Erste Ausfälle (02.10.2017)

Heute also geht es los.

Beim reichhaltigen Frühstücksbuffet, das eine wirklich gelungene Mischung aus georgischer, russischer und mitteleuropäischer Küche darstellt und extrem reichhaltig ist, treffe ich Frau Erklärbärin. Leider grüßt sie nicht. Und unter dem vielfältigen Angebot scheint auch nicht das richtige für sie dabei zu sein. Lassen ihr Blick und ihre Handlungen vermuten.

Ach Du Scheiße.

Die Freundin und ich, wir müssen uns dringend fernhalten. Das geht sonst schief.

Treffen mit Gepäck in der Lobby. Dort erwarten uns unsere „Deutsche Reiseleitung“ und unser tuschetischer Guide. Der ist eine Tuschin und heißt Tiko.

Und es gibt Verzögerungen.

Erklärbärins Mann ist mit Rippenbrüchen angereist. Der Arzt hätte gemeint, das sei kein Problem, er solle  nur keinen Rucksack tragen (siehe 01.10.). Nun geht’s ihm doch nicht gut. Der Notarzt kommt, er muss ins Krankenhaus und der Rückflug ist schon für den Abend gebucht.

Wir sind nun also noch 7. Plus „Deutsche Reiseleitung“ plus Guide.

Das wir ob der Ausfälle erleichtert sind, werden wir uns erst später eingestehen. Vorerst schleppen wir unser Gepäck zum Bus. Es regnet, in Tuschetien soll es schneien. Beste Aussichten.

Einen ersten Stopp gibt es in Telawi, der Hauptstadt Kachetiens. Aber von der Stadt sehen wir nichts. Wir halten am Markt. Die Mädels müssen Vorräte kaufen, wir sind als Touristen hier.

Der nächste Zwischenstopp, nur kurze Zeit später, ist die Georgskirche von Alaverdi. Einst war die im 11./12. Jahrhundert erbaute Kirche berühmt für ihre Wandmalereien, heute wartet sie wohl auf eine gründliche Restaurierung, falls die noch möglich ist. Wir finden nur  noch ein paar Fragmente.

Wir steigen nun in Jeeps um und dann geht es noch ein bisschen auf der Straße lang und dann ab in die Berge. Irgendwo machen wir Picknick. Dann überqueren wir den Abano-Pass. Über den werden wir zurück laufen.  Der Freundin wird schlecht, weil sie sowieso nicht gern hinten sitzt, das Autofahren hier etwas ruckelt und außerdem, vermuten wir, der Sprit ne Art Eigengeruch hat.

Wie dem auch sei. Im Dunkeln sind wir in Cesho (Tschescho), einem Tuschendorf.

Es gibt das übliche üppige Mal, dazu Wein und Tschatscha und dann fallen wir in unsere Betten.

Und damit Sie eine Ahnung bekommen, wovon ich hier eigentlich spreche, gibt’s morgen ein Video, dass die Freundin bei Jutuub gefunden hat.

Heute gibt’s Bilder,

Wie immer: Drauf klicken usw.

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Zweckgemeinschaft (01.10.2017)

Heute also beginnt die gebuchte Reise offiziell. Mit einer Stadtführung und dem Kennenlernen der Reisegruppe. Davor fürchten wir uns etwas. Also vor der Reisegruppe. Weder die Freundin noch  ich haben das jemals gemacht. Ich habe aber darüber schon mal in einem Blog gelesen. Wenn so jemand wie jene Bloggerin in der Gruppe ist… wie sind eigentlich so die georgischen Gefängnisse?

Wir treffen uns in der Lobby des Hotels. Kein vorsichtiges Antasten. Jeder wartet ab.

Außer eine. Die labert die Stadtführerin zu. Also eigentlich erklärt sie ihr, wie die Welt funktioniert.

Ach Du Scheiße.

Die Tour durch die Stadt ist im Prinzip die gleiche, wie wir sie gestern schon instinktiv gewählt haben. Nur das Wetter ist schlechter.

Weil Tbilissi sooft überfallen und zerstört wurde, sind die zu besichtigenden Häuser meistens nicht älter als 200 Jahre. Dabei wurde die Stadt schon im 5. Jahrhundert gegründet, von eben jenem Wachtang Gorgasali, den wir ja schon gestern besucht haben. Dass sich überhaupt hier Menschen, schon ein paar Tausend Jahre früher  ansiedelten, lag wohl am milden Klima (Tbilissi liegt in einem von Bergen umgebenen „Tal“) und an den Schwefelquellen, zur Bedeutung der Stadt trug sicher ihre geografische Lage bei, nämlich an der Kreuzung alter Karawanenwege gelegen. So kann man noch heute einige Karawansereien erahnen, manche zu Wohnhäusern umfunktioniert. Mit zugemauerten Eingängen und Toren, da braucht man schon eine Stadtführerin, die zu erkennen. Wir wollen ein solche ehemalige Karawanserei besichtigen, aber weil gerade irgendeine Wahlveranstaltung darin stattfinden soll und vorbereitet wird, können wir uns nur schnell die Toiletten ansehen. Immerhin.

Ebenso erging es uns an der Moschee, die ja gleich um die Ecke des Hotels liegt. Kein Zutritt. Wie gestern standen da wieder viele Bettler, die ganze Straße zur Moschee hinauf. Vor Kirchen stehen auch sehr viele Bettler. Vor der Synagoge nicht, fällt mir gerade auf. Möglicherweise haben die ein anderes System der Barmherzigkeit. Aber ich schweife ab.

Die Moschee liegt im Bäderviertel. Die Thermalquellen, aus den die öffentlichen Anstalten ihr Wasser beziehen, sind sehr schwefelhaltig, wirken antibakteriell, haben so zwischen 24 und 45° Wassertemperatur und entsprudeln alle dem Berg Mtabori. Die seltsamen Kuppeln, die ich Ihnen gestern schon auf Fotos zeigte, sind so eine Art Lichtquellen, da sie alle in der Mitte eine (verglaste) Öffnung haben. Die Bäder liegen nämlich samt und sonders unter der Erde.  Wir werden so ein Bad nach dem Viehtrieb ausprobieren, das verspreche ich der Freundin noch einmal.

An diesem Teil der Stadt und dieser Flussseite gefällt mir das Gassengewirr, dass sich nicht auf das Bäderviertel beschränkt, unterbrochen von großen breiten Plätzen, die früher als Basare dienten. Und  mit Stadtführern entdeckt man auch das Marionettentheater,  das schon von außen fasziniert. Zum Essen geht es runter an der Fluss (Tbilissi, die Altstadt liegt terrassenförmig angelegt zu BEIDEN Seiten des Flusses, der übrigens Mktwari heißt,  der Höhenunterschied zwischen dem tiefsten und dem höchsten Punkt des Zentrums beträgt 400m!) und essen in einem zum Restaurant umfunktionierten ehemaligem Bad.

Frau Erklärbärin sitzt neben der Stadtführerin und textet sie weiter zu. Gerade darüber, wie locker die Deutschen mit den Wölfen umgehen und wie verkrampft das die Schweizer tun, die eben stur seien. Ich setze kurz an, mich einzumischen, verzichte aber lieber, die beiden Schweizerinnen in der Runde gehen rauchen, ich gehe mit.

Frau Erklärbärin wird kaum zu ertragen sein, das steht fest. Ihr Mann dagegen ist still, trägt artig den Rucksack durch die Stadt und schweigt.

Wir essen die ersten Chinkali (Kinkali) und das, liebe Leserinnen und Leser, sind nichts anderes als Buusi, nur oben zu , viel größer und, ich entschuldige mich bei allen Georgiern, nur halb so lecker. Die Art sie zu essen, will auch gelernt sein. Am Zipfel packen, reinbeißen, Brühe ausschlürfen, essen. Außer den Zipfel, der bleibt auf dem Teller liegen. Gibt’s auch keine saure Sahne dazu.

Und auch hier, in diesem doch recht noblen Restaurant mit traditioneller georgischer Küche, gibt es kein Dessert. Kein georgisches. Das wird mich verfolgen. Eine Küche ohne Desserts, das gibt doch nicht.

Die Stadtführerin fährt nun mit uns Metro und läuft den Rustaweli-Prospekt ab. Die Gebäude stammen so etwa aus der Zeit um 1900. Weil der Prospekt aber breit ist und die Autos laut, fällt es ein bisschen schwer, zu genießen. Irgendeinen Charme kann ich eh nicht entdecken. Aber ein paar Kleinode. Immerhin.

Vom Hotel aus hat man einen guten Blick auf Wachtang Gorgasali, den legendären König, der das damalige Iberien vorübergehend in die Unabhängigkeit führte und als Stadtgründer Tbilissis gilt, und auf die Metechi- Kirche, die immerhin aus dem 13. Jahrhundert stammt und die ein König erbauen ließ, der später von den Mongolen hingerichtet wurde. Ich sagte es ja schon, Georgien war ziemlich beliebt als zu eroberndes Land. Wachtang I. kämpfte gegen die Perser.

Am Abend holt uns dann die „Deutsche Reiseleitung“ ab, wir treffen noch eine andere Gruppe, die machen eine 14-tägige Georgien-Rundreise und sind uns sofort sympathisch, wir laufen ins jüdische Viertel, erfahren von Steffi, die schon ne Weile hier lebt, dass frau sich eigentlich nirgends fürchten muss und betreten ein Wohnhaus. In dem gibt es zwei Restaurants. Wir nehmen das in der 1. Etage. Im Grunde ist das eine alte bürgerliche Wohnung. In einem Zimmer sitzen wir an einer langen Tafel und lernen die ersten Grundlagen eines georgischen Gastmahls und der Bedeutung des Tamadas.

Wir trinken auch zum ersten Mal  Chacha (sprich:Tschatscha) und weil wir noch keine Ahnung von den schädlichen Auswirkungen  dieses hochprozentigen Zeugs, dass Mann und Frau in der Bergen gern schon zum Frühstück trinkt, haben, gehen wir danach noch mit einem anderen zukünftigen Schicksalsgefährten  in eine Bar und trinken … Tschatscha.

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Willkommen im Paradies (29./30.09.2017)

Wir bitten zuerst unsere First Class Passagiere und Senatoren an Bord.

Ich erwarte irgendwie noch den Zusatz und unsere Männer.

München Flughafen. 40 Minuten Zeit zum Umstieg. Haben wir gut geschafft. Hätten wir auch ohne die Verspätung, mit der das Boarding beginnt und der Flieger letztendlich abhebt.

Der Weg hierher war stressiger.

Ich bin es gewohnt, bis zuletzt zu arbeiten und dann abends in den Urlaub zu starten. Hat bisher wunderbar funktioniert. Aber an diesem letzten Freitag im September.

Irgendwie dachten einige meiner Klienten, ich könnte noch die Welt retten. Kann ich natürlich nicht. Nur rumtelefonieren, Unterlagen irgendwo hinterlegen, wieder rumtelefonieren, genau aufschreiben, was zu tun ist und bis wann.

Ab 26. Oktober bin ich wieder wirklich da. Vom 16.- 20. Oktober nur für Notfälle erreichbar.

Ich bin gespannt.

Der Umstieg ist für mich so aufregend, dass ich die Arbeit augenblicklich vergesse. Außerdem bin ich hundemüde. Die Freundin ist es auch.

Aber wer kann schon schlafen, wenn er/sie essen muss. Na, halten wir uns nicht mit Wasser und so Kram auf, sondern bereiten uns wenigstens trinktechnisch auf den Urlaub vor. Prost

4 Uhr Ortszeit Ankunft Tbilissi. Flughafentransfer ist was feines. Einfach Schild suchen, Fahrer folgen, ins Auto plumpsen, am Hotel raus, einchecken, rauchen, ins Bett fallen.

Oder fast. Denn das Bett hat nur eine Decke. Die Freundin kramt den Schlafsack raus. Ich dann auch, weil das Laken doch fleckig und die Decke zu kurz ist.

Ich quäle mich sogar zum Frühstück kurz raus. Die Freundin schläft durch.

Bis Mittag. Gegen 13:00 Uhr starten wir.

Das Hotel liegt im Bäderviertel. Was wiederum im oberen Kala, der Altstadt liegt.

Hier gibt es also viele Bäder. Die liegen unter lustigen runden steinernen Kuppeln. Die Freundin will da aber unbedingt hin. Später. Nach Tuschetien.

Hier gibt es auch eine Moschee, in die wir aber gerade nicht rein können und obwohl ich das keinesfalls will, landen wir im Botanischen Garten. Da erleben wir einen 5. Geburtstag.  Also, da sind so um die 20 Kinder, doppelt so viele Erwachsene, Beutel mit Spielzeug für jeden Gast. Wir fragen den Opa. 5. Geburtstag. Das betont er so, dass wir denken, das muss was besonderes sein. Aber wen wir später auch fragen, es ist nichts besonderes. Und die große Feier ganz normal.

Der Georgier an sich feiert ja sehr gern. Es gibt da eine Geschichte, die uns mehrmals erzählt wurde.

Als Gott die Welt aufteilte an all die Völker und Nationen, da tanzten und tranken die Georgier und verpassten den Termin. Als sie nun später kamen, sich ihr Land abzuholen, bedauerte Gott, dass alles aufgeteilt wäre. Ich vermute, dass die Georgier nun lamentierten und klagten. Denn das können sie mindestens ebenso gut wie feiern. Ich jedenfalls habe nie Menschen erlebt, die so über 500 Jahre und länger zurückliegendes Ungemach  klagen können als sei es gerade eben passiert und sie wenigstens Augenzeuge gewesen, wenn  nicht sogar ein Verwandter betroffen war, wie die Georgier. Aber das tun sie zum Glück selten. Eigentlich feiern sie lieber. Weil es also nichts mehr zu verteilen gab, entschied Gott, den Georgiern das Land zu geben, dass er eigentlich für sich selbst aufgehoben hatte. Und so lebten die Georgier fortan in Gottes Land, quasi im Paradies.

Wir klauen ein paar Samen für den heimischen Garten, entdecken am Himmel noch ein paar Dinge, die wir unbedingt später tun müssen und essen unsere ersten Chatschapuri, eine Art Fladenbrot, dass entweder mit jungem Käse gefüllt oder bestreut gebacken wird. Allerdings, so lecker das Essen in Georgien ist, den Käse haben wir irgendwann über. Und jedes Gericht mit Käse auch. Denn da geht es ihnen wir den Russen. So richtige Käsemeister sind sie nicht. Im Grunde haben wir nur einmal irgendwo eine Art Schnittkäse gegessen, ansonsten begegnete uns nur eine Art Feta, meistens vom Schaf.

Aber noch sind die Chatschapuri lecker, der Geschmack fremd und verheißungsvoll. Nur eben etwas viel. Aber an viel essen werden wir uns gewöhnen müssen. An viel trinken auch. Ob und wie uns das gelingt, werden Sie erfahren.

Wir schlunzen weiter etwas ziellos durch die Altstadt. Wir bestaunen abenteuerliche Konstruktionen an Häusern, die an Felsufern stehen, bestaunen die Friedensbrücke, einen Neubau, den die Einheimischen Pampers nennen, wechseln kurz die Flussseite, um zur Metechi- Kirche zu gelangen und zum Reiterstandbild Wachtang I.  Von hier hat man einen guten Blick auf den Verkehr. Der ist ohrenbetäubend, schmutzig, mit viel Huperei verbunden. Auf uns wirkt er chaotisch. Aber auf Deutsche wirkt ja jeder Verkehr außerhalb von Ampeln, Zebrastreifen und Geschwindigkeitsbegrenzungen chaotisch. Zebrastreifen mit Ampeln wären aber tatsächlich hilfreich, denn ohne werden sie ignoriert, auch mit Fußgänger drauf. Ich versuche es mit der in Paris gelernten Methode und ignoriere die Autos. Das kostet mich fast mein Leben. Und das am ersten Urlaubstag. Die Freundin findet den Trick raus. Fahrer mit den Augen fixieren. Klappt zu 80%. Wenn nicht, kann man noch zur Seite springen.

Wir wagen uns wieder auf die andere Flussseite, über die große Straße.

Wir suchen die Synagoge.

Verwirrung. An der Zionskirche höre ich den Rabbi. Das ist eindeutig hebräisch. Aber das hier ist eine Kirche. Mit Gottesdienst und betenden Christen ringsum. Wir suchen und suchen. Das Gebet kommt aus Lautsprechern

???

Die Synagoge finden wir zufällig. Aber da sind viele orthodoxe Juden. Tafeln werden auf den Hof gestellt. Hier wird wohl bald das Ende des Sabbat gefeiert. Da müssen wir eben später noch mal wieder kommen.

Durchs jüdische Viertel ängstigen wir uns im Dunkeln. Alles verfallen. Aber hier leben eindeutig Menschen! Trotzdem. Schnell weg hier.

Auf dem Meidan findet eine HippHopp Party statt. Meine Güte, ist das laut.

Restaurant suchen, Pelmeni essen und ab ins Hotel.

Weil es morgen ein Stadtführung gibt, habe ich auf Erklärungen zur Stadt verzichtet. Die Fotos sind wie immer viel zu viel. Wer gucken will, klickt drauf.

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Vergessen in Serbien

Hallo, ich bin das kleinere der beiden Kinder der Autorin dieses Blogs und ich schreibe jetzt mal ausnahmsweise was. Ich war kürzlich einen Monat in Serbien und ich möchte irgendwie davon erzählen, aber was und wie und wo ich anfangen soll und soll ich überhaupt?

Ich fange mal von vorne an.

In Dresden reisen wir zu fünft ab. Wir nennen uns Support Convoy, ein Verein aus Dresden, gegründet mit dem selbsterklärten Ziel, Flüchtende auf den Fluchtrouten zu unterstützen. Vor Ort fusionieren wir mit Rigardu, die dort sehnlichst auf ihren Sprinter warten. Der war zum TÜV in Deutschland, was den Vorteil hat, dass wir ihn randvoll mit gespendeten Schlafsäcken nach Serbien kutschieren können. Das ist kein großes Problem innerhalb der EU und auch nach Serbien schaffen wir es relativ reibungslos. Eigenbedarf, ja. Urlaub, ja. Ja, ja.

Unser Ziel ist ein 14.000 Einwohner Städtchen direkt hinter der EU-Außengrenze, mitten auf der bekanntermaßen ja dichten Balkanroute, da sind nämlich, auch wenn das irgendwie gern vergessen wird, trotzdem noch Menschen. Die Lage ist prominent. Es gab hier mal ein offizielles Camp, das wurde vor ein paar Monaten geschlossen und beliebt war es eh nie. Jetzt gibt es nur noch den Jungle: ein Sammelbegriff für das Übernachten in.. zwischen.. auf.. irgendwo. R. sagt, er hasst den Sternenhimmel, weil er ihn jede Nacht sieht, wir einigen uns darauf, dass er immerhin besser ist als Regenwolken.

Links und rechts der Autobahn sehen wir Polizisten den Wald durchsuchen. Dann lernen wir, was wir hier machen werden: wir stellen täglich morgens und abends einen Kanister von 1000 l Trinkwasser auf einen Feldweg (dafür der Sprinter!) und alle zwei Tage Duschen. Klingt easy. Also gleich los mit den Duschen, das läuft so: Vier Camping-Duschzelte, zwei Duschköpfe angeschlossen an besagten Wassertank. Kurze Wasserpause, vier Hände strecken sich mir entgegen, Shampoo verteilen. Mein Idealismus trifft auf die Realität: Ich gebe zu wenig Shampoo, sagt N. Aber die Verschwendung, sage ich. Es gibt hier sonst keinen Luxus, sie bekommen so viel sie wollen, sagt N. Das sehe ich ein, schäme mich und lerne schnell, die Pfützen seifigen Wassers neben den Feldern zu ignorieren. Dann: Dreckige Unterhosen und Socken einsammeln, gewaschene ausgeben, Handtücher ausgeben, Handtücher einsammeln, Shampoo nachfüllen, Duschköpfe umhängen, kaputte Zelte zuhalten, zu kleine Unterhosen und zu kurze Socken umtauschen. Es sind ungefähr 30 Grad, wir stehen auf offenem Feld. Es ist anstrengend, die Stimmung ist gut, duschen macht glücklich, das Wasser reicht für maximal drei Stunden.

„Zuhause“, das ist ein kleines altes Haus mit Hof, vier Betten und zwei Sofas für momentan sieben Leute, läuft die Waschmaschine permanent. Alles auf 60 Grad, wegen Krätze und so. Es gibt drei Wäscheständer im Hof und keinen Plan für den Winter.

Essen macht die No Name Kitchen, größtenteils Spanier, die eine Straße weiter wohnen, elf Uhr gibt es kaltes Frühstück (Melone, Brötchen, Keks) und Tee, achtzehn Uhr meistens gekochtes, bereitet und verteilt immer mit Hilfe der Flüchtenden. Der Wassertank daneben. Hier werden Flaschen abgefüllt, Kleidung gewaschen, Schuhe und Zähne geputzt. Wir bringen außerdem einen Generator mit, an dem die Handys geladen werden können. Und einen Fußball. Wir lernen einander kennen. L. spricht fließend französisch, das kommt ziemlich gut an, vor allem bei den flüchtenden, deren Englisch nicht so gut ist. Ich kann mir keine Namen merken, keine Gesichter, keine Geschichten, nach ein paar Tagen stellt sich ein routiniertes Kennenlernen ein: Wie heißt du, woher kommst du, wie lang bist du schon hier, wo willst du hin, möchtest du eine Zigarette, Woher hast du diese Narben? Was ich mir in Deutschland keinen Geflüchteten zu fragen traue – die Details der Flucht – sind hier Smalltalk.

Samstag abend sitzen ein dutzend Volunteers am Feuer und schmieden Pläne, in die einzige Disko im Ort einzufallen, da erreicht uns ein Anruf: Zugunglück, keine Details, ein Toter, nicht weit entfernt. Wir fahren ins örtliche Krankenhaus, ein oder zwei Verletzte sollen hier sein, sind sie nicht, ganz gut so, Krankenhaus ist ein Euphemismus, mehr als Schmerzmittel gibt es hier nicht für Menschen ohne europäischen Pass. Also der Verletzte liegt im nächstgrößeren, 35 km entfernt, fahren wir seine engsten Freunde zu ihm? Mit Flüchtenden im Auto erwischt werden ist Schmuggelei, wird mit mindestens einem Jahr serbischem Gefängnis bestraft, fahren wir seine engsten Freunde zu ihm?

Regelmäßig, ach was, täglich, teils mehrmals täglich, versuchen hier junge Männer, ach was, der jüngste ist dreizehn, die EU zu erreichen. H. war fast ein Dutzend Mal in Zagreb, immer abgefangen, da steht Polizei vor dem einzigen Büro, in dem (theoretisch) Asylanträge entgegengenommen werden, die sammelt ein, deportiert, das Wort dafür heißt Push Back, der Status der Aktionen heißt illegal. Das muss man sich vor Augen führen: Bleibereicht-für-alle!-Schreie verhallen im Vakuum, was hier regelmäßig verweigert wird, ist viel grundlegender das Recht, Asyl in irgendeiner Form überhaupt erst einmal zu beantragen. Mein Kopf begreift das nicht. Wenn in Grenzwäldern Grenzpolizei Jagd macht mit Nachtsichtgeräten, Bewegungsmeldern, Hunden, Helikoptern, wenn nachts in Wäldern Polizei wehrlose Menschen zusammenschlägt, ihnen das wenige, das sie haben, stielt oder (noch perverser) einfach zerstört, Handys verbrennt, wenn das alles in irgendeinem Kuhkaff (Verzeihung!) passiert, wen wundert das. Aber in Zagreb? Eine Hauptstadt der EU? Genau so Hautstadt eines EU-Landes wie Paris, London, Berlin? Wieso kommen die damit durch? Viele kommen von gescheiterten Versuchen morgens schon zurück zum Essen, von manchen hört man nichts mehr. Nichtwissen ist be(un)ruhigend.

Die Stimmung in der Stadt ist.. interessant. Jeder weiß, was wir hier machen, warum sollten Ausländer sich sonst hier aufhalten. Wir geben uns Mühe, wirklich freundlich zu sein zu jedem einheimischen Gesicht, das uns misstrauisch mustert. Ich glaube, mindestens jeder zehnte erwachsene Mann hier ist in irgendeiner Form Polizist. Sie sind ständig präsent, Grenzpolizei, Lokalpolizei. Wenn wir die großen blauen Busse mit den vergitterten Fenstern sehen, fällt die wöchentliche Disko – zwei kleine Boxen und jeder will mal sein Handy anschließen – aus. Am nächsten morgen tauschen wir Zahlen aus. Dreizehn mitgenommen, alle wieder frei. Sechsundzwanzig eingesackt, Verbleib unklar. Ich verstehe das System nicht so richtig, manche kommen auf die Wache und dann wieder raus, es gibt Gerüchte über Schmiergelder, manche kommen in offizielle Camps und bleiben dort, manche kommen zurück, zu fuß. Mehr als einmal steht der Polizeichef vor unserer Tür, wieviele Menschen wohnen hier, Passport, was macht ihr hier. Die Spanier werden stärker schikaniert, ab und zu müssen ein paar über Nacht auf die Wache, Essen bereiten ist viel weniger legal als unsere Arbeit. Um es vorsichtig zu formulieren. Wir sind einigermaßen geduldet, so lang wir die Migranten aus der Stadt raushalten, nicht hereinholen, so lang wir die Polizei nicht nerven, so lang wir bei unserem Wasser bleiben.

Ich drücke mich davor, von den Flüchtenden selbst zu erzählen. Was soll ich weitergeben, Zahlen, Namen, einzelne Geschichten, Durchschnitte? Wir sprechen von 150 Männern, Jungs, Kindern, sehen aber mehr, manche bleiben lange, manche nicht, manche gehen weiter, manche zurück, viele stecken einfach nur fest. Frauen und Familien sind eher in den Camps. Die meisten sind seit Monaten in Serbien, alle sind schon ewig unterwegs. Greece is land of prison, kein Gerichtsverfahren, keine Ahnung, wie lang die Haft dauert, 25 Leute auf 16 Quadratmetern, vor dem Fenster, wie ekelhaft, ausgerechnet ein Flughafen. R. war fünf oder sechsmal dort, das letzte Mal zwei Monate. Von den griechischen Gefängnissen erzählen so viele. Außerdem von Booten, Zügen, Schmugglern, Diebstahl, Gewalt, Familie, Freundschaft, Träumen. Wir überlegen eine kleine Rechtsberatung zu etablieren. Chancen auf tatsächliches Asyl in, sagen wir, Deutschland, haben nicht viele. Eine handvoll wurde gar schonmal abgeschoben, wer diese Scheiße zweimal auf sich nimmt, hat es doch schon allein deshalb verdient, denke ich. Ich stelle mir Rechtsberatung etwa so vor: Du hast keine Chance, du hast eine ziemlich gute Chance, du musst dich beeilen – sobald du achtzehn bist, ist deine Chance dahin. Aber erstmal müssen wir Gerüchte bekämpfen: Nein, deine Registrierung in einem EU-Randstaat wird nicht nach einem Jahr gelöscht, nein, nur weil du Afghane bist, hast du nicht automatisch Asyl sicher, nein, deine toten Verwandten interessieren in Slowenien niemanden, nein, du kannst in Deutschland nicht arbeiten mit deinen vierzehn Jahren, nein, du kannst deine Freundin nicht nachholen, wenn ihr nicht verheiratet seid, Liebe allein reicht nicht.

Manche haben so viele Menschen sterben sehen, dass ich denke: Wenn sich da jemand beschwert, dass die Integration nicht von selbst läuft, dann haue ich demjenigen persönlich eine rein. Zuhause liegt der aktuelle Spiegel, darin ein Artikel über den Brenner, Situation ähnlich, aber anders, eine Freiwillige sagt, der Mythos Deutschland mache sie wütend, die falschen Vorstellungen, die sich hartnäckig in den Köpfen halten. Ich denke: Arbeit, Familie, Auto, Wohnung, falsche Vorstellungen? Aber so einfach ist es ja bekanntlich nicht. Den Ort am Zug, wo man sich ganz gut verstecken kann manchmal, nennen sie Sarg, passend, denn: wenn du Mist baust, bist du tot.

Ich habe so viele so tolle Menschen kennengelernt. Was für ein Klischee. Schieben wir den ganzen Idealismus beiseite, wissen wir, dass Kommunikation auf Augenhöhe eine Utopie ist, wir hören also zu und lernen und lernen kennen, so unbefangen wie möglich. Wir freunden uns schneller an mit denen die besser Englisch sprechen, Hierarchien sind unvermeidlich, wir reden über Zuhause, über gestern, heute, morgen, über Züge, Familie, Polizisten, Krankheiten, Hunger, Mama, wir lernen Kochrezepte und manchmal ein bisschen arabisch, wir beobachten Konflikte und entstehende Freundschaften, wir begrüßen die, die neu ankommen mit ironisch ausladenden Armen: Welcome! Nice to meet you. Wenn er in Deutschland ist, verspricht er, ruft er uns an und lädt uns alle auf einen Kaffee ein, wir streiten uns, wer zahlen wird, wir verabschieden uns wie jeden Abend: See you in Germany! Zum Frühstück ist er wieder da, dreckige Hosen, kaputte Füße. Die tägliche medizinische Versorgung übernimmt eine neunzehnjährige Spanieren. Welcome.

Eine ganze Woche lang ist die Waschmaschine kaputt, das bedeutet keine frischen Unterhosen, keine frischen Socken, irgendwann nur noch die ganz kleinen Handtücher. Wenn es regnet, fallen die Duschen ganz aus, einen trockenen Platz dafür gibt es nicht. Ich hatte mir die Reaktionen schlimmer vorgestellt, wirklich wütend wird kaum einer, nur enttäuschtes Hinnehmen, man kann ja nicht alles haben, sie waschen ihre Socken mit kaltem Wasser und Shampoo vor dem Sprinter.

Und sonst so: Der Tank leckt, der kleine Tank ist ganz hinüber, die Haarschneidemaschine funktioniert nicht mehr, die Einwegrasierer werden knapp, uns gehen die Mülltüten (Taschen, Regenschutz, Unterlagen) aus, jeder braucht irgendwas, alles ist knapp, die Ladekabel gehen ständig kaputt, die Schmutzwäsche stapelt sich und wird bei jedem Regenschauer wieder feucht, der Strom fällt aus, wir sind nur noch zu viert, nur einer kann Auto fahren, mit weniger Menschen lassen sich die Duschen nicht betreiben. Abends trinken wir Bier aus zwei-Liter-Plastik-Flaschen oder gehen zeitig schlafen, eine Schachtel Zigaretten kostet hier zwei Euro, wir kochen Nudeln oder Eier, wir streiten uns und lachen viel, wir sind eine ganz normale WG.

Wir haben niemals richtig Pause, auch wer mal einen halben Tag aussetzt macht irgendwas: Geschirr spülen, Wäsche waschen, Buchhaltung, Gedanken. Manche Volunteers bleiben monatelang. Nach acht Tagen und zwei kaputten Ersatzwaschmaschinen fahren wir nach Belgrad und kaufen endlich eine neue. Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so erleichtert.

Wenn es regnet, gibt es das Abendessen in einer verfallenen Fabrik, hier ist es laut und dunkel und voll und ich fühle mich nicht richtig wohl. In dieser Fabrik lebte ein Großteil der Flüchtenden, bis das Gelände vor ein paar Monaten von der Polizei geräumt wurde. An den Regenabenden beginnen wir also, uns wieder dort aufzuhalten, eines Abends kommt die Polizei, guckt, guckt, fährt wieder. Die Jungs beginnen wieder, hier zu schlafen.

Hier wird getrommelt, gesungen, getanzt, ein junger Afghane macht sich lustig, weil ich nicht tanze, mag das Trommeln der Algerier aber selbst nicht so sehr, ein Pakistani erzählt mir, ihm sei es egal, wo er am Ende lebt, ihm gefällt es überall, wo getanzt wird. Wäre er zuhause geblieben, wäre er jetzt verheiratet. Er ist immer fröhlich. Wir reden oft mit und über ihn, wir mögen ihn, es ist schwer, von seinem Lächeln nicht angesteckt zu werden, wir machen uns Sorgen, er versucht nie, weiter zu kommen, er ist steckengeblieben, er wirkt irgendwie verloren hier – aber gut, wer tut das nicht, oder? – wir machen uns Sorgen. Aber das verkommt zum Hintergrundrauschen in unseren Köpfen.

Wir reden überhaupt die ganze Zeit über die Jungs. Ansonsten reden wir noch ein bisschen über Politik und Musik und die Dublin-Verordnung und die Uni und Politik und dann wieder über die Jungs. Am Abend der Bundestagswahl sehe ich die Ergebnisse und denke an Grenzen und Regierungen und Menschen und Zugunglücke. Und an Menschen, die manchmal drei Stunden zu Fuß aus einem staatlichen Camp zu einem Sonnenblumenfeld laufen, um dort auf der staubigen Erde eine Mahlzeit einzunehmen, weil sie im Camp nicht satt werden.

H. erzählt, in wie viele Länder man mit einem afghanischen Pass einreisen darf und vergleicht die Zahl mit unserer. Ein pakistanischer Freund hat ihr erzählt, sein größter Traum sei eigentlich, nach Indien zu reisen, dafür braucht er einen europäischen Pass. Wir sind uns einig, dass es sich für Freiheit zu kämpfen lohnt. Wir wissen, dass das nicht alle so sehen. Die Jungs sagen Mama Merkel, ich bringe ihnen das Wort Mutti bei, sie sagen: Mutti ist eine gute Frau, aber sie bezahlt auch die Grenzpolizei. Ich nicke, komplexer müssen wir das nicht machen. Ich sage die Jungs, manchmal reden wir über sie wie Kinder, werden damit unabsichtlich Teil der Beschissenheit der entwürdigenden Gesamtsituation. Und im nächsten Moment dreht sich schon wieder alles; wenn sie uns von ihren Erfahrungen erzählen, fühle ich mich wie das ahnungslose Kind.

Es ist schwer, den Punkt zu treffen zwischen Abstand und Nähe, zwischen professioneller Distanz und Bemutterung. Am schlimmsten spürt man das bei der Verteilung von Kleidung: wir haben nicht genug für alle und wir müssen uns irgendwie damit arrangieren. Nur, wer wirklich etwas braucht, bekommt es auch – sofern es da ist. Aber wer braucht die drei einzigen Decken am dringendsten? Wer bekommt das letzte Paar Schuhe in Größe 42? Wir finden eine einzige regenfeste Jacke. Was machen wir damit?

Es fällt schwer, die richtige Wahl zu treffen, insbesondere dann, wenn es so viele davon gibt. Es fällt schwer, dem einen zu erklären, dass wir keine Jacken haben, und dem anderen eine zu geben, nein, wir haben keine kleineren Hosen mehr als diese, und diese hat Flecken, die auch nach dem dritten Waschgang nicht verschwinden wollen. Dafür ist es ein lächerlicher Endorphinschub, einem erwachsenen Menschen endlich einen Pullover mit Kapuze geben zu können, nachdem er tagelang darum gebeten hat. Ein Afghane ist abends wütend: Zuhause hatte er programmiert, IT, Arbeit, jetzt muss er jeden Abend junge Mädchen um eine Decke anbetteln. I am sorry, sage ich. Wie oft müssen wir das sagen, bis uns alle glauben? Wie oft, bis uns niemand mehr glaubt?

Den Jungs ist ihr Äußeres wichtig, das hat zum einen was mit Würde zu tun, zum anderen mit Pragmatismus: Wer wie ein Flüchtender aussieht, wird wie einer behandelt, wird in den Städten hinter der Grenze von der Polizei aufgegriffen, wird von Jägern bedroht. Wir scherzen: Zieht den Jungs Anzüge an, eine Aktentasche, setzt sie in Züge. Während wir das denken, fummeln wir Kletten aus Socken und entsorgen blutbesprenkelte T-Shirts.

Wenn sie mich bitten, über Nacht ihr Handy zu laden, weil sie morgen nach Kroatien wollen, frage ich: Train, Walking, Container? Wenn sie nicht erreichbar sind, sich nicht mehr melden und niemand etwas weiß, ein, zwei, zehn Tage, ist das ein gutes Zeichen: Vielleicht sind sie in Europa, vielleicht kein Geld auf dem Handy, vielleicht Akku sparen, vielleicht schlafen, vielleicht irgendwas. Diese Ungewissheit ist so normal, dass ich ein paar Tage brauche, um das komische Gefühl benennen zu können, das ich irgendwie im Hinterkopf hab, aber so gar nicht einordnen kann. (Das Gefühl heißt Sorge.) Wir hören: Autounfall, vierzehn Menschen, drei im Krankenhaus, wir fragen nach Namen und ganz, ganz heimlich und leise und beschämend und unausgesprochen atmen wir langsamer, wenn uns zu den Namen keine Gesichter einfallen. Wie zur Hölle sollen wir hier bitte professionell bleiben?

Die Leute, mit denen ich hergefahren bin, fahren nach zwei Wochen zurück, ich denke was solls, ich bleib noch ein paar Tage, habe ein totales Motivationstief und denke: was für eine Scheiße. Man darf auch und vor allem nicht unterschätzen, was drei Regentage für eine krasse Auswirkung auf die Psyche haben können. Ein Freund aus Pakistan spürt meine Laune, muntert mich auf, spricht über das Leben und dass man manchmal eben mit dem zurecht kommen muss, was man bekommt, ich weiß mit der Situation nicht umzugehen: Ist es angemessen, am hier sein kurzzeitig zu verzweifeln, während er hier festsitzt? Danke, sage ich. Mit der neuen Waschmaschine wird alles besser, ich bleibe noch ein paar Tage mehr und dann noch ein paar Tage und manchmal ist es so furchtbar, dass ich nur noch heim will und manchmal ist es so furchtbar, dass ich einfach nicht weg kann und gleichzeitig, wenn die Sonne scheint gibt es richtig gute Tage. Der Boiler geht kaputt und die Duschen sind kalt, bei 19 Grad und starkem Wind, sorry my friend, be strong! An diesen Tagen freuen wir uns über jeden einzelnen Customer.

Ich reise nach exakt einem Monat ab und lasse einen unveränderten Ort zurück, am Tag nach meiner Abreise wird unser Haus polizeilich durchsucht, eine Woche darauf werden drei Busse voll Flüchtenden deportiert und keiner weiß, wohin. Es gibt ein Camp an der mazedonischen Grenze, mit Ausgangssperre und mit wer hier abhaut wird geschnappt und sofort deportiert. Von dort wird nach Mazedonien abgeschoben, das ist genau so wenig legal wie das kroatisch/slowenische Abschieben nach Serbien, wie das Zusammenschlagen wehrloser Jugendlicher, wie deren Geld und Besitz zu verbrennen, wie Asylanträge zu verhindern. Was kommt als nächstes? Die Zukunft des Projektes ist ungewiss, die Zukunft der Menschen vor Ort noch mehr, was wird im Winter?

Auf dem Rückweg gönne ich mir einen Kurztrip nach Zagreb. Und eine Erkältung. Wie resümiere ich jetzt? Ich sag mal: Ich bin ziemlich wütend jetzt. Und besorgt. Und die heimliche Hoffnung, mit der direkten Arbeit die eigene Ohnmacht besiegen zu können, hat sich natürlich nicht erfüllt, im Gegenteil. Statt dessen ein flüchtiger Eindruck: Einzelschicksale, verwoben in einem Durcheinander aus Hoffnung und Enttäuschung und Pech und Glück. An diesem objektiv hässlichen Ort, einen Schritt neben der EU, ist alles irgendwie seltsam sinnlos und dabei auch schrecklich wichtig. Ich bin froh da weg zu sein und ich vermisse es ein bisschen. Und die Jungs. Wenn ich das nächste Mal hinfahre, sehe ich keinen von ihnen wieder, das haben sie mir versprochen.

 

Rigardu ist esperanto und heißt hinsehen. Support heißt Unterstützung. Mehr passiert hier nicht.
Wer diese und ähnliche Arbeit finanziell, personell, materiell, sonstwie unterstützen oder bessere Bilder sehen möchte: Support Convoy, Rigardu, No Name Kitchen

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Urlaub und so

Das Rätsel ist gelöst und ich kann nun etwas ausführlicher von meinen Reiseplänen erzählen.

Ich wollte schon vor Jahren nach Georgien. Der Reiseführer, den ich mir extra kaufte, ist von 1999!

Dann kam irgendein dämlicher Krieg. Oder Konflikt. Was immer die da haben.

Und es kamen natürlich andere Urlaube dazwischen. Der Jakobsweg. Kirgisien und Kasachstan…

Nach Kirgisien hatte ich dann nicht mehr so richtig Lust auf Georgien. Dort hatten viele Männer, eigentlich die meisten, nicht mit uns gesprochen. Sondern lieber mit einem (russischen) Mann, der zufällig neben uns stand, und sei es der Busfahrer. Das war ziemlich, nuja, mindestens verstörend. Und da Georgien ja auch etwas patriarchalisch sein soll, gelinde gesagt, verging mir die Lust. Und auf extremen Nationalismus hatte ich eh nie Bock. Das hatte ich zwar bei Ungarn kurz vergessen, aber kann ja mal passieren.

Jedenfalls. Nach Georgien wollte ich nur zu zweit oder in einer Reisegruppe. Ich fand keine Reisebegleitung und Reisegruppen finde ich eigentlich … naja.. ich bin da kein Fan von.

Dann fand ich dieses Angebot: Viehtrieb in Tuschetien.

Das stand sofort auf dem Plan. Auch allein. Da in den Kaukasus kommt man eh nur mit Führer. Und wenn ich erst mal da bin, werde ich schon merken, dass Georgien gar nicht so schlimm ist. Das wird mir schon gefallen.

Ich plante fest für 2017.

2016 im Sommer erzählte ich einer Freundin beim Frauenboofen davon. Und Schwupps.

Nun habe ich eine Reisebegleitung.

Es geht als am Freitag nach Tbilissi. Am Montag geht es mit Jeeps (nehme ich an) hoch in die Berge.

Am Dienstag beginnt der Viehtrieb. Also nicht direkt. Nur die Vorbereitungen. Wirklich beginnt der Viehtrieb am Mittwoch. Drei Tage laufen wir mit den Hirten mit und behindern sie hoffentlich nicht.

Die Touristengruppe besteht bis jetzt aus 8 Leuten. Natürlich gibt es einen Gepäcktransport. Das wird spannend. Nur mit Spaßrucksack bin ich noch nie unterwegs gewesen.

Die Freundin ist Lehrerin, deshalb bleibt uns dann nur noch eine Woche. In der konzentrieren wir uns auf Tbilissi und das Umland. Wir werden eine „Radtour“ machen, ein Wunsch der Freundin.

Dann fahren wir nach Gori, Ausgangspunkt, um ein paar Dörfer zu besuchen und Stalins Heimatstadt. Hier gibt es sogar noch eine Statue. Und ein Museum.

Die Georgier haben das mit dem Massenmörder nicht verstanden.

Stellen Sie sich vor, in Deutschland gäbe es so etwas von einem gewissen Führer.

Obwohl

wer weiß wie lange es noch dauert, bis auch das wieder gesellschaftsfähig ist. Bei dem dumpen Gekreische, den manche von sich geben und dafür auch noch gewählt werden.

Aber ich schweife ab.

Das Kind, das Kleine, ist übrigens grad in Serbien. Mit dem Support Concoy. Hilft dort Flüchtlingen, die an der EU Grenze in Serbien festsitzen.

Wenn sie zurückkommt, wird sie hier darüber bloggen. Sie dürfen gespannt sein. Ich bin es auch. Vielleicht kann ich ja in irgendeinem Hotel in Georgien lesen. Wenn wir aus dem Kaukasus zurück sind.

Frau Tonari und Dirgis bekommen ne Karte.

Und ach was, die nächsten 3, die sich melden auch. Email ist hier irgendwo versteckt. Schicken Sie mir Ihre Adresse. Kennwort in der Mail: Kartengruß.

Dann freue ich mich mal weiter auf den Urlaub.

Und ich hab noch soviel zu tun…

 

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Inch verreist – Rätsel Teil III

Wäre ich nicht so eine geografische Niete, hätte Dirgis das Rätsel vermutlich heute schon gelöst. So habe ich die Gelegenheit, noch ein bissl zu erzählen und natürlich, Dirgis erhält eine Postkarte. So oder so.

Das Land gehört zu den ersten östlichen, in denen das Christentum Staatsreligion wurde, allerdings zuerst im Osten, 2 Jahrhunderte später auch im Westen des heutigen Staates. Die Syrerin Nino gilt als Missionarin.

So, jetzt ist es glaube ich, ganz einfach.

Übrigens, weil ich Dirgis auf die falsche Fährte brachte und sie deshalb auf Türkei tippte… Die billigste Anreise wäre tatsächlich über Istanbul zu bewerkstelligen. Allerdings 10 Stunden Aufenthalt dort macht die Anreise erstens viel zu lang, zweitens auch  nicht gerade angenehm.

Die zweite Möglichkeit hätte darin bestanden, über Kiew anzureisen. Auch irgendwie ungünstig.

So haben wir uns über den allerteuersten Flug entscheiden. Mit Umstieg in München

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Inch verreist- Rätsel Teil II

Sigrid ist schon ziemlich nah dran.

Das Land, in das ich am Freitag in einer Woche fliegen werde, hat nicht nur hohe Berge, sondern grenzt auch an zwei Meere (Da ist mir ein fataler Fehler unterlaufen. Das Land liegt natürlich nur an einem Meer. Aber sonst wäre es ja auch zu einfach). Und obwohl das Land, dort wo es nicht gebirgig ist doch meistens hügelig ist, gibt es auch ein bisschen  ebenes Land. Was es fürs Fahrrad fahren interessant macht. Inch fährt nämlich nicht gern Fahrrad, wenn es hügelig wird.

Deswegen werden wir nach der ganzen Bergwanderei auch ein bisschen radeln. Aber nur einen Tag. Und weil es auch Salzseen gibt im Urlaubsland, werden wir um so einen herumradeln.

Das reicht dann aber auch an sportlichen Aktivitäten.

Der Rest des Urlaubs gilt ausschließlich der Kultur. Davon ganz viel in dem Land, in dem die Römer waren, die Iberer, die Perser, die Araber…

Es gibt Höhlenklöster zu sehen und Höhlendörfer, je eins davon werden wir uns auch ansehen.

Naja, ich denke, damit ist das Land schon ziemlich gut beschrieben und es sollte nun zu lösen sein. Das Rätsel.

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Inch verreist – Das Rätsel Teil 1

So, der Laptop funzt wieder und ich kann Sie auf meine nächste Reise vorbereiten. Schließlich geht es schon nächste Woche Freitag los.

Ich dachte, ich stelle Ihnen mal ein Rätsel. Zu gewinnen gibt es Postkarten vom Urlaubsland. Natürlich vorausgesetzt, Sie senden mir rechtzeitig Ihre Adresse.

Das Reiseziel liegt südöstlich.

Es gibt dort viele hohe Berge, in die Inch will und weswegen sie sich als Urlaubsbegleitung diesmal eine Kletterkumpeline ausgewählt hat.

Wegen diverser gewaltsamer Konflikte seit sagen wir mal 40, ein paar kriegerischen Konflikten und ausgewachsenen Kriegen in den letzten 3 Jahrzehnten und anhaltenden Grenzkonflikten kommt man allerdings kaum ohne Führer in die meisten hohen Berge.

Deswegen werden wir uns im ersten Teil des Urlaubs einem solchen anschließen. Zusammen mit 8 weiteren Reisenden, die wir erst vor Ort kennenlernen werden. Dieser Umstand macht uns am meisten Sorgen. Ich erinnere mich an einen Blog, in dem eine Frau fröhlich davon berichtete, wie sie völlig unbedarft in Patagonien war. Ordentliche Wanderschuhe hat sie erst vor Ort gekauft. Funktionsunterwäsche haben ihr andere Reisende geborgt. Sie fand das alles sehr witzig. Ich hätte sie beim Lesen umbringen können. Vor Ort hätte ich es vermutlich getan.

So.

Das ist noch ziemlich allgemein.

Weiter Hinweise folgen morgen.

Viel Spaß beim Raten.

 

 

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Inch fährt zum Tanzen nach Jamel

„…Ganz Gallien ist von den Römern besetzt. Ganz Gallien? …“

Daran musste ich immer mal denken, als wir im Auto saßen. Etwas mehr als vier Stunden Fahrt, nur um ein Festival zu besuchen. Ein Festival, dessen Line Up wir nicht mal kennen. Aber nach Jamel fährt man eher wegen des Supports. Uns war es wirklich ein Bedürfnis. Aber natürlich. Die Musik. Vielen Bands scheint es ein Anliegen zu sein, dort zu spielen. Die Ärzte waren schon da. Die Toten Hosen. Mal sehen, wer in diesem Jahr kommt. Das Line Up ist geheim. Damit niemand komisches kommt. Nur wegen der Musik. Das Kind hofft auf Turbostaat. Die haben am Wochenende Tourneepause.

Das Kind hat die Karte inklusive An- und Abfahrt und Vollverpflegung zu Weihnachten geschenkt bekommen. Von mir. Tapfer fährt sie nun mit sechs alten Leuten (und einem Kind) nach Jamel.

Gallien müssen Sie natürlich durch Jamel ersetzen. Und Römer durch Nazis. 35 Einwohner hat das Nest nur. Keine Ahnung, ob es da noch alt Eingesessene gibt. Die sind wohl nach und nach weggezogen, so dass der Volksgemeinschaft nun nur noch die Lohmeyers entgegen stehen. Die sind auch zugezogen. Aus Hamburg. Haben das alte Forsthaus gekauft und viel Gegend, restaurieren fleißig, weichen dem brauen Sumpf nicht und veranstalten seit 2007 das Forstrock- Festival „Jamel rockt den Förster“. Mit ca 1200 Gästen, workshops und viel Musik.

Die Atmosphäre ist sehr entspannt, die Menschen auf dem Gelände extrem nett zueinander. Da können sich alte Frauen wie ich sogar bei den Beatsteaks weit vor wagen und tanzen. Aber das Kleine Kind, dass ganz vorn war, sagt, sogar beim Pogen ging es friedlich zu.

Das war Samstag Abend.

Freitag also erst mal langwierige Anreise, Zeltaufbau und die erste Schneckeninvasion ertragen. Also das mit den Nacktschnecken war wirklich eklig. Drei Tage Dixieklos, nur eine Dusche und die auch noch kalt, feiernde Völkische auf der anderen Seite des Dorfes. Alles kann frau ertragen. Aber braune Nacktschnecken, die überall hin, wirklich ÜBERALL HIN kriechen. Nee.

Schnell aufs Festivalgelände.

Zaunpfahl eröffnet, bei Gold Roger, Hip Hop ist so gar nicht mein Ding, gehen wir noch mal zu den Zelten und empfangen den 2. Teil der Gruppe (drei alte Leute und ein Kind).Bela B. moderiert den Abend übrigens und ich weiß nicht, ob er es ist, dem auch der Vergleich mit Asterix in den Sinn kommt oder irgendeiner Band oder vielleicht am nächsten Tag Fatih Cevikkollu, der den Samstag moderiert.

Jedenfalls langweile ich mich durch Die Sterne, aber dann geht es richtig ab. KRAFTCLUB. Das Kleine Kind ist weg, wir hopsen hinten rum und überhaupt sind alle aus dem Häuschen und die Stimmung ist riesig. Wird auch nicht weniger, als Slime spielt, aber mir hat an diesem Abend eindeutig Kraftclub am besten gefallen, vielleicht, weil ich sie zum ersten Mal live gesehen habe.

Ins Zelt zu kommen, ohne so eine dämliche Nacktschnecke mit rein zu schmuggeln, ist ziemlich schwierig. Und wenn man nachts, wie das nun mal bei alten Leuten ist, noch mal raus muss zum Pullern, muss man sich erst frei kämpfen. Von innen. Um gesund raus zu kommen. Übrigens muss ich nicht immer und grundsätzlich nachts raus aufs Klo oder in den Wald, aber wir zelten neben dem Partybus. Das ist ein Fehler, den es in Zukunft zu vermeiden gibt.

Am nächsten Tag, nach dem Frühstück, dass es übrigens gegen eine kleine Spende auf dem Festivalgelände gibt, nach dem Duschen und was mann und frau so alles bis mittags zu erledigen haben, gehen die Freunde zum See. Das Kleine Kind und ich gehen zu den workshops. Finden den einen zu anstrengend, verstehen den anderen nicht und weil uns niemand sagen kann, wo und wann der stattfindet, für den wir uns schon in Leipzig entschieden haben, entscheiden wir uns für ein ausgiebiges Chillen. Tagsüber gibt’s auch keine Nacktschnecken. Nirgends. Weder auf dem Stroh auf dem Feld noch auf den Zelten, oder gar innen.

Chillen über Mittag ist wirklich ne gute Idee, so sind das Kleine Kind und ich fit, während die Freunde am Zelt abhängen. Dabei sind Schreng Schreng & Lala, sowie Schnippo Schranke echt witzig. Außerdem ist es noch recht übersichtlich. Frau kann auf der Wiese rumlümmeln, oder sich den besten Platz für den Campingstuhl suchen. Das Auge Gottes kommt dann allerdings so laut daher, dass ich fast von selbigem falle.

Wir fliehen zum Zelt, aber wirklich leiser ist es da natürlich nicht. Bei Schrottgrenze und bei Fehlfarben sind wir wieder da und natürlich, bei den Beatsteaks. Das man im bzw auf dem Publikum steht, und das ne ganze Weile, das habe ich so noch nicht gesehen und haut mich immer noch ein bissl um. Turbostaat war nicht da. Vielleicht sind sie die Band, für die Fehlfarben einspringen musste. Wer weiß das schon. Jedenfalls war die Spannung in den langen Umbaupausen manchmal unerträglich. Um so explosiver dann vielleicht die Freunde, wenn der Vorhang fiel. Und dass die Beatsteaks kommen, das verfestigte sich im Laufe des Samstag Abends so sehr, dass es kein Gerücht sein konnte.

Es folgt der übliche Kampf gegen die Schnecken. Den Partybus kann ich bis 4:00 morgens hören.

Und weil Jamel nur 7 km von der Ostsee entfernt ist, fahren wir da am Sonntag hin. Nachdem wir alles ver- und schneckenfrei eingepackt haben.

War  ein nettes kleines Festival mit entspannten und achtsamen Menschen.

Fotos gibt es nicht so viele. Ich war ja zum Tanzen da…

Drauf klicken Groß Gucken

 

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Diesmal wars ne Maus

Das alljährliche Frauenboofen hätte ich diesmal fast verpasst. Weil ich sicher war, das findet erst nach den Ferien statt. So musste ich die auch jedes Jahr stattfindende Radtour nach Grethen absagen. Schließlich bin ich nicht nur Frauenbooferin, sondern auch Chaffeusse bei diesem Event.

Diesmal ging es zur Lehnsteigboofe. Auch eine von diesen offiziellen Freiübernachtungsstellen, die, wie mir eine Mitbooferin erzählte, mittlerweile im Internet mit GPS- Daten zu finden sind. Da muss frau sich nicht über den Andrang wundern. Immerhin, im Internet steht auch, dass man seinen Müll mitnehmen muss. Die „Toiletten“ dagegen sind bei der Anzahl von Menschen, die sich dort konzentrieren, nicht mehr zu benutzen. Wir hatten zum Glück ne Schippe mit. Ausscheidungen am Berghang zu vergraben… das muss ich allerdings noch üben.

Gut.

Themawechsel.

Die Lehnsteigboofe hat den Vorteil, dass sie ziemlich nah an Schmilka liegt. Das bedeutete weniger Schlepperei, weil wir beschlossen, außer zum Frühstück einfach immer essen zu gehen. Frau wird ja auch nicht jünger. Dann hat man von der Boofe aus einen wunderbaren Weitblick, es gibt allerhand Stiegen ringsherum, den Winterberg (mit Gaststätte) und von wildernden Bilchen oder Füchsen hatten wir auch noch nix gehört.

Doch gleich am ersten Abend, wir hatten gerade in Erinnerung an den letztjährigen Bilchboofenterror geschwelgt, schrie eine Mitbooferin auf. Ich dachte noch „Nicht schon wieder“, da hatte doch tatsächlich eine Maus. EINE. MAUS. Zugebissen. In den Finger! IN.DEN.FINGER. Das Leben in der Natur wird immer gefährlicher.

Wir räumten unser Essen ganz weit weg und ließen nur die Nasenspitzen aus den Schlafsäcken gucken. Ganz schön blöd. Als wäre es besser, in die Nase gebissen zu werden als in den Finger. Außerdem war es viel zu warm, ich garte sozusagen im eigenen Saft. Das ist dem Schlaf nicht zuträglich. Das Rascheln der Mäuse im Essen auch nicht. Ich habe ja die alte Blechbüchse wieder hervorgekramt, nach den Erlebnissen des letzten Jahres. Aber alles passt da nicht rein. Und so hatte das Viehzeug Löscher in meinen Lieblingsbeutel geknuspert.

Unglaublich.

Am Samstag ging es über den Winterberg (geeiste Gurkensuppe) und ein paar Stiegen nach Schmilka. Ordentlich schlemmen und dann an der Elbe verdauen.

Zurück in der Boofe hatte sich ordentlich Volk angesammelt. Ich glaube, ich bin bis Schmilka gelaufen, als ich mal musste.

Dafür habe ich dann am Sonntagmorgen einen ganz fantastischen und einsamen Sonnenaufgang erlebt.

In der 2. Nacht haben wir das mit den „Finger-in-den-Schlafsack“ übrigens nicht mehr so ernst genommen. Ist trotzdem niemand gebissen worden. Obwohl sich die Maus so fett gefressen hatte, dass sie am Morgen gar nicht richtig fliehen konnte.

Bilder gibts diesmal viele von Schmilka. Drauf klicken hilft beim groß gucken

 

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