt auch ein Dorf mit 3 Einwohnern). Vorher suchen wir aber noch einen Picknickplatz mit Blick auf den See.

Hier im Wald ist es windstill und entsprechend warm. Sehr warm. Kaum haben wir ein einigermaßen baumfreies Plateau mit Blick aufs Wasser gefunden, müssen wieder die Jacken raus. Baumfrei ist das Plateau vermutlich auch wegen des letzten Brandes. Es gibt sehr viele Brandspuren im Wald.

Und dann erreichen wir das Dorf. Hier gibt es merkwürdigerweise einen Flugzeuglandeplatz. An dem vorbei kommen wir nach Charanzew. Hier gibt es , etwas außerhalb, zwar auch ein paar Hotels, aber ansonsten wirkt der Ort noch sehr ursprünglich. Es gibt ein Kofe und ein Magazin (Tante Emma Laden), ansonsten dominieren die typischen russischen Holzhäuser. Die meisten ziemlich klein. Die sehen sich so ähnlich, dass man glauben könnte, man hätte immer nur dasselbe Häuschen fotografiert. Ich habe Ihnen mal welche zu einer Collage zusammengestellt. Zum Vergleich.

Während ich hier sitze und schreibe, finde ich heraus, dass es im Kofe die wohl besten Buusy der ganzen Insel gibt. Leider nicht, als wir da sind. Also es gibt eigentlich gar nichts. Außer den üblichen Instand Kaffee. Es hat aber auch niemand etwas dagegen, dass wir uns im benachbarten Laden Kekse holen und zum Kaffee essen.

Zurück wollen wir auf der „Straße“ laufen. Da hier nichts asphaltiert ist, sollte das nicht fußlahm machen. Dazu müssen wir den Flugplatz umrunden und dann ein ganzes Stück über freies Feld laufen. Hier treffen wir tatsächlich zwei Deutsche, schwätzen ein bisschen über Russland im Allgemeinen, Sibirien im Besonderen und Olchon im Speziellen. Dann laufen wir zurück. Die Straße zeiht sich endlos hin, obwohl es nur 8 km sind.

Im einzigen Supermarkt in Chuschir kann man jetzt mit Kreditkarte bezahlen, was auch gefährlich werden kann. Schließlich müssen wir alles im Rucksack nach Hause schleppen, da sollte frau sich bremsen und nicht in einen Kaufrausch verfallen. Wir decken uns mit Tee ein. Für uns, für die Familie, die Zuhausegebliebenen. Und Süßigkeiten als Belohnung für uns selbst. Und natürlich essen wir Eis. Eis essen wir jeden Tag. Es hat auch nur wenige Stunden gedauert, bis wir herausgefunden haben, dass das geliebte Moskauer Eis hier Russisches Eis heißt. Und jetzt gibt es das täglich.

Was es irgendwie nicht mehr gibt, ist Omul. Keine Omis, die den von Opi gefangenen und geräucherten Fisch verkaufen, selbst in den Kofes und Gaststätten ernte ich auf Nachfrage immer ein Net. Oder meistens. Aber heute haben wir Glück und erhalten in einem Café Fisch. Ist zwar kein Omul, trotzdem lecker.

Im Text habe ich den Bericht zum Bootsausflug vor 5 Jahren verlinkt. Hier nun der Link zu unserem Spaziergang Richtung Süden, vor 5 Jahren.

Zum Bilder groß gucken wieder auf dieselben klicken

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4 Antworten zu Das Dorf, das guggl nicht kennt (19.06.2019)

  1. freiedenkerin schreibt:

    Ich kann verstehen, dass es dich wieder dorthin gezogen hat.

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  2. Herr Ärmel schreibt:

    Beeindruckend. Eigentlich alles. Ich habe mir die Landschaft bei Tante Guurgel aus der Luft angeschaut.
    Und Fragen habe ich: was machen die Menschen dort im Winter, der ja sicher länger als sechs Monate ist? Und was wollen die Chinesen dort? Mit grossen Koffern wandern gehen?

    Die leere Weite macht schier sprachlos. Ich bin mal von Amsterdam nach Tokio geflogen über Russland weg. Stunden über Stunden . . .

    Schönen Dank für deine Berichte und die eindrucksvollen Fotografien

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    • Inch schreibt:

      Tja, also..
      Der Winter sit vermutlich nicht so schlimme wie Frühjahr und Herbst. Im Winter kann man nämlich mit dem Auto übers Eis aufs Festland. Im Sommer die Fähre. Aber es gibt Zeiten im Frühjahr und Herbst, da geht gar nix. Das Eis ist für Autos zu dünn und für Fähren zu dick. Da machen die Russen wohl, was alle machen. Vorräte anschaffen, einlagern, einkochen, trocken, einlegen.
      Was die Chinesen da machen? Keine Ahnung. Ich nehme an, die sind nur zwei bis drei Tage auf der Insel, machen dort Ausflüge und dann gehts zurück nach Irkutsk, Ulan Ude und was man in der Gegend noch so angucken kann. Schnell und viel. Zum Glück ist das Land groß genug und wos nichts zu gucken gibt und kein Bus hinfährt, da ist auch kein Chinese

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