Auf historischen Gleisen (28.06.2019)

Ich warne Sie, heute gibt es fast 40 Fotos.

Heute fahren wir nach Port Baikal.

Port Baikal besaß früher eine gewisse Wichtigkeit für die Transsibirische Eisenbahn. Um von Irkutsk weiter Richtung Osten zu kommen, stellte sich den Ingenieuren und Planern nämlich der Baikal in den Weg. Es gab drei Varianten für den Bau um den See. Man entschied sich für Port Baikal. Die Trasse wurde zunächst entlang der Angara bis Port Baikal verlegt. Dort, im Hafen, wurde eine spezielle Anlegestelle für Eisenbahnwaggons gebaut. In England bestellte man derweil eine spezielle Fähre, eine Mischung aus Eisbrecher und Fährschiff, die in Einzelteilen geliefert und in der Werft von Listwjanka innerhalb zweier Jahre wieder zusammengebaut wurde.

Die Züge, die in Port Baikal ankamen, wurden auf die Fähre verladen und überquerten den Baikal und legten in Mysowaja an. Das geschah 1900 zum ersten Mal und die Fahrtdauer dauerte bei gutem Wind 3,5 Stunden. Leider aber nicht im Winter. Der Eisbrecher war zu schwach. Oder das Eis des Baikals zu dick. Von Mitte Januar bis Mitte Mai stiegen die Passagiere der Transsib auf Pferdeschlitten um und überquerten den See auf diese Weise. In einem Winter verlegte man Schienen über das Eis. Immerhin benötigte man fast 3000 Pferde, um den Winterfahrbetrieb aufrechtzuerhalten und Passagiere und Gepäck von Ufer zu Ufer zu transportieren. Doch während des russisch japanischen Krieges mussten zudem Waffen und Geschütze transportiert werden. Mit Pferden nicht zu schaffen. So zogen 60 Lokomotiven über 2300 Waggons übers Eis. Nur eine versank. Die Strecke war allerdings nur knapp einen Monat in Betrieb.

Der letzte durchgehende Zug fuhr 1956 auf dieser Strecke. Seitdem fährt die Transsib auf der heutigen Bahnstrecke, also um den See herum. (Wir sind die Strecke am 25.06. gefahren) Nicht zuletzt machten es Diesel- und E-Loks möglich, diese anspruchsvollere Trasse störungsfrei zu bedienen.

Aber, auf der alten Strecke fahren sporadisch Bummelzüge. Und wer weiß?  Vielleicht haben wir ja Glück.

Unser Motel liegt strategisch günstig am Fähranleger nach Port Baikal. 10 Minuten dauert die Überfahrt. Und wie eigentlich immer im ländlichen Raum, braucht es Vertrauen zur Technik, dem Steg und so weiter.

Es ist ausgesprochen gutes Wetter und es wird immer besser.

Zuerst stürzen wir natürlich zum Bahnhof und der alten Lok. Dann gibts da so einen Aussichtspunkt. Aber weil da alle 12 Leute, die mit uns auf der Fähre waren, hin wackeln, gehen wir erst einmal in die andere Richtung.

Ich kann Ihnen sagen!

Wir sehen seltsame Verkehrsmittel. Fahrerlaubnis braucht hier eh keiner. Und weil heute natürlich kein Bummelzug fährt, laufen wir auf den Schienen lang. Das ist gut, denn nachdem wir in einem kleinen Lädchen bei einer Omma Kaffee getrunken haben und ich die eine Schachtel Zigaretten, die es eben gab, gekauft,  gelangen wir ins Naturreservat. Und da darf man tatsächlich nur auf den Gleisen laufen. Da sind wir doch froh, dass heute kein Zug fährt.

Ich kann Ihnen sagen.

Absolute Stille.

Sieht man mal vom Vogelgezwitscher ab. Und vom zeitweiligen Rauschen des Sees. Unglaublich viele Blumen und noch mehr Schmetterlinge.

Wir sind im Paradies.

Auch wenn es jetzt fast ein bisschen zu warm wird zum Wandern. Schließlich gibt es auf den Gleisen, wie Sie sich denken können, nicht einen Baum.

Ich will aber jetzt mindestens bis zum ersten Tunnel laufen. Schließlich gibt es auf den 84 km bis Sljudjanka derer 39. Ich muss da noch mal hin. Ich MUSS nochmal mit diesem Bummelzug fahren. 424 Ingenieurbauwerke gibt es da insgesamt. Das muss man doch mal gesehen haben.

Wir laufen also zum ersten Tunnel. Wobei wir nur langsam voran kommen. Wegen der Blumen und Schmetterlinge und überhaupt.

Als wir zurück laufen und nun zu diesem Aussichtspunkt wollen, von dem aus man den hiesigen Schamanenfelsen sehen kann, zieht es sich zu. Am Hafen angelangt, fängt es an zu nieseln. Fahren wir lieber zurück. Außerdem haben wir eine geniale Idee. Morgen fahren wir nicht mit der Marschrutka zurück nach Irkutsk, sondern mit dem Boot. Das fährt bestimmt am Schamanenfelsen vorbei. Den hat Vater Baikal seiner Tochter Angara hinterher geworfen, als die sich dünne machen wollte.

Auf der Rückfahrt nach Listwjanka sehen wir den nicht. Es regnet ja. Dafür sieht die Freundin eine Baikalrobbe! Ich nicht. Ich habe mich zur Kassiererin in deren Unterschlupf verzogen.

Das Boot nach Irkutsk ist nun etwas teurer als die Marschrutka. Also warten wir im Motel das Ende des Regens ab und laufen ins Stadtzentrum zum Geldautomaten. Der arbeitet nicht. Der zweite auch nicht. Die arbeiten nicht, weil das Geld alle ist und offensichtlich ist noch niemand aus Irkutsk gekommen, um aufzufüllen.

Es ist Freitag. Morgen ist Samstag. Die Wochenendler trudeln ein. Händler hoffen auf gute Geschäfte. Versteh einer die Russen.

Ganz am anderen Ende, oben auf einem Hügel über dem See, soll es ein internationales Hotel geben. Mit Bankomat.

Wir schleppen uns wieder zurück. Vorbei am Motel und der Fähranlegestelle, den Berg hinauf.

Wir finden im Hotel noch das Schild Bankomat. Der Kohlekasten selbst ist weg.

Toll.

(Das Hotel ist auch nicht mehr international sondern eher … chinesisch))

Heute müssen wir wo essen, wo wir mit Kreditkarte bezahlen können und morgen nehmen wir die Marschrutka.

Am Abend verwundert uns der Ex- Schwager der Freundin. Der macht sich Sorgen um uns. Wegen der Unwetter im Raum Irkutsk und den Überschwemmungen. Wir wissen von nichts. Und einen Zusammenhang zu den leeren Automaten stellen wir auch nicht her.

Ich habe auf Fotos von Häusern in Port Baikal verzichtet. Sind so schon viel zu viele Fotos. Klicken Sie drauf und gucken Sie genau.

Über Inch

www.inch.beep.de
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2 Antworten zu Auf historischen Gleisen (28.06.2019)

  1. Zaphod schreibt:

    Die alte Eisenbahnstrecke hat was, das würde mich auch reizen dort und dann mit so einer historischen Lokomotive da durch tuckern. Oder mit einer Draisine selber fahren, da kann man zur Not vielleicht mal zum knipsen anhalten.

    Liken

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