Geister, Steine und Geschichten (20.06.2019)

Es ist zwar warm, aber nicht staubtrocken. Also das richtige Wetter für einen Ausflug an die nördlichste Spitze der Insel. Nach Choboi. Mit der Marschrutka. Choboi ist immerhin 40 km entfernt, es gibt keine Befestigte Straße, nicht mal dieses Gebilde, das vom Fährhafen nach Chuschir führt. Und da davon auszugehen ist, dass noch andere Ausflügler unterwegs sein werden, jedenfalls sieht man hier immer mindestens zwei der Minibusse zusammenfahren, ist es schon wichtig, aufs Wetter zu achten. Denn sitzt man im hinteren Fahrzeug, schluckt man bei zu heißem Wetter nicht nur zuviel aufgewirbelten Staub und Sand, man sieht vermutlich auch nichts.

Also Choboi. Das Kap liegt ganz im Norden der 72 km langen Insel. Dort treffen Kleines und Großes Meer, in das der Baikal unterteilt wird, zusammen. Hier befindet sich die breiteste, aber auch die tiefste Stelle des größten Süßwassersees der Erde..

Choboi ist burjatisch und bedeutet Reißzahn. Viele Namen auf der Insel, wie der der Insel selbst, stammen aus dem burjatischen. Und da die bizarren Felsformationen die Phantasie anregen und anregten, wurden sie Teil der Geisterwelt dieser mongolischer Volksgruppe. Auch wenn heute viele Buddhisten sind, erinnern die Geschichten und Namen an den Tengrismus und Schamanismus der Vorfahren.

Und so ist auch Choboi ein sakraler und heiliger Ort.

Aber wir kämpfen uns erst mal wieder durch das Frühstück. Seltsam, vor 5 Jahren gabs hier ständig Blinies, in diesem Jahr haben wir die leckeren Dinger noch nicht ein mal serviert bekommen. Heute gibt es Kascha, was wir abwählen bzw. einem jungen Pärchen überlassen. Die zwei sind Deutsche und befinden sich auf Weltreise. Sie trampen viel und gehen eher selten ins Restaurant, da sie natürlich mit dem Geld haushalten müssen. Das sie unser Kascha annehmen, liegt aber nicht an ihren Finanzen, sondern daran, dass ihnen das Zeug schmeckt.

Natürlich werden wir, wie das auf Olchon üblich ist, an der Pension abgeholt. Und der Fahrer, ein Einheimischer logisch, findet die Pension auch. Zwei Russinnen sitzen schon in der Marschrutka, zwei weitere suchen wir gemeinsam. Das heißt natürlich, der Fahrer sucht und kurvt rum und hupt. Und wir recken die Hälse und suchen etwas, das sich bewegt und als unsere Mitfahrer entpuppen könnte.

Dann treffen sich alle Minibusse am Supermarkt.

Dann geht es los.

So, also, bei allem, was wir zu sehen bekommen, das eigentliche Highlight ist die Fahrt. Es geht über „Wege“, ja, wie soll ich es beschreiben, die sind so ausgespült oder ausgefahren, da gibt es Löcher so groß wie die Fahrzeuge. Der Fahrer gibt sich alle Mühe, trotzdem werden wir durch und durch geschüttelt. Und unser Hauptaugenmerk liegt wirklich darauf, nirgends mit dem Kopf anzustoßen, nicht mit der Stirn gegen die Scheibe zu schlagen, sich nicht die Nase am Vordersitz zu brechen. Solche Dinge eben. Nebenbei gucken wir natürlich raus und bestaunen eine unglaubliche Landschaft und die Fahrkünste der Fahrer.

Erster Stopp ist Charanzew. Also ein kleines Kap hinter dem Ort. Hier hat man einen phantastischen Blick aufs Meer, hier das Kleine Meer. Es ist glasklares Wetter, so sehen wir nicht nur die Inseln Krokodil und Löwe, sondern auch eine seltsame Felsformation im Marmor am Ufer des Festlandes. Es erinnert an ein Frauengesicht.

Nur 40 Minuten und ein paar Rüttelschäden am Gehirn später, wobei wir alles durch und überfahren, was die Insel zu bieten hat, als da sind „Feldwege“, sehr ausgefahrenen Waldwege und am Ende Dünen, sind wir in Pestschannaja. Die 8 Einwohner betreiben ein kleines Café nebst Laden, in dem man Snacks und Souvenirs kaufen kann, sowie ein kleines Museum. Früher, genau genommen von 1932 bis 1950, war das ein Gefangenenlager, ein Gulag. Im Lager gab es eine Fischfabrik. Hier saßen auch Bürger Olchons wegen Bagatelldelikten lange Lagerstrafen ab. Es soll mal eine Straße gegeben haben, die jedoch mitsamt 20 Häusern von einer Wanderdüne verschlungen wurde. Nicht sofort. Der Prozess begann Ende der 1940er Jahre und dauerte 30 Jahre. Schneller verschwand der Steg, von den Litauern, die ab 1941 hierher zwangsumgesiedelt wurden, gebaut. Er brannte 2003 ab. Auch sonst erinnert kaum noch etwas an die Geschichte des Ortes. Heute kommen die Leute her, um den breiten Sandstrand zu genießen. Oder sie zwischenstoppen auf dem Weg zum Kap Choboi.

Die Russen in unserem Bus sind ein lustiger Trupp. Singen und reden viel.

Wir sind auf dem Weg zu den ‚Drei Brüdern“, einer weiteren außergewöhnlichen Felsformation aus Marmor, mit den charakteristischen roten Flechten überzogen. Hier ließ der Gott der Burjaten, Burchan, seine ungehorsamen Söhne zu Stein erstarren. Sie hatten sich geweigert, die entflohene Schwester einzufangen. Und wir sind ständig auf der Flucht vor in 5-6 Marschrutkas tourenden Chinesen und Chinesinnen. Nicht, weil wir gegen Chinesen und Chinesinnen sind, sondern weil wir fotografieren wollen. Und fotografieren mit wenig Menschen drauf, ist irgendwie nicht möglich, wenn die 5-6 Minibusse da sind. Aber das Gebiet ist zum Glück sehr groß. Wir können erst mal hier hin laufen und dahin, und dort, wo wir ein bisschen klettern können, treffen wir eh nur noch vereinzelt Russen. Als Nebel in eine kleine Bucht zieht, fürchten wir schon um die Aussicht. Aber er scheint sich nicht auszubreiten. Oder zieht wohin, wo wir schon waren oder nicht sind.

Es ist nun Zeit fürs Picknick.

Während die andere Reisegruppe die Picknicktische direkt an den Felsen in Beschlag nimmt, suchen wir uns in Sichtweite ein hübsches Plätzchen im Wald. Hier besteht zusätzlich die Möglichkeit, mal im Gebüsch zu verschwinden. Es gibt Fisch und Kartoffeln, Tee, Kuchen und Obst. Die Frauen singen wieder, wir haben viel Spaß.

Dann geht es endlich zum Reißzahn. Zum Kap Choboi. Da gibts natürlich auch eine Geschichte. Hier soll nämlich ein Schamane seine etwas unzüchtige Gemahlin zu Stein verwandelt haben. Man soll das Profil ihres Gesichts irgendwo sehen. Wir sehen nichts. Der Fahrer der Marschrutka, warnt uns, bevor wir lostappen, eindringlich davor, zu nah an die Felskanten zu gehen. Touristen seien hier schon abgestürzt.

Dann laufen wir los zu einem weiteren heiligen Ort der Urbevölkerung. Hier gibt es aus Holz gebaute Stege, die zum Kap führen. Das schont die Landschaft und hält Übermütige vielleicht davon ab, doch zu nah an die Kanten zu gehen. Na, zumindest trittunsichere Menschen in unpassendem Schuhwerk kommen so einigermaßen sicher zum Reißzahn.

Kurz vorm Ziel steht wieder so eine Serge, ein Pferdepfahl, der auch religiöse Bedeutung hat. Er ist um und um mit Gebetstüchern und Schals umwickelt, und weil es hier im Gegensatz zum Schamanenfelsen nur eine solche Stele gibt, sind fast alle Bäume mit Gebetsfahnen, Schals und dergleichen „geschmückt“.

Natürlich gehört zu einem ordentlichen Ausflug, dass man sich an diesem markanten Punkt fotografiert. Artig stehen die Freundin und ich an und warten, bis die vor uns Angekommenen sich haben ablichten lassen. Dann drücken auch wir die Kamera einem Fremden in die Hand und stellen uns in Position. Leider haben die Chinesen inzwischen auch das Kap erreicht. Eine Frau stellt sich dreist dazu und lässt sich und uns fotografieren. Ich krieg ne Krise. Wir versuchen sie so freundlich wie möglich zu bitten, uns doch die halbe Minute zu gönnen. Aber sie grinst nur und es stellen sich immer mehr ihrer Landsleute zu uns. Das ist zu viel. Wir gehen weiter. Zum Glück ist das Kap groß. Es gibt sogar Stellen, wo man relativ einsam die Aussicht und das Licht genießen kann.

Es ist vermutlich das Licht, das den Baikal und die Landschaft in solche Farben taucht. Oder doch magische Kräfte, wie Schamanen, Burjaten und Esoteriker meinen? Wer weiß. Für mich zählt nur, dass es atemberaubend schön ist.

Später gehen wir noch mal zum Serge und bekommen doch noch unser Foto. Dann laufen wir durch ein Wäldchen zurück und staunen nicht schlecht über drei russische Jugendliche, die sich die ganze Zeit mittels Selfiestick filmen, wie sie da durch den Wald latschen.

Unseretwegen könnte es nun zurück nach Chuschir gehen. Aber die Tour hat noch einiges zu bieten.

Das Kap der Liebe zum Beispiel, einen herzförmigen Felsen. Obs dazu eine Geschichte gibt, weiß ich nicht. Wir hören nicht mehr so richtig zu. Heilig ist der Ort jedenfalls nicht. Aber natürlich schön.

Schließlich fahren wir nach Usuri, dem nördlichsten Ort der Insel. Hier leben 9 Menschen. Hier gibt es auch eine Forschungs- und eine Wetterstation. In der Bucht liegt ein Schiff. Es ist wunderbar hier. Es sind nicht mal Chinesen hier. Chinesinnen auch nicht. Wir sitzen da und glotzen aufs Wasser. Wie kann Wasser nur so blau sein? Und der Himmel so klar?

Dann geht es zurück nach Chuschir. Über Feldwege, stark ausgefahrene Waldwege, Feldwege, Sand, Dünen, Feldwege, stark ausgefahrene Waldwege und die „Hauptstraße“,.

Wir lassen uns am Supermarkt absetzen und gehen in die Posnaja, ein Restaurant, in dem es leckere Buusy gibt, essen.

18:30 Uhr sind wir in der Pension. Völlig erledigt. Über Huckelholperpisten geschleudert zu werden, kann nämlich anstrengend sein. Und wenn der Geist so viele Eindrücke, so viel Schönheit aufnehmen muss, ist das auch ermüdend. Morgen brauchen wir definitiv einen Ausruhtag. Soviel Schönheit hält ja kein Mensch aus.

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Das Dorf, das guggl nicht kennt (19.06.2019)

Der Frühling, sagt unsere Wirtin, ist ungewöhnlich kühl in diesem Jahr. Aber heute ist es schon am Morgen angenehm. Jedenfalls scheint es, als reiche eine Jacke oder ein dünner Pullover, wenn man das Haus erst nach dem Frühstück verlässt.

Zum Frühstück gibt es eine seltsame warme Speise aus Eiweiß. Vermute ich. Kascha ist es nicht. Die Wirtin nennt es Omelett. Aber irgendwas ist komisch. Und es schmeckt nicht. Zum Glück ist ein russisches Frühstück reichhaltig, so dass wir uns an Brot und Wurst und Marmelade halten können.

Wir haben, nachdem wir gestern Pläne geschmiedet haben, tief und fest geschlafen, fühlen uns ausgeruht und bereit. Die Freundin will keinen Bootsausflug machen, weil sie Angst hat, dass wir die einzigen zwei Nicht- Chinesen auf dem Boot sein könnten. Das ist mir Recht. Vor 5 Jahren war es hier sehr heiß und staubtrocken, weswegen wir nicht per Marschrutka ausflügelten. Jetzt ist das Wetter genau richtig. Aber erst morgen. Übermorgen Klein- Chuschir und überübermorgen mit dem Rad auf die andere Seite der Insel.

Und heute?

Heute laufen wir am Strand lang. Richtung Norden. Richtung Wald.

Olchon ist die größte Insel des Baikalsees. Und die einzig ständig bewohnte. 1700 Menschen leben hier ständig. Dazu kommen Besitzer, Betreiber und Angestellte aus dem Gastgewerbe, die nur im Sommer hier sind. Und Hunderttausende Besucher. 2016 waren es schon über 700000.

Olchon ist das burjatische Wort für Wald. Oder auch trocken, lese ich. Es stimmt beides. Denn die 72 km lange Insel ist zur Hälfte mit Wäldern bedeckt, die andere Hälfte ist Steppe. Es gibt nicht einen einzigen Fluss auf der Insel. Auch keinen Bach.

Chuschir liegt ungefähr in der Mitte der Insel, so dass man bei der Anreise zwar nicht durch flaches, aber baumloses Land fährt. Wir wollen jetzt endlich mal den Wald sehen.

Dazu müssen wir wieder am Schamanenfelsen vorbei. Immerhin schützen da Holzabsperrungen davor, dass man mit dem Auto ganz ran fahren kann. Auch an den Strand kommt man nicht mehr mit dem (motorisierten) Fahrzeug. Gleich am Parkplatz, der auch neu ist, stehen ein paar Holzschnitzereien rum, die wir uns ansehen. Die erinnern etwas an die Stelen oder Statuen, die wir oft neben oder an den Jurten sehen.

Dahinter begänne jetzt der Wald. Aber wir laufen doch erst mal am Strand lang. Es ist so schönes Wetter. Wir tragen kurze Hosen, ziehen manchmal die Jacken aus und stecken sogar die Füße in das Wasser des Baikal. Biotoxine hin, Giftstoffe her.

Wir sind fast ganz allein hier. Nur zwei bis fünf Personen begegnen uns. Ob am Strand oder später im Wald weiß ich nicht mehr. Sicher am Strand, denn im Wald, da hätten wir vielleicht mal jemanden nach dem Weg fragen können, daran würde ich mich erinnern.

Hier ist es so menschenleer wie man sich Olchon wünscht. Hier kann frau die Natur genießen. Glasklare Luft, blaues Meer, weiße Wolken, den Sandstrand, die Steilküste aus weißem Marmor am anderen Ufer und der atemberaubende Blick von der Steilküste, an der wir jetzt stehen.

Im Wald verfitzeln wir etwas. Wir haben eine Karte, ja, aber auf einer Insel wo sich die Leute ständig neue Wege schaffen, sind Karten bestenfalls eine Orientierungshilfe. Aber bange wir uns nicht. Links ist der Baikal, rechts irgendwo die „Straße“, hinter uns Chuschir. Sollten wir an Charanzew vorbei laufen, finden wir trotzdem zurück.

Charanzew, so heißt das Dorf, in das wir wollen, hat 97 Einwohner und ist damit immerhin zweitgrößter Ort der Siedlung. (Es gibt auch ein Dorf mit 3 Einwohnern). Vorher suchen wir aber noch einen Picknickplatz mit Blick auf den See.

Hier im Wald ist es windstill und entsprechend warm. Sehr warm. Kaum haben wir ein einigermaßen baumfreies Plateau mit Blick aufs Wasser gefunden, müssen wieder die Jacken raus. Baumfrei ist das Plateau vermutlich auch wegen des letzten Brandes. Es gibt sehr viele Brandspuren im Wald.

Und dann erreichen wir das Dorf. Hier gibt es merkwürdigerweise einen Flugzeuglandeplatz. An dem vorbei kommen wir nach Charanzew. Hier gibt es , etwas außerhalb, zwar auch ein paar Hotels, aber ansonsten wirkt der Ort noch sehr ursprünglich. Es gibt ein Kofe und ein Magazin (Tante Emma Laden), ansonsten dominieren die typischen russischen Holzhäuser. Die meisten ziemlich klein. Die sehen sich so ähnlich, dass man glauben könnte, man hätte immer nur dasselbe Häuschen fotografiert. Ich habe Ihnen mal welche zu einer Collage zusammengestellt. Zum Vergleich.

Während ich hier sitze und schreibe, finde ich heraus, dass es im Kofe die wohl besten Buusy der ganzen Insel gibt. Leider nicht, als wir da sind. Also es gibt eigentlich gar nichts. Außer den üblichen Instand Kaffee. Es hat aber auch niemand etwas dagegen, dass wir uns im benachbarten Laden Kekse holen und zum Kaffee essen.

Zurück wollen wir auf der „Straße“ laufen. Da hier nichts asphaltiert ist, sollte das nicht fußlahm machen. Dazu müssen wir den Flugplatz umrunden und dann ein ganzes Stück über freies Feld laufen. Hier treffen wir tatsächlich zwei Deutsche, schwätzen ein bisschen über Russland im Allgemeinen, Sibirien im Besonderen und Olchon im Speziellen. Dann laufen wir zurück. Die Straße zeiht sich endlos hin, obwohl es nur 8 km sind.

Im einzigen Supermarkt in Chuschir kann man jetzt mit Kreditkarte bezahlen, was auch gefährlich werden kann. Schließlich müssen wir alles im Rucksack nach Hause schleppen, da sollte frau sich bremsen und nicht in einen Kaufrausch verfallen. Wir decken uns mit Tee ein. Für uns, für die Familie, die Zuhausegebliebenen. Und Süßigkeiten als Belohnung für uns selbst. Und natürlich essen wir Eis. Eis essen wir jeden Tag. Es hat auch nur wenige Stunden gedauert, bis wir herausgefunden haben, dass das geliebte Moskauer Eis hier Russisches Eis heißt. Und jetzt gibt es das täglich.

Was es irgendwie nicht mehr gibt, ist Omul. Keine Omis, die den von Opi gefangenen und geräucherten Fisch verkaufen, selbst in den Kofes und Gaststätten ernte ich auf Nachfrage immer ein Net. Oder meistens. Aber heute haben wir Glück und erhalten in einem Café Fisch. Ist zwar kein Omul, trotzdem lecker.

Zum Bilder groß gucken wieder auf dieselben klicken

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Teil des Problems (18.06.2019)

Im Netz habe ich gelesen, dass die Baikalinsel Olchon, besonders der Hauptort Chuschir immer mehr unter dem Touristenansturm leidet. Der setzte ein, als die Insel 2006 ans Stromnetz angeschlossen wurde. Nach wie vor gibt es keine befestigten Straßen auf der Insel. Nach wie vor gibt es keine Infrastruktur. Nach wie vor schießen Hotels wie Pilze aus dem Boden.

Das ist uns schon 2014 aufgefallen. Jetzt soll es noch schlimmer sein. Dass chinesische Touristen 2017 Fährleute verprügelt haben sollen, kann ich allerdings kaum glauben.

Chinesen? Aggressiv? Gut, es sind auch in Irkutsk ein paar mehr als noch vor 5 Jahren, aber die sind doch alle eher lieb. Oder?

Die Schlägerei soll sich im Sommer 2017 ereignet haben. Als eine der drei Fähren zur Insel mitten im Fährbetrieb kaputt ging, kollabierte das System. Auf der Insel selbst kam es in der Folge zu Versorgungsengpässen und der Zivilschutz musste Trinkwasser einfliegen. An den Fährstellen aber bildeten sich kilometerlange Staus, es kam zu Wartezeiten bis zu 24 Stunden. Dass die Einwohner vorrangig abgefertigt wurden, brachte die Touristen teilweise zur Weißglut und eine Gruppe Chinesen versuchte eins der Schiffe zu stürmen und verprügelte dabei eine Mitarbeiterin.

Das klingt so unglaublich.

Keineswegs unglaublich scheint mir die Tatsache, dass die Wasserqualität nachgelassen hat. Wegen der Verbreitung einer bestimmten Algenart kommt es zur Konzentration von toxinproduzirenden Bakterien im See. Jedenfalls in Ufernähe. 20 m tiefer soll es noch ok sein. Vielleicht deshalb, oder weil sie lieber den Wissenschaftlern glauben, die sagen, alles sei gut, begannen die Chinesen im Januar 2018 mit dem Bau einer Wasserabfüllanlage. Das führte zu riesigen Protesten. 1,2 Millionen Russen unterzeichneten eine Petition und stoppten damit den Bau der Anlage.

Überhaupt die Chinesen. Die wollen 11 Milliarden Dollar in die touristische Entwicklung des Baikal stecken. Wäre schön, wenn sie da auch in Abwassersysteme. Kläranlagen und Müllentsorgung investieren würden. Allein, mir fehlt der Glaube.

Nun ja. Was den Touristenansturm betrifft, sind wir ja ein Teil dessen.

Wir müssen jetzt erstmal zum Baikal kommen und dann auf die Insel Olchon. Natürlich erwischen wir wieder den Minibus mit einem kleinen Schaden. Das Rad klingt komisch und irgendwann stellt das auch der Fahrer fest. Wir halten, er und seine Kollegen aus den anderen Bussen hämmern und schräubeln ein bisschen rum, dann geht es weiter.

Die Fahrt nach Chuschir auf Olchon dauert sehr lange. Schließlich sind 300 km zu bewältigen. 250 davon wenigstens auf mal besserer mal schlechterer Asphaltpiste, aber immerhin Asphalt. Auf der Insel geht es dann auf Huckelsandpisten weiter. Aber soweit sind wir noch nicht. Mit der Überfahrt dauert das im Idealfall 6 Stunden. Aber wir sind noch auf dem Festland. Nach der Zwangspause kommt die offizielle Pause in einem riesigen Selbstbedienungsrestaurant. Trotzdem sind die Speisen frisch und lecker. Jedenfalls unsere.

Dann sind wir an der Fähre. Wir müssen alle aussteigen.Und wundern uns nicht schlecht, dass die Chinesen, es sind sehr viele Chinesen, mit ihren viel zu großen Koffern auf die Fähre kommen. Warum lassen die ihr Gepäck nicht in ihren Bussen? Jedenfalls, wir finden das alles etwas nervend. Und dann glaube ich plötzlich die Geschichte mit der verprügelten Angestellten der Fährgesellschaft. Eine ganz kleine Frau versucht nämlich meine Freundin von ihrer sehr guten Position an der Reling wegzudrängeln und zu schubsen. Zum Glück zerrt sie ein junges Mädchen weg. Die Arschlochdichte ist eben überall gleich auf der Welt.

Auf der Insel angekommen, müssen wir alle ein bisschen schadenfroh grinsen, weil die Kollegen mit den großen Koffern jetzt in wirklich unkomfortabel aussehende Marschrutkas steigen müssen. Jetzt begreife ich, die sind mit Reisebussen angekommen. Reisebusse sind natürlich zu groß für die Fähre. Einige Ex-Reisebusinsassen sehen sehr entsetzt aus, und jetzt schäme ich mich schon wieder für meine Schadenfreude. Nur weil die mir mit ihren Koffern auf den Nerv gingen. Schließlich können die nichts dafür. Haben eine Reise gebucht und es hat ihnen sicher niemand erzählt, was sie hier erwartet.

Die Sandhuckelpiste bis Chuschir, ungefähr 35 km lang, kommt mir extrem huckelig vor.

Dann irrt der Fahrer lange durch die Straßen, um unsere Unterkunft zu finden. Man wird da nämlich direkt abgesetzt. Schließlich lässt er uns aussteigen. Unsere Pension ist hier nicht. Wir müssen fragen und ich erweitere meinen russischen Wortschatz. Bzw. war mir das Wort entfallen. Nun ist es wieder da. Möwe. чайка. Möwen zieren die Giebelfront unserer Pension. So finden wir sie. Denn natürlich steht sie nicht da, wo die Adresse vermuten lässt. In der Straße ist überhaupt kein Platz mehr. Die Pension wurde dahinter gebaut. In dritter Reihe.

Wir werden empfangen mit der Ankündigung, dass es in der Pension keine Chinesen gibt. Die scheinen nicht sehr beliebt zu sein. Und kaum Kinder. Russen scheinen zu denken, das Deutsche Rucksacktouristen keine Kinder mögen.

Dann laufen wir durch den Ort. Viel hat sich verändert. Vieles wurde neu gebaut. Wieviel, das werden wir in den nächsten Tagen noch sehen. Jetzt sehen wir, dass fast bis an den Schamanenfelsen heran gebaut wurde. In Chuschir, lernte ich vor 5 Jahren, lebten nur Russen. Kein Burjate käme auf die Idee, so nah an diesem heiligen Ort zu bauen. Und es heißt auch, dass die Leute früher Lappen oder Fälle um die Hufe ihrer Pferde wickelten, wenn sie hier vorbei mussten, um keinen Geist zu stören. Jetzt entsteht in unmittelbarer Nachbarschaft ein Restaurant mit großem Wintergarten, so dass man auch bei schlechtem Wetter den Blick auf den Felsen genießen kann. Etwas weiter oben steht schon ein Hotel mit garantiertem Blick auf den Felsen. Hier wurde soviel gebaut, dass ich das Hotel, in dem wir vor 5 Jahren logierten, nicht mehr finde. Es stand mal ziemlich einsam da. Ob es da wohl noch Ziesel gibt?

Am Hafen der Steg ist neu und ganz ohne Löcher, durch die man plumpsen könnte und erinnern Sie sich an den Ferienkomplex mit Zugang zum See, den die Cousine und ich vor 5 Jahren umklettern mussten? Da wohnen die Chinesen. Es sieht aus wie ein Lager, meint die Freundin, jedes Haus sieht aus wie das andere. Aber so sehen manche Vorstadtsiedlungen in Deutschland auch aus. Ich meine so eintönig. Diese Anlage hier ist natürlich aus Holz.

Mit ein bisschen Mühe kann ich auch die Bucht so ablichten, dass man keine Häuser auf dem Bild sieht.

Trotzdem, mir ist natürlich klar, dass wir Teil des Problems sind. Um so mehr freut es mich, dass sich Unmut in der Bevölkerung regt. Der Baustopp für diese Wasserabfüllanlage war ein erster Schritt. Jetzt fordern die Einwohner eine Straße. Wenigsten vom Fährhafen bis Chuschir. Man denkt über eine Begrenzung der Besucherzahlen nach, müsste sich allerdings vorher der auch hier herrschenden Korruption entledigen. Es gibt eine kleine Gruppe von Umweltaktivisten.

Ich drücke ihnen und der Insel die Daumen.

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Veränderungen (16/17. 06 2019)

oder Irgendwas ist ja immer

Wie ich schon erwähnte, diesmal hatten wir nicht soviel Zeit. Diesmal mussten wir fliegen. 7 Stunden braucht es trotzdem nach Irkutsk. Ist eben eine großes Land. Russland.

Der Flug selber war die Hölle. So wunderbar die russischen Züge sind, so schrecklich sind die Inlandflüge. Offenbar denkt, wer mal so 7 Tage im Zug lebt, um die Omma zu besuchen, 7 Stunden, das ist nix. Das sitzen wir mit der linken Backe ab.

Der Airbus ist proppenvoll, eng und die Lehnen lassen sich nur 2 cm verstellen. Ich glaube, ich mache kein Auge zu. Die Freundin auch nicht.

Das Arthostel finden wir schnell. Dort allerdings ist man überrascht, dass wir schon da sind. Also wird überprüft und gecheckt und tatsächlich, wir haben die Unterkunft schon bezahlt und auch Early Check In. So kann sich das Team nun an die Vorbereitung unseres Zimmers machen, während wir versuchen, nicht auf der Couch im Foyer einzuschlafen.

Zimmer vorbereiten heißt, zwei Jungs aus einem schmeißen, frische Bettwäsche und Handtücher reinlegen, Voilà. Zum Glück waren die Jungs keine Schmutzfinken und das Zimmer ist sauber.

Von Frühstück inklusive hat im Hostel noch nie jemand gehört. Trotzdem, das Hotel ist in Ordnung und das Personal zwar verpeilt, aber freundlich und hilfsbereit.

Und wir holen erstmal Nachtschlaf nach.

Dann wackeln wir zur Fußgängerzone, die gerade aufgerissen und wenig attraktiv ist. Dafür fehlt die laute Musik vor wirklich jedem Laden, die Käufer hereinlocken soll, uns aber vor 5 Jahren nur abschreckte. In einem russischen Restaurant essen wir. Der Rubel ist fast nichts mehr wert, deshalb ist essen immer eine ziemlich preiswerte Sache. Nach busy lunch brauchen wir wirklich nicht mehr zu gucken. Stattdessen gehen wir wann immer es sich anbietet in ein sogenanntes Kofe, da gibt es, anders als der Name vermuten lässt, einfache russische Gerichte.

Über die Fußgängerzone kommen wir zum Zentralmarkt. Der gruppiert sich um die Markthalle herum und ist wesentlich sehenswerter als diese. Hier gibt es so ziemlich alles, was man frau kind braucht. Für Inch einen Sonnenhut, denn den habe ich irgendwo liegen lassen.

Wir suchen hier den Platz, wo die Marschrutkas nach Talzy fahren. Das ist ein Freilichtmuseum ca. 50 km von Irkutsk entfernt. Die Freundin war da noch nicht und ich brauche neue Hausschuhe.

Offiziell heißt das Museumsdorf Architektur- ethnographisches Museum. Es wurde 1966 auf einem Hügel an der Angara gegründet und zeigt Architekturdenkmale aus ganz Ost- Sibirien, die zu einem Großteil vor der Überflutung im Zusammenhang mit dem Bau von Staudämmen gerettet wurden. Die meisten Exponate sind komplett aus Holz und stammen aus dem 17.-19. Jahrhundert. Dazu kommen noch die Lager der Ureinwohner, der Ewenken und der Tofalaren sowie burjatische Jurten.

Marschrutkas sind Minibusse, die auf festgelegten Strecken fahren. Die Abfahrtszeit richtet sich ein bisschen danach, wie viel Passagiere der Fahrer noch erwartet. Wenn man aussteigen will, gibt man dem Fahrer ein Zeichen, drückt ihm das Geld in die Hand und steigt aus.

Nach Talzy führt eine nahezu schnurgerade Straße. Also eigentlich führt die Straße nach Listwjanka am Baikalsee, aber auf der Hälfte der Strecke liegt das Museum. Die Fahrt kostet 100 Rubel. Das sind im Juni 2019 gerade mal 1,50€.

Das Freilichtmuseum hat sich leicht verändert. Natürlich stehen noch die Bauernhöfe da, der Erlöserturm, der wie die Kasaner Kapelle ohne einen einzigen Nagel gebaut wurde, die Lager der Ureinwohner und die Jurten. Die Veränderung betrifft eher das Flair. Es gibt sehr, wirklich sehr viele Souvenirshops, die sich teilweise in den Häusern befinden. Dazu kommt ein kleiner Markt für heimische Produkte. Meine Hausschuhe aber gibt es nicht mehr. Zwar steht die Jurte noch, aber in der verkaufen jetzt Menschen, die ganz sicher keine Burjaten sind, Zeugs. Unter dem Zeugs ist sicher auch burjatisches. Keine Ahnung.

Das Fischerdorf an der Angara ist kaum noch zu erkennen. Dort gibt es jetzt einen schönen Steg zum Sonnen und Boote anlegen. Also da gabs schon vor 5 Jahren einen Steg. Aber jetzt ist der riesig.

Es sind sehr viele chinesische Reisegruppen unterwegs.

Und oben auf dem Hügel wird ein russisches Dorf komplett aus Holz nachgebaut. Ob das mal Ferienwohnungen werden? Wir wissen es nicht. Auch neben dem Fischerdorf gibt es neue Pensionen, im Ort Talzy sozusagen. Falls ich noch mal hierher komme, könnte ich dort vielleicht mal logieren.

Trotzdem ist Talzy immer noch schön. Auch wenn viele Häuser geschlossen sind, was vielleicht daran liegt, dass im gesamten Komplex Vorbereitungen für ein Sommerfestival laufen. Und abgesehen davon, dass mir die Laden-Jurte nicht mehr so burjatisch vorkommt wie vor 5 Jahren, finden wir doch auch interessante Dinge bei den anderen Händlern und Verkäufern. Warenje (flüssige Marmelade) aus Zirbelkiefern zum Beispiel.

Wenn man dann zurück nach Irkutsk will, geht man einfach an die Straße, stellt sich an die Haltestelle und winkt die nächste Marschrutka heran. Gemeinsam mit Städtern, die vom Beeren sammeln zurück kommen, geht es dann zum Zentralmarkt.

Wir finden heraus, wo die Marschrutkas zur Insel Olchon fahren. Da geht das nämlich nicht so einfach wie nach Talzy oder Listwjanka. Es gibt kleine Kioske, wo die Karten verkauft werden. Man bekommt Abfahrtszeit und Nummer des Kleinbusses mit der Aufschrift Olchon Express gesagt, und findet sich zur entsprechenden Zeit ein. Das machen wir.

Und dann flanieren wir an der Ankara entlang. Das gehört einfach zu einem Besuch in Irkutsk dazu. Aber auf dem Weg zur Promenade fallen wir noch in jedes Geschäft ein, in dem man Buratinos kaufen könnte. Keiner hat Buratinos. Manche Verkäuferinnen lachen uns aus, andere scheinen zu denken, wir suchen einen Freund namens Buratino. Na so ist es ja fast auch.

Buratino war das russische Pendant zu Pinocchio. Aber nicht weil die Geschichten um die hölzerne Langnase von meinem Lieblingsautor Alexej Tolstoj stammen, mag ich ihn so sehr. Wir sind einfach mit ihm aufgewachsen. Außerdem steht mein Buratino zu Hause bzw. sitzt im Bücherregal. Die Freundin braucht dringend einen für das zu erwartende Enkelchen. Schließlich hat sowohl der ihres Mannes als auch der ihres Sohnes keine Nase mehr. In dieser Familie scheint männlicherseits ein starker Drang im Nasen abkauen zu bestehen.

Na wir finden jedenfalls keinen. Auch keine Wackel-Matrjoschka, die die Freundin ebenfalls begehrt.

Aber wir sind ja noch ne Weile in Russland. Wir finden die beiden Objekte der Begierde sicher noch.

Die Fotos sind von Irkutsk und Talzy. Wer Interesse hat, findet unter der Galerie die Links zu meinen Aufenthalten an beiden Orten vor 5 Jahren

 

Irkutsk Sommer 2014

Talzy Sommer 2014

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Ich habe es wieder getan (14./15.06.2019)

Ich war in Russland.  Im Juni. Am Baikal. Aus einem Wenn Du mal wieder an den Baikal fährst, komme ich mit wurde ein Dieses Jahr können wir an den Baikal fahren.

Nunja, ich hatte eh noch keine weiteren Pläne außer vielleicht mit Freunden nach Albanien, aber Russland ist immer gut und an den Baikal kann Inch auch zwei Mal fahren. Zunächst gab es viel Diskussion wegen des Termins, weil noch eine 3. Freundin, die aber nur in den Schulferien kann, mitwollte. Aber das passte so gar nicht in meinen Arbeits- und Prinzessinnen- Schulanfangs- Plan, im Osten werden Schulanfänge schließlich riesig gefeiert, also einigten wir uns auf Juni und ja, nur zu zweit. Dann habe ich mir am Baikal noch einen Ort ausgesucht, wo ich noch nie war, aber im Prinzip haben wir Städte, Dörfer und Inseln besucht, in und auf denen ich 2014 schon war. Nur nicht so lang und nicht mit dem Zug. Die Freundin hatte wieder nur 2 Wochen Urlaub. Trotzdem, das alles noch mal in einer anderen Reisebegleitung zu erleben, war sehr angenehm.

Natürlich zwischenstoppten wir in Moskau.

Erstens muss man da sowieso umsteigen, zweitens war die Freundin da noch nie. Also machten wie aus 6 Stunden Aufenthalt 1,5 Tage und schauten uns das wichtigste an.

Das wichtigste in Moskau sind der Rote Platz, der Arbat, mindestens eine der sieben Schwestern, die Metro und natürlich die Moskwa.

Wir logierten gleich hinterm Roten Platz, also etwa 900 m mussten wir schon noch laufen, aber auf diesen 900 m konnte man schon recht viel sehen. Leider war das Wetter so gar nicht auf Urlaub eingestellt. Gerade mal 16° C sind in Moskau und ab und an nieselt es sogar. Blinies habe ich diesmal nicht im erstbesten Restaurant gegessen, zwar haben wir in Moskau kein Frühstück in der Unterkunft, aber den Rest des Urlaubs und da gibts bestimmt wieder überall und jeden Tag die leckeren Dinger.

Auch am nächsten Tag wird das Wetter zwar wärmer, aber so richtig gut wirds nicht.

Wir starten in der Basilius-Kathedrale, gleich als sie öffnet, um noch etwas Platz zum Gucken zu haben. Die Freundin ist doch erstaunt, als wir wieder den Roten Platz betreten. Der hat sich in den letzten Stunden aber so was von gefüllt. Die Freundin hatte mir das nicht so recht geglaubt.

Die Freundin findet, dass auch Lenin zu einer Sightseeingtour Tour gehört, also stellen wir uns noch mal an. Beim letzten Mal bin ich ja im Dunkeln durchs Mausoleum getappt und habe einige der Wachsoldaten geärgert. Aber dieses Jahr ist alles anders. Entweder war mein erster Besuch so traumatisierend, dass die Verantwortlichen ein paar Veränderungen vorgenommen haben, oder es gab noch mehr blind depperte Touristen. Jedenfalls finde ich, dass das Mausoleum viel heller ausgeleuchtet ist. Natürlich habe ich auch eine prima Reisebegleitung, die artig vor mir herläuft, falls wir doch mal in eine dunkle Ecke kommen. Aber das passiert nicht und draußen, an den Gräbern der anderen Helden und solchen, die sich für Helden hielten, darf man jetzt ungeniert fotografieren.

Gestern fand die Freundin schon, dass das GUM auch besichtigt werden muss. Im Gegensatz zu 2014 gibt es jetzt gar keine Russischen Geschäfte mehr im GUM, nicht mal mehr ein Russisches Fast- Food Restaurant.

Mich würde ja interessieren, ob Kiew immer noch als Heldenstadt gefeiert wird und außerdem denke ich, die ewige Flamme muss man schon auch sehen.

Der Arbat wirkt seltsam kalt. Liegts am Wetter? Liegts an der Tageszeit? Liegts am Fehlen der kleinen Russischen Restaurants? Keine Ahnung.

Wir schauen uns noch das Gebäude des Russischen Außenministeriums als Beispiel für eine der sieben Schwestern an, dann schlendern wir etwas abseits touristischer Pfade durch Grünanalgen. Natürlich besuchen wir auch die Metro.

Dann ist es schon Zeit, die Rucksäcke zu holen und zum Flughafen zu fahren. Denn nach Irkutsk geht es in diesem Urlaub nicht mit dem Zug, sondern mit dem Flugzeug.

Ich habe versucht, Ihnen keine Bilder zu zeigen, die es schon vor 5 Jahren gab. Wer die sehen möchte, kann gern im alten Blog schauen und auch lesen, wie es damals so lief.

Hier noch mal zum Nachlesen die Links zu den Aufenthalten 2915 in Moskau:

Lenin ist ein kleiner Mann

Touristenkram, ein altes Viertel und Erinnerungen an einen Roman

Für Touristen und die, die es nicht an die Kremlmauer geschafft haben

Trotzdem wiederholt sich natürlich sicher hie und da etwas. Sehen Sie es mir nach, bitte

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Letzter Stopp Zagreb (12.10.2019)

Zagreb also.

Zagreb hat alles, was Inch für einen Stadtbummel braucht. Enge Gässchen, kleine Straßen, große Straßen, Parks, schöne Aussichten, viele Cafés, kleine niedliche Häuser, große Häuser aus der Gründerzeit, spitze Türmchen obenauf, Kirchen, Unterstadt, Oberstadt, viel Architektur eben, Statuen und, man kann das nur zu schätzen wissen, wenn man mal in Belgrad war in letzter Zeit, einen Bahnhof IN der Stadt.

Ich wohne in der Kneipenmeile. Hostel, 6- Bett-Zimmer, serbischer Zimmergenosse, der Belgrad, wo er herkommt, doof findet.

Zagreb ist um die 950 Jahre alt. Die Oberstadt entwickelte sich als Wohnort der Kaufleute und Handwerker auf dem Hügel Gric gegenüber des 1094 gegründeten Bistums mit Kapitol und slawischer Siedlung. Erst 1850 vereinigten sich Kapitol, Gradec (die Stadt auf dem Hügel Gric) und die später entstandene Unterstadt zu Zagreb. Oder Agram, wie die Stadt zu österreich- ungarischen Zeiten hieß. Heute leben in der kroatischen Hauptstadt 800000 Menschen.

Hostel und Kneipenmei befinden sich in der Oberstadt, der 1892 im neoklassizistischen Ziel erbaute Hauptbahnhof in der Unterstadt.

Ich bin gefühlt seit zwei Tagen auf den Beinen und stehend k.o., als ich einchecke. Aber wenn man so an der Quelle haust, muss man abends schon noch mal raus. Hunger habe ich auch.

Nun ist das in Zagreb mit dem Essen so eine Sache. Ich bin natürlich nur einen Abend und einen Tag in der Stadt und kann das evtl. nicht beurteilen, aber ich finde immer nur Pizza Pasta Burger. An diesem Abend kann ich das kaum glauben und suche erst mal eine Weile nach einem Restaurant mit einheimischen Gerichten. Ich könnte natürlich auch Döner, asiatisch oder griechisch… Schließlich lasse ich mich irgendwo nieder. Als nach der 2. Zigarette immer noch kein Kellner kommt, wechsle ich die Lokalität. Dort warte ich nur eine Zigarette, in der 3. Kneipe steht der Kellner so schnell neben mir, dass ich mich fast ein bisschen erschrecke.

Das Gute ist, dass es warm ist, alle draußen sitzen und noch mehr draußen laufen. Es gibt also jede Menge zu sehen.

Der nächste Tag beginnt mit diesigem, aber warmen Wetter. Ich schlendere zum Markt, gleich um die Ecke. Der Dolac- Markt wurde 1928 angelegt, ich wage mich sogar ganz kurz in die Fischhalle. Ansonsten ist er genau so, wie Inch es mag. Gemüse, Obst, Blumen, Fleisch und Käse, Bauernmarkt eben, aber dazu auch Handwerk. Es gibt viele Gebrauchsgüter aus Holz und Leder. Ich decke mich mit dringend benötigten hölzernen Küchenuntensilien ein und finde auch paar Dinge für den Kleinen König und die Prinzessin.

Dann schlendere ich durch die Stadt. Kathedrale, Markuskirche und noch mehr Kirchen, Gassen, Straßen, Türme und Türmchen, Stadttor, Markusplatz und noch mehr Plätze, Bänke zum Ausruhen, Grün zum Entspannen, Cafés zum Auftanken, noch mehr Märkte und viele Hinterhöfe. Und am Mittag kommt auch die Sonne raus. Und es gibt sehr viele Krawattengeschäfte in der Stadt. Ich stehe nun nicht so auf Krawatten, zum Glück gibt es auch kleine Lädchen mit Likörchen und Seifchen und Ölchen. Das ist schon eher meins. Ich schaue bei so einer wundertätigen Marienstatue vorbei, störe aber hoffentlich die Gläubigen nicht. Durch Zagreb zu streunen macht mir richtig viel Spaß.

Die Fahrt zum Busbahnhof spare ich mir. Zwar gibt es für den Nachtzug keine Liegeplätze mehr, aber ein Sitz im Zug ist allemal besser als einer in einem engen Bus.

Im Zug nach München dann teile ich das Abteil mit einem Pärchen aus Bangladesch und einem Reisenden aus Schottland.

An der kroatisch- slowenischen Grenze gibt es Theater mit einer Deutschen Familie. Weil das Kind, blond, blauäugig, biodeutsch, „nur“ im Reisepass des Vaters steht, dürfen die nicht über die Grenze. Vater und etwa zweijähriges Kind werden aus dem Zug geholt und in einen zurück nach Zagreb gesetzt. Die Mutter fährt weiter. Wahrscheinlich, um einen Kinderpass zu besorgen. (ich habe übrigens nachgesehen, für Reisen nach Slowenien und Kroatien reicht der Eintrag des Kindes in einen elterlichen Reisepass. Scheiße, wenn Eltern sich auf so etwas verlassen)

Wir unterhalten uns angeregt, als es ganz laut, wirklich ganz laut knallt. Dann kommt der Zug zum Stehen und ich bin nun doch froh, dass ich nicht im Schlaf- oder Liegewagen bin. Denn wir müssen alle raus auf den Bahnsteig und da sehen die, die aus den Betten kommen, irgendwie noch unglücklicher aus als wir.

Nach einer halben Stunde, ich betone: EINER HALBEN STUNDE, ist der kaputte Zug abgeschleppt und ein neuer eingefahren. Das darf man der Deutschen Bahn gar nicht erzählen. Und der Defekt erweist sich als Glücksfall, denn nun haben wir Pullmannsitze, die das Pärchen und ich sofort ausziehen. Nur der der Schotte will nicht mitmachen. Er schläft entsprechend schlecht, wir dagegen so gut, dass uns der Brite in München wecken muss.

Ich könnte jetzt sagen, das Zugticket Zagreb-München war das teuerste der Reise. Aber das ist natürlich Quatsch. München- Leipzig toppt alles. Trotz Bahncard und Fixpreis.

Aber das war ja zu erwarten.

Tja, das war mein Balkanurlaub. Es hat nicht alles so geklappt, wie ich es wollte. Dafür war ich an Orten, die ich vorher nicht auf dem Plan hatte. Aber ich habe ein Gefühl für Reisen in dieser Region bekommen. Das war auch das Ziel. Nun bin ich gewappnet für mehr Ausflüge auf den Balkan.

Übrigens, in meinem Reiseführer, den ich erst in Zagreb ausführlich gelesen habe, steht gleich am Anfang unter dem Punkt „Das wichtigste in Kürze“, Abschnitt „Hauptstadt-Hopping“, …ist der Westbalkan nicht prädestiniert für Zugreisen…. Manchmal macht es vielleicht doch Sinn, Reiseführer im Vorfeld zu lesen. Andererseits, hätte ich dann die Reise unternommen?

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Wieder im Zug (11.10.2019)

Es gibt einen Grund, weswegen ich Zug, nicht Bus fahre. Jedenfalls wenn es möglich ist. Denn mit Bussen kommt man ganz gut quer durch den Balkan.

Aber.

Ich bin in Europa zwei Mal längere Strecken so gefahren. Einmal nach Lüttich und natürlich wieder zurück. Und einmal nach Meteora. Und wieder zurück.

Besonders die Fahrt nach Lüttich war die Hölle. Und die zurück. Danach dachte ich jeweils, ich kann jede Bandscheibe einzeln aus dem Sitz lesen. Nee, Bus fahre ich in Europa nur noch auf kürzeren Strecken, also maximal 4 Stunden. Ich betone Europa, weil ich ja vier Wochen mit dem Bus quer durch die USA gefahren bin. Aber das waren Greyhounds. Die sind anders gebaut. Da ist mehr Platz. In denen kann man es gern mal 14 Stunden aushalten und steigt dann am Ziel ausgeruht aus. In Europa ist mir das noch nie passiert.

Deshalb also Zug. Besonders nachts. Da kann ich Schlaf- oder Liegewagen nehmen. Das ist sowieso das beste. Abends in Podgorica zum Beispiel schlafen gehen und morgens in Belgrad aufwachen. Und sollte ich tagsüber fahren, kann ich im Zug aufstehen, herumlaufen. Im Bus sitzt frau meistens. Im Bus tut mir irgendwann der Rücken weh, die Beine schwellen an. Jedenfalls in den viel zu eng gebauten Überlandbussen Europas.

Und dann stehe ich am Bahnhof in Podgorica, es ist 21:00 Uhr, ich halte mein Ticket für den Schlafwagen in der Hand, der Zug fährt ein und…

kein Schlafwagen.

Verwirrt steige ich erst mal ein und frage einen Fahrgast, ob das der Nachtzug nach Belgrad ist und wo denn die Schlafwagen sind..

Ja, aber wir fahren nur bis Kolasin, dort geht es mit dem Bus nach Mojkovac und da steht dann der Nachtzug nach Belgrad.

Ah gut.

Dann mault mich der Schaffner an wegen meiner Reservierung. Ich verstehe ihn nicht, er zuckt mit den Achseln und geht weiter.

Hm

In Kolasin warten wir etwa eine halbe Stunde auf die Busse. Als wir drin sitzen, sagt der Schaffner, dass wir nicht nach Mojkovac, sondern gleich bis zur Grenze, nach Bijelo Polje fahren. Na toll.

An der Grenze besteht der Zug auch nur aus drei Wagons. Schlafwagen Fehlanzeige. Und natürlich wechseln die Schaffner. Die serbische Kollegin, kann, als ich sie frage, wer mir das Geld für die Reservierung zurückerstattet, plötzlich kein Englisch mehr. Dabei gehts mir gar nicht um das Geld. Mir gehts um den Komfort. 11 Stunden im Zug, nachts, das ist die Hölle.

Ich richte mich ein, so gut es eben geht, schlafe bestimmt auch mal. Zwei Stunden oder so.

Als wir in Belgrad ankommen, tut mir so ziemlich alles weh. Und meine Füße scheinen auf das Doppelte angeschwollen zu sein.

Wenigstens ist die Schalterbeamte freundlich. Erklärt mir, wie ich mit Öffentlichen in die Stadt und nach Belgrad Central komme und ruft wirklich irgendwo an wegen meiner Beschwerde wegen der fehlenden Schlafwagen. Im Central würde ich mein Geld zurück bekommen, teilt sie mir schließlich mit.

Ich fahre also mit der Straßenbahn Nr.3 zum alten Hauptbahnhof. Das ist einfach. Mein Plan sieht so aus: Bushaltestelle suchen, frühstücken, dann mit dem Bus zum Central fahren.

Nun ja, Pläne sind dazu da, sie anzupassen.

1 Stunde suche ich die Bushaltestelle. Ich stapfe über Baustellen, laufe hier hin und dort hin, klopfe an die Türen geschlossener Hostels ( um zu fragen, wo Bus Nr. 36 fährt, denn die Leute auf der Straße haben keine Ahnung), lande schließlich auf dem Busbahnhof der Fernbusse. Immerhin, dort kann mir jemand den Weg beschreiben.

Dann stehe ich an der Haltestelle. Frage gefühlt 25000 Leute, ob die 36 hier wirklich fährt. Frühstück gebe ich auf. Ich rühre mich hier nicht weg, bin entschlossen, den ersten Bus, der kommt, zu nehmen. Nach 45 min ist es tatsächlich so weit. Ich springe rein und bin zwei Stunden zu früh am Bahnhof. Aber lieber so, als wieder ein Taxi bemühen.

Meine Reservierung bekomme ich natürlich nicht zurück erstattet. Dazu müsse ich nach Montenegro fahren.

Wenigstens gibt es jetzt hier ein Bistro. Ein Bistro, in dem man sogar rauchen kann.

Dann sitze ich im Zug nach Zagreb. Der ist 18.15 Uhr da. Ich habe keinen Blick für die Landschaft. Ich bin stehend k.o. Ich will eigentlich nur schnell ins Hostel und schlafen. Aber davon erzähle ich ihnen später.

Heute gibts keine Bilder. Ich hatte zu keiner Zeit die Nerven, Fotos zu machen.

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9 Stunden (10.10.2019)

Podgorica, die Hauptstadt Montenegros, ist nicht so groß. Das Land selbst hat nur um die 650000 Einwohner, 150000 davon leben in der Hauptstadt. Das ist nicht groß.

Nun kann man aus der Größe eines Ortes keine Rückschlüsse auf Sehenswertes schließen, allein mein Balkanführer klingt nicht, als müsse ich da zwei Tage bleiben. Es gibt eine überschaubare Altstadt, eine Kneipenmeile, eine Fußgängerzone. Dafür jede Menge Dinge in der Umgebung, zu denen man ausflügeln könnte. Allein, ich muss auch irgendwann wieder nach Hause und Zagreb will ich auch noch sehen. Da fahre ich am Donnerstag am frühen Vormittag lieber nach Podgorica, gucke mir die Stadt an, und fahre dann mit dem Nachtzug nach Belgrad.

Eigentlich wollte ich die Strecke ja gern am Tag fahren, aber dazu hätte ich entweder auf Podgorica verzichten müssen, was ich nicht will, oder eine Nacht da bleiben müssen, wozu mir die Zeit fehlt. Und da ich also nun sowieso noch mal hier her muss, lasse ich auch den Plan, am späten Nachmittag zur Grenze zu fahren und dort auf den Nachtzug zu warten, fallen. Auch wenn die Stadt nicht die Größte ist, will ich doch Zeit haben, sie zu erkunden.

Die Fahrt dauert nur etwas über eine halbe Stunde, klar, sind ja nur 27 km. Dann, in Podgorica, gebe ich meinen großen Rucksack beim Toilettenmann ab und kaufe mir ein Ticket nach Belgrad. Diesmal Touristenklasse. Das sind nur 4 Betten in einem Abteil und kostet ganze 9 Euro mehr als ein Bett in einem 6-Mann-Abteil. Hier ist die Dame am Schalter ganz lieb und freundlich und erklärt mir auf Russisch, oder jedenfalls so, dass ich es mit meinem Russisch verstehen kann, dass sie mir ein Bett in einem Frauenabteil reserviert hat. Das ist wirklich lieb.

Und dann habe ich 9 Stunden Zeit.

Also,

um es vorweg zu nehmen,

3 Stunden hätten auch gereicht.

Podgorica bedeutet ja am Berg, was Sinn macht, denn dieses Land besteht aus Bergen. Es ist ja ein einziger Berg, das Land, Montenegro, der Schwarze Berg. Podgorica klingt auf jeden Fall besser als Titostadt. So hieß sie von 1946 bis 1992.

Im 2. Weltkrieg wurde die Stadt 70 Mal bombardiert. 70 Mal. Da darf man nicht allzuviel altes erhaltenes erwarten.

Ansonsten eine Geschichte, wie man sie überall auf dem Balkan findet. Ilyrer, Daker, Thraker, Römer, Serben. Der Name Podgorica findet 1326 seine erste schriftliche Erwähnung. 400 Jahre, von 1474 bis 1879, gehörte die Stadt zum Osmanischen Reich. Die meisten Bauten aus dieser Epoche wurden im 2. Weltkrieg zerstört. Nur der Uhrturm steht noch, trotzt, im 18. Jahrhundert erbaut, allen Zeiten und Umbrüchen.

Er markiert auch den Beginn der Altstadt, der Stara Varos. Auch dieses älteste Viertel der Stadt wurde im 2. Weltkrieg stark zerstört, also eigentlich fast vollständig, so sind die Wohnhäuser zwar neueren Datums, die Struktur der Gassen und Gässchen wurde aber erhalten. Und die zweistöckigen Häuser sind teilweise von mannshohen Mauern umgeben. Die Osmanagic- Moschee, im Herzen des Viertels, wurde wie der Uhrturm im 18 Jahrhundert erbaut. Im Gegensatz zum Uhrturm wurde sie im Krieg allerdings stark beschädigt, dann aber in den 1990ern wieder aufgebaut.

Nach dem Abzug der Türken 1879 gehörte die Stadt übrigens zum Fürstentum Montenegro, war aber noch nicht Hauptstadt. Die hieß damals Cetinje. Die Stadt hatte damals nicht mehr als 13000 Einwohner. Im 1. Weltkrieg besetzten dann Österreicher die Stadt, im 2. erst Deutsche, dann Italiener. Dazwischen gehörte sie schon mal zum Königreich Jugoslawien.

1944 wurde Podgorica dann befreit, und zwar durch die jugoslawischen Partisanen. Es gehörte bis 1992 zu Jugoslawien und dann zur Bundesrepublik Jugoslawien. Seit 2006 ist Montenegro mit seiner Hauptstadt Podgorica unabhängig und inzwischen leben hier etwas über 160000 Menschen

Ich schlendere durchs Viertel Richtung Fluß.

Dort wo Ribnica und Moraca zusammenfließen, stehen die Ruinen der osmanischen Festung Ribnica. Und weil das Flußbett der Ribnica gerade ausgetrocknet ist, kann ich die alte Brücke, die noch als einziges Teil intakt ist, von allen Seiten bestaunen. Und es gibt Bänke und viel Grün, geradezu eine Einladung für ein kleines Picknick.

Dann überquere ich die Moraca und hier ist alles aus Beton. Nach dem 2. Weltkrieg musste die Stadt schnell aufgebaut werden. Und so sieht es hier eben aus. Doch so ein Fluß macht vieles wieder wett, vor allem, wenn er links und rechts grün ist. Ich schlendere durch einen Park zu Milleniumsbrücke, die, wie der Name schon sagt, jüngeren Datums ist und lande in der Kneipenmeile.

Podgorica ist eine merkwürdige Stadt. Gerade schlendert frau noch durch eine Fußgängerzone mit zweistöckigen Häusern, da steht man vor Prachtbauten aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts, erschrickt sich vor hässlichen Betonburgen und findet sich wieder in engeren Straßen mit zweistöckigen Häusern. Da ist es gut, dass es so viele Parks gibt, wo man sich von den Verwirrungen erholen kann.

Nachdem ich irgendwo gegessen habe und denke, 3 Stunden hätten auch gereicht, sich die Stadt anzusehen, mich aber auch nicht entschließen kann, zum Beispiel zum Ostrog Kloster außerhalb der Stadt zu fahren, laufe ich zum Gorica- Hügel. Bevor ich den großen Park betrete, besuche ich die St. Georgs- Kirche (Sveti Dorde). Die wurde zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert erbaut und ist damit als das älteste erhaltene Bauwerk der Stadt.

Auf dem Hügel, wo man hie und da schöne Aussichten auf die Stadt hat, findet sich ein ganz anderes Denkmal. Ein viel jüngeres. Es ist das 1957 fertig gestellte Partisanendenkmal. Hier liegen 97 Partisanen begraben.

Und dann lande ich in einem Restaurant. Es ist Sommerwetter, ich setze mich soweit als möglich vom Spielplatz weg und schaue bei Kaffee und Kuchen den Spaziergängern, den Hundeausführern, den Radfahrern und Joggern zu.

Dann will ich aber nun doch noch den Markt finden. Ich liebe Märkte. Ich laufe also eine breite Straße durch die halbe Stadt und finde, was ich suche. Allerdings entspricht der Markt nicht ganz meinen Vorstellungen. Es wird da eher viel Billigkram angeboten, Plastik und in der ersten Etage Gemüse und Obst. Handwerk findet sich nirgends. Schade.

Also bleibt nur, mich auf der Kneipenmeile bei Cider und Buch dem Warten hinzugeben.

Als ich dann zum Bahnhof laufe, spricht mich ein junger Mann auf Englisch an. Ob ich ihm helfen könne. Er käme aus Syrien. Sei über Türkei und Griechenland hierher gekommen. Wolle nach Deutschland. Und er wolle sich ein Zugticket kaufen, das koste aber 21€, und er habe nur 5. Ob ich ihm helfen könne. Mir schießen Fragen durch den Kopf. Wieso kommt er erst jetzt? Wo war er die letzten Jahre? Wohin soll ihn das Zugticket bringen? Fragen über Fragen. Sie zu stellen, komme ich mir zu Deutsch vor. Nein, die ganzen fehlenden 16€ kann und will ich ihm nicht geben. Ich gebe 10. Und frage mich bis heute, war der echt?

Egal, ich hole meinen Rucksack und der Zug fährt ein. Der Zug besteht nur aus drei Wagons. Und keiner davon ist ein Schlaf- oder Liegewagen.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Heute wieder eine überschaubare Anzahl an Bildern.

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Und dann der See (09-10.2019)

(ACHTUNG: Bilderalarm)

Wenn ich schon mal hier bin und es keine wirklichen Wanderwege gibt, bleibt nur eins. Eine Bootsfahrt. Anbieter gibt es ja genug. An die niedrigen Preise in Montenegro gewöhnt, bin ich doch erst mal erschrocken. 25 € für eine Stunde. Dazu noch eine Abgabe für die Nationalparkverwaltung. Diese Abgabe ist völlig in Ordnung. Es ist wohl eigentlich der Preis für die Genehmigung, mit dem Boot dahin oder dorthin zu fahren. Ich hoffe, darüber wird auch die Anzahl der Boote gesteuert. Denn das scheint mir ein sensibles Ökosystem zu sein.

Ich weiß, ich störe es als Tourist gerade selbst. Ich weiß auch, dass ich mein Gewissen damit beruhige, dass die Anzahl der Motorboote gesteuert wird und die Nationalparkverwaltung etwas mitverdient. Aber ehrlich, für Kanu ist es mir zu kalt. Ich wüsste auch gar nicht, wohin ich paddeln sollte. Der See ist riesig.

Ich buche mir eine Bootsfahrt von 3 Stunden, nicht auf den großen offenen See hinaus, sondern in eine kleinere Ecke voller Schilf und Seerosenfelder und kleinere Inseln. Die Tour wird als Vogelbeobachtungstour angeboten, deswegen geht es schon 8:00 Uhr los. Nicht dass ich ernsthaft daran glaube, wirklich viele seltene Vögel zu sehen, so hoffe ich doch, dass der See am Morgen noch nicht so voller Ausflügler ist. Außerdem habe ich dann noch den ganzen Nachmittag Zeit für… ja ich weiß auch nicht.

Ich sitze also 7:00 beim Frühstück, 7:45 Uhr soll ich abgeholt und zum Bötchen gebracht werden.

Wir sind zu dritt. Und der Bootsführer natürlich. Und es ist ziemlich kalt so früh am Morgen. Die anderen zwei sind ein Pärchen aus Israel.

Es geht hinaus über einen kleinen Kanal auf den See und Richtung Eisenbahn- und Straßenbrücke. Hier gibt’s noch ein paar Bebauungen zu sehen und Ruinen von Festungen und … ziemlich viel Müll. Also im Wasser schwimmender Müll. Hauptsächlich so Flaschen und Plastiktüten. Im Übrigen aber erfüllt sich meine Hoffnung. Es scheinen außer uns nur Angler unterwegs zu sein bzw. Fischer.

Es gibt zwei Arten von Ausflugsbooten. Die etwas kleineren für 6-8 Gäste, wie unseres, und die Boote für Gruppen, ich schätze, da passen bis 30 Leute drauf. Ich bin froh, in so einem kleinen zu sitzen. Da hat man doch mehr Ruhe.

Was soll ich Ihnen erzählen? Gestern war ich sicher, am schönsten Flecken Montenegros zu sein. Ich würde den Skadarsee mal mit dazu nehmen. Zwar sehe ich wirklich keine seltenen Vögel, schon gar keine Pelikane, aber als die Sonne rauskommt, als wir etwas von den bebauten Ufern wegkommen und also auch kein Müll mehr durchs Wasser schwimmt, ist es einfach traumhaft schön.Der Käpt’n manövriert das Boot durch endlos erscheinenden Teppiche aus Seerosen, durch Schilf und um Inseln und Inselchen herum. Auf einer leben verwilderte Ziegen, auf der nächsten steht ein Kloster, auf einer anderen ist nichts. In einer stillen Bucht schaltet er den Motor aus und fordert uns auf, die Stille zu genießen. Ich bin sofort bereit dazu.

Leider hält es einer der Gäste nur eine halbe Minute aus. Dann plappert er los und fragt und fragt und fragt immer wieder dieselben Fragen, die er schon auf der Fahrt hierher gestellt hat. Schade.

Wir fahren weiter und sehen Komerane und Schwäne, Reiher und diverse Entenarten, Blesshühner und Möwen. Und wir haben Glück, noch ein paar offene Seerosen zu finden, die sich nun, wie es ihre Art ist, langsam schließen.

Ich vergesse, was ich mir in Ljubljana bezüglich der Kamera vorgenommen habe und fotografiere hemmungslos drauf los.

Als wir dann aus dem Gewirr von Kanälchen auftauchen und Richtung See fahren, kommen uns hie und da andere Ausflugsbötchen entgegen. Die meisten aber scheinen sich auf den Weg großer offener See zu machen. Was heißt die meisten. Ich sehe insgesamt vielleicht 8 andere Boote. Mag sein, dass es nachmittags mehr sind. Und natürlich, es ist Mittwoch. Und Wintersaison.

Inzwischen ist es sommerwarm geworden. Ich werfe meine dicken Bootstoursachen ins Hotelzimmer und wechsle wieder zu T- Shirt und kurzer Hose.

Virpazar ist klein, die Anzahl der Restaurants aber groß und die Auswahl daher schwer. Schließlich lande ich auf einem umfunktionierten Segelschiff in einem toten Kanalarm. Dann muss ich herausfinden, wie ich zum Bahnhof komme und wann da Züge fahren. Morgen will ich weiter. Erstmal nach Podgorica.

Es scheint nur einen Weg zum Bahnhof zu geben. Die Straße neben den Bahngleisen. Es gibt keinen Fußweg, nicht mal einen Randstreifen. Es ist gruselig. Zum Glück ist der Verkehr jetzt nicht soo dicht. Aber wie wird er morgen früh sein? Jedesmal, wenn ein Auto kommt, bleibe ich stehen und weiche aus, so weit ich kann, ohne in den Graben hinter mir zu stürzen. Es ist wirklich gruselig. Nach ca 1 km gibt es dann aber zwischen Gleisen und Straßen einen schmalen Streifen, auf dem man laufen kann.

Der Bahnhof sieht auch gruselig aus. Und verlassen. Ist er aber nicht. Die Angestellte dort ist unfreundlich und genervt, als ich nach einem Zug frage. Steht draußen am Fahrplan. Ja, aber fahren denn auch alle Züge?, will ich wissen. Sie explodiert fast, bewegt sich wütend nach draußen und siehe da, es fahren nicht alle Züge.

Neben dem Bahnhof stehen auch Häuser. Das ist offensichtlich auch Virpazar. Es gibt einen kleinen Tante- Emma- Laden und ein Hostel. Och, das ist Schade. Ich hätte lieber im Hostel gewohnt.

Ich schwindle mich zurück und frage mich ernstlich, wie ich den restlichen Tag verbringen soll. Ich studiere noch mal die Karte, vielleicht kann ich ja eine der aufgeführten Radtouren wandern? Nee, ist nicht hier oder zu weit. 17 km auf Asphalt zu laufen, dazu habe ich echt keine Lust. Hm. Da ist ja noch diese Festung. Ich habe zwar jetzt schon ganz viele alte Gemäuer gesehen, aber ehe ich mich hier totlangweile.

Zur Festung, Besac ist ihr Name, ist man in 30 min gelaufen. Sie steht oberhalb Virpazars und wurde 1487 von den Osmanen erbaut. Von ihr aus hat man gute Blicke in die Umgebung und kann diese also kontrollieren. Ende des 17. Jahrhunderts eroberten die Montenegriner die Festung. Und im 2. Weltkrieg nutzten die Italiener sie als Gefängnis.

2016 wurde die Festung komplett renoviert. Das nimmt ihr ihren Charme. Trotzdem, von da oben hat man nach allen Seiten geniale Sicht. Dafür lohnt sich der 1 € Eintritt allemal, dafür hätte ich auch mehr bezahlt. In der Festung selbst sind die alten Fotos das interessanteste, jedenfalls für mich.

Und während ich also da oben stehe und runter gucke, sehe ich, da gibt’s eine Art Feldweg weg vom Ort zum Bahnhof hin. Ich genieße noch etwas die Aussicht, dann schlendere ich zurück und suche und finde den Feldweg.

Er endet an den Schienen. Also er endet wirklich da. Man könnte jetzt über die Gleise zur Straße steigen… also das ist alles ein bisschen blöd. Ich suche mir jetzt eine Bank an einem der Kanäle und lese.

Abends dann gehe ich in ein Restaurant auf dem Markt. Plötzlich Stromausfall. Der Kellner ist etwas hilflos. Aber so ganz ohne Licht kann ich mein Essen wirklich nicht sehen. Meine Frage nach Kerzen verwirrt ihn, stattdessen bietet er mir sein Smartphone an, also die Taschenlampe darin. Nee, so was habe ich selber. Kerzen?

Schließlich schafft er es, welche zu finden. Und es ist irgendwie romantisch. Ach wenn ich meinen Tischgefährten, die rote Katze, jetzt nicht mehr richtig sehen kann.

Es gibt heute viele Bilder. Ich habe ja auch viel erlebt.

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Der schönste Fleck in Montenegro (08.10.2019)

Mit dem Frühstück ist das hier so eine Sache. Eine feste Zeit dafür gibt es nicht. Als ich gestern runter kam in den Frühstücksraum, ist die Besitzerin erstmal in den kleinen Laden gegangen einkaufen. Auch heute sagt sie mir, dass das Frühstück aber noch nicht fertig ist. Kein Problem. Habe ich ja eingeplant.

Ich habe beschlossen, an den Skutarisee, wie er auf Deutsch heißt, zu fahren. Ich nenne ihn lieber Skadarsee.

Er ist der größte des Balkans, Nationalpark – jedenfalls der montenegrinische Teil, Heimat vieler endemischer Tier- und Pflanzenarten, Rastplatz und Überwinterungsgebiet für Zugvögel aus Nordeuropa, und durch ihn verläuft die Grenze zu Albanien. Eine der letzten Pelikankolonien Europas gibt es hier, über 200 Vogelarten, entweder dauerhaft oder auf der Durchreise, ausgedehnte Sumpfgebiete und viel Gebirge und Wald ringsherum. Klingt nach Naturparadies.

Eigentlich will ich mit dem Bus nach Bar fahren und von dort mit dem Zug weiter Richtung Podgorica, aber dann, am Busbahnhof in Ulcinj sehe ich, es gibt auch Busse in die Hauptstadt, da spare ich mir das Umsteigen und nehme den Bus.

Eine Stunde dauert die Fahrt und Busfahren hat den Vorteil, dass ich direkt am Ziel abgesetzt werde.

Virpazar. Das ist der einzige Ort am See, der in meinem Balkanführer beschrieben ist. Auf einer kleinen Übersichtskarte des Landes, die ich in einem Touristenbüro erhielt, finde ich immerhin noch zwei andere Orte, aber da führt die Eisenbahnlinie nicht lang. Und allein auf Busse möchte ich mich nicht mehr verlassen. Sie wissen schon. Oktober. Winterfahrplan.

Virpazar ist ein ehemaliges Fischerdorf mit ca 500 Einwohnern, zwei Hotels, einem Bahnhof etwas außerhalb (dort gibt’s auch ein Hostel, wie ich später feststelle), einen Supermarkt und zwei Sehenswürdigkeiten: ein Denkmal zur Erinnerung an die Partisanen und eine Festung oberhalb des Ortes. Aber deshalb kommt man nicht nach Virpazar. Dahin kommt man wegen des Sees. Frau auch.

Es gibt tasächlich noch Fischer. Aber die Haupteinnahmequelle scheint mir doch der Tourismus zu sein. Eine schier unübersichtliche Anzahl von Anbietern von Bootstouren tummeln sich auf dem kleinen Marktplatz. Zu den zwei Hotels kommen unzählige Restaurants. Und in jedem Hau scheinen Privatzimmer angeboten zu werden. Zwischen die Anbieter für Bootstouren quetschen sich kleine Verkaufsstände, wo garantiert originale Souvenirs angeboten werden. Der Ort ist so klein, dass wenigstens Reisebusse, denn die gibt es natürlich, hier nicht reinpassen. Die müssen auf der anderen Seite der Straße nach Podgorica parken. Gerade, als ich hier eintreffe, werden Asiaten ausgeschüttet.

Aber ich checke erst mal ein. Das Hotel ist, naja, mittelmäßig. Das Ärgerlichste ist, dass ich im Zimmer kein w-lan habe. Dazu muss ich ins Restaurant. W-lan ist wichtig für mich, da ich ja noch überlegen muss, was ich als nächstes mache und wo ich ein Zimmer brauche. Das Restaurant gehört zum Hotel, da gibt’s auch Frühstück, das nun wieder ist praktisch.

Virpazar hat frau sich in 30 min angeguckt.

Ich erstehe eine „Wander“karte.

Leider gibt’s genau hier, wo ich bin, eigentlich keine Wanderwege. Ich könnte mir ein Rad ausleihen. Aber Radfahren in den Bergen ist doof.

Also laufe ich los.

Ich will in ein Restaurant hinter Godinje. Also das ist natürlich nicht mein primäres Ziel. Ich will wandern, See gucken und Natur genießen. Die Straße nach Godinje führt am See entlang, soweit eine Straße an einem von Bergen umgebenen See an diesem entlang führen kann. Aber auch wenn ich schnell pflastermüde werde, die Aussichten sind gigantisch UND, ich bin hier fast ganz allein. Nur Radfahrern begegne ich hin und wieder und ab und an kommt auch mal ein Auto.

Das, ich sage mal, neuere Godinje, liegt direkt am See. Überall gibt es kleine Verkaufsstände an den Häusern, wo die Bauern Öl, Schnaps, Honig und Wein anbieten. Das alte Dorf, das sich rechts an einen Hügel schmiegt, lasse ich zunächst links liegen. Ich habe jetzt wirklich Hunger. Ich will zu diesem Restaurant in der Godinje Bucht.

Nuja, was soll ich sagen, es hat zu. Keine Saison mehr.

Mit hängendem Magen schleppe ich mich zum Dorf zurück, fachsimple mit zwei Radfahrern noch über die Zuverlässigkeit der Angaben in diesem Land und steige dann bergan zum alten Dorf.

Und lande im für mich schönsten Ort Montenegros. Das Dorf liegt auf einem Berg oberhalb des Sees, auf den man einen wirklich fantastischen Ausblick hat. Es leben hier noch Menschen, aber viele Häuser verfallen vor sich hin. Ich setze mich zu einem Opa, der ein Restaurant betreibt. Wir verständigen uns per guggltranslator, es gibt hausgemachte Wurst, Salat und Kaffee.

Während ich so sitze, die Ruhe und den Ausblick genieße, kommen zwei drei Touristen, kehren aber wieder um. Das ist denen wohl zu simpel hier. Und tatsächlich, als ich mit vollgestopftem Magen weiter wackle, ist eine Kehre weiter ein etwas nobleres Restaurant. Na ich bin froh, dass ich bei dem Opi war.

Es heißt, alle Häuser des Dorfes seinen über Keller bzw Tunnel verbunden. So konnten die Einwohner sich vor den Osmanen verstecken und kommunizieren bzw Wasser und Lebensmittel transportieren. Immerhin begann im nur 5-6 km entfernten Virpazar der montenegrinische Aufstand gegen die Türken.

Ich schlunze lange durch das Dorf, stecke meine Nase hier rein und da rein. Manche Gässchen und Pfade meide ich auch, weil sie mir zu gruselig erscheinen. Ich werfe immer wieder einen Blick zurück zum See. Hier ist es so schön. Glück in Tüten.

Als ich den Rückweg antrete, sind die kleinen Stände an den Höfen im unteren Dorf leider wie leer gefegt. Nicht so schlimm. Ich bin ja mit dem Rucksack unterwegs, da kann ich eh nicht unbegrenzt schwere Dinge kaufen.

Den Fisch, den ich in der Godinje Schlucht essen wollte und den der Opi im alten Dorf nicht hatte, esse ich im hoteleigenen Restaurant. Auch lecker.

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