Ein langes Wochenende

1.Mai. Langes Wochenende.

Die Freunde planen eine Radtour.

Ohne mich. Denn auf der Hütte feiern meine Lieblingskletterzwillinge ihre 50. Geburtstage. Das könnte eine epische Party werden. Da bin ich dabei.

Am Freitag sagen sie ab. Einer hat Fuß.

Wir fahren am Samstag früh trotzdem los.

Die anderen Freunde radeln längst in unerreichbarer Ferne, für den Garten ist es zu kalt und überhaupt.

Durch Gießkannenregen kämpfe ich das Familienauto mit 80 über die Autobahn Richtung Sächsische Schweiz.

Wir sind pünktlich.

Es ist Jugendfahrt.

Wer plant eine epische Party, wenn Jugendfahrt ist?

Die Hütte ist zum Bersten voll. Wir lassen Matten vom Dachboden zerren und machen es uns unten auf dem Boden bequem.

Klettern fahren wir nicht. Zwar regnet es grad nicht, aber bestimmt gleich wieder, lassen die anderen von dannen ziehen und ziehen unsererseits nach Struppen.

Da ist Hoffest. Da kann man bestimmt ne Stunde hin. Und am Nachmittag den ehemaligen Mitbewohner, Mitbewohner Nr. 1, treffen. Der ist jetzt in Tharand, wohnt aber bei Freunden in Pirna und hat seit zwei Tagen seine Aufenthaltserlaubnis. Subsidiärer Schutz. 1 Jahr. Da hofft das BAMF wohl, das in Mossul gleich bald Frieden ist.

Das Hoffest ist genial. Und riesig.

Prinzessin und der Kleine König sind hin und weg. Erstere macht ihr Kuhdiplom, lässt sich schminken, rutscht auf der Heurutsche, reitet und besteigt riesige Traktoren. Dem Kleinen König ist das suspekt. Er guckt sich die Trekker lieber an.

Zur Fahrt durch den Kuhstall nötige ich die gesamte anwesende Kleinfamilie.

Inzwischen stellt sich Mitbewohner Nr.1 an. Fährt nach Dresden und will uns da treffen.

Nö.

Entweder Pirna oder gar nicht. Ich fahr doch nicht zum Samstag in die Stadt.

Pünktlich als wir im Auto sitzen, fängt es an zu regnen.

Pünktlich als wir in Pirna aussteigen, hört es auf.

Perfekt.

Wir treffen uns im Café.

Weil der Mitbewohner Nr.1 nie im Heim ist, sieht er seinen Sozialarbeiter nie und weiß nicht, dass er sich gleich Dienstag spätestens beim Jobcenter melden muss.

Gut, dass ich da bin.

Und sonst?

Er will nach Leipzig?

Und sonst?

Deutschkurs?

BAMF hat Nein gesagt.

Kann ich nicht glauben. Ich wühle mich durch unvollständige Unterlagen.

Was war das für ein Praktikum? Wie hieß die Maßnahme? Wo ist die Bewertung?

Ah, zwei Kurse hat das BAMF ihm genehmigt. Keinen hat er angenommen. Beim 3. Mal hat die Behörde nein gesagt.

Das alte Lied.

Ich erklär es dem jungen Mann noch mal, wohl wissend, dass es wahrscheinlich verlorene Mühe ist.

Jetzt will er ne Ausbildung machen.

Erst Deutschkurs sage ich.

Kriegt er nicht, sagt er.

Ja, sage ich, weil..

Wir drehen uns im Kreis.

Ich denke an die vielen fleißigen Männer und Frauen, die wie blöd Deutsch lernen, Praktika gemacht haben, arbeiten gehen und im Herbst mit einer Ausbildung oder gar einem Studium beginnen. Ich muss an die denken, damit mir nicht der Kragen platzt.

Mitbewohner Nr.1 hat nur Leipzig im Kopf. Da wird alles besser. Da ist es auch nicht anders als in Dresden oder Pirna oder Tharandt. Deutsch lernen ist überall.

Ich frag mich, was er 1 Jahr gemacht hat. Um Ostern letztes Jahr rum ist er wieder in sein Heim gezogen, den Deutschkurs in Leipzig hatte er da abgeschlossen, einen Vorbereitungskurs. Seither ist nichts passiert.

Geh aufs Jobcenter, frag nochmal nach einem Deutschkurs, geh zur HWK zum Praxischeck.

Mehr kann ich nicht machen, als mögliche Wege aufzuzeigen. Machen muss er selbst.

Zurück auf die Hütte.

Die wird immer voller.

Es wird gegrillt und am Feuer gesessen.

Die Nacht ist unerwartet ruhig und der Schlaf erholsam.

Sonntag. Sonne!

Ab zum Thürmsdorfer Stein.

Aber erst Mal Elbemarathon gucken und ordentlich anfeuern.

Das große Kind klettert. Ich schleppe einen schreienden Kleinen König durch die Pampa und betütele die Prinzessin. Fotos kann ich kaum machen, weil der Kleine König echt ungehalten ist. Dabei ist die Mama gar nicht IMMER klettern.

Abends Spaghetti und Lagerfeuer. Mehr Leute passen wirklich nicht in die Hütte. Einige schlafen in den Autos, einige im Zelt, einige in der Liebeslaube.

Montag.

Kinderklettern.

Aber die Prinzessin will nicht. Genaugenommen ist sie einfach fertig. Der Kleine König schläft eh dauernd ein. Wir fahren nach Hause.

Aber wenigstens mit paar anderen mal in einer Höhle sitzen

War ein schönes Wochenende. Und abwechslungsreich.

Und der Mitbewohner Nr. 1 schafft das auch noch. Bei manchen dauerts eben etwas länger. Mitbewohner Nr. 2 fängt im September an zu studieren. Die beiden sind etwa zur gleichen Zeit nach Deutschland gekommen. Menschen sind eben unterschiedlich. Auch die neuen alten Mitbewohner. Unterstützung brauchen sie alle. Die einen eben mehr, die anderen weniger.

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Pendeln und so

So, da pendle ich also.

Täglich.

Das hatte ich mir im Vorfeld nicht so kraftraubend vorgestellt.

Vielleicht wäre es das auch nicht, wenn es immer nur in mein Büro ginge. Etwas über 30 min dauert die Zugfahrt, der Weg insgesamt nur 50 min. Von meiner Wohnung ins Büro.

Das, das Büro, befindet sich in einer sächsischen Kleinstadt. Die ist um Umkreis bekannt als braunes Nest. Das war es schon in den 1990ern. Das ist es jetzt noch. Sogar unter den Geflüchteten hat sich das rumgesprochen. Und so gibt es Menschen, die überall hin wollen, nur nicht dahin. Das weiß ich aber erst, seit ich dort bin.

Ich war zunächst überrascht, positiv überrascht vom großen Unterstützernetzwerk für Geflüchtete. Nicht nur in eben jener Kleinstadt, sondern auch in den umliegenden Gemeinden. Überall da, wo es Unterkünfte gibt oder Geflüchtete dezentral in Wohnungen untergebracht sind.

Aber so ist das ja immer.

Die Öffentlichkeit nimmt eher das Negative war.

Schließlich berichten die Medien auch lieber darüber. Das lässt sich besser verkaufen. Siehe Dresden.

Helfende Menschen sind langweilig.

Natürlich ist es wichtig, über Rassismus zu berichten. Aber ich stelle es  mir schwer vor, mich immer rechtfertigen zu müssen, wenn ich aus so einer Stadt komme und nicht nur kein Nazi, Patriot oder AFDler bin, sondern auch konkret helfe.

Letztens war ich in Dresden. Eine zweitägige Konferenz. Natürlich habe ich die Gelegenheit genutzt und bei dem Kleinen Kind übernachtet. Das war nun ein Montag. Und klar, wir sind zum Postplatz, wo das kleinste Volk nach Merkels Absetzung schreit. Es war viel mehr Volk da als Gegner. Und! Sehr wenig Polizei. So wenig Polizei, dass ich ständig versucht war, die Straße zu überqueren und mir das Volk mal aus der Nähe zu betrachten.

Als ich anhub und dem Kind sagen wollte, „also in Leipzig…“, unterbrach sie mich höflich und wies darauf hin, dass man das in Dresden nicht so gern hört. Den Vergleich mit Leipzig habe man hier satt. Und ja, ich habe ja Recht, die Polizei nehme die Gegendemonstranten in Dresden nicht wirklich ernst. Immerhin, wir standen in Hör- und Sichtweite. Das war letztes Jahr, als ich mal extra hingefahren war, ganz anders. Und natürlich, es geht auch anders. Als dieser verbeamtete Gymnasiallehrer in einem Dresdner Lokal vom Denkmal der Schande schwadronierte und der Ausrottung der Deutschen, musste die Polizei die Gegendemonstranten doch ernst nehmen. Auch als es zum Gedenktag des 13. Februar 1945 zu Sitzblockaden gegen zwei Naziaufmärsche kam.

Aber ich schweife ab.

Es gibt auch in Städten, die nicht gerade als weltoffen gelten, sehr weltoffene Bürger. Und die haben meinen tiefsten Respekt. Sich in einer Kleinstadt, die wie ein brauner Sumpf anmutet, gegen eben jenen Sumpf zu stellen, erfordert viel Mut. Da bin ich doch froh, jeden Abend nach Hause in die große anonyme Stadt fahren zu können.

Nun möchte ich nicht sagen, dass es in jener sächsischen Kleinstadt mehr Nazis gibt als in anderen sächsischen Kleinstädten. Wahrscheinlich ist nur die Anzahl derer, die dazu klatschen höher als in anderen Kleinstädten generell. Auf jeden Fall gibt es eine beängstigend hohe Anzahl von Bewohnern, die schweigen. Die nichts damit zu tun haben wollen. Die sich nicht für Politik interessieren. Oder was auch immer sie für Ausreden haben. Vor sich und den Mitmenschen. Wer schweigt, stimmt zu.

In so einem Umfeld braucht man sich über Polizisten, die an Notruftelefonen sitzen und angeblich kein Englisch können, nicht zu wundern.

Aber ich schweife schon wieder ab.

Seit knapp zwei Monaten habe ich also mein Büro in der Kleinstadt. Die Wochen davor dienten ausschließlich und uns allen im Team dem Finden und Entwickeln von Strukturen. Da bin ich auch viel gependelt. In andere sächsische Kleinstädte, wenn ich Glück hatte, trafen wir uns auch in der Großstadt.

Ich freute mich auf das Büro. Netzwerkarbeit, und die ist überlebensnotwendig, wenn man etwas Neues startet, kann man nur vor Ort leisten. Und überhaupt. Nicht mehr jeden Morgen in den Kalender schauen, wo und wann ich heute sein müsste. Das wäre ja fast wie Urlaub.

Doch. Wenn ich zwei Mal in der Woche in „meinem“ Büro bin, kann ich mich glücklich schätzen. Meistens schaffe ich nur einen Tag. Die anderen vier schaue ich wieder in meinen Kalender, suche Züge raus oder laufe zu Bushaltestellen, wo mich Kolleginnen in ihr Auto einladen.

Das strengt an. Das stresst.

Deswegen ist es so ruhig auf diesem Blog.

Weil ich oft nicht weiß, wann ich nach Hause komme, dann den Weg für den nächsten Tag raussuche, meine Tasche umpacke, ein bisschen mit dem Kater spiele und ins Bett falle. Da sehe ich mir dann sinnfreie Serien an. Meistens schlafe ich ein, bevor geklärt ist, wer der Mörder war.

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Immer noch ein bißchen abgeschnitten

Also natürlich war es über Silvester schön. Ich habe ein paar Fotos gemacht und werde berichten.

Nur begann das Neue Jahr hier wie das alte endete.

Das Internet das Internet.

Nachdem also das Kleine Kind alles eingerichtet und verkabelt hatte wollte mein Laptop das Heimische Netz nicht mehr erkennen. Da das Kind längst weiter gezogen ist, sitze ich also etwas hilflos allein zuhaus.

Zum Glück weiß ich inzwischen, wie ein Lankabel aussieht. Nur leider, es ist etwa einen Meter lang. Wenn ich also die Tür zur Welt da draußen öffnen möchte, muss ich  mich auf den Fußboden hocken, ganz dicht neben den Router, denselben mit dem Laptop verbinden…

Das finde ich ein bisschen anstrengend.

Und albern.

Ich hatte ja übrigens mal ein ganz langes Kabel. Das habe ich wahrscheinlich irgendwann entsorgt.

Nun habe ich ein  neues bestellt. Auf dem Boden hockend. Ganz dich neben dem Router.

Zwar kommt der Freund des Großen Kindes  irgendwann vorbei und richtet irgendwas am Laptop wieder ein, aber das könnte evtl länger dauern als das neue Kabel auf dem Postweg zu mir braucht und es kann ja auch für die Zukunft nichts schaden, so was zu Hause zu haben.

Mann.

Ich melde  mich dann wieder.

Irgendwann.

Und erzähle von unserer Fahrt nach Thüringen.

Bis dahin, genießen Sie den Inter*. Liegt zwar nicht all zuviel Schnee, aber wenigstens sind es mal unter Null Grad.

  • Ich  meine natürlich den Winter. Nicht etwa einen Inder. Und das kommt davon, wenn man neben dem Router hockt.
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Durchgang verboten

Ich verbringe den Jahreswechsel wie üblich nicht in L.E.

Diesmal haben die Freunde ein hübsches Quartier in Thüringen gefunden. Und weil es heute Nacht eher ungesund zugehen wird und wir Marie letzten Tage eh viel zu viel gegessen haben, sind wir also gewandert. Auf höchst offiziellem Wanderweg.

In Thüringen.

Was außer Wandern, Skispringen und Rodeln macht man denn sonst in Thüringen?

Doch hier …

In Thüringen!

Ich hoffe, das ist kein schlechtes Omen fürs neue Jahr.

Ihnen allen wünsche ich ein gutes Durchkommen, immer offene Türen und offene Geister!

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Abgeschnitten

Nahezu zwei Wochen ohne Internet…

Ich kann Ihnen sagen.

Ob das Weihnachtsfest stressfreier war? Vielleicht.

Aber sonst?

Übrigens, wäre ich beim Anruf bei der Servicehotline von Vodafone gleich an Techniker Nummer 2 geraten, hätte ich jetzt immer noch kein Internet. Hätte stattdessen einen neuen Router gekauft und mich gewundert.

Zum Glück sprach ich zuerst mit Techniker Nummer 1. Der schickte mich, diverse Kabel, die er genau beschrieb, zu kontrollieren. Als ich eins berührte, flog er aus der Leitung.

Schon erwähnte Nummer 2 wollte davon nichts wissen, konnte mir auch ein Lan- Kabel nicht beschreiben und mich auch nicht mit Nummer 1 verbinden, empfahl aber, wie schon erwähnt, den Kauf eines neuen Routers. Als ich ermattet ankündigte, dass ich jetzt einfach solange anrufen würde, bis ich Nummer 1 in der Leitung hätte, ermunterte ihn das auch  nicht zu mehr Kundensupport.

Nummer 3, eine Frau, sehr nett und kompetent, flog leider viel zu schnell aus der Leitung.

Nummer 4 ließ sich meine Handynummer geben und flog aus der Leitung. Dann schickte er mir ein neues Kabel. Fragen Sie nicht, wie das heißt. Koaxial oder so.

zum Glück ist das Kleine Kind grad da. Gefühlte 3 Minuten hatten wir Netz. Dann, Sie werden es mir nicht glauben, gab der Router seinen Geist auf.

Nun ist alles wieder gut. Seit genau 20 Minuten.

Mal sehen…

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Plötzlich so nah

Eine Nachricht vom Kleinen Kind:

Da ist irgendwas in Berlin wohl gewesen heute. Aber nicht hier bei mir. Nur zur Info.

Ich schalte den Fernseher ein.

Oh Gott!

Wenn ich das erst heute morgen in den Nachrichten erfahren und das Kind nicht erreicht hätte, wäre ich vermutlich in Hysterie verfallen.

Plötzlich ist alles so nah.

Ich vergewissere mich sofort bei allen Freunden in Berlin.

Und heute sitze ich in einem Workcafé.

Junge Menschen aus Afghanistan, Mädchen und Jungen, haben viele Fragen zur Ausbildung.

Was gestern in Berlin und in den Monaten vorher anderswo passiert ist, bestärkt mich nur in meiner Überzeugung, wie wichtig es ist, Integrationsarbeit zu leisten. Egal ob im Ehrenamt, ganz privat oder im Job.

 

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Ehrenamt und Profession

Ziemlich intensive Wochen liegen hinter mir.

Es ist schon ein Unterschied, ob man sich täglich freiwillig aus den Federn erhebt oder ob aus Notwendigkeit. Auch wenn ich in den Monaten bis April durchaus manche Tage 8 Stunden auf den Beinen war. Freiwillig. Schließlich hätte ich jederzeit sagen können: Stopp! Das wird zu viel. Ich brauche eine Pause.

Tat ich fast nie.

Ich glaube, die Psyche ist schon ein schwer unterschätzter Faktor. Auch in Sachen Arbeit.

Zum Glück habe ich ja einen Job gefunden, der meinen freiwilligen Aktivitäten der letzten Monaten mehr als nah kommt.

Zum Glück bin ich dabei auf Kolleginnen gestoßen, die sich der Sache genauso annehmen wie ich.

So haben wir uns in den Aufbau von Strukturen gestürzt, Bürosuche, Hintergrundrecherchen und Teambildung, die Formulierung von Verträgen und Vereinbarungen.

Am Donnerstag dann konnten wir unser Projekt in einer Auftaktveranstaltung vorstellen. Das Interesse schien groß zu sein. So jedenfalls interpretiere ich gern im Anschluss gestellte Fragen, Menschen, die das Gespräch mit den Akteuren suchen.

Am Donnerstag Abend waren wir dann alle, glaube ich, ziemlich fertig. Und erleichtert.

Ich muss mich nun wieder etwas mehr um meine ehemaligen Schüler kümmern.

Es ist ja so mit Arbeit und Ausbildung. Die Sprachkurse sind bis B1 kostenfrei. Genau so lange bezahlt das Jobcenter ALG II für die betreffende Person. Deutschsprachniveau B1 ist die Mindestanforderung für die Aufnahme einer Berufsausbildung, oder sagen wir lieber, vieler Berufsausbildungen.

Schwierig wird es für Menschen, die gern ihr in Syrien abgebrochenes Studium fortsetzen möchten. Die brauchen mindestens C1. Theoretisch müssten sie diese Kurse selber bezahlen, das Jobcenter drängt zur Aufnahme irgendeiner Arbeit und die meisten Geflüchteten möchten eigentlich auch gern so schnell wie möglich unabhängig vom Amt und selbstbestimmt leben. Doch wie kurzsichtig wäre es denn, jetzt irgendeinen Helferjob anzunehmen?

So ist ein gutes Netzwerk gefragt und Unternehmen, die den Vorteil längerfristiger Qualifizierungen sehen und als Partner bereit stehen. Was ich hier gerade „privat“ erlebe, wird mir ab Januar beruflich genauso begegnen. Mit der Herausforderung, dass die Strukturen im Landkreis etwas andere sind als in der Stadt.

Hier gibt es Vereine, die sich um Stipendien kümmern. Stipendien, die erst einmal den Erwerb der für ein Studium notwendigen Sprachkenntnisse ermöglichen. Oder es gibt Institute, die einem Geflüchteten kurzerhand ein bezahltes Praktikum anbieten, in dem er bis zum Beginn des Studiums schon in seinem Fachgebiet arbeiten kann, zusammen mit deutschen Kollegen, und so den fachspezifischen Wortschatz erlernt. Für den „Rest“, besonders die Vorbereitung auf die äußerst schwierige Deutschprüfung, steht jemand aus dem Verwandten- und/oder Freundeskreis zur Verfügung.

Was aber ist mit dem jungen Mann, der gern eine Ausbildung zum Verkäufer machen will? Dafür wird B2 verlangt. Da hilft nur ein Minijob, mit dem der Sprachkurs finanziert werden kann. Und dann eine gezielte Ausbildungssuche in einem Unternehmen, dass seinen besten Auszubildenden gleich die Fortsetzung der Ausbildung und damit den Abschluss als Kauffrau/mann anbietet. Denn schließlich, der junge Mann hat mal Management studiert. Und der Lehrer? Er wird nie hier in seinem Job arbeiten können. Aber vielleicht, wenn er eine Helfertätigkeit in einem sehr, wirklich sehr großem Unternehmen beginnt, wird er sich hocharbeiten können. Es liegt nun an ihm. Und was mache ich mit der Physikerin, die hier putzt? In einem Restaurant?. Was mit der Biologin?

Manchen könnte der Wunsch, so schnell als möglich unabhängig vom Amt zu sein und selbstbestimmt zu leben, irgendwann auf die Füße fallen. Könnte zu Unzufriedenheit, Selbstverachtung und Reue führen. Trotzdem ist es ihre Entscheidung. Ich kann nur zuhören und manchmal über mögliche Alternativen sprechen, die ja auch noch später zur Verfügung stehen könnten.

Das ist privat so wie im Beruf.

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Was es sonst noch gab

In Berlin gabs natürlich auch bunte Wände. Alle vier Fotos wurden in Kreuzberg aufgenommen..

Drauf klicken= groß gucken

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Die letzte Gelegenheit

Waren Sie schon mal in Pankow?

Nein?

Falls Sie mal hin wollen, kann ich Ihnen den Weg verraten.

Gehen Sie zuerst zum Weihnachtsmarkt an der Samariterkirche. Dann beschließen Sie, zum Prenzlauer Berg zu laufen. Nach nur wenigen Kilometern landen Sie in Pankow. Und stehen immerhin vor einem Großplanetarium. Immerhin. Da war ich noch nie.

Ich bin in Berlin.

Das Kleine Kind ist seit August hier. Praxissemester. Und sofort war klar: Kind, da komme ich Dich besuchen. Aber erst durfte ich nicht, weil es da stundenlang durch ein Naturschutzgebiet rannte und Schmetterlinge fing und kennzeichnete und abends so müde war, das keine Zeit blieb, Berlin zu erkunden.

Dann kam immer was dazwischen. Urlaub zum Beispiel und Arbeit.

Als dann aber das Kind verkündete, dass es nicht bis Februar in der Hauptstadt bleiben würde, sondern schon vor Weihnachten dort abzuhauen zu gedenke, wurde es allerhöchste Eisenbahn.

Letztes Wochenende also. Das Wetter war so naja.

Und am Samstag zeigt mir das Kind erst Mal den Kiez. Namentlich die Rigaer Straße und den Weihnachtsmarkt an der Samariterkirche.

Dann dachte ich, wir könnten ja zum Prenzelberg. Schließlich war ich da, als ich so zwischen 14 und 16 war bei Verwandten in den Ferien. Soll sich ja viel verändert haben. Hört man immer wieder. Es gibt da sogar Blogs. Und ich wollte die Prenzelbergmutter live erleben.

Nuja, Großplanetarium in Pankow ist auch ganz nett. Und immerhin, ich weiß jetzt, dass ein Planetarium uninteressant ist. Aber so was von.

Zurück in die WG, ausruhen und ab ins Kneipenviertel. Unterwegs finden wir aus Versehen eine total gemütliche Eckkneipe, die wir wegen einer privaten Geburtstagsfeier nach einer heißen Schokolade leider wieder verlassen müssen, laufen an allerhand hippen, teuren Retsaurants vorbei und finden dann einen adäquaten Ersatz.

Und Sonntag also Treptower Park. Sowjetisches Ehrenmal. Da war ich noch nie. Das Kleine Kind auch nicht. Das Ehrenmal ist wie es sein muss, das Wetter leider nicht. Irgendwie so pieselig. Entlang der Spree und durch ein kreativ genutztes Fabrikgelände nach Kreuzberg, zurück nach Friedrichshain, schnell noch das RAW- Gelände angucken und dann in einer etwas teureren Kneipe landen.

Ich kann Ihnen sagen. Ich habe heute noch Muskelkater. Und eine Blase. Also wirklich.

Genau in 10 Tagen verlässt das Kleine die Stadt, in der es sich nicht so recht wohl fühlt. War trotzdem gut. Ich habe Orte gesehen, wo ich vorher noch ne war.

Danke liebes Kleine Kind.

Fotos wie immer: drauf klicken, groß und komplett gucken

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# Himmlisch

Eigentlich sollte dieser Blog unter einem negativeren Titel stehen. Mir schwebte so etwas wie Sozialer Stress vor, hatte aber noch nicht das richtige gefunden.

Da kam mir sunny mit ihrer Blogparade Punkt.Punkt.Punkt zu Hilfe. Himmlisch ist da das Wort des heutigen Sonntags. Und stimmt, man kann die Sache auch etwas freundlicher bezeichnen. Denn wenn ich auch derzeit von Termin zu Termin haste, so haste ich ja, weil ich das möchte, und manches Mal wird mir dabei ein himmlische Vergnügen geboten.

Himmlisch.

Der Duden sagt:

  1.  den Himmel betreffend, zu ihm gehörend, dort befindlich 
  2. von Gott ausgehend, gewirkt, göttlich
  3. (emotional) so geartet, dass es jemandes Entzücken hervorruft, wunderbar, herrlich
  4. sehr, überaus
  5. (veraltet) den Himmel betreffend

Da meine Festplatte mit allen Fotos noch beim Festplattendoktor ist, gibt es kein himmlisches Bild, also eins, das nach Punkt 1. den Himmel betrifft, von mir.

Jedoch brauche ich auch keins, beziehe ich mich doch auf die Deutung 2. und 3.

Da habe ich eh keine Fotos gemacht.

Es ist nämlich wie immer in der Vorweihnachtszeit. Inch verfällt in Stress. Nicht genug, dass ich mit Plätzchen backen und Geschenkeanhäufung zu tun habe, es vermehrt Veranstaltungen wie Weihnachtsessen mit Freunden, Glühwein trinken mit den ehemaligen Kollegen und Weihnachtsliedersingen mit den Kletterkumpels gibt, schneien ausgerechnet jetzt zahlreiche Angebote von Kulturleben in mein Postfach. Es sind tatsächlich so viel, dass ich mir die Veranstaltungen inkl. der Teilnehmenden in einen Kalender eintragen muss, weil ich sonst komplett den Überblick verlöre, nervös vorm Gewandhaus stünde und den falschen anpiepsen würde, wo er denn bliebe.

Dabei habe ich Glück. Auf die zahlreichen Kinoangebote hatte keiner Bock. Also ich wäre schon gern zu der ein oder anderen Vorstellung gegangen, aber ohne Geflüchtete habe ich da als Kulturlotse keinen Zutritt. Ich könnte mir natürlich ganz eigenständig eine Karte kaufen, andererseits… es gibt eben genug andere Termine.

Am Donnerstag zum Beispiel.

Da waren wir zu dritt beim Jazz.

Im Live Club Telegraph.

Das Duo Stiehler/Lucaciu und Ryo Taketa luden zu weihnachtlicher Popmusik.

Ja ich weiß. Aber man kann die Jungs auch nicht gleich mit Free Jazz überfordern. Ich meine, die mich begleitenden Jungs. Schließlich will ich, dass die das nächste Mal wieder mitkommen.

Es gab dann überraschend viel Text. Text vom Christkind, der Weihnacht, von Josef, Maria, Jesus. Es ging um Gotterbarmen, diverse Omas, die Schnapsplantage des Opas. Und dazwischen Musik. Sehr gute Musik.

Wegen der Texte hatte ich Sorge, dass die Jungs vom Spaß ausgeschlossen sind. Wegen der manchmal sehr ernsten Töne hatte ich Sorge, dass die Jungs das jetzt ein bisschen zu christlich finden. Wegen des Spaßes hatte ich manchmal Sorge, dass die Jungs das jetzt zu respektlos finden.

Aber, sie bestätigten mir beide, dass sie weitgehendst verstünden, hatten im Übrigen einen Heidenspass. Ein himmlisches Vergnügen mit himmlischen Botschaften, die manchmal ernster, manchmal nicht so ernst gemeint waren.

Und heute, vor dem Weihnachtsliedersingen mit den Kletterkumpels, waren wir im Gewandhaus.

Das Lehrerorchester, immerhin allesamt Amateure, boten eine sehr professionelle Vorstellung. Stücke von Johann Friedrich Fasch, Tschaikowskis Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll Op. 23 und Beethovens Sinfonie Nr.3 “Eroica“. Wir waren allesamt entzückt (siehe Duden, Nr. 3) und hatten zudem himmlisch gute Plätze.

Ihnen allen wünsche ich eine himmlisch stressfreie Vorweihnachtszeit.

Ich werde mir diesbezüglich auch Mühe geben.

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