Nachschlag

Bevor ich Ihnen vom 2. Teil des Urlaubs berichte, von Tbilissi und Gori, von Höhlenklöstern und Höhlendörfern, von Weinbauern und Salzseen, von Stadtfesten und dem Fest des lebenspendenden Baums, von Bettlern, einer krassen Stalinverehrung und endlich die Funktion des Tamadas erkläre, gibts heute noch einen Nachschlag an Fotos.

Das liegt zum einen daran, dass die Freundin mir einen Stick in den Briefkasten geworfen hat und da Blickwinkel ja unterschiedlich sind, möchte ich Ihnen einige nicht vorenthalten. Zum anderen habe natürlich auch ich noch Fotos, die aus der täglichen Auswahl, bei der ich mich auf 40 zu beschränken versucht habe, rausgeflogen sind.

Und dann habe ich im Moment gar keine Zeit, das Reisetagebuch abzutippen. Ich gelobe, das am Mittwoch zu tun. Da haben wir Sachsen nämlich Feiertag. Die Thüringer, vermute ich mal, auch.

Bis dahin, kommen Sie einfach noch mal mit nach Tuschetien. Sie werden ein paar Gastgeber sehen und die Bäckerin, Fotos von Omalo und Schafen und Bergen und, ich möchte sensible Gemüter warnen, auch eins von der Schlachtung eines Schafes, wobei ich versucht habe, eins zu wählen, das nicht mehr so krass wie Schaf aussieht. Die Freundin hat auch immer das Essen fotografiert, so dass ich Ihnen einen kleinen Eindruck vermitteln kann. Und natürlich von den Pausen unterwegs.

Die Galerie beginnt mit Fotos vom Pass, als wir am 2. Oktober über ihn gefahren sind. Wenn Sie die mit den Bildern vom 6. Oktober, als wir ihn mit der Herde überquert haben, vergleichen, sehen Sie, wieviel Glück wir mit dem Wetter hatten. Ich bin ja immer noch froh, dass wir wegen des Wetters nicht viel gesehen haben, dass wir erst im Nachhinein erfahren haben, wie gefährlich die Straße ist und dass wir auch erst später erfuhren, dass es da immer mal Opfer gibt, nicht nur unter den Autofahrern.

Fürs Anschauen gilt wie immer: Drauf klicken = groß gucken.

Viel Spaß dabei

 

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Die Passüberquerung (6.Oktober 2017)

Das Wasser ist eingefroren.

Jedenfalls an „unserer“ Toilette.

Bei den Gastgebern, scheints, nicht. Da gibt es Tee und Kaffee zum Frühstück. Ich überlege bei jeder Mahlzeit, was ich esse. Gekochtes. Nur gekochtes. Und zum Frühstück Brot. Meine letzten Riegel werden mich durch den Tag bringen müssen, ich stecke noch etwas trocken Brot ein und- natürlich- abgekochtes Wasser.

Heute steht der schwerste Tag bevor. Es geht über den Abanopass, 2926 m hoch. Und da liegt Schnee. Das ist sicher.

Bis zum Pass laufen wir manchmal auf „Straßen“, sehr oft einfach den Berg hoch. Über Wiesen, Geröll, durch Schnee. Das ist für alle anstrengend. Da, wo wir uns auf engen Serpentinen hoch mühen, ergeben sich wunderbare Fotomotive. Wenn wir in der Sonne laufen. In der ist es unten noch recht warm. Doch im Schatten spüren wir die Kälte. Und natürlich, je näher wir dem Pass kommen, um so kälter wird es. Auch in der Sonne. Ich begrüße mein Lieblingsschaf. Naja, es hustet. Vermutlich gibt es mehrere Schafe mit Husten. Eins läuft immer neben mir. Oder ich neben ihm.

Am Ende der Herde laufen die lahmen und noch kränkeren. Manchen tut es leid zu sehen, wie der Hirte sie antreibt. Aber das ist nun mal sein Job. Er hat dafür zu sorgen, dass alle mitkommen. Sehr schnell sind wir bergauf zwar nicht, aber wenn schaf krank ist… Ich weiß, wie das ist. Ich gehöre eigentlich ins Bett statt auf einen Viehtrieb.

Jeder sucht sich seinen Platz in der Herde und versucht ein bisschen, den Hirten zu helfen. Manchmal stubst Dir ein Schaf ans Bein. Manchmal stellt sich heraus, dass es einer der Hunde ist. Dann hoffst Du, dass es nicht die Mutterhündin ist. Die hat mich gestern angefallen. Das brauche ich nicht nochmal.

Die Landschaft ist atemberaubend schön. Die Sonne scheint und der Schnee blendet so, dass ich die Sonnenbrille gegen die Gletscherbrille eintausche.

Je mehr wir uns dem Pass nähern, desto dichter wird der Verkehr. Das ist, vor allem, wenn die Autos die selbe Richtung wie wir haben, immer etwas stressig, weil natürlich niemand will, dass ein Schaf über- oder angefahren wird, die Autos aber vorwärts kommen wollen. Auch die im Gegenverkehr sind oft ungeduldig und fahren statt einfach zu warten, bis wir vorbei sind. Aber klar, 1500 Schafe, das dauert, eh die vorbei sind. Und wer weiß, wie viele Herden noch unterwegs sind.

Kurz vorm Pass Mittag. Von der Motorhaube des Jeeps.

Und da passiert es.

Ein Schaf wird über- ein anderes angefahren.

Es gibt ein riesen Theater. Der Autofahrer ist ein Russe. Ich witzele: „Feindbild bestätigt“, bereue das aber sofort, denn die Reaktion unsere Schweizerinnen zeigt, die verstehen den Witz nicht. Für die sind wirklich alle Russen böse. Der Fahrer ist natürlich ein dummes Arschloch, keine Frage.

Totes und verletztes Schaf werden auf einen LKW gehievt, ein krankes, um das sich Tiko die letzten paar Kilometer gekümmert hat, darf auch mit hoch. 100 Lari wird der Fahrer dem Schäfer bezahlen. 100 Lari, das sind etwas über 30€.

Die Pferde ziehen an uns vorbei und die Rinder.

Als wir fertig sind mit dem Essen, gilt es, den Herden hinterher zu hasten. Das ist gar nicht so einfach, weil die Landschaft so schön ist, gerade nach der Passüberquerung, dass man ständig stehen bleiben und staunen möchte. Und fotografieren.

Dann hält auch noch ein Auto neben mir und  meine Bekannte aus Omalo springt heraus. Die Bäckerin, sie wissen schon.

Noch mal 15 min.

Jetzt aber rasch.

Ich könnte natürlich mit Lewan mitfahren, der sammelt die Hinterhergebliebenen auf. Aber nein. Heute nicht. Heute laufe ich alles.

Und die sich unter mir über die Serpentinen schiebende Herde bietet ja auch einen zu schönen Anblick. Als ích sie erreicht habe, mische ich mich wieder unter.

Lustig finde ich, wie Ziegen, Schafe und Hunde die Aussicht genießen. Manchmal stehen sie am Abhang und schauen in die Landschaft. Das ist zu putzig. Als wieder Grashalme zu finden sind, haben erstere natürlich keinen Blick mehr für die Schönheiten des Kaukasus, sondern kraxeln in halsbrecherischen Aktionen zu diesem oder jenem Halm.

Und dann, am Nachmittag, ist es vorbei. Wir sind auf etwas über 2000m. Die Hirten treiben die Herde vom der Straße weg auf einen Hang. Tiko packt ihnen, den Hirten, eine Kiste voll Lebensmittel aus dem Jeep. Und Tschatscha natürlich. Es heißt, Abschied zu nehmen. Und Danke zu sagen. Und alles Gute zu wünschen. Denn wer weiß schon, wie die Zukunft der Hirten ist? In den Tälern , wo sie jahrhundertlang nach dem Prinzip „Wer zuerst da ist, weidet hier“  ihr Vieh versorgten, müssen sie nun Pacht bezahlen an irgendwelche ominösen Grundbesitzer.

Wir quetschen uns in Lewans Jeep und fahren einen kleinen Seitenweg hinunter zum Thermalbad.

Und vorher kommt eine Toilette. Eine Wassertoilette. Es gibt sogar für Damen und Herren getrennt. Zwei Häuschen über eine Quelle gebaut, in die man dann kackt. Ich bin so froh, dass ich nur abgekochtes Wasser getrunken habe.

Das Bad ist einfach und heiß. Es gibt drei Kabinen mit Becken. Und es entlockt uns Schreie höchsten Wohlgenusses.

Eigentlich wollte ich im Hotel eine Stunde duschen. Aber nach dem Thermalbad reichen vielleicht 10 min. Zum Hotel in Kachetien braucht es noch mal 2 Stunden mit den Jeeps. Und es ist genauso, wie wir es heute wollen und brauchen. Weiße Bademäntel, weiße Hausschuhe, weiße Handtücher.

Wir treffen uns eine Stunde später zum Festessen.

Und stellen entsetzt fest, dass Lewan schon weg ist. Tiko, das haben wir mitgekriegt, uns verabschiedet, aber Lewan? Das ist ein bisschen blöd. Das hätte uns jemand von den Veranstaltern sagen sollen. Schließlich hat er uns die ganze Zeit begleitet, das Gepäck und Essen gefahren. Und mich. Und uns. Wir werden noch ein Geschenk ins Büro des Reiseveranstalters bringen. Ein Geschenk für Lewan. Jetzt geht es uns besser. Und wir können feiern. Ich feiere mit, denn mir geht es auch besser.

Denke ich jedenfalls.

Fotos, wie immer. Draufklicken und groß gucken.

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Wie man es Touristen warm und gemütlich macht (5. Oktober 2017)

15 km soll es heute gemütlich durch die Schluchten Zentraltuschetiens gehen. Es werden etwas mehr. Aber die Kilometerangaben werden eh immer nach unten retuschiert angegeben, wohl um uns nicht zu demotivieren.

Aber zunächst laden wir, oder besser Lewan, die Rucksäcke auf den Jeep. Also nach dem Frühstück. Dann quetschen wir uns alle in den Jeep. 10 Männer und Frauen. Und Lewan.

Die Hirten meinten, wir seien gestern zu spät los gegangen und wollen heute eher starten. Schaffen wir natürlich trotz aller guter Vorsätze nicht. Die Herden sind schon unterwegs, als uns Lewan aus dem Jeep schmeißt.

Um durch Schluchten zu laufen, müssen wir freilich erst mal runter. In die Schluchten.

Das geht über Stock und Stein. Gut, dass ich gute Bergschuhe habe und Wanderstöcke. Die Hirten laufen in Gummistiefeln.

Heute sollen sich die Schafe (und anderen Grasfresser) ausruhen und viel fressen, bevor es morgen über den Pass geht. Vielleicht meiden die Hirten deshalb jeden einigermaßen begehbaren Weg, wo er sich vermeiden lässt. So können Schafe, Esel, Ziegen überall ein bisschen fressen. Was nun wiederum ziemlich viel Arbeit für die Hirten bedeutet (in unwegsamen Gelände sind wir keine Hilfe, auf großen, fast ebenen Wiesen schon), denn Schafe und Ziegen laufen lieber nach links und rechts, um den besonders leckeren Grashalm dahinten zu erhaschen, statt geradeaus nach unten oder, später auch, nach oben.

Wir kommen nach Upper Omalo, wie es im Englischen heißt. Oder Alt- Omalo, wie es auf Deutsch heißt. Oder Semo Omalo, wie es auf tuschetisch oder georgisch heißt.

Hier standen ursprünglich 13 Wehrtürme, das ist Kesolo (Festung).  Die wurde im 13. Jahrhundert gebaut, als die Mongolen  gerade versuchten, sich das Land unter die Nägel zu reißen. Die Tuschen bauten sie, um darin Schutz zu suchen. Und so fanden sie auch Schutz in dem Keselo, als später immer mal wieder Stämme aus Dagestan „rüber“ kamen, um ein bisschen zu erobern und zu rauben. Und vor allen anderen folgenden Eroberern und Räubern. Schließlich war und ist Omalo der Hauptort Tuschetiens. Es liegt quasi im Tal, nämlich auf 2050m. Heute verlassen die meisten Bewohner den Ort im Winter, aber früher war das sicher anders. Schließlich lag und liegt die Region leicht abgeschnitten vom übrigen Georgien.

In Semo Omalo gibt es sogar eine recht noble Herberge. Also von außen vermutet man es ja nicht, aber die Fotos auf der Website, ja das Gasthaus hat eine Website, belehren den misstrauischen Mitteleuropäer eines besseren.

Auch in Omalo, egal ob oben oder unten, alt oder neu, sind die meisten Häuser in der typischen Schieferbauweise errichtet. Ohne Mörtel. Nur eben sehr exakt geschichtet. Und so halten sie und stehen da seit ein paar hundert Jahren,

Weil Upper ja oben liegt, müssen wir dann freilich runter, nach Neu- Omalo. Da gibt es sogar einen Minimarkt. Aber den verpasse ich, weil ich mich mit der Bäckerin unterhalte und dann den anderen hinterher hetzen muss, denn tuschetische Hirten warten nicht auf neugierige, schwatzhafte Inchtouris.

Die Bäckerin hat einen Universitätsabschluss. Als Deutschlehrerin. Sie hat auch als solche gearbeitet, als Georgien noch die Georgische Sozialistische Sowjetrepublik war und die Tuschen  nicht in ihren Bergdörfern leben durften.

Heute braucht man in Georgien keine Deutschlehrerinnen mehr. Heute lernen die Kinder in den Schulen Russisch und Englisch als wichtigste Fremdsprachen. Meine neue Bekanntschaft konnte sich mithilfe von „Brot für die Welt“ eine neue Existenz aufbauen, nämlich ihre kleine Bäckerei. Dafür ist sie sehr dankbar, fast habe ich das Gefühl, sie bedankt sich bei mir persönlich. Freilich kann sie ihr Geschäft nur im Sommer betreiben. Im Winter zieht sie mit der Familie ins Tal. Dort jobbt sie ein bisschen als Bibliothekarin.

Ich würde gern noch viel mehr wissen, aber, wie ich schon sagte, die Hirten. Und Inch lost in Tusheti ist nun auch nicht erstrebenswert, zumal ich immer noch, nuja, Probleme habe.

Es geht bergab über Wiesen und die Herde kommt  mir vor wie ein Ameisenhaufen. Aber dann gibt’s zum Glück eine Fresspause. Für Schafe, Ziegen, Esel, Pferde und Kühe.

Wir beehren ein Restaurant gleich neben der Weide. Auf meine Nachfrage stellt sich heraus, hier leben keine Cousine und kein Cousin Tikos, das Anwesen gehört Freunden.

Wir genießen die Kaffe/ Teepause. Dazu gibt es Kekse und die, die nicht ihre Zeit mit dem Gequatsche mit Einheimischen vertrödelt haben, packen ihre Schätze aus. Cola (soll ja auch gegen Durchfall helfen, ich bin längst nicht mehr die Einzige) und aus heimischen Supermärkten vertraute Riegel.

So laufen wir einigermaßen gesättigt zu den Herden zurück, nur um zu erfahren, dass die Hirten beschlossen haben, hier zu mittagessen.

Toll.

Aber es wird bis zum Abend nichts geben. Die Riegel sind bis auf Notrationen aufgefuttert. Es scheint nur vernünftig, zu essen. Übrigens, wer sich auf dieser Tour kein Wasser einsteckt, muss Wein trinken. Oder Tschatscha.

Die Hirten, die mit uns im Kreis sitzen, sind sehr sehr schüchtern. Trauen sich kaum, zu essen. Die Wahrheit ist, dass sie erst, als wir aufstehen, richtig zulangen. Dann stopfen sie sich hastig etwas zwischen die Zähne und machen sich kauend wieder an die Arbeit.

Es geht weiter bergab. Bis wir endlich in der Schlucht angekommen sind.

Und nun geht es zwei Stunden lang tatsächlich durch die Schlucht. Das ist so angenehm, dass ich verwirrt und enttäuscht bin, als Tiko sagt, dass hier Schluss ist für heute.

Weils aber steil bergauf ins „Hotel“ geht, steige ich mit den Mädels wieder zu Lewan in den Jeep.

Da bin ich heute noch froh, denn dort kann ich live erleben, wie man aus einer Art Terrasse einen beheizten Raum macht. Sehen Sie sich die Bilder an. (Und lesen Sie darunter weiter)

Shtrotta, wie das Hotel heißt, oder der Hof oder der Ortsteil, gehört zu Kisho.  Wir fragen nicht. Es ist zu kalt. Trotz aller Versuche. So ziehen wir nach dem Abendbrot zu den alten Leutchen in die Schlaf-Wohn-Küche. Aber da ist es nun wieder zu warm, vor allem, wenn man am Ofen sitzt. Trotzdem ist es ein lustiger Abend. Man kann sich Russisch verständigen. Vier der sieben Touristen können das. Die alte Frau kramt sogar noch ein paar deutsche Worte aus ihrem Gedächtnis.

Es gilt, nicht auf Toilette zu müssen, wenn frau und man erst mal im Bett liegt. Denn die Toiletten sind draußen. Und die Spülung ist eine Wasserflasche, die frau vorher ganz draußen an einem Wasserhahn auffüllen muss.

Natürlich muss ich nachts raus. Die anderen auch. Wenn einer  muss, werden die anderen wach und müssen auch. Gefühlt schlafe ich nur zwei Stunden. Wenigstens ist es im Schlafsack warm, dank meiner Trinkwärmflasche.

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Schafe, Ziegen, Rinder, Pferde. Und Hunde (4. Oktober 2017)

Es geht mir etwas besser. Abgesehen von den Magenkrämpfen. Aber wenigstens bin ich sicher, dass ich nicht alle paar Minuten aufs Klo muss.

Es scheint ein schöner Tag zu werden. Zwar liegt noch Nebel über dem Land, aber man kann dahinter schon die Sonne vermuten.

Nach dem Frühstück, bei dem ich mich sehr zurückhalte und eigentlich nur trocken Brot esse, warten wir draußen auf die Hirten.

Mit etwas über 500 Schafen starten wir. Wir laufen im Prinzip den gestrigen Weg zurück, nur auf der anderen Seite des Flusses. Die Kühe und Pferde, die uns in getrennten Herden folgen, nehmen die andere Flussseite, den weiteren Weg. Aber die sind auch schneller. Und nicht solche Kletterkünstler wie die Schafe und Ziegen. Und wir.

Die Zeigen sollen eigentlich das Tempo vorgeben, aber sie erweisen sich als ziemliche Clowns.

Das Tempo ist gemächlich. Schafe sind eben nicht so schnell.

Bei Parsma gibt es –  für uns- eine Pause. Die zweite Herde stößt zu uns. Aber erst müssen die Schafe und Ziegen gezählt werden. In 20er Schritten.

Fasziniert schauen wir zu.

Es geht nun weiter Richtung Dartlo. 1600 Schafe, Ziegen, Esel, im Schlepptau Kühe und Pferde. Wir Touris laufen mit den Schafen. Die Esel tragen das Gepäck der Hirten. Und die Welpen. Deshalb ist es ratsam, sich denen nicht zu nähern. Denn wenn die Mutter das mitkriegt.

Überhaupt die Hunde. Inzwischen riechen auch wir nach Herde, so dass wir akzeptiert werden. Die Hunde werden jeden morgen kommen, schnüffeln, uns erkennen und am Leben lassen. Nur die Mutterhündin ist leicht aggressiv.

Das Wetter wird besser. Zwar bleibt es kalt, aber die Sonne kommt raus.

Ich bin froh, wenn es auf einigermaßen ebenen Wegen voran geht, denn ich habe doch recht wacklige Knie und fühle mich schlapp. Schließlich ernähre ich mich jetzt schon ein paar Stunden nur von trocken Brot.

Die Landschaft ist atemberaubend schön. Das Laufen mit den Schafen hat etwas meditatives.

Manchmal können wir Menschen Brückenreste nutzen, manchmal müssen wir wie die Schafe durchs Wasser, manchmal können auch die Tiere die Brücke nutzen.

Der Esel verliert zwei Welpen, die Tiko und die Freundin nun unter den Jacken durch den Kaukasus tragen. Seltsamerweise stört das die Hündin nicht.

Irgendwo kommt uns eine fremde Herde zu nah und die Ziegen büchsen aus. Unsere Hirten sind stinksauer und müssen jedes einzelne Tier fangen und zurückbringen. Für Schafe und Touris eine willkommene Pause, in der uns die Rinder- und Pferdeherde überholen.

Wir laufen an Tschescho vorbei und erreichen Dartlo. Dort gibt es viele Wehrtürme zu sehen, es gibt ein Café und überhaupt wird gewerkelt und restauriert, was das Zeug hält.

Tiko zeigt uns einen alten Richtplatz der Tuschen, den dürfen sogar wir Frauen betreten. Hier kamen die Ältesten der tuschetischen Clans zusammen, um Recht zu sprechen und Streitigkeiten zu schlichten. Es scheinen 12 gewesen zu sein. 12 Älteste.

Es gibt hier die Ruine einer orthodoxen Kirche, etwas außerhalb des Ortes Schreine, und einer der Wehrtürme ist 6-stöckig. Der georgische Staat leistet finanzielle Unterstützung bei der Restaurirung nicht nur der Türme, sondern auch der Wohnhäuser.

Als es später steil hinauf geht, steige ich zu Lewan in den Jeep. Ich fühle mich immer noch nicht wirklich fit.

Aber das ist eigentlich auch blöd. Lewan spricht nur georgisch. Und wir folgen der Herde, d.h., wir stehen irgendwo 30 min rum, fahren zum Ende der Herde, stehen wieder rum…

Kurz bevor wir die Schneegrenze erreichen, steige ich wieder aus.

Es wird dunkel, als wir „oben“ sind. Die Hirten schlafen hier ( im Freien).  Wir müssen noch ein Stück laufen, Aber ich steige mit Tiko, Steffi und Amalia wieder zu Lewan und fahre ins „Hotel“.

Das ist gut so, denn die Wirtsleute, die längst ins Tal umgezogen sind, können ihr Haus wegen der gesperrten Passstraße nicht erreichen. So bereiten wir vier das Abendbrot vor.

Zwei ältere Herren aus der „Nachbarschaft“, ich glaube die Nachbarn  wohnen ein paar Kilometer entfernt, haben schon den Ofen angeheizt. Aber da diese Häuser nur im Sommer bewohnt werden, ist die eine Seite des „Gastraums“ offen. Die Häuser selbst sind eh nicht beheizt.  Es gibt eine Ofen zum Kochen. Wir rücken so nah wie möglich heran. Einer der Herren ist pensionierter Tierarzt. Seit er beschlossen hat, in seinem Dorf zu überwintern, ist das der höchste ganzjährig bewohnte Ort Europas. Ich habe den Namen des Dorfes vergessen, aber es könnte Bochorma sein.

Der alte Herr ist ein hervorragender Tamada und regt auch uns an, Trinksprüche zu kreieren bzw zu erweitern. Ich habe mir die Flasche mit gekochtem Wasser gefüllt (ich trinke hier nur noch abgekochtes Wasser und esse kein Gemüse, weil das ja mit Wasser gewaschen wurde. Außerdem dient die Flasche später als Wärmflasche im Schlafsack) und fülle damit heimlich mein Tschatscha –Glas.  Es ist ein fröhlicher Abend mit einem wirklich außergewöhnlichen Menschen und wie die eine Schweizerin sagt, so ist es in Tuschetien zwar viel zu kalt für uns Mitteleuropäer und es gibt aucch viel zu viel Alkohol für unsere mitteleuropäischen Mägen, aber die Wärme, die uns aus den Herzen der Tuschen  entgegengebracht wird, macht alles wieder gut.

Gaumachos!

Wenn man aufs erste Bild links klickt, werden die Fotos in Reihenfolge des Geschehens angezeigt

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Der Weg zu den Hirten (3. Oktober 2017)

Als die Freundin das Video der Tschechen fand, schickte sie es mir mit den Worten Es hätte auch schlimmer werden können.

Also, da habe ich Ihnen am Dienstag spektakuläre Bilder gezeigt. Aber so schlimm hat es uns tatsächlich nicht getroffen.

Erstens geht es ab jetzt zu Fuß weiter (so jedenfalls der Plan), zweitens sind wir zu einer anderen Jahreszeit hier und drittens ist das Wetter besser.

Als ich am Morgen auf die Veranda trete, hat sich Neuschnee wie Puderzucker über Wiesen, Bäume, Häuser und Autos gelegt. Vermutlich auch über die Berge, aber die sehe ich nicht, die verschwinden im Nebel. Na toll, Inch fährt in den Kaukasus und kann ihn nicht sehen.

Nach dem Frühstück schmeißen wir unsere Rucksäcke in Lewans Jeep und machen uns mit unseren Spaßrucksäcken, Wanderstöcken und Kameras auf den Weg nach Girewi. Dort werden wir uns nur 10 km von der tschetschenischen Grenze entfernt befinden. Aber das wissen wir vor Ort nicht. Jedenfalls ich weiß eigentlich nicht so genau, wo ich bin. Georgien, Kaukasus, Tuschetien. Ich hatte keine Zeit und nicht den Druck, mich vor dem Urlaub vorzubereiten. Reisegruppe. Festplatte runterfahren. Wo wir danach hin wollen, in Georgien, nach der Rückkehr aus den Bergen, das weiß ich ganz genau.

Entlang des Pirkiti-Alasani- Flusses laufen wir gemütlich durch eine malerische Landschaft. Und Tiko erzählt schon mal ein bisschen von ihrer Heimat. Übrigens haben wir jetzt noch quasi eine dritte „Betreuerin“. Amalia kommt aus Armenien und arbeitet in einem Partnerunternehmen. Für sie ist zwar auch alles neu hier, aber sie muss sich an der Essenszubereitung und dergleichen beteiligen.

Das Wetter ist so – mau. Feucht, kalt, neblig. Trotzdem macht das Laufen Spaß.

Wir kommen am verlassenen Tuschendorf Parsma vorbei. Und steigen natürlich hinauf, uns das anzusehen.

So ganz verlassen ist es nicht, denn an einigen Häusern wird fleißig gebaut.

Die Tuschen wurden in den 1950er Jahren faktisch gezwungen, die Berge zu verlassen, um sie, die Tuschen, besser kontrollieren zu können. Aber der Reihe nach. Ich erzähle Ihnen, was ich behalten habe. Auf Vollständigkeit kann ich keine Rücksicht nehmen und sollte sich hie oder da ein Hör- oder Verständnisfehler eingeschlichen haben, dürfen Wissende mich gern korrigieren.

Sie kamen im 4. Jahrhundert als Flüchtlinge, die nicht so recht Bock auf die um sich greifende Christianisierung hatten. Später sind sie natürlich doch gute Christen geworden. Immerhin gibt es in Tuschetien, dass, wenn ich richtig gezählt habe, aus etwas zwischen 5 bis 10 Dörfern besteht, eine funktionierende Kirche. Dafür gibt es allerhand heilige Orte. Steinhaufen, Schreine, Wiesen, Haine. Die darf man nur auf bestimmten Wegen umgehen. Es gibt Wege für Männer und Frauen. Manche darf man nicht betreten. Ein paar mehr dürfen Frauen nicht betreten. Tiko meint, Ausländer meinten, das sei diskriminierend,  aber sie sieht das nicht so.

Glücklicherweise sind die Heiligen Orte umzäunt, so dass kein dummer Touri da rein tappt. Denn so gastfreundlich die Tuschen sind, so was können Sie gar nicht leiden. Sie essen auch kein Schweinefleisch. In den Bergen. Im Tal ist es erlaubt. Da, im Tal, leben die Tuschen im Winter. In den Bergdörfern im Sommer. Es gibt ein paar Menschen, die auch im Winter „oben“ bleiben, die sind dann freilich ein paar Monate sehr isoliert.

So, jetzt wird es kompliziert. Jeder Tusche gehört zu einem Kreis oder Clan, ich habe das nicht genau verstanden. Irgendwo habe ich gelesen, dass sie sich in Talschaften aufteilen. Aber Tiko hat von Kreisen gesprochen und im Prinzip war jeder, den wir getroffen haben, ihr Cousin oder Onkel, respektive Cousine oder Tante.

Es ist ein Volk der Schäfer und Hirten, was erklärt, warum sie Sommer- und Wintersitze haben. Vermutlich war das aber nicht immer so, denn in den Bergen stehen überall eine Art Wachtürme, auch in den Bergdörfern. Von da aus konnten sie sehen, wenn wieder mal jemand anrückte, in ihr Land einzufallen, dann fungierten die Türme auch als Signal- und Nachrichtentürme, die mittels Feuer- und Rauchzeichen übertragen wurden (die Nachrichten)

Die Familien flohen dann in die Täler, wenn genug Zeit blieb, oder in die Wehrtürme in den Dörfern. Da war der Eingang weit oben, nur über eine Leiter erreichbar.

Sie waren als Krieger sehr hoch angesehen.

Den Sowjets waren sie wohl etwas zu selbstständig und eigensinnig, man könnte auch unabhängig sagen. Deshalb mussten sie in den 1950er Jahren ihre Bergdörfer verlassen.

Das alles erzählt uns Tiko, während wir durchs Dorf tapsen und wie wild fotografieren.

Mir wird ganz komisch. Das kann nicht am Plumps- Hock- Klo liegen. So was kenne ich. Das kann auch nicht an der Höhe liegen, wie Steffi meint. Höhe bin ich gewöhnt.

Trotzdem ist mir komisch. So leicht übel und schwindelig.

Unten wartet Lewan, der inzwischen vorgefahren ist und die Mädchen bereiten das Picknick vor.

Mir ist immer noch komisch.

Ich glaube, ich steige lieber zu Lewan in den Jeep und fahre mit zum „Hotel“.

Dort lege ich mich mit Schlafsack und Tee ins Bett.

Und sterbe.

Inzwischen sind die anderen da. Weil es regnet, können sie nicht ins Hirtencamp, sondern die Schäfer kommen runter. Ein Schaf wird geschlachtet und zu Schaschlik verarbeitet.

Ich versuche mal kurz, ob es  mir besser geht. Mir ist nicht mehr schwindelig.

Dafür.

Naja. Ich bräuchte eine Toilette zur alleinigen und dauerhaften Benutzung. Gibt’s doch nicht. Das hatte ich noch nie. Heute morgen habe ich noch erzählt, wie ich mit einer anderen Freundin öfter urlaubte, sie danach mit Ruhr und dergleichen in der Quarantänestation landete und ich aus Sicherheitsgründen zu Hause bleiben musste. Und jetzt bin ich der Pflegefall.

Ich krieche wieder ins Bett. Mit trocken Brot und bitte nur abgekochtem Wasser.

Draußen tobt die Party.

Ich könnte heulen.

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Wovon wir sprechen

Ich hoffe, das funktioniert.

Lassen Sie sich nicht davon irritieren, dass es ein tschechisches Video ist. Die Bilder sprechen für sich. Wir sind diesen Weg auch gefahren bzw gelaufen. Einige Orte habe ich wiedererkannt.Zum Beispiel eine Toilette, von der noch zu berichten sein wird. Und natürlich das Thermalbad als Lohn aller Mühe.

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Erste Ausfälle (02.10.2017)

Heute also geht es los.

Beim reichhaltigen Frühstücksbuffet, das eine wirklich gelungene Mischung aus georgischer, russischer und mitteleuropäischer Küche darstellt und extrem reichhaltig ist, treffe ich Frau Erklärbärin. Leider grüßt sie nicht. Und unter dem vielfältigen Angebot scheint auch nicht das richtige für sie dabei zu sein. Lassen ihr Blick und ihre Handlungen vermuten.

Ach Du Scheiße.

Die Freundin und ich, wir müssen uns dringend fernhalten. Das geht sonst schief.

Treffen mit Gepäck in der Lobby. Dort erwarten uns unsere „Deutsche Reiseleitung“ und unser tuschetischer Guide. Der ist eine Tuschin und heißt Tiko.

Und es gibt Verzögerungen.

Erklärbärins Mann ist mit Rippenbrüchen angereist. Der Arzt hätte gemeint, das sei kein Problem, er solle  nur keinen Rucksack tragen (siehe 01.10.). Nun geht’s ihm doch nicht gut. Der Notarzt kommt, er muss ins Krankenhaus und der Rückflug ist schon für den Abend gebucht.

Wir sind nun also noch 7. Plus „Deutsche Reiseleitung“ plus Guide.

Das wir ob der Ausfälle erleichtert sind, werden wir uns erst später eingestehen. Vorerst schleppen wir unser Gepäck zum Bus. Es regnet, in Tuschetien soll es schneien. Beste Aussichten.

Einen ersten Stopp gibt es in Telawi, der Hauptstadt Kachetiens. Aber von der Stadt sehen wir nichts. Wir halten am Markt. Die Mädels müssen Vorräte kaufen, wir sind als Touristen hier.

Der nächste Zwischenstopp, nur kurze Zeit später, ist die Georgskirche von Alaverdi. Einst war die im 11./12. Jahrhundert erbaute Kirche berühmt für ihre Wandmalereien, heute wartet sie wohl auf eine gründliche Restaurierung, falls die noch möglich ist. Wir finden nur  noch ein paar Fragmente.

Wir steigen nun in Jeeps um und dann geht es noch ein bisschen auf der Straße lang und dann ab in die Berge. Irgendwo machen wir Picknick. Dann überqueren wir den Abano-Pass. Über den werden wir zurück laufen.  Der Freundin wird schlecht, weil sie sowieso nicht gern hinten sitzt, das Autofahren hier etwas ruckelt und außerdem, vermuten wir, der Sprit ne Art Eigengeruch hat.

Wie dem auch sei. Im Dunkeln sind wir in Cesho (Tschescho), einem Tuschendorf.

Es gibt das übliche üppige Mal, dazu Wein und Tschatscha und dann fallen wir in unsere Betten.

Und damit Sie eine Ahnung bekommen, wovon ich hier eigentlich spreche, gibt’s morgen ein Video, dass die Freundin bei Jutuub gefunden hat.

Heute gibt’s Bilder,

Wie immer: Drauf klicken usw.

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Zweckgemeinschaft (01.10.2017)

Heute also beginnt die gebuchte Reise offiziell. Mit einer Stadtführung und dem Kennenlernen der Reisegruppe. Davor fürchten wir uns etwas. Also vor der Reisegruppe. Weder die Freundin noch  ich haben das jemals gemacht. Ich habe aber darüber schon mal in einem Blog gelesen. Wenn so jemand wie jene Bloggerin in der Gruppe ist… wie sind eigentlich so die georgischen Gefängnisse?

Wir treffen uns in der Lobby des Hotels. Kein vorsichtiges Antasten. Jeder wartet ab.

Außer eine. Die labert die Stadtführerin zu. Also eigentlich erklärt sie ihr, wie die Welt funktioniert.

Ach Du Scheiße.

Die Tour durch die Stadt ist im Prinzip die gleiche, wie wir sie gestern schon instinktiv gewählt haben. Nur das Wetter ist schlechter.

Weil Tbilissi sooft überfallen und zerstört wurde, sind die zu besichtigenden Häuser meistens nicht älter als 200 Jahre. Dabei wurde die Stadt schon im 5. Jahrhundert gegründet, von eben jenem Wachtang Gorgasali, den wir ja schon gestern besucht haben. Dass sich überhaupt hier Menschen, schon ein paar Tausend Jahre früher  ansiedelten, lag wohl am milden Klima (Tbilissi liegt in einem von Bergen umgebenen „Tal“) und an den Schwefelquellen, zur Bedeutung der Stadt trug sicher ihre geografische Lage bei, nämlich an der Kreuzung alter Karawanenwege gelegen. So kann man noch heute einige Karawansereien erahnen, manche zu Wohnhäusern umfunktioniert. Mit zugemauerten Eingängen und Toren, da braucht man schon eine Stadtführerin, die zu erkennen. Wir wollen ein solche ehemalige Karawanserei besichtigen, aber weil gerade irgendeine Wahlveranstaltung darin stattfinden soll und vorbereitet wird, können wir uns nur schnell die Toiletten ansehen. Immerhin.

Ebenso erging es uns an der Moschee, die ja gleich um die Ecke des Hotels liegt. Kein Zutritt. Wie gestern standen da wieder viele Bettler, die ganze Straße zur Moschee hinauf. Vor Kirchen stehen auch sehr viele Bettler. Vor der Synagoge nicht, fällt mir gerade auf. Möglicherweise haben die ein anderes System der Barmherzigkeit. Aber ich schweife ab.

Die Moschee liegt im Bäderviertel. Die Thermalquellen, aus den die öffentlichen Anstalten ihr Wasser beziehen, sind sehr schwefelhaltig, wirken antibakteriell, haben so zwischen 24 und 45° Wassertemperatur und entsprudeln alle dem Berg Mtabori. Die seltsamen Kuppeln, die ich Ihnen gestern schon auf Fotos zeigte, sind so eine Art Lichtquellen, da sie alle in der Mitte eine (verglaste) Öffnung haben. Die Bäder liegen nämlich samt und sonders unter der Erde.  Wir werden so ein Bad nach dem Viehtrieb ausprobieren, das verspreche ich der Freundin noch einmal.

An diesem Teil der Stadt und dieser Flussseite gefällt mir das Gassengewirr, dass sich nicht auf das Bäderviertel beschränkt, unterbrochen von großen breiten Plätzen, die früher als Basare dienten. Und  mit Stadtführern entdeckt man auch das Marionettentheater,  das schon von außen fasziniert. Zum Essen geht es runter an der Fluss (Tbilissi, die Altstadt liegt terrassenförmig angelegt zu BEIDEN Seiten des Flusses, der übrigens Mktwari heißt,  der Höhenunterschied zwischen dem tiefsten und dem höchsten Punkt des Zentrums beträgt 400m!) und essen in einem zum Restaurant umfunktionierten ehemaligem Bad.

Frau Erklärbärin sitzt neben der Stadtführerin und textet sie weiter zu. Gerade darüber, wie locker die Deutschen mit den Wölfen umgehen und wie verkrampft das die Schweizer tun, die eben stur seien. Ich setze kurz an, mich einzumischen, verzichte aber lieber, die beiden Schweizerinnen in der Runde gehen rauchen, ich gehe mit.

Frau Erklärbärin wird kaum zu ertragen sein, das steht fest. Ihr Mann dagegen ist still, trägt artig den Rucksack durch die Stadt und schweigt.

Wir essen die ersten Chinkali (Kinkali) und das, liebe Leserinnen und Leser, sind nichts anderes als Buusi, nur oben zu , viel größer und, ich entschuldige mich bei allen Georgiern, nur halb so lecker. Die Art sie zu essen, will auch gelernt sein. Am Zipfel packen, reinbeißen, Brühe ausschlürfen, essen. Außer den Zipfel, der bleibt auf dem Teller liegen. Gibt’s auch keine saure Sahne dazu.

Und auch hier, in diesem doch recht noblen Restaurant mit traditioneller georgischer Küche, gibt es kein Dessert. Kein georgisches. Das wird mich verfolgen. Eine Küche ohne Desserts, das gibt doch nicht.

Die Stadtführerin fährt nun mit uns Metro und läuft den Rustaweli-Prospekt ab. Die Gebäude stammen so etwa aus der Zeit um 1900. Weil der Prospekt aber breit ist und die Autos laut, fällt es ein bisschen schwer, zu genießen. Irgendeinen Charme kann ich eh nicht entdecken. Aber ein paar Kleinode. Immerhin.

Vom Hotel aus hat man einen guten Blick auf Wachtang Gorgasali, den legendären König, der das damalige Iberien vorübergehend in die Unabhängigkeit führte und als Stadtgründer Tbilissis gilt, und auf die Metechi- Kirche, die immerhin aus dem 13. Jahrhundert stammt und die ein König erbauen ließ, der später von den Mongolen hingerichtet wurde. Ich sagte es ja schon, Georgien war ziemlich beliebt als zu eroberndes Land. Wachtang I. kämpfte gegen die Perser.

Am Abend holt uns dann die „Deutsche Reiseleitung“ ab, wir treffen noch eine andere Gruppe, die machen eine 14-tägige Georgien-Rundreise und sind uns sofort sympathisch, wir laufen ins jüdische Viertel, erfahren von Steffi, die schon ne Weile hier lebt, dass frau sich eigentlich nirgends fürchten muss und betreten ein Wohnhaus. In dem gibt es zwei Restaurants. Wir nehmen das in der 1. Etage. Im Grunde ist das eine alte bürgerliche Wohnung. In einem Zimmer sitzen wir an einer langen Tafel und lernen die ersten Grundlagen eines georgischen Gastmahls und der Bedeutung des Tamadas.

Wir trinken auch zum ersten Mal  Chacha (sprich:Tschatscha) und weil wir noch keine Ahnung von den schädlichen Auswirkungen  dieses hochprozentigen Zeugs, dass Mann und Frau in der Bergen gern schon zum Frühstück trinkt, haben, gehen wir danach noch mit einem anderen zukünftigen Schicksalsgefährten  in eine Bar und trinken … Tschatscha.

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Willkommen im Paradies (29./30.09.2017)

Wir bitten zuerst unsere First Class Passagiere und Senatoren an Bord.

Ich erwarte irgendwie noch den Zusatz und unsere Männer.

München Flughafen. 40 Minuten Zeit zum Umstieg. Haben wir gut geschafft. Hätten wir auch ohne die Verspätung, mit der das Boarding beginnt und der Flieger letztendlich abhebt.

Der Weg hierher war stressiger.

Ich bin es gewohnt, bis zuletzt zu arbeiten und dann abends in den Urlaub zu starten. Hat bisher wunderbar funktioniert. Aber an diesem letzten Freitag im September.

Irgendwie dachten einige meiner Klienten, ich könnte noch die Welt retten. Kann ich natürlich nicht. Nur rumtelefonieren, Unterlagen irgendwo hinterlegen, wieder rumtelefonieren, genau aufschreiben, was zu tun ist und bis wann.

Ab 26. Oktober bin ich wieder wirklich da. Vom 16.- 20. Oktober nur für Notfälle erreichbar.

Ich bin gespannt.

Der Umstieg ist für mich so aufregend, dass ich die Arbeit augenblicklich vergesse. Außerdem bin ich hundemüde. Die Freundin ist es auch.

Aber wer kann schon schlafen, wenn er/sie essen muss. Na, halten wir uns nicht mit Wasser und so Kram auf, sondern bereiten uns wenigstens trinktechnisch auf den Urlaub vor. Prost

4 Uhr Ortszeit Ankunft Tbilissi. Flughafentransfer ist was feines. Einfach Schild suchen, Fahrer folgen, ins Auto plumpsen, am Hotel raus, einchecken, rauchen, ins Bett fallen.

Oder fast. Denn das Bett hat nur eine Decke. Die Freundin kramt den Schlafsack raus. Ich dann auch, weil das Laken doch fleckig und die Decke zu kurz ist.

Ich quäle mich sogar zum Frühstück kurz raus. Die Freundin schläft durch.

Bis Mittag. Gegen 13:00 Uhr starten wir.

Das Hotel liegt im Bäderviertel. Was wiederum im oberen Kala, der Altstadt liegt.

Hier gibt es also viele Bäder. Die liegen unter lustigen runden steinernen Kuppeln. Die Freundin will da aber unbedingt hin. Später. Nach Tuschetien.

Hier gibt es auch eine Moschee, in die wir aber gerade nicht rein können und obwohl ich das keinesfalls will, landen wir im Botanischen Garten. Da erleben wir einen 5. Geburtstag.  Also, da sind so um die 20 Kinder, doppelt so viele Erwachsene, Beutel mit Spielzeug für jeden Gast. Wir fragen den Opa. 5. Geburtstag. Das betont er so, dass wir denken, das muss was besonderes sein. Aber wen wir später auch fragen, es ist nichts besonderes. Und die große Feier ganz normal.

Der Georgier an sich feiert ja sehr gern. Es gibt da eine Geschichte, die uns mehrmals erzählt wurde.

Als Gott die Welt aufteilte an all die Völker und Nationen, da tanzten und tranken die Georgier und verpassten den Termin. Als sie nun später kamen, sich ihr Land abzuholen, bedauerte Gott, dass alles aufgeteilt wäre. Ich vermute, dass die Georgier nun lamentierten und klagten. Denn das können sie mindestens ebenso gut wie feiern. Ich jedenfalls habe nie Menschen erlebt, die so über 500 Jahre und länger zurückliegendes Ungemach  klagen können als sei es gerade eben passiert und sie wenigstens Augenzeuge gewesen, wenn  nicht sogar ein Verwandter betroffen war, wie die Georgier. Aber das tun sie zum Glück selten. Eigentlich feiern sie lieber. Weil es also nichts mehr zu verteilen gab, entschied Gott, den Georgiern das Land zu geben, dass er eigentlich für sich selbst aufgehoben hatte. Und so lebten die Georgier fortan in Gottes Land, quasi im Paradies.

Wir klauen ein paar Samen für den heimischen Garten, entdecken am Himmel noch ein paar Dinge, die wir unbedingt später tun müssen und essen unsere ersten Chatschapuri, eine Art Fladenbrot, dass entweder mit jungem Käse gefüllt oder bestreut gebacken wird. Allerdings, so lecker das Essen in Georgien ist, den Käse haben wir irgendwann über. Und jedes Gericht mit Käse auch. Denn da geht es ihnen wir den Russen. So richtige Käsemeister sind sie nicht. Im Grunde haben wir nur einmal irgendwo eine Art Schnittkäse gegessen, ansonsten begegnete uns nur eine Art Feta, meistens vom Schaf.

Aber noch sind die Chatschapuri lecker, der Geschmack fremd und verheißungsvoll. Nur eben etwas viel. Aber an viel essen werden wir uns gewöhnen müssen. An viel trinken auch. Ob und wie uns das gelingt, werden Sie erfahren.

Wir schlunzen weiter etwas ziellos durch die Altstadt. Wir bestaunen abenteuerliche Konstruktionen an Häusern, die an Felsufern stehen, bestaunen die Friedensbrücke, einen Neubau, den die Einheimischen Pampers nennen, wechseln kurz die Flussseite, um zur Metechi- Kirche zu gelangen und zum Reiterstandbild Wachtang I.  Von hier hat man einen guten Blick auf den Verkehr. Der ist ohrenbetäubend, schmutzig, mit viel Huperei verbunden. Auf uns wirkt er chaotisch. Aber auf Deutsche wirkt ja jeder Verkehr außerhalb von Ampeln, Zebrastreifen und Geschwindigkeitsbegrenzungen chaotisch. Zebrastreifen mit Ampeln wären aber tatsächlich hilfreich, denn ohne werden sie ignoriert, auch mit Fußgänger drauf. Ich versuche es mit der in Paris gelernten Methode und ignoriere die Autos. Das kostet mich fast mein Leben. Und das am ersten Urlaubstag. Die Freundin findet den Trick raus. Fahrer mit den Augen fixieren. Klappt zu 80%. Wenn nicht, kann man noch zur Seite springen.

Wir wagen uns wieder auf die andere Flussseite, über die große Straße.

Wir suchen die Synagoge.

Verwirrung. An der Zionskirche höre ich den Rabbi. Das ist eindeutig hebräisch. Aber das hier ist eine Kirche. Mit Gottesdienst und betenden Christen ringsum. Wir suchen und suchen. Das Gebet kommt aus Lautsprechern

???

Die Synagoge finden wir zufällig. Aber da sind viele orthodoxe Juden. Tafeln werden auf den Hof gestellt. Hier wird wohl bald das Ende des Sabbat gefeiert. Da müssen wir eben später noch mal wieder kommen.

Durchs jüdische Viertel ängstigen wir uns im Dunkeln. Alles verfallen. Aber hier leben eindeutig Menschen! Trotzdem. Schnell weg hier.

Auf dem Meidan findet eine HippHopp Party statt. Meine Güte, ist das laut.

Restaurant suchen, Pelmeni essen und ab ins Hotel.

Weil es morgen ein Stadtführung gibt, habe ich auf Erklärungen zur Stadt verzichtet. Die Fotos sind wie immer viel zu viel. Wer gucken will, klickt drauf.

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Vergessen in Serbien

Hallo, ich bin das kleinere der beiden Kinder der Autorin dieses Blogs und ich schreibe jetzt mal ausnahmsweise was. Ich war kürzlich einen Monat in Serbien und ich möchte irgendwie davon erzählen, aber was und wie und wo ich anfangen soll und soll ich überhaupt?

Ich fange mal von vorne an.

In Dresden reisen wir zu fünft ab. Wir nennen uns Support Convoy, ein Verein aus Dresden, gegründet mit dem selbsterklärten Ziel, Flüchtende auf den Fluchtrouten zu unterstützen. Vor Ort fusionieren wir mit Rigardu, die dort sehnlichst auf ihren Sprinter warten. Der war zum TÜV in Deutschland, was den Vorteil hat, dass wir ihn randvoll mit gespendeten Schlafsäcken nach Serbien kutschieren können. Das ist kein großes Problem innerhalb der EU und auch nach Serbien schaffen wir es relativ reibungslos. Eigenbedarf, ja. Urlaub, ja. Ja, ja.

Unser Ziel ist ein 14.000 Einwohner Städtchen direkt hinter der EU-Außengrenze, mitten auf der bekanntermaßen ja dichten Balkanroute, da sind nämlich, auch wenn das irgendwie gern vergessen wird, trotzdem noch Menschen. Die Lage ist prominent. Es gab hier mal ein offizielles Camp, das wurde vor ein paar Monaten geschlossen und beliebt war es eh nie. Jetzt gibt es nur noch den Jungle: ein Sammelbegriff für das Übernachten in.. zwischen.. auf.. irgendwo. R. sagt, er hasst den Sternenhimmel, weil er ihn jede Nacht sieht, wir einigen uns darauf, dass er immerhin besser ist als Regenwolken.

Links und rechts der Autobahn sehen wir Polizisten den Wald durchsuchen. Dann lernen wir, was wir hier machen werden: wir stellen täglich morgens und abends einen Kanister von 1000 l Trinkwasser auf einen Feldweg (dafür der Sprinter!) und alle zwei Tage Duschen. Klingt easy. Also gleich los mit den Duschen, das läuft so: Vier Camping-Duschzelte, zwei Duschköpfe angeschlossen an besagten Wassertank. Kurze Wasserpause, vier Hände strecken sich mir entgegen, Shampoo verteilen. Mein Idealismus trifft auf die Realität: Ich gebe zu wenig Shampoo, sagt N. Aber die Verschwendung, sage ich. Es gibt hier sonst keinen Luxus, sie bekommen so viel sie wollen, sagt N. Das sehe ich ein, schäme mich und lerne schnell, die Pfützen seifigen Wassers neben den Feldern zu ignorieren. Dann: Dreckige Unterhosen und Socken einsammeln, gewaschene ausgeben, Handtücher ausgeben, Handtücher einsammeln, Shampoo nachfüllen, Duschköpfe umhängen, kaputte Zelte zuhalten, zu kleine Unterhosen und zu kurze Socken umtauschen. Es sind ungefähr 30 Grad, wir stehen auf offenem Feld. Es ist anstrengend, die Stimmung ist gut, duschen macht glücklich, das Wasser reicht für maximal drei Stunden.

„Zuhause“, das ist ein kleines altes Haus mit Hof, vier Betten und zwei Sofas für momentan sieben Leute, läuft die Waschmaschine permanent. Alles auf 60 Grad, wegen Krätze und so. Es gibt drei Wäscheständer im Hof und keinen Plan für den Winter.

Essen macht die No Name Kitchen, größtenteils Spanier, die eine Straße weiter wohnen, elf Uhr gibt es kaltes Frühstück (Melone, Brötchen, Keks) und Tee, achtzehn Uhr meistens gekochtes, bereitet und verteilt immer mit Hilfe der Flüchtenden. Der Wassertank daneben. Hier werden Flaschen abgefüllt, Kleidung gewaschen, Schuhe und Zähne geputzt. Wir bringen außerdem einen Generator mit, an dem die Handys geladen werden können. Und einen Fußball. Wir lernen einander kennen. L. spricht fließend französisch, das kommt ziemlich gut an, vor allem bei den flüchtenden, deren Englisch nicht so gut ist. Ich kann mir keine Namen merken, keine Gesichter, keine Geschichten, nach ein paar Tagen stellt sich ein routiniertes Kennenlernen ein: Wie heißt du, woher kommst du, wie lang bist du schon hier, wo willst du hin, möchtest du eine Zigarette, Woher hast du diese Narben? Was ich mir in Deutschland keinen Geflüchteten zu fragen traue – die Details der Flucht – sind hier Smalltalk.

Samstag abend sitzen ein dutzend Volunteers am Feuer und schmieden Pläne, in die einzige Disko im Ort einzufallen, da erreicht uns ein Anruf: Zugunglück, keine Details, ein Toter, nicht weit entfernt. Wir fahren ins örtliche Krankenhaus, ein oder zwei Verletzte sollen hier sein, sind sie nicht, ganz gut so, Krankenhaus ist ein Euphemismus, mehr als Schmerzmittel gibt es hier nicht für Menschen ohne europäischen Pass. Also der Verletzte liegt im nächstgrößeren, 35 km entfernt, fahren wir seine engsten Freunde zu ihm? Mit Flüchtenden im Auto erwischt werden ist Schmuggelei, wird mit mindestens einem Jahr serbischem Gefängnis bestraft, fahren wir seine engsten Freunde zu ihm?

Regelmäßig, ach was, täglich, teils mehrmals täglich, versuchen hier junge Männer, ach was, der jüngste ist dreizehn, die EU zu erreichen. H. war fast ein Dutzend Mal in Zagreb, immer abgefangen, da steht Polizei vor dem einzigen Büro, in dem (theoretisch) Asylanträge entgegengenommen werden, die sammelt ein, deportiert, das Wort dafür heißt Push Back, der Status der Aktionen heißt illegal. Das muss man sich vor Augen führen: Bleibereicht-für-alle!-Schreie verhallen im Vakuum, was hier regelmäßig verweigert wird, ist viel grundlegender das Recht, Asyl in irgendeiner Form überhaupt erst einmal zu beantragen. Mein Kopf begreift das nicht. Wenn in Grenzwäldern Grenzpolizei Jagd macht mit Nachtsichtgeräten, Bewegungsmeldern, Hunden, Helikoptern, wenn nachts in Wäldern Polizei wehrlose Menschen zusammenschlägt, ihnen das wenige, das sie haben, stielt oder (noch perverser) einfach zerstört, Handys verbrennt, wenn das alles in irgendeinem Kuhkaff (Verzeihung!) passiert, wen wundert das. Aber in Zagreb? Eine Hauptstadt der EU? Genau so Hautstadt eines EU-Landes wie Paris, London, Berlin? Wieso kommen die damit durch? Viele kommen von gescheiterten Versuchen morgens schon zurück zum Essen, von manchen hört man nichts mehr. Nichtwissen ist be(un)ruhigend.

Die Stimmung in der Stadt ist.. interessant. Jeder weiß, was wir hier machen, warum sollten Ausländer sich sonst hier aufhalten. Wir geben uns Mühe, wirklich freundlich zu sein zu jedem einheimischen Gesicht, das uns misstrauisch mustert. Ich glaube, mindestens jeder zehnte erwachsene Mann hier ist in irgendeiner Form Polizist. Sie sind ständig präsent, Grenzpolizei, Lokalpolizei. Wenn wir die großen blauen Busse mit den vergitterten Fenstern sehen, fällt die wöchentliche Disko – zwei kleine Boxen und jeder will mal sein Handy anschließen – aus. Am nächsten morgen tauschen wir Zahlen aus. Dreizehn mitgenommen, alle wieder frei. Sechsundzwanzig eingesackt, Verbleib unklar. Ich verstehe das System nicht so richtig, manche kommen auf die Wache und dann wieder raus, es gibt Gerüchte über Schmiergelder, manche kommen in offizielle Camps und bleiben dort, manche kommen zurück, zu fuß. Mehr als einmal steht der Polizeichef vor unserer Tür, wieviele Menschen wohnen hier, Passport, was macht ihr hier. Die Spanier werden stärker schikaniert, ab und zu müssen ein paar über Nacht auf die Wache, Essen bereiten ist viel weniger legal als unsere Arbeit. Um es vorsichtig zu formulieren. Wir sind einigermaßen geduldet, so lang wir die Migranten aus der Stadt raushalten, nicht hereinholen, so lang wir die Polizei nicht nerven, so lang wir bei unserem Wasser bleiben.

Ich drücke mich davor, von den Flüchtenden selbst zu erzählen. Was soll ich weitergeben, Zahlen, Namen, einzelne Geschichten, Durchschnitte? Wir sprechen von 150 Männern, Jungs, Kindern, sehen aber mehr, manche bleiben lange, manche nicht, manche gehen weiter, manche zurück, viele stecken einfach nur fest. Frauen und Familien sind eher in den Camps. Die meisten sind seit Monaten in Serbien, alle sind schon ewig unterwegs. Greece is land of prison, kein Gerichtsverfahren, keine Ahnung, wie lang die Haft dauert, 25 Leute auf 16 Quadratmetern, vor dem Fenster, wie ekelhaft, ausgerechnet ein Flughafen. R. war fünf oder sechsmal dort, das letzte Mal zwei Monate. Von den griechischen Gefängnissen erzählen so viele. Außerdem von Booten, Zügen, Schmugglern, Diebstahl, Gewalt, Familie, Freundschaft, Träumen. Wir überlegen eine kleine Rechtsberatung zu etablieren. Chancen auf tatsächliches Asyl in, sagen wir, Deutschland, haben nicht viele. Eine handvoll wurde gar schonmal abgeschoben, wer diese Scheiße zweimal auf sich nimmt, hat es doch schon allein deshalb verdient, denke ich. Ich stelle mir Rechtsberatung etwa so vor: Du hast keine Chance, du hast eine ziemlich gute Chance, du musst dich beeilen – sobald du achtzehn bist, ist deine Chance dahin. Aber erstmal müssen wir Gerüchte bekämpfen: Nein, deine Registrierung in einem EU-Randstaat wird nicht nach einem Jahr gelöscht, nein, nur weil du Afghane bist, hast du nicht automatisch Asyl sicher, nein, deine toten Verwandten interessieren in Slowenien niemanden, nein, du kannst in Deutschland nicht arbeiten mit deinen vierzehn Jahren, nein, du kannst deine Freundin nicht nachholen, wenn ihr nicht verheiratet seid, Liebe allein reicht nicht.

Manche haben so viele Menschen sterben sehen, dass ich denke: Wenn sich da jemand beschwert, dass die Integration nicht von selbst läuft, dann haue ich demjenigen persönlich eine rein. Zuhause liegt der aktuelle Spiegel, darin ein Artikel über den Brenner, Situation ähnlich, aber anders, eine Freiwillige sagt, der Mythos Deutschland mache sie wütend, die falschen Vorstellungen, die sich hartnäckig in den Köpfen halten. Ich denke: Arbeit, Familie, Auto, Wohnung, falsche Vorstellungen? Aber so einfach ist es ja bekanntlich nicht. Den Ort am Zug, wo man sich ganz gut verstecken kann manchmal, nennen sie Sarg, passend, denn: wenn du Mist baust, bist du tot.

Ich habe so viele so tolle Menschen kennengelernt. Was für ein Klischee. Schieben wir den ganzen Idealismus beiseite, wissen wir, dass Kommunikation auf Augenhöhe eine Utopie ist, wir hören also zu und lernen und lernen kennen, so unbefangen wie möglich. Wir freunden uns schneller an mit denen die besser Englisch sprechen, Hierarchien sind unvermeidlich, wir reden über Zuhause, über gestern, heute, morgen, über Züge, Familie, Polizisten, Krankheiten, Hunger, Mama, wir lernen Kochrezepte und manchmal ein bisschen arabisch, wir beobachten Konflikte und entstehende Freundschaften, wir begrüßen die, die neu ankommen mit ironisch ausladenden Armen: Welcome! Nice to meet you. Wenn er in Deutschland ist, verspricht er, ruft er uns an und lädt uns alle auf einen Kaffee ein, wir streiten uns, wer zahlen wird, wir verabschieden uns wie jeden Abend: See you in Germany! Zum Frühstück ist er wieder da, dreckige Hosen, kaputte Füße. Die tägliche medizinische Versorgung übernimmt eine neunzehnjährige Spanieren. Welcome.

Eine ganze Woche lang ist die Waschmaschine kaputt, das bedeutet keine frischen Unterhosen, keine frischen Socken, irgendwann nur noch die ganz kleinen Handtücher. Wenn es regnet, fallen die Duschen ganz aus, einen trockenen Platz dafür gibt es nicht. Ich hatte mir die Reaktionen schlimmer vorgestellt, wirklich wütend wird kaum einer, nur enttäuschtes Hinnehmen, man kann ja nicht alles haben, sie waschen ihre Socken mit kaltem Wasser und Shampoo vor dem Sprinter.

Und sonst so: Der Tank leckt, der kleine Tank ist ganz hinüber, die Haarschneidemaschine funktioniert nicht mehr, die Einwegrasierer werden knapp, uns gehen die Mülltüten (Taschen, Regenschutz, Unterlagen) aus, jeder braucht irgendwas, alles ist knapp, die Ladekabel gehen ständig kaputt, die Schmutzwäsche stapelt sich und wird bei jedem Regenschauer wieder feucht, der Strom fällt aus, wir sind nur noch zu viert, nur einer kann Auto fahren, mit weniger Menschen lassen sich die Duschen nicht betreiben. Abends trinken wir Bier aus zwei-Liter-Plastik-Flaschen oder gehen zeitig schlafen, eine Schachtel Zigaretten kostet hier zwei Euro, wir kochen Nudeln oder Eier, wir streiten uns und lachen viel, wir sind eine ganz normale WG.

Wir haben niemals richtig Pause, auch wer mal einen halben Tag aussetzt macht irgendwas: Geschirr spülen, Wäsche waschen, Buchhaltung, Gedanken. Manche Volunteers bleiben monatelang. Nach acht Tagen und zwei kaputten Ersatzwaschmaschinen fahren wir nach Belgrad und kaufen endlich eine neue. Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so erleichtert.

Wenn es regnet, gibt es das Abendessen in einer verfallenen Fabrik, hier ist es laut und dunkel und voll und ich fühle mich nicht richtig wohl. In dieser Fabrik lebte ein Großteil der Flüchtenden, bis das Gelände vor ein paar Monaten von der Polizei geräumt wurde. An den Regenabenden beginnen wir also, uns wieder dort aufzuhalten, eines Abends kommt die Polizei, guckt, guckt, fährt wieder. Die Jungs beginnen wieder, hier zu schlafen.

Hier wird getrommelt, gesungen, getanzt, ein junger Afghane macht sich lustig, weil ich nicht tanze, mag das Trommeln der Algerier aber selbst nicht so sehr, ein Pakistani erzählt mir, ihm sei es egal, wo er am Ende lebt, ihm gefällt es überall, wo getanzt wird. Wäre er zuhause geblieben, wäre er jetzt verheiratet. Er ist immer fröhlich. Wir reden oft mit und über ihn, wir mögen ihn, es ist schwer, von seinem Lächeln nicht angesteckt zu werden, wir machen uns Sorgen, er versucht nie, weiter zu kommen, er ist steckengeblieben, er wirkt irgendwie verloren hier – aber gut, wer tut das nicht, oder? – wir machen uns Sorgen. Aber das verkommt zum Hintergrundrauschen in unseren Köpfen.

Wir reden überhaupt die ganze Zeit über die Jungs. Ansonsten reden wir noch ein bisschen über Politik und Musik und die Dublin-Verordnung und die Uni und Politik und dann wieder über die Jungs. Am Abend der Bundestagswahl sehe ich die Ergebnisse und denke an Grenzen und Regierungen und Menschen und Zugunglücke. Und an Menschen, die manchmal drei Stunden zu Fuß aus einem staatlichen Camp zu einem Sonnenblumenfeld laufen, um dort auf der staubigen Erde eine Mahlzeit einzunehmen, weil sie im Camp nicht satt werden.

H. erzählt, in wie viele Länder man mit einem afghanischen Pass einreisen darf und vergleicht die Zahl mit unserer. Ein pakistanischer Freund hat ihr erzählt, sein größter Traum sei eigentlich, nach Indien zu reisen, dafür braucht er einen europäischen Pass. Wir sind uns einig, dass es sich für Freiheit zu kämpfen lohnt. Wir wissen, dass das nicht alle so sehen. Die Jungs sagen Mama Merkel, ich bringe ihnen das Wort Mutti bei, sie sagen: Mutti ist eine gute Frau, aber sie bezahlt auch die Grenzpolizei. Ich nicke, komplexer müssen wir das nicht machen. Ich sage die Jungs, manchmal reden wir über sie wie Kinder, werden damit unabsichtlich Teil der Beschissenheit der entwürdigenden Gesamtsituation. Und im nächsten Moment dreht sich schon wieder alles; wenn sie uns von ihren Erfahrungen erzählen, fühle ich mich wie das ahnungslose Kind.

Es ist schwer, den Punkt zu treffen zwischen Abstand und Nähe, zwischen professioneller Distanz und Bemutterung. Am schlimmsten spürt man das bei der Verteilung von Kleidung: wir haben nicht genug für alle und wir müssen uns irgendwie damit arrangieren. Nur, wer wirklich etwas braucht, bekommt es auch – sofern es da ist. Aber wer braucht die drei einzigen Decken am dringendsten? Wer bekommt das letzte Paar Schuhe in Größe 42? Wir finden eine einzige regenfeste Jacke. Was machen wir damit?

Es fällt schwer, die richtige Wahl zu treffen, insbesondere dann, wenn es so viele davon gibt. Es fällt schwer, dem einen zu erklären, dass wir keine Jacken haben, und dem anderen eine zu geben, nein, wir haben keine kleineren Hosen mehr als diese, und diese hat Flecken, die auch nach dem dritten Waschgang nicht verschwinden wollen. Dafür ist es ein lächerlicher Endorphinschub, einem erwachsenen Menschen endlich einen Pullover mit Kapuze geben zu können, nachdem er tagelang darum gebeten hat. Ein Afghane ist abends wütend: Zuhause hatte er programmiert, IT, Arbeit, jetzt muss er jeden Abend junge Mädchen um eine Decke anbetteln. I am sorry, sage ich. Wie oft müssen wir das sagen, bis uns alle glauben? Wie oft, bis uns niemand mehr glaubt?

Den Jungs ist ihr Äußeres wichtig, das hat zum einen was mit Würde zu tun, zum anderen mit Pragmatismus: Wer wie ein Flüchtender aussieht, wird wie einer behandelt, wird in den Städten hinter der Grenze von der Polizei aufgegriffen, wird von Jägern bedroht. Wir scherzen: Zieht den Jungs Anzüge an, eine Aktentasche, setzt sie in Züge. Während wir das denken, fummeln wir Kletten aus Socken und entsorgen blutbesprenkelte T-Shirts.

Wenn sie mich bitten, über Nacht ihr Handy zu laden, weil sie morgen nach Kroatien wollen, frage ich: Train, Walking, Container? Wenn sie nicht erreichbar sind, sich nicht mehr melden und niemand etwas weiß, ein, zwei, zehn Tage, ist das ein gutes Zeichen: Vielleicht sind sie in Europa, vielleicht kein Geld auf dem Handy, vielleicht Akku sparen, vielleicht schlafen, vielleicht irgendwas. Diese Ungewissheit ist so normal, dass ich ein paar Tage brauche, um das komische Gefühl benennen zu können, das ich irgendwie im Hinterkopf hab, aber so gar nicht einordnen kann. (Das Gefühl heißt Sorge.) Wir hören: Autounfall, vierzehn Menschen, drei im Krankenhaus, wir fragen nach Namen und ganz, ganz heimlich und leise und beschämend und unausgesprochen atmen wir langsamer, wenn uns zu den Namen keine Gesichter einfallen. Wie zur Hölle sollen wir hier bitte professionell bleiben?

Die Leute, mit denen ich hergefahren bin, fahren nach zwei Wochen zurück, ich denke was solls, ich bleib noch ein paar Tage, habe ein totales Motivationstief und denke: was für eine Scheiße. Man darf auch und vor allem nicht unterschätzen, was drei Regentage für eine krasse Auswirkung auf die Psyche haben können. Ein Freund aus Pakistan spürt meine Laune, muntert mich auf, spricht über das Leben und dass man manchmal eben mit dem zurecht kommen muss, was man bekommt, ich weiß mit der Situation nicht umzugehen: Ist es angemessen, am hier sein kurzzeitig zu verzweifeln, während er hier festsitzt? Danke, sage ich. Mit der neuen Waschmaschine wird alles besser, ich bleibe noch ein paar Tage mehr und dann noch ein paar Tage und manchmal ist es so furchtbar, dass ich nur noch heim will und manchmal ist es so furchtbar, dass ich einfach nicht weg kann und gleichzeitig, wenn die Sonne scheint gibt es richtig gute Tage. Der Boiler geht kaputt und die Duschen sind kalt, bei 19 Grad und starkem Wind, sorry my friend, be strong! An diesen Tagen freuen wir uns über jeden einzelnen Customer.

Ich reise nach exakt einem Monat ab und lasse einen unveränderten Ort zurück, am Tag nach meiner Abreise wird unser Haus polizeilich durchsucht, eine Woche darauf werden drei Busse voll Flüchtenden deportiert und keiner weiß, wohin. Es gibt ein Camp an der mazedonischen Grenze, mit Ausgangssperre und mit wer hier abhaut wird geschnappt und sofort deportiert. Von dort wird nach Mazedonien abgeschoben, das ist genau so wenig legal wie das kroatisch/slowenische Abschieben nach Serbien, wie das Zusammenschlagen wehrloser Jugendlicher, wie deren Geld und Besitz zu verbrennen, wie Asylanträge zu verhindern. Was kommt als nächstes? Die Zukunft des Projektes ist ungewiss, die Zukunft der Menschen vor Ort noch mehr, was wird im Winter?

Auf dem Rückweg gönne ich mir einen Kurztrip nach Zagreb. Und eine Erkältung. Wie resümiere ich jetzt? Ich sag mal: Ich bin ziemlich wütend jetzt. Und besorgt. Und die heimliche Hoffnung, mit der direkten Arbeit die eigene Ohnmacht besiegen zu können, hat sich natürlich nicht erfüllt, im Gegenteil. Statt dessen ein flüchtiger Eindruck: Einzelschicksale, verwoben in einem Durcheinander aus Hoffnung und Enttäuschung und Pech und Glück. An diesem objektiv hässlichen Ort, einen Schritt neben der EU, ist alles irgendwie seltsam sinnlos und dabei auch schrecklich wichtig. Ich bin froh da weg zu sein und ich vermisse es ein bisschen. Und die Jungs. Wenn ich das nächste Mal hinfahre, sehe ich keinen von ihnen wieder, das haben sie mir versprochen.

 

Rigardu ist esperanto und heißt hinsehen. Support heißt Unterstützung. Mehr passiert hier nicht.
Wer diese und ähnliche Arbeit finanziell, personell, materiell, sonstwie unterstützen oder bessere Bilder sehen möchte: Support Convoy, Rigardu, No Name Kitchen

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