Salz Wasser Glauben. Und Brot (10. Oktober 2017)

An der Aserbaidschanischen Grenze, im Südosten Kachetiens,  liegt Dawit Garetscha, der östlichste Vorposten des historischen Christentums.

Um dahin zu gelangen, muss man ein Steppe durchqueren. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es nicht. Einen Leihwagen haben wir nicht, also bleibt nur Buba, der Fremdenführer, den wir gestern gebucht haben.

Beim Frühstück im Hostel (Bananen und irgendwas verpacktes), bemerkt eine Gästin aus Asien meinen Flyer vom Casa Muntean in der Maramures. Da war ich vor ein paar Jahren. Und das Reisetagebuch ist damals ja nicht voll geworden, so dass ich es auch für diesen Urlaub nutzen kann. Die junge Frau war letztes Jahr da. Die Welt ist ein Dorf. Jedenfalls wenn man in Hostels übernachtet oder anderen einfachen Unterkünften.  Wir reden ein bisschen über die Munteans und die Maramures.

Meine Freunde aus Moldawien sind heute etwas indisponiert. Nur die Toilette interessiert sie, wenn sie verstehen, was ich meine und ich bin irgendwie beruhigt, dass es nicht nur verweichlichte Mitteleuropäer erwischt. Natürlich tun sie mir leid. Genau wie das junge Mädchen, dass mich gestern fast umgerannt hätte, als ich die Keramik verließ.

In Tbilissi regnet es. Das ist nun nicht das ideale Ausflugswetter. Aber wir haben gebucht. Wenn wir auch unsicher sind, ob Buba kommt.

Er kommt.

Nur leider ohne Fahrer. Er muss einen neuen besorgen. Der kennt unseren Treffpunkt nicht, weiß nicht  wo das ist und wir laufen wieder Richtung Metrostation Marjanischwili. Dort ist ein Mc Doof und unser Fremdenführer lädt uns zu einem Kaffee ein. Bei Mc Doof! Warum glauben Einheimische so oft, dass uns gerade dort der Kaffee am besten schmecken würde? Weil er da am teuersten ist? Jedenfalls in vermeintlich ärmeren Ländern?

Wie dem auch sei, wir sind gute Gäste und nehmen die Einladung an.

Buba spricht Deutsch, weil er aber lange nicht in Deutschland war, wechselt er ins Englische.  Und dann kommt Nika, der Fahrer. Im Mercedes! Für zahlende Gäste nur das beste. Der Ausflug kostet uns pro Person 11 oder 14 €, ich habe es vergessen, weil es wirklich preiswert war.

Über diverse Nebenstraßen, so scheint es, versucht Nika dem nie endenden Stau in der Hauptstadt auszuweichen. Als wir diese verlassen, hört es auf zu regnen.

Anfangs fahren wir noch auf Straßen, dann geht es im äußersten Kachetien über recht holprige Feldwege. Ich bin mir nicht sicher, ob das dem Mercedes gut tut. Aber noch sind wir auf der Straße. Das Land ist flach bis leicht hügelig und von einer außergewöhnlich schönen Kargheit. Ich liebe solche Gegenden fast mehr als blühende Landschaften. Und da ist der Salzsee. Nein zwei. Hier sollte doch die Radtour, die abgesagte, hinführen? Ob wir halten können? Klar können wir.

An Udabno fahren wir nur vorbei bzw durch. Es gibt zwei Orte dieses Namens, der übersetzt  „unbewohnbares Land“ bedeutet . In Neu- Udabno leben oder lebten Swanen, die im Winter 1987 ihr Dach überm Kopf verloren und sich hier eine neue Existenz aufbauten. Wenn ich das richtig verstanden habe, ziehen sie inzwischen aber wieder weg. 1987, da gehörte Georgien noch zur UdSSR, das Dorf ist im Prinzip eine Kolchose. In Kolchosen wollen heute auch keine Swanen mehr leben.

Bis zum 16. Jahrhundert soll das Land übrigens bewaldet gewesen sein, was angesichts der Kargheit kaum vorstellbar  scheint. Die Türken ließen alles abholzen. Zur besseren Kontrolle der eroberten georgischen Fürstentümer.

Es geht weiter auf staubigen Feldwegen durch diese einzigartige  in verschiedenen Rot-, Gelb- und Brauntönen gezeichnete Landschaft. Manchmal, an Kreuzungen, ragen blaue Straßenschilder wie Fremdkörper in den Himmel. In der Ferne strotzt ein Militärkomplex  wie eine Trutzburg.

Ach ja, wir nähern uns der Grenze.

Dawit Garetscha  ist ein Komplex von 13 Höhlenklöstern, von  denen sich eines heute auf aserbaidschanischem Boden befindet.  Wir besichtigen die Kloster Lavra, der Weg nach Udabno liegt teilweise auf aserbaidschanischem Gebiet, soll aber begehbar sein, wobei davor gewarnt wird, das andere Land zu betreten, was wohl unweigerlich zur Verhaftung und kostspieligen Deportation führen würde. Das muss nicht sein. Vielleicht haben wir aber auch Teile von Udabno gesehen, denn wir sind einen Pfad hinauf geklettert und haben in Höhlen geschaut. Wer weiß das schon. Jedenfalls  das sind die zwei, die auch mit dem Auto erreichbar sind. Zu einem 3. müsste man 12 km laufen, wozu uns die Zeit fehlt und auch der richtige Führer bzw. eine richtige Karte, von den anderen sollen nur noch Ruinen übrig sein.

Die Gründung des Komplexes geht auf einen der 13 syrischen Väter, die im 6. Jahrhundert nach Georgien kamen, um von Christus zu sprechen, zurück. Es wird übrigens vermutet, dass diese 13 syrischen Väter Georgier waren, die u.a. in Syrien die Kunst des Höhlenbaus erlernten, aber das nur nebenbei. Dawit wählte sich ursprünglich Tbilissi als Wirkungsort, wohnte in einer Höhle im Berg Mamadawiti-Mtatsminda und kam einmal pro Woche in die Stadt, den Bewohnern das Wort Jesu zu verkünden. Die damals den Volksglauben beherrschenden zoroasthritischen Prediger beschuldigten ihn, eine Ehefrau geschwängert zu haben, aber Dawit bewirkte ein Wunder, was die Menge zwar überzeugte und  begeisterte, aber der Syrer war eingeschnappt und verzog sich in die Gareja- Hügel, wo er erneut eine natürliche Höhle bezog. Die Anhänger, die ihm folgten, gruben sich ringsherum auch Höhlen in den Sandstein und es entstand Dawit Garetscha.  Der Komplex bestand nicht mehr nur aus Höhlen, es wurde auch ordentlich gebaut. Doch im 10. Jahrhundert zerstörten die Seldschuken alles,  Dawit der Erneuerer ließ es wieder aufbauen, die Mongolen zerstörten es wieder, es wurde wieder aufgebaut, genau wie nach Timur Lenk, den Persern und den Türken. Bis zur Osternacht 1616 galt der Klosterkomplex trotz aller Zerstörungen als geistiges und künstlerisches Zentrum des Landes, die hier entwickelte Freskenmalerei beeinflusste ganz Georgien.  In jener Osternacht vor 400 Jahren aber ließ Schah Abbas 3000 Mönche niedermetzeln.  Zwar ließen sich danach immer wieder Mönche und Einsiedler dort nieder, um  den heiligen Ort wieder zu beleben, aber das gelang bis heute nie. Und in der Sowjetzeit gehörte die Anlage zu einem militärisches Sperrgebiet, indem sich die Truppen ab dem Ende der 1970er Jahre auf ihren Einsatz in Afghanistan vorbereiteten.  Doch gerade der Protest gegen die drohende Zerstörung der Klöster war der Anfang der georgischen Nationalbewegung.  Nach der Unabhängigkeit Georgiens zogen die Sowjets ab, Mitte der 1990er Jahre ließ sich hier der erste Einsiedler wieder nieder  und als die georgische Armee das Potential des dünn besiedelten Landstrichs erkannte, wehrte sich die Zivilbevölkerung  mit öffentlichen Protesten wie Sitzblockaden und erzwang den vorläufigen Abzug der Truppen. Heute leben wieder etwas über ein Dutzend Mönche  hier, es wird gewerkelt und restauriert, was das Zeug hält. Der Besucherstrom hält sich, wohl wegen der Lage, in Grenzen. Immerhin, auf dem Parkplatz stand ein Bus  von  „Biblische Reisen“ aus Deutschland, ansonsten mühten sich nur Einheimische oder ehemalige Einheimische, die heute in Russland oder wo leben, nach Lavra und Udabno.

Mit Sicherheit besichtigen wir Lavra. Einige Gebäude wurden bzw werden saniert und auch an den Höhlen wird gewerkelt. Ein Teil der Höhlen stammt noch aus der Zeit Dawits, in einer hat er im 6. Jahrhundert gelebt, andere wurden mit Fenstern und Türen versehen und sind wieder bewohnt.  Das Tor, durch das man die Anlage betritt, natürlich aus Stein, stammt aus dem Ende des 17. Jahrhunderts.  Wir sehen uns alles an, was man sich ansehen darf, da das Kloster bewohnt ist, gibt es natürlich auch gesperrte Bereiche und kraxeln dann hoch zu den Höhlen, von denen wir glauben, dass sie zu Udabno gehören. Auch wenn ich mir da nicht mehr so sicher bin, von hier aus hat man einen phantastischen Blick auf das Kloster zu unseren Füßen und die Landschaft.

Es stellt sich heraus, dass auch Nika zum ersten Mal hier ist, was für ein Erlebnis auch für ihn. In einem kleinen Laden wecken wir einen Mönch aus seinem Nickerchen, weil wir ein paar Karten oder so kaufen wollen. Ich versuche einen Scherz, aber der Herr bleibt missmutig. Das ist mir schon oft aufgefallen. Außer in Bulgarien scheinen orthodoxe Mönche und Priester durchweg missmutig zu sein und im Übrigen nicht viel von Menschen zu halten, die keine Mönche oder Priester sind.

Auf selben Wege fahren wir zurück, doch die Jungs halten unterwegs an einer Bäckerei. Wir dürfen zugucken und fotografieren und das Brot ist heiß und lecker.

Zurück in Tbilissi regnet es wieder. Es scheint, als hätten wir genau den richtigen Tag für unseren Ausflug  gewählt. Buba und Nika setzen uns im Bäderviertel ab, denn heute endlich wollen wir in eins der Bäder. Die Freundin hat sich das bunte rausgesucht, das, das gerade frisch saniert wurde. Wir bestellen eine Doppelkabine mit Kaffee und Saft und Massage. Dann müssen wir eine Stunde warten, bis etwas frei wird (Reservieren kann man nicht). Aber warten ist nicht langweilig, es passiert genug im Bad. Also auf den Gängen.

Wir sind kaum in unserer Kabine, da kommen die Getränke und die Masseuse. Und die Massage ist schon ein Kunstwerk für sich. Gut, dass wir zu zweit sind, so das jede mal sieht, wie das geht. Leider kann ich Ihnen keine Fotos zeigen. Aber falls Sie mal nach Tbilissi kommen, gehen Sie in ein Bad und gönnen Sie sich eine Massage. Das dicke Männer auf ihnen sitzen und sie durchkneten, ist eine Lüge aus alten Prospekten.  Glauben Sie mir, die Behandlung ist äußerst angenehm.

Weil es immer  noch regnet, nehmen wir ins Hostel ein Taxi. Und sosehr uns Einheimische auch erzählt haben, wie viel das nur kosten darf, der Fahrer lässt sich nicht erweichen. Schließlich seien wir zu zweit und es regnet. Wir zahlen mehr als den dreifachen Preis.  Ist uns aber im Moment tatsächlich egal und von einem geldgierigen Taxifahrer wollen wir uns unser Wohlgefühl ganz sicher nicht verderben lassen und ja, auch der mehr als dreifache Preis ist letztlich nicht teuer.

blabla

 

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Erledigungen ( 8. Oktober 2017)

Uns wurde gesagt, Zugtickets müsse man im Vorfeld kaufen, also machen wir uns nach dem Frühstück auf zum Bahnhof.

Das Frühstück fällt ähnlich aus wie gestern, obwohl unsere georgische Medizin fast augenblicklich wirkt. Trotzdem, sicher ist sicher.

Auf dem Weg zum Bahnhof kehren wir schon mal ins Büro eines Anbieters für Tagesausflüge ein. Die Freundin hatte ja noch in Deutschland eine Radtour gebucht.  Die hat der deutsche Veranstalter, nachdem sich die Preise ständig erhöht hatten, schließlich abgesagt, weil der Guide angeblich noch, ich weiß nicht wo sei und uns dafür einen ziemlich teuren Tagesausflug angeboten.  Aber den können wir hier billiger haben. Die Anbieter stehen überall am Maidan , das haben wir schon vor einer Woche gesehen.

Hier, in der extra für Touristen sanierten  Davit- Aghmashnebeli- Avenue vielleicht nicht die beste Idee, denn hier übertreffen die Anbieter mit ihren Preisvorstellungen sogar noch die des deutschen Veranstalters. Nee Freundin, lass uns mal am Maidan gucken.  Später.

Die Avenue besteht übrigens nicht nur aus Fußgängerzone, ist sie doch 3 km lang. Sie entstand im 19. Jahrhundert. Hier mischen sich russischer Klassizismus, spätes Empire und Jugendstil, in denen je nach Geschmack die damaligen Bauherren Banken, Kontore, Börsen, Geschäfte errichten ließen. Hier war das Bürgertum zu Hause. Die legten weniger Wert auf Traditionen als auf die entsprechende Mode. Weil sich aber dazwischen die Georgier mit ihren Balustraden und Balkonen einrichteten, entstand eine spannende Mischung. Und wenn man einen der Hinterhöfe betritt, und hier hat jedes Haus einen Hinterhof, ist sowieso alles georgisch.

Den Bahnhof zu finden ist etwas mühselig. Also hin finden wir schon, aber dann stehen wir vor einem Einkaufszentrum, auf einem Parkplatz für Marschrutkas, und dazwischen bieten allerhand Händler billigen Kram feil. So Second Hand Klamotten aus dem Westen und Plastikschrott aus China.

Gut, hätten wir unsere Reiseführer etwas genauer gelesen, wäre uns einige Mühe erspart geblieben. Der Bahnhof befindet sich im 2. Stock eines Einkaufszentrums. Hätten wir als Leipziger erahnen müssen, ist unser Bahnhof doch auch nur noch ein Einkaufszentrum mit Gleisanschluss. Nur sieht unserer von außen wie ein Bahnhof aus, der in Tbilissi tatsächlich wie ein Einkaufszentrum.

Zugtickets zu kaufen ist auch nicht so einfach. An einem Schalter heißt es, es gäbe nur eine Elektritschka nach Gori, die zudem nur zwei Mal am Tag fährt. Nun wäre das sicher spannend, aber früh 6:00 Uhr?

Nee.

Wir können das nicht glauben, fragen noch an mehreren anderen Schaltern, bis wir schließlich jemanden finden, die uns Fahrkarten für den ZUG nach Gori verkauft, Mittwoch 8:30 Uhr, 1. Klasse.

Weiter geht es zurück ins jüdische Viertel. Da muss das Büro von Kaukasus- Reisen sein. Die Schweizerinnen haben uns gebeten, dort ein Geschenk für Lewan abzugeben.

Auch das Büro zu finden, ist ziemlich schwierig. Erstens ist das Viertel doch sehr verwinkelt, zweitens helfen rein georgisch geschriebene Straßennamen nun nicht gerade bei der Suche. So kommen wir aber mit vielen Leuten in Kontakt, kriechen in vielen Ecken rum und die Freundin darf sogar in einer Bäckerei fotografieren. In diesen Bäckereien wird ausschließlich Brot gebacken. Auf eine sehr traditionelle Weise. Sehr mühselig. Und reich wird man davon auch nicht.

Was mich an dem Viertel fasziniert, ist das Grün. Das ist nicht automatisch da. Das schaffen sich die Bewohner selbst. So wirkt mancher Straßenzug doch freundlicher. Und bewohnt.

Wer eine Postkarte bei mir bestellt hat, hat evtl. eine von Kaukasus- Reisen bekommen, denn die sind die einzigen, wo wir welche von Tuschetien kaufen können. Steffi gibt uns noch ein paar wertvolle Tipps, besonders hinsichtlich der Taxipreise.

Dann laufen wir endlich zum Maidan und „buchen“ beim ersten Guide, der auf der Straße steht, den Ausflug nach David Garetscha.  Also, wir haben nichts schriftlich. Er auch nicht. Aber er holt uns morgen 10:00 Uhr ab. Ich bin gespannt.

Da uns die Kankali nicht so schmecken, dass wir sie unbedingt und überall essen müssen, gehen wir wieder in unser „Stammlokal“ am Maidan und essen Pelmeni. Hier waren wir während des Urlaubs tatsächlich einige Male.

Und dann gehts endlich zur Festung hoch, die aber keinen Besuch wert ist.  Narikala, so heißt sie, wurde im 4. Jahrhundert von den Persern errichtet.  Bis zur Erfindung des Schießpulvers war sie praktisch uneinnehmbar. Wachtang Gorgassali und sein Sohn Datschi erweiterten den Bau. Zur Oberburg kamen  eine Unterburg und Stadtmauern.  Als Aga Mohammad Khan Tbilissi praktisch dem Erdboden gleich machte, verschonte er die Festung, die zwar schwer, aber nicht mehr uneinnehmbar war. Und doch war es dann das Schießpulver, das Narikalas Schicksal werden sollten. Die Russen nutzten die Zitadelle nämlich als Pulverkammer und als ihnen 1827 ihr Pulver um die Ohren flog, war das das Ende der Festung.

Wir haben keine Lust auf Ruinen und schlendern an zahlreichen Bettlern vorbei zur Mutter Georgiens. Die ist gar nicht so leicht zu fotografieren, da sie uns ihr Hinterteil präsentiert. Dafür kann man von hier aus mit dem Tele endlich mal Wachtang auf der anderen Seite des Flusses ins Gesicht schauen.

Wir würden gern mit diesen Dingern über den Botanischen Garten schweben. Also ich bin mir nicht wirklich sicher. Aber die Freundin will. Aber wir würden auch gern Seilbahn fahren. Mit diesen Dingern auf einer Art Flying Fox de luxe über den botanischen Garten zu schweben oder rasen, würde bedeuten, wieder hoch zur Festung laufen zu müssen. Dazu hat keine Lust. Lieber Aussicht genießen bei Latte Macchiato auf einer Terrasse, viele Fotos machen und dann mit der Seilbahn runter in die Stadt.

Und abends sitzen wir wieder in der Nähe des Hostels und schauen dem Treiben auf der Straße zu. Schlafen ist eh unmöglich. Bis nach Mitternacht hämmert jemand auf einem Klavier rum.

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Heute kein Kosten (8. Oktober 2017)

Im Hostel, unten im Keller, in der Küche, da sitzen die Besitzer und rauchen. Als ich gestern Abend draußen auf dem Hof stand, haben sie mich extra darauf hingewiesen.

Ich bin zwiegespalten. Einerseits ist das natürlich komfortabel. Andrerseits stört es mich.

Aber früh am Morgen, wenn das Hostel noch schläft, ist das ok. Ich muss ja zeitig raus, weil ich die erste auf der Toilette sein will.

Zwei Moldawier sind schon da. Und rauchen.

Das sind Roma.

Also eigentlich weiß ich nicht, ob es Roma sind oder Sinti oder. Der Mann erklärt mir stolz, dass sie Gipsy aus Moldawien sind. Hm. Als politisch korrekter Mensch darf ich nicht Zigeuner sagen. Aber leben in Moldawien Roma? Oder Sinti? Oder? Ich frage nicht. Denn wenn sie oder sind, sind sie vielleicht beleidigt, weil ich zwar Roma und Sinti „kenne“ aber nicht sie. Die Welt ist kompliziert.

Sie laden mich zum Essen ein. Ich lehne dankend ab. Ich würde ja gern, aber…

Was das Essen  betrifft, verhalten wir uns inzwischen leicht paranoid.

Die Freundin hat gelesen, dass man auch die Zähne nur mit gekauftem Wasser putzen soll. Also tun wir das. In Gaststätten trinken wir nur aus geschlossenen Flaschen bzw. Dosen, denn wir trinken hauptsächlich Cola. Soll ja helfen. Ich glaube, in Georgien habe ich soviel Cola getrunken wie in den letzten 30 Jahren zusammengenommen. Frisches Gemüse kommt nach wie vor nicht auf den Tisch. Alles muss gekocht, gebraten, gebacken sein. Deshalb kann ich zum Glück auch Kaffee trinken. Ok, die aufgeschäumte Milch…

Aber wir sind eh chancenlos. Inzwischen haben wir erfahren, dass es hier eine sehr lange Hitzewelle gab und irgendein Virus oder irgendwelche Bakterien jeden Ausländer flach legen. Es soll schon ganze Reisegruppen ermittelt haben. Und sogar Georgier.

Zum Frühstück gibt’s Bananen und Salzstangen. Wir kaufen nur noch, was gut verpackt ist, am besten in Mitteleuropa zubereitet wurde und irgendwie hilft.

Dann wackeln wir zur Apotheke.  Die Frau hinterm Tresen grinst, verkauft uns jedem eine Packung Diarrh-Limit und schärft uns ein, alle 6 Tabletten nach Anweisung und bis zum Schluss zu nehmen. Ich kaufe noch Antibakterielle Tücher dazu. Ich hasse Menschen, die sich nach Benutzung von Toiletten die Hände derart reinigen. Ich bin paranoid.

Straßenfest ist überall in der Stadt. Sogar auf den Dächern der Bäder. In den engen Gassen der Altstadt ist kaum ein Durchkommen und die Plätze wie der Maidan oder der, wir nennen ihn Europaplatz, sind überfüllt.  Wir versuchen auch die Stadt zu fotografieren, was angesichts der Menschenmassen ein schwieriges Unterfangen ist. Die Bettler haben ihre Plätze vor den Kirchen und Moscheen verlassen. Oder es sind heute einfach mehr. Manche ziehen eine echte Show ab. Schmeißen sich mitten auf den Gehweg oder Platz, liegen da und zittern und schreien. Das ist ziemlich übel und animiert mich nun nicht gerade dazu, etwas Kleingeld herauszugeben.

Oberhalb des von uns so getauften Europaplatzes gibt es Kinderreiten. Die, die die Pferde führen, sind keine reitdenden Mädels wie hierzulande. Mir sehen sie eher, ja, wie „unsere “ Hirten aus. Ich hoffe, die da haben noch Herden und das hier ist nur ein kleiner Nebenverdienst. Glücklich sehen sie dabei allerdings nicht aus.

Wir lassen uns treiben. Gern würden wir Schaschlik essen. Oder diese Süßspeisen, die die alten Frauen da zusammenrühren. Oder Freundin, guck mal, DAS sieht ja auch sehr lecker aus. Was das wohl ist?

Es ist zum Heulen. Ich achte nie auf die Ratschläge für Touristen. Esse und probiere am liebsten auf der Straße. Doch an diesem Sonntag bin ich ganz brav. Die Freundin auch. Nur einmal wollen wir Kinkali kaufen, aber die Frau, die die verkauft (es ist nicht dieselbe, die die Kinkali zubereiten), scheucht uns davon.

So essen wir brav im Restaurant. In der Touristraße. Abends. Und unterwegs eben Bananen und verpackten Scheiß aus dem Westen.

Und geröstete Nüsse. Eine Ausnahme wird ja wohl erlaubt sein.

Zum Glück gibt es genug zu sehen. Und ich könnte ja Socken für die ganze Familie kaufen. Aber es gibt weder ganz kleine  für die Enkel noch ganz große  für die mit Schuhgröße über 40. Aber so eine gefolizte Tasche? So eine Marienkäfertasche? Die ist doch wie gemacht für Prinzessinnen. Und die Omi legt mir noch eine Haarspange dazu. Auch gefilzt. Versteht sich ja von selbst.

Und dann wird überall getanzt und Musik gemacht. Am meisten dort nahe der Brücke, den Platz finden wir nur zufällig, weil wir mal einen anderen Weg gehen wollten. Und wenn Sie sich wundern, dass die Bilder so unscharf wirken, ja, da war überall Rauch. Wie Nebel. Von den Grills.

Die Frauen rennen mit Blumenbändern im Haar rum. Die Freundin auch. Ich nicht.

Und es ist Sommer.

Ein schöner Tag. Vom gestrigen Schock nichts mehr zu spüren. Tbilissi ist noch schöner, wenn die Einwohner feiern.

Als wir zurück laufen, verlaufen und fürchten wir uns etwas, so gruselig sieht das Viertel aus. Aber die Männer sind nett, winken und schreien uns nach und zeigen uns, wo es lang geht zur Fußgängerzone in Neu- Tbilissi. Da wo die Touris wohnen und alles etwas sauberer scheint.

Die Hostelmama hat unsere Wäsche von der Leine genommen und zusammengelegt ins Zimmer getan. Währenddessen sitzen wir ganz lange in der Touristraße draußen auf einem Freisitz und sehen dem Treiben zu. Denn Einwohner gibt’s ja auch hier. Und es ist Sommer.

Achtung: Heute gibt es sehr viele Fotos.

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Der übliche Schock (7. Oktober 2017)

Wenn man aus dünn besiedelten oder sehr armen Gebieten in Großstädte kommt, wenn die Menschen in jenen dünn besiedelten oder sehr armen Gebieten auch noch, wie es uns scheint, recht archaisch leben, die Großstadt aber modern ist oder sich zumindest den Anschein gibt, erlebt man eine Art Schock.

Ich erlebe eine Art Schock.

Jedesmal.

Wenn ich aus dem armen Rumänien kam in das für Ostblockverhältnisse unglaublich reiche Budapest und auch als ich Jahre später aus der rumänischen Maramures in die ungarische Hauptstadt kam.

Ich stehe dann immer etwas fassungslos da. Die Menschen sind mir viel zu viel, es ist zu laut und die Probleme der gestressten Einwohner scheinen mir lächerlich, wohl wissend, dass genau diese Probleme in spätestens zwei Wochen wieder meine eigenen sein werden. Je nachdem, wie lange ich mir die Gelassenheit bewahren kann.

Als mich der Greyhound seinerzeit über Nacht von den Amischen direkt ins Herz New  Yorks katapultierte, wollte ich die Stadt sofort wieder verlassen. Zum Glück ging das  nicht, weil ich ja abhängig vom Flieger war. Zum Glück, weil New York sich  als spannender, faszinierender Ort entpuppte.

Als wir nach Tbilissi kamen, waren wir auch geschockt. Zwar hatten wir uns am Abend vorher in unserem Nobelrestaurant in Kachetien schon etwas an die Zivilisation gewöhnen können, aber die georgische Hauptstadt erwartete uns mit dem jährlichen Stadtfest. Und Stadtfest oder überhaupt Fest bedeutet in Georgien, dass alle, wirklich alle auf der Straße sind. Und ich meine jetzt nicht nur die Einwohner. Denn überall sitzen Frauen und Männer und verkaufen, was sich verkaufen lässt. Jeder kann irgendetwas schnitzen, stricken, kochen, backen, häkeln, malen, filzen, anbauen.  Und wer nichts kann, kann wenigstens Kinder schminken. Übrigens, diese Art der Kinderbespaßung obliegt in Georgien, wie  bei uns ja eher üblich, nicht den Frauen, sondern den Männern. Wer all das nicht kann, kauft eben Wasser oder Luftballons und verkauft sie wieder. Dazwischen wird überall, wirklich ÜBERALL gegrillt. Die nobelsten Restaurants werden zu Grillbuden. Dazwischen räumt jeder zweite Bewohner seinen privaten Grill raus und verkauft, ja was schon, Schaschlik. Schaschlik ist übrigens eine georgische Erfindung, die sich über das gesamte russische Reich verbreitet hat und auch in Georgien heute unter seinem russischen Namen, Schaschlik eben, geliebt und zelebriert wird.

Und wer wirklich gar nichts kann, der bettelt. Teilweise auf sehr kreative Weise, wenn ich das mal positiv ausdrücken darf. Aber dazu später.

Wir fahren also im Kleinbus nach Tbilissi.

Der Freundin ist schlecht. Es dauert eine Weile, eher wir sie dazu überreden können, sich doch bitte vor zum Fahrer zu setzen. Die Schweizerinnen haben Durchfall. Ich irgendwie auch wieder. Der Fahrer tut mir leid, der sichtlich Angst um seinen schönen neuen Kleinbus hat. Dazu die hysterische Fracht (der Hamburger ist der einzige verbliebene Mann, da das Pärchen beim Chef des Unternehmens im Auto sitzt). Als er fast eine Hündin mit Welpen überfährt, ist das Gekreische groß. Und dann muss er natürlich ab und an mal halten. Und zwar jetzt hier sofort. Weil die eine Luft braucht und die andere einen Busch und Papier.

Was gut ist am Reiseveranstalter, ist, dass er uns nicht am Hotel im Bäderviertel absetzt, wo ja die Tour offiziell endet, sondern zu unserem Hostel bringen lässt. Das liegt in Neu- Tbilissi. In einer Fußgängerzone. Später erfahren wir, dass die Einwohner die Straße als Touristraße bezeichnen. Tatsächlich reihen sich hier Bars, Cafés und Restaurants aneinander, dazu Hostel und Souvenirshops. Wissen wir aber nicht, als wir aus dem Bus hopsen und uns durch das Gedränge oben beschriebenen Straßenfestes wühlen.

Unser Hostel liegt in einem typischen georgischen Hinterhof. Die Stadtführerin hatte uns vor einer Woche extra so einen gezeigt. Nun wohnen wir in einem. Das Zimmer ist eng und hat nur ein winziges Fenster. Ich habe versucht zu fotografieren. Es ist auch nicht abschließbar. Es sei ja immer jemand da, meint der junge Mann. Der gehört zu der Familie, die die Unterkunft betreibt und die wohnt auch hier. Man trifft sie ständig in der Küche. Die liegt Richtung Hof quasi im Keller. Aber in die andere Richtung ist noch ein Hof, da liegt die Küche im Erdgeschoss. Es gibt eine Toilette für Hostel und Familie. Da ist auch die Dusche drin. Das wird hart für leicht kränkliche Mitteleuropäer.

Wir packen aus, richten uns ein und schlafen erst mal eine Runde.

Dann laufen wir zum Bäderviertel. So groß ist Tbilissi wirklich nicht, scheint es. Auf dem Maidan treffen wir die Schweizerinnen und den Hamburger. Auch das Pärchen kommt noch mal kurz vorbei, um Tschüß zu sagen,, muss aber weiter, weil es bei Freunden eingeladen ist, bevor es weiter nach Sarajevo geht.

Wir fünf suchen und finden tatsächlich eine etwas ruhigere Gasse mit Restaurants. Wir sitzen draußen. Es ist warm in Tbilissi. Was für ein Genuss. Und. An diesem Abend sehr wichtig. Von dem die ganze Stadt einnehmenden Geruch nach Schaschlik und dem Qualm der Grills und Öfchen ist hier fast nichts zu spüren.

Die Schweizerinnen werden weiter ans Meer fahren und geben uns wertvolle Tipps für den Zugticketkauf.

Wir werden uns morgen erst mal in das Stadtfest stürzen. Jepp.

Fotos wie immer. Drauf klicken = groß gucken. Und. Morgen gibts wieder mehr Fotos

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Nachschlag

Bevor ich Ihnen vom 2. Teil des Urlaubs berichte, von Tbilissi und Gori, von Höhlenklöstern und Höhlendörfern, von Weinbauern und Salzseen, von Stadtfesten und dem Fest des lebenspendenden Baums, von Bettlern, einer krassen Stalinverehrung und endlich die Funktion des Tamadas erkläre, gibts heute noch einen Nachschlag an Fotos.

Das liegt zum einen daran, dass die Freundin mir einen Stick in den Briefkasten geworfen hat und da Blickwinkel ja unterschiedlich sind, möchte ich Ihnen einige nicht vorenthalten. Zum anderen habe natürlich auch ich noch Fotos, die aus der täglichen Auswahl, bei der ich mich auf 40 zu beschränken versucht habe, rausgeflogen sind.

Und dann habe ich im Moment gar keine Zeit, das Reisetagebuch abzutippen. Ich gelobe, das am Mittwoch zu tun. Da haben wir Sachsen nämlich Feiertag. Die Thüringer, vermute ich mal, auch.

Bis dahin, kommen Sie einfach noch mal mit nach Tuschetien. Sie werden ein paar Gastgeber sehen und die Bäckerin, Fotos von Omalo und Schafen und Bergen und, ich möchte sensible Gemüter warnen, auch eins von der Schlachtung eines Schafes, wobei ich versucht habe, eins zu wählen, das nicht mehr so krass wie Schaf aussieht. Die Freundin hat auch immer das Essen fotografiert, so dass ich Ihnen einen kleinen Eindruck vermitteln kann. Und natürlich von den Pausen unterwegs.

Die Galerie beginnt mit Fotos vom Pass, als wir am 2. Oktober über ihn gefahren sind. Wenn Sie die mit den Bildern vom 6. Oktober, als wir ihn mit der Herde überquert haben, vergleichen, sehen Sie, wieviel Glück wir mit dem Wetter hatten. Ich bin ja immer noch froh, dass wir wegen des Wetters nicht viel gesehen haben, dass wir erst im Nachhinein erfahren haben, wie gefährlich die Straße ist und dass wir auch erst später erfuhren, dass es da immer mal Opfer gibt, nicht nur unter den Autofahrern.

Fürs Anschauen gilt wie immer: Drauf klicken = groß gucken.

Viel Spaß dabei

 

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Die Passüberquerung (6.Oktober 2017)

Das Wasser ist eingefroren.

Jedenfalls an „unserer“ Toilette.

Bei den Gastgebern, scheints, nicht. Da gibt es Tee und Kaffee zum Frühstück. Ich überlege bei jeder Mahlzeit, was ich esse. Gekochtes. Nur gekochtes. Und zum Frühstück Brot. Meine letzten Riegel werden mich durch den Tag bringen müssen, ich stecke noch etwas trocken Brot ein und- natürlich- abgekochtes Wasser.

Heute steht der schwerste Tag bevor. Es geht über den Abanopass, 2926 m hoch. Und da liegt Schnee. Das ist sicher.

Bis zum Pass laufen wir manchmal auf „Straßen“, sehr oft einfach den Berg hoch. Über Wiesen, Geröll, durch Schnee. Das ist für alle anstrengend. Da, wo wir uns auf engen Serpentinen hoch mühen, ergeben sich wunderbare Fotomotive. Wenn wir in der Sonne laufen. In der ist es unten noch recht warm. Doch im Schatten spüren wir die Kälte. Und natürlich, je näher wir dem Pass kommen, um so kälter wird es. Auch in der Sonne. Ich begrüße mein Lieblingsschaf. Naja, es hustet. Vermutlich gibt es mehrere Schafe mit Husten. Eins läuft immer neben mir. Oder ich neben ihm.

Am Ende der Herde laufen die lahmen und noch kränkeren. Manchen tut es leid zu sehen, wie der Hirte sie antreibt. Aber das ist nun mal sein Job. Er hat dafür zu sorgen, dass alle mitkommen. Sehr schnell sind wir bergauf zwar nicht, aber wenn schaf krank ist… Ich weiß, wie das ist. Ich gehöre eigentlich ins Bett statt auf einen Viehtrieb.

Jeder sucht sich seinen Platz in der Herde und versucht ein bisschen, den Hirten zu helfen. Manchmal stubst Dir ein Schaf ans Bein. Manchmal stellt sich heraus, dass es einer der Hunde ist. Dann hoffst Du, dass es nicht die Mutterhündin ist. Die hat mich gestern angefallen. Das brauche ich nicht nochmal.

Die Landschaft ist atemberaubend schön. Die Sonne scheint und der Schnee blendet so, dass ich die Sonnenbrille gegen die Gletscherbrille eintausche.

Je mehr wir uns dem Pass nähern, desto dichter wird der Verkehr. Das ist, vor allem, wenn die Autos die selbe Richtung wie wir haben, immer etwas stressig, weil natürlich niemand will, dass ein Schaf über- oder angefahren wird, die Autos aber vorwärts kommen wollen. Auch die im Gegenverkehr sind oft ungeduldig und fahren statt einfach zu warten, bis wir vorbei sind. Aber klar, 1500 Schafe, das dauert, eh die vorbei sind. Und wer weiß, wie viele Herden noch unterwegs sind.

Kurz vorm Pass Mittag. Von der Motorhaube des Jeeps.

Und da passiert es.

Ein Schaf wird über- ein anderes angefahren.

Es gibt ein riesen Theater. Der Autofahrer ist ein Russe. Ich witzele: „Feindbild bestätigt“, bereue das aber sofort, denn die Reaktion unsere Schweizerinnen zeigt, die verstehen den Witz nicht. Für die sind wirklich alle Russen böse. Der Fahrer ist natürlich ein dummes Arschloch, keine Frage.

Totes und verletztes Schaf werden auf einen LKW gehievt, ein krankes, um das sich Tiko die letzten paar Kilometer gekümmert hat, darf auch mit hoch. 100 Lari wird der Fahrer dem Schäfer bezahlen. 100 Lari, das sind etwas über 30€.

Die Pferde ziehen an uns vorbei und die Rinder.

Als wir fertig sind mit dem Essen, gilt es, den Herden hinterher zu hasten. Das ist gar nicht so einfach, weil die Landschaft so schön ist, gerade nach der Passüberquerung, dass man ständig stehen bleiben und staunen möchte. Und fotografieren.

Dann hält auch noch ein Auto neben mir und  meine Bekannte aus Omalo springt heraus. Die Bäckerin, sie wissen schon.

Noch mal 15 min.

Jetzt aber rasch.

Ich könnte natürlich mit Lewan mitfahren, der sammelt die Hinterhergebliebenen auf. Aber nein. Heute nicht. Heute laufe ich alles.

Und die sich unter mir über die Serpentinen schiebende Herde bietet ja auch einen zu schönen Anblick. Als ích sie erreicht habe, mische ich mich wieder unter.

Lustig finde ich, wie Ziegen, Schafe und Hunde die Aussicht genießen. Manchmal stehen sie am Abhang und schauen in die Landschaft. Das ist zu putzig. Als wieder Grashalme zu finden sind, haben erstere natürlich keinen Blick mehr für die Schönheiten des Kaukasus, sondern kraxeln in halsbrecherischen Aktionen zu diesem oder jenem Halm.

Und dann, am Nachmittag, ist es vorbei. Wir sind auf etwas über 2000m. Die Hirten treiben die Herde vom der Straße weg auf einen Hang. Tiko packt ihnen, den Hirten, eine Kiste voll Lebensmittel aus dem Jeep. Und Tschatscha natürlich. Es heißt, Abschied zu nehmen. Und Danke zu sagen. Und alles Gute zu wünschen. Denn wer weiß schon, wie die Zukunft der Hirten ist? In den Tälern , wo sie jahrhundertlang nach dem Prinzip „Wer zuerst da ist, weidet hier“  ihr Vieh versorgten, müssen sie nun Pacht bezahlen an irgendwelche ominösen Grundbesitzer.

Wir quetschen uns in Lewans Jeep und fahren einen kleinen Seitenweg hinunter zum Thermalbad.

Und vorher kommt eine Toilette. Eine Wassertoilette. Es gibt sogar für Damen und Herren getrennt. Zwei Häuschen über eine Quelle gebaut, in die man dann kackt. Ich bin so froh, dass ich nur abgekochtes Wasser getrunken habe.

Das Bad ist einfach und heiß. Es gibt drei Kabinen mit Becken. Und es entlockt uns Schreie höchsten Wohlgenusses.

Eigentlich wollte ich im Hotel eine Stunde duschen. Aber nach dem Thermalbad reichen vielleicht 10 min. Zum Hotel in Kachetien braucht es noch mal 2 Stunden mit den Jeeps. Und es ist genauso, wie wir es heute wollen und brauchen. Weiße Bademäntel, weiße Hausschuhe, weiße Handtücher.

Wir treffen uns eine Stunde später zum Festessen.

Und stellen entsetzt fest, dass Lewan schon weg ist. Tiko, das haben wir mitgekriegt, uns verabschiedet, aber Lewan? Das ist ein bisschen blöd. Das hätte uns jemand von den Veranstaltern sagen sollen. Schließlich hat er uns die ganze Zeit begleitet, das Gepäck und Essen gefahren. Und mich. Und uns. Wir werden noch ein Geschenk ins Büro des Reiseveranstalters bringen. Ein Geschenk für Lewan. Jetzt geht es uns besser. Und wir können feiern. Ich feiere mit, denn mir geht es auch besser.

Denke ich jedenfalls.

Fotos, wie immer. Draufklicken und groß gucken.

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Wie man es Touristen warm und gemütlich macht (5. Oktober 2017)

15 km soll es heute gemütlich durch die Schluchten Zentraltuschetiens gehen. Es werden etwas mehr. Aber die Kilometerangaben werden eh immer nach unten retuschiert angegeben, wohl um uns nicht zu demotivieren.

Aber zunächst laden wir, oder besser Lewan, die Rucksäcke auf den Jeep. Also nach dem Frühstück. Dann quetschen wir uns alle in den Jeep. 10 Männer und Frauen. Und Lewan.

Die Hirten meinten, wir seien gestern zu spät los gegangen und wollen heute eher starten. Schaffen wir natürlich trotz aller guter Vorsätze nicht. Die Herden sind schon unterwegs, als uns Lewan aus dem Jeep schmeißt.

Um durch Schluchten zu laufen, müssen wir freilich erst mal runter. In die Schluchten.

Das geht über Stock und Stein. Gut, dass ich gute Bergschuhe habe und Wanderstöcke. Die Hirten laufen in Gummistiefeln.

Heute sollen sich die Schafe (und anderen Grasfresser) ausruhen und viel fressen, bevor es morgen über den Pass geht. Vielleicht meiden die Hirten deshalb jeden einigermaßen begehbaren Weg, wo er sich vermeiden lässt. So können Schafe, Esel, Ziegen überall ein bisschen fressen. Was nun wiederum ziemlich viel Arbeit für die Hirten bedeutet (in unwegsamen Gelände sind wir keine Hilfe, auf großen, fast ebenen Wiesen schon), denn Schafe und Ziegen laufen lieber nach links und rechts, um den besonders leckeren Grashalm dahinten zu erhaschen, statt geradeaus nach unten oder, später auch, nach oben.

Wir kommen nach Upper Omalo, wie es im Englischen heißt. Oder Alt- Omalo, wie es auf Deutsch heißt. Oder Semo Omalo, wie es auf tuschetisch oder georgisch heißt.

Hier standen ursprünglich 13 Wehrtürme, das ist Kesolo (Festung).  Die wurde im 13. Jahrhundert gebaut, als die Mongolen  gerade versuchten, sich das Land unter die Nägel zu reißen. Die Tuschen bauten sie, um darin Schutz zu suchen. Und so fanden sie auch Schutz in dem Keselo, als später immer mal wieder Stämme aus Dagestan „rüber“ kamen, um ein bisschen zu erobern und zu rauben. Und vor allen anderen folgenden Eroberern und Räubern. Schließlich war und ist Omalo der Hauptort Tuschetiens. Es liegt quasi im Tal, nämlich auf 2050m. Heute verlassen die meisten Bewohner den Ort im Winter, aber früher war das sicher anders. Schließlich lag und liegt die Region leicht abgeschnitten vom übrigen Georgien.

In Semo Omalo gibt es sogar eine recht noble Herberge. Also von außen vermutet man es ja nicht, aber die Fotos auf der Website, ja das Gasthaus hat eine Website, belehren den misstrauischen Mitteleuropäer eines besseren.

Auch in Omalo, egal ob oben oder unten, alt oder neu, sind die meisten Häuser in der typischen Schieferbauweise errichtet. Ohne Mörtel. Nur eben sehr exakt geschichtet. Und so halten sie und stehen da seit ein paar hundert Jahren,

Weil Upper ja oben liegt, müssen wir dann freilich runter, nach Neu- Omalo. Da gibt es sogar einen Minimarkt. Aber den verpasse ich, weil ich mich mit der Bäckerin unterhalte und dann den anderen hinterher hetzen muss, denn tuschetische Hirten warten nicht auf neugierige, schwatzhafte Inchtouris.

Die Bäckerin hat einen Universitätsabschluss. Als Deutschlehrerin. Sie hat auch als solche gearbeitet, als Georgien noch die Georgische Sozialistische Sowjetrepublik war und die Tuschen  nicht in ihren Bergdörfern leben durften.

Heute braucht man in Georgien keine Deutschlehrerinnen mehr. Heute lernen die Kinder in den Schulen Russisch und Englisch als wichtigste Fremdsprachen. Meine neue Bekanntschaft konnte sich mithilfe von „Brot für die Welt“ eine neue Existenz aufbauen, nämlich ihre kleine Bäckerei. Dafür ist sie sehr dankbar, fast habe ich das Gefühl, sie bedankt sich bei mir persönlich. Freilich kann sie ihr Geschäft nur im Sommer betreiben. Im Winter zieht sie mit der Familie ins Tal. Dort jobbt sie ein bisschen als Bibliothekarin.

Ich würde gern noch viel mehr wissen, aber, wie ich schon sagte, die Hirten. Und Inch lost in Tusheti ist nun auch nicht erstrebenswert, zumal ich immer noch, nuja, Probleme habe.

Es geht bergab über Wiesen und die Herde kommt  mir vor wie ein Ameisenhaufen. Aber dann gibt’s zum Glück eine Fresspause. Für Schafe, Ziegen, Esel, Pferde und Kühe.

Wir beehren ein Restaurant gleich neben der Weide. Auf meine Nachfrage stellt sich heraus, hier leben keine Cousine und kein Cousin Tikos, das Anwesen gehört Freunden.

Wir genießen die Kaffe/ Teepause. Dazu gibt es Kekse und die, die nicht ihre Zeit mit dem Gequatsche mit Einheimischen vertrödelt haben, packen ihre Schätze aus. Cola (soll ja auch gegen Durchfall helfen, ich bin längst nicht mehr die Einzige) und aus heimischen Supermärkten vertraute Riegel.

So laufen wir einigermaßen gesättigt zu den Herden zurück, nur um zu erfahren, dass die Hirten beschlossen haben, hier zu mittagessen.

Toll.

Aber es wird bis zum Abend nichts geben. Die Riegel sind bis auf Notrationen aufgefuttert. Es scheint nur vernünftig, zu essen. Übrigens, wer sich auf dieser Tour kein Wasser einsteckt, muss Wein trinken. Oder Tschatscha.

Die Hirten, die mit uns im Kreis sitzen, sind sehr sehr schüchtern. Trauen sich kaum, zu essen. Die Wahrheit ist, dass sie erst, als wir aufstehen, richtig zulangen. Dann stopfen sie sich hastig etwas zwischen die Zähne und machen sich kauend wieder an die Arbeit.

Es geht weiter bergab. Bis wir endlich in der Schlucht angekommen sind.

Und nun geht es zwei Stunden lang tatsächlich durch die Schlucht. Das ist so angenehm, dass ich verwirrt und enttäuscht bin, als Tiko sagt, dass hier Schluss ist für heute.

Weils aber steil bergauf ins „Hotel“ geht, steige ich mit den Mädels wieder zu Lewan in den Jeep.

Da bin ich heute noch froh, denn dort kann ich live erleben, wie man aus einer Art Terrasse einen beheizten Raum macht. Sehen Sie sich die Bilder an. (Und lesen Sie darunter weiter)

Shtrotta, wie das Hotel heißt, oder der Hof oder der Ortsteil, gehört zu Kisho.  Wir fragen nicht. Es ist zu kalt. Trotz aller Versuche. So ziehen wir nach dem Abendbrot zu den alten Leutchen in die Schlaf-Wohn-Küche. Aber da ist es nun wieder zu warm, vor allem, wenn man am Ofen sitzt. Trotzdem ist es ein lustiger Abend. Man kann sich Russisch verständigen. Vier der sieben Touristen können das. Die alte Frau kramt sogar noch ein paar deutsche Worte aus ihrem Gedächtnis.

Es gilt, nicht auf Toilette zu müssen, wenn frau und man erst mal im Bett liegt. Denn die Toiletten sind draußen. Und die Spülung ist eine Wasserflasche, die frau vorher ganz draußen an einem Wasserhahn auffüllen muss.

Natürlich muss ich nachts raus. Die anderen auch. Wenn einer  muss, werden die anderen wach und müssen auch. Gefühlt schlafe ich nur zwei Stunden. Wenigstens ist es im Schlafsack warm, dank meiner Trinkwärmflasche.

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Schafe, Ziegen, Rinder, Pferde. Und Hunde (4. Oktober 2017)

Es geht mir etwas besser. Abgesehen von den Magenkrämpfen. Aber wenigstens bin ich sicher, dass ich nicht alle paar Minuten aufs Klo muss.

Es scheint ein schöner Tag zu werden. Zwar liegt noch Nebel über dem Land, aber man kann dahinter schon die Sonne vermuten.

Nach dem Frühstück, bei dem ich mich sehr zurückhalte und eigentlich nur trocken Brot esse, warten wir draußen auf die Hirten.

Mit etwas über 500 Schafen starten wir. Wir laufen im Prinzip den gestrigen Weg zurück, nur auf der anderen Seite des Flusses. Die Kühe und Pferde, die uns in getrennten Herden folgen, nehmen die andere Flussseite, den weiteren Weg. Aber die sind auch schneller. Und nicht solche Kletterkünstler wie die Schafe und Ziegen. Und wir.

Die Zeigen sollen eigentlich das Tempo vorgeben, aber sie erweisen sich als ziemliche Clowns.

Das Tempo ist gemächlich. Schafe sind eben nicht so schnell.

Bei Parsma gibt es –  für uns- eine Pause. Die zweite Herde stößt zu uns. Aber erst müssen die Schafe und Ziegen gezählt werden. In 20er Schritten.

Fasziniert schauen wir zu.

Es geht nun weiter Richtung Dartlo. 1600 Schafe, Ziegen, Esel, im Schlepptau Kühe und Pferde. Wir Touris laufen mit den Schafen. Die Esel tragen das Gepäck der Hirten. Und die Welpen. Deshalb ist es ratsam, sich denen nicht zu nähern. Denn wenn die Mutter das mitkriegt.

Überhaupt die Hunde. Inzwischen riechen auch wir nach Herde, so dass wir akzeptiert werden. Die Hunde werden jeden morgen kommen, schnüffeln, uns erkennen und am Leben lassen. Nur die Mutterhündin ist leicht aggressiv.

Das Wetter wird besser. Zwar bleibt es kalt, aber die Sonne kommt raus.

Ich bin froh, wenn es auf einigermaßen ebenen Wegen voran geht, denn ich habe doch recht wacklige Knie und fühle mich schlapp. Schließlich ernähre ich mich jetzt schon ein paar Stunden nur von trocken Brot.

Die Landschaft ist atemberaubend schön. Das Laufen mit den Schafen hat etwas meditatives.

Manchmal können wir Menschen Brückenreste nutzen, manchmal müssen wir wie die Schafe durchs Wasser, manchmal können auch die Tiere die Brücke nutzen.

Der Esel verliert zwei Welpen, die Tiko und die Freundin nun unter den Jacken durch den Kaukasus tragen. Seltsamerweise stört das die Hündin nicht.

Irgendwo kommt uns eine fremde Herde zu nah und die Ziegen büchsen aus. Unsere Hirten sind stinksauer und müssen jedes einzelne Tier fangen und zurückbringen. Für Schafe und Touris eine willkommene Pause, in der uns die Rinder- und Pferdeherde überholen.

Wir laufen an Tschescho vorbei und erreichen Dartlo. Dort gibt es viele Wehrtürme zu sehen, es gibt ein Café und überhaupt wird gewerkelt und restauriert, was das Zeug hält.

Tiko zeigt uns einen alten Richtplatz der Tuschen, den dürfen sogar wir Frauen betreten. Hier kamen die Ältesten der tuschetischen Clans zusammen, um Recht zu sprechen und Streitigkeiten zu schlichten. Es scheinen 12 gewesen zu sein. 12 Älteste.

Es gibt hier die Ruine einer orthodoxen Kirche, etwas außerhalb des Ortes Schreine, und einer der Wehrtürme ist 6-stöckig. Der georgische Staat leistet finanzielle Unterstützung bei der Restaurirung nicht nur der Türme, sondern auch der Wohnhäuser.

Als es später steil hinauf geht, steige ich zu Lewan in den Jeep. Ich fühle mich immer noch nicht wirklich fit.

Aber das ist eigentlich auch blöd. Lewan spricht nur georgisch. Und wir folgen der Herde, d.h., wir stehen irgendwo 30 min rum, fahren zum Ende der Herde, stehen wieder rum…

Kurz bevor wir die Schneegrenze erreichen, steige ich wieder aus.

Es wird dunkel, als wir „oben“ sind. Die Hirten schlafen hier ( im Freien).  Wir müssen noch ein Stück laufen, Aber ich steige mit Tiko, Steffi und Amalia wieder zu Lewan und fahre ins „Hotel“.

Das ist gut so, denn die Wirtsleute, die längst ins Tal umgezogen sind, können ihr Haus wegen der gesperrten Passstraße nicht erreichen. So bereiten wir vier das Abendbrot vor.

Zwei ältere Herren aus der „Nachbarschaft“, ich glaube die Nachbarn  wohnen ein paar Kilometer entfernt, haben schon den Ofen angeheizt. Aber da diese Häuser nur im Sommer bewohnt werden, ist die eine Seite des „Gastraums“ offen. Die Häuser selbst sind eh nicht beheizt.  Es gibt eine Ofen zum Kochen. Wir rücken so nah wie möglich heran. Einer der Herren ist pensionierter Tierarzt. Seit er beschlossen hat, in seinem Dorf zu überwintern, ist das der höchste ganzjährig bewohnte Ort Europas. Ich habe den Namen des Dorfes vergessen, aber es könnte Bochorma sein.

Der alte Herr ist ein hervorragender Tamada und regt auch uns an, Trinksprüche zu kreieren bzw zu erweitern. Ich habe mir die Flasche mit gekochtem Wasser gefüllt (ich trinke hier nur noch abgekochtes Wasser und esse kein Gemüse, weil das ja mit Wasser gewaschen wurde. Außerdem dient die Flasche später als Wärmflasche im Schlafsack) und fülle damit heimlich mein Tschatscha –Glas.  Es ist ein fröhlicher Abend mit einem wirklich außergewöhnlichen Menschen und wie die eine Schweizerin sagt, so ist es in Tuschetien zwar viel zu kalt für uns Mitteleuropäer und es gibt aucch viel zu viel Alkohol für unsere mitteleuropäischen Mägen, aber die Wärme, die uns aus den Herzen der Tuschen  entgegengebracht wird, macht alles wieder gut.

Gaumachos!

Wenn man aufs erste Bild links klickt, werden die Fotos in Reihenfolge des Geschehens angezeigt

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Der Weg zu den Hirten (3. Oktober 2017)

Als die Freundin das Video der Tschechen fand, schickte sie es mir mit den Worten Es hätte auch schlimmer werden können.

Also, da habe ich Ihnen am Dienstag spektakuläre Bilder gezeigt. Aber so schlimm hat es uns tatsächlich nicht getroffen.

Erstens geht es ab jetzt zu Fuß weiter (so jedenfalls der Plan), zweitens sind wir zu einer anderen Jahreszeit hier und drittens ist das Wetter besser.

Als ich am Morgen auf die Veranda trete, hat sich Neuschnee wie Puderzucker über Wiesen, Bäume, Häuser und Autos gelegt. Vermutlich auch über die Berge, aber die sehe ich nicht, die verschwinden im Nebel. Na toll, Inch fährt in den Kaukasus und kann ihn nicht sehen.

Nach dem Frühstück schmeißen wir unsere Rucksäcke in Lewans Jeep und machen uns mit unseren Spaßrucksäcken, Wanderstöcken und Kameras auf den Weg nach Girewi. Dort werden wir uns nur 10 km von der tschetschenischen Grenze entfernt befinden. Aber das wissen wir vor Ort nicht. Jedenfalls ich weiß eigentlich nicht so genau, wo ich bin. Georgien, Kaukasus, Tuschetien. Ich hatte keine Zeit und nicht den Druck, mich vor dem Urlaub vorzubereiten. Reisegruppe. Festplatte runterfahren. Wo wir danach hin wollen, in Georgien, nach der Rückkehr aus den Bergen, das weiß ich ganz genau.

Entlang des Pirkiti-Alasani- Flusses laufen wir gemütlich durch eine malerische Landschaft. Und Tiko erzählt schon mal ein bisschen von ihrer Heimat. Übrigens haben wir jetzt noch quasi eine dritte „Betreuerin“. Amalia kommt aus Armenien und arbeitet in einem Partnerunternehmen. Für sie ist zwar auch alles neu hier, aber sie muss sich an der Essenszubereitung und dergleichen beteiligen.

Das Wetter ist so – mau. Feucht, kalt, neblig. Trotzdem macht das Laufen Spaß.

Wir kommen am verlassenen Tuschendorf Parsma vorbei. Und steigen natürlich hinauf, uns das anzusehen.

So ganz verlassen ist es nicht, denn an einigen Häusern wird fleißig gebaut.

Die Tuschen wurden in den 1950er Jahren faktisch gezwungen, die Berge zu verlassen, um sie, die Tuschen, besser kontrollieren zu können. Aber der Reihe nach. Ich erzähle Ihnen, was ich behalten habe. Auf Vollständigkeit kann ich keine Rücksicht nehmen und sollte sich hie oder da ein Hör- oder Verständnisfehler eingeschlichen haben, dürfen Wissende mich gern korrigieren.

Sie kamen im 4. Jahrhundert als Flüchtlinge, die nicht so recht Bock auf die um sich greifende Christianisierung hatten. Später sind sie natürlich doch gute Christen geworden. Immerhin gibt es in Tuschetien, dass, wenn ich richtig gezählt habe, aus etwas zwischen 5 bis 10 Dörfern besteht, eine funktionierende Kirche. Dafür gibt es allerhand heilige Orte. Steinhaufen, Schreine, Wiesen, Haine. Die darf man nur auf bestimmten Wegen umgehen. Es gibt Wege für Männer und Frauen. Manche darf man nicht betreten. Ein paar mehr dürfen Frauen nicht betreten. Tiko meint, Ausländer meinten, das sei diskriminierend,  aber sie sieht das nicht so.

Glücklicherweise sind die Heiligen Orte umzäunt, so dass kein dummer Touri da rein tappt. Denn so gastfreundlich die Tuschen sind, so was können Sie gar nicht leiden. Sie essen auch kein Schweinefleisch. In den Bergen. Im Tal ist es erlaubt. Da, im Tal, leben die Tuschen im Winter. In den Bergdörfern im Sommer. Es gibt ein paar Menschen, die auch im Winter „oben“ bleiben, die sind dann freilich ein paar Monate sehr isoliert.

So, jetzt wird es kompliziert. Jeder Tusche gehört zu einem Kreis oder Clan, ich habe das nicht genau verstanden. Irgendwo habe ich gelesen, dass sie sich in Talschaften aufteilen. Aber Tiko hat von Kreisen gesprochen und im Prinzip war jeder, den wir getroffen haben, ihr Cousin oder Onkel, respektive Cousine oder Tante.

Es ist ein Volk der Schäfer und Hirten, was erklärt, warum sie Sommer- und Wintersitze haben. Vermutlich war das aber nicht immer so, denn in den Bergen stehen überall eine Art Wachtürme, auch in den Bergdörfern. Von da aus konnten sie sehen, wenn wieder mal jemand anrückte, in ihr Land einzufallen, dann fungierten die Türme auch als Signal- und Nachrichtentürme, die mittels Feuer- und Rauchzeichen übertragen wurden (die Nachrichten)

Die Familien flohen dann in die Täler, wenn genug Zeit blieb, oder in die Wehrtürme in den Dörfern. Da war der Eingang weit oben, nur über eine Leiter erreichbar.

Sie waren als Krieger sehr hoch angesehen.

Den Sowjets waren sie wohl etwas zu selbstständig und eigensinnig, man könnte auch unabhängig sagen. Deshalb mussten sie in den 1950er Jahren ihre Bergdörfer verlassen.

Das alles erzählt uns Tiko, während wir durchs Dorf tapsen und wie wild fotografieren.

Mir wird ganz komisch. Das kann nicht am Plumps- Hock- Klo liegen. So was kenne ich. Das kann auch nicht an der Höhe liegen, wie Steffi meint. Höhe bin ich gewöhnt.

Trotzdem ist mir komisch. So leicht übel und schwindelig.

Unten wartet Lewan, der inzwischen vorgefahren ist und die Mädchen bereiten das Picknick vor.

Mir ist immer noch komisch.

Ich glaube, ich steige lieber zu Lewan in den Jeep und fahre mit zum „Hotel“.

Dort lege ich mich mit Schlafsack und Tee ins Bett.

Und sterbe.

Inzwischen sind die anderen da. Weil es regnet, können sie nicht ins Hirtencamp, sondern die Schäfer kommen runter. Ein Schaf wird geschlachtet und zu Schaschlik verarbeitet.

Ich versuche mal kurz, ob es  mir besser geht. Mir ist nicht mehr schwindelig.

Dafür.

Naja. Ich bräuchte eine Toilette zur alleinigen und dauerhaften Benutzung. Gibt’s doch nicht. Das hatte ich noch nie. Heute morgen habe ich noch erzählt, wie ich mit einer anderen Freundin öfter urlaubte, sie danach mit Ruhr und dergleichen in der Quarantänestation landete und ich aus Sicherheitsgründen zu Hause bleiben musste. Und jetzt bin ich der Pflegefall.

Ich krieche wieder ins Bett. Mit trocken Brot und bitte nur abgekochtem Wasser.

Draußen tobt die Party.

Ich könnte heulen.

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Wovon wir sprechen

Ich hoffe, das funktioniert.

Lassen Sie sich nicht davon irritieren, dass es ein tschechisches Video ist. Die Bilder sprechen für sich. Wir sind diesen Weg auch gefahren bzw gelaufen. Einige Orte habe ich wiedererkannt.Zum Beispiel eine Toilette, von der noch zu berichten sein wird. Und natürlich das Thermalbad als Lohn aller Mühe.

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