Pendeln im Sturm

Es ist kurz nach 3. Gerade hat ein Teilnehmer am Projekt das Büro verlassen, gegen 16:30 erwarte ich den nächsten. Ich arbeite gerade das letzte Beratungsgespräch auf, da fliegt die Tür auf und meine Nachbarin in meinem Büro in einer sächsischen Kleinstadt, Chefin einer Steinmetzfirma, fordert mich auf, nach Hause zu fahren. Ob ich denn  nicht das Wetter bemerkt hätte? Doch, habe ich, und gerade überlegt, ob ich bis 19:00 Uhr bleibe, wenn der Sturm hoffentlich durchgezogen wäre.

Sind Sie verrückt? Die Schulen im Landkreis schicken alle die Kinder nach Hause. Bei Sturm, da fährt irgendwann kein Zug mehr.

Ach Du Scheiße! Sie hat Recht. Ich packe hastig zusammen, verschließe die Akten, schnappe Laptop und Fahrrad und eile zum Bahnhof.

Genau 1 min vor Abfahrt des Regionalzuges stehe ich auf dem Bahnsteig. Da tut sich nix. Dann nach 10 min die Durchsage, dass er sich 15 min verspätet. Kann ich ja noch in Ruhe ein Ticket ziehen.

20 min.

Die S-Bahn kommt irgendwie auch nicht. Dann endlich der Zug.

Kaum drin die Durchsage des Lokführers. Wegen irgendwas auf der Strecke, die nur noch eingleisig befahrbar ist, bleiben wir erst mal stehen.

Ein bisschen später heißt es dann, bis 19:00 Uhr geht nichts mehr wegen Schäden zwischen einer anderen und dieser sächsischen Kleinstadt.

Ich fange an nachzudenken. Vielleicht sollte ich doch bis 19:00 Uhr zurück ins Büro? 18:00 Uhr habe ich einen sehr wichtigen Telefontermin. Den kann ich unmöglich im Zug, mit Fremden links und rechts und vor und hinter mir wahrnehmen.

Da sagt der junge Mann gegenüber: Es gibt einen Bus in eine 3. sächsische Kleinstadt. Von dort fährt ein Bus nach Leipzig. Noch.

Ich rase zurück ins Büro, schließe das Rad im Haus ab und rase zurück zum Bahnhof. Warten im Sturm. Es ist saukalt. Nicht mal rauchen kann man bei dem Wind richtig. Gegenüber weint ein junges Mädchen, es scheint etwas behindert zu sein, dass sie nicht nach Hause kommt. Aber die Busse fahren. Nur eben mit Verspätung. Weil Bäume auf Straßen rum liegen.

Auch unserer – auf dem Weg von der 3. sächsischen Kleinstadt hierher legte sich ihm so ein Baum in den Weg. Hoffen wir, dass jetzt alles gut geht. Ob wir sicher seien, dass noch einer nach Leipzig geht? Nein. Aber wir denken positiv.

Der Bus schaukelt durch den Sturm wie eine Nussschale über einen windgepeitschten Ozean.

Und unser Fahrer gibt Gas. So gut es eben geht. Er tut alles, dass wir nach Hause kommen. Irgendwie. 5 Leute sind wir, die wir den Zug verlassen haben.

Inzwischen, sagt das Internet, liegt der gesamte Zugverkehr lahm. Gut, dass ich nicht im Büro hocke.

In der 3. sächsischen Kleinstadt kommen wir zum stehen. Zwei irgendwelche Baufahrzeuge oder so stehen vor uns in einer Kurve. Der Busfahrer schimpft wie ein Rohrspatz. Die gährn de Straße. Ich globs nich. Die hamm wörklisch geene Sorschn. (Straßenkehrfahrzeug vor uns). Manche Dinge muss man wirklich nicht verstehen.

Bahnhof. Danke Busfahrer. Gute Heimfahrt!

Hier fahren Busse. Bestimmt auch unserer. Ein Reisebus fährt vor. Viele Menschen steigen aus. Dann die Fahrerin. Will jemand in eine 4. sächsische Kleinstadt? schreit sie gegen den Sturm an.

Langsam nähern sich ungläubige Reisende. Fragen noch mal nach. Steigen ein.

Dann endlich ein Bus. LEIPZIG. Wer hätte gedacht, dass ich mich mal so über einen Bus freue, lacht das Mädchen aus der Reisegruppe, der temporären, die sich in der sächsischen Kleinstadt gebildet hat. Ich bedanke mich bei dem jungen Mann. Noch sind wir nicht da, wiegelt der ab. Aber es steht LEIPZIG auf dem Bus. Das reicht mir schon zur Freude, entgegne ich.

Der Bus schwankt über Landstraßen.

In Leipzig. Hier ist nix, drehe ich mich zu dem jungen Mann um. Er nickt. Dann fahren wir an einer Baustelle vorbei. Hier war wohl doch was.

4 Stunden nach dem ich etwas überhastet das Büro verlassen habe, stehe ich auf dem Hauptbahnhof. Von hier aus könnte ich zur Not sogar laufen. Aber Straßenbahnen fahren. Und Stadtbusse sowieso.

Danke liebe temporäre Mitreisende. Es war angenehm, mit Euch unterwegs zu sein.

 

Advertisements
Veröffentlicht unter Draußen, Im Osten nichts Neues | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 4 Kommentare

Verloren (15.Oktober 2017)

Heimfahrten sind eigentlich nicht der Rede wert. Doch wenn sie lang sind oder der Urlaubsort ein eher nicht in den Top 10 Deutscher Reiseziele vorhandener, kann es schon recht spannend werden.
Obwohl wir nicht direkt nach dem Viehtrieb nach Hause geflogen sind, galt der im Reisepreis enthaltene kostenlose Flughafentransfer auch für uns. Das ist einer der Pluspunkte an kaukasus-reisen.de. Und natürlich wurden wir zu diesem Zweck in aller Herrgottsfrühe in unserem Quartier am Rande Tbilissis abgeholt. Unsere Wirtsleute freilich machten sich Sorgen, dass wir über den Tisch gezogen werden und fragten nach dem Preis, den wir zu entrichten hätten. Sie waren sichtlich beruhigt, als wir erklärten, dass es uns nix kosten würde. Auch Armenier und Russen sind eben gastfreundlich und besorgt um das Wohl ihrer Gäste. So hatten eigentlich nur wir Sorge, dass wir verschlafen würden oder so. Immerhin, der Flieger hebt 5:35 Uhr ab. Und online einchecken ist nicht.
Wir verschlafen nicht.
Und der Fahrer findet unser Domizil.
Im Jeep sitzt ein Ehepaar, das wir beim Abendessen am ersten Sonntag kennengelernt haben und das die 14-tägige Rundreise durch Georgien gemacht hat. Das ist ein großes Hallo. Aber nur ein kurzes. Denn auf dem kleinen Stück bis zur ersten befestigten Straße ruckelt der Jeep durch Schlaglöcher, die Hintertür springt auf und zwei Koffer und MEIN Rucksack suchen das Weite.
Was bin ich froh, dass ich mich gestern entschieden habe, Wein und Tschatscha erst auf dem Flughafen zu kaufen. Nicht wegen des Duty Free Shops und schon gar nicht aus Angst, der Rucksack könnte aus dem Auto fallen. Ich hatte mir eher Sorgen um die doch recht ruppige Art des Flughafenpersonals sowohl hier als auch in Deutschland gemacht und befürchtet, eine der Flaschen könnte diese Behandlung nicht überleben. Na die im Jeep hätten alle nicht überlebt.
Nach dem Zwischenfall verebbt das Gespräch. Alle sind müde und das Adrenalin, das ein Körper nachts halb vier aufzubringen in der Lage ist, wurde beim Flug der Gepäckstücke vollends verbraucht. Ich bin außerdem damit beschäftigt, meinen Rucksack festzuhalten. Man weiß ja nie. Und die Straßen in Tbilissi sind nun auch nicht gerade rüttelfrei.
Aber wir erreichen ohne weitere Vorfälle den Flughafen, verlieren das Ehepaar schnell aus den Augen, checken ein und gehen shoppen.
Und hier verliere ich das zweite Mal. Da wir nämlich noch ca 1,5 Stunden Zeit haben, zähle ich meine Lari zusammen, überlege, wie viel ich für Kaffee und Zeugs brauchen werde und shoppe für den Rest. Dabei rechne ich fein sorgfältig die in Lari angegebenen Preise zusammen und wackle mit Wein und Tschatscha und Tee zur Kasse. Die Tante dort tippt die €- Preise ein, rechnet dann zurück in Lari und –schwupps- kostet alles das doppelte. Ich versuche mich zu wehren und erinnere sie daran, dass ich gesagt habe, dass ich in Lari bezahlen möchte. Sie glotzt mich frech und – wie ich finde – ein bisschen bis schwer überheblich an und sagt ja: xxx Lari. Zum Glück kann die Freundin aushelfen. Ich hätte natürlich in Euro zahlen können. Aber irgendwie widerstrebt es mir, der Tante diese Währung in ihren gierigen Rachen zu schmeißen (Ich weiß, sie befolgt vermutlich irgendwelche Anweisungen eines noch geldgierigeren Chefs. Oder auch nicht).
Ich jedenfalls bin bedient und gebe meine Euronen lieber den Mädchen am Kaffeestand.

Inzwischen sind lecker Wein und Tschatscha geleert. Den Tee habe ich verschenkt und der schmeckt hoffentlich auch. Socken, Filztasche und Spielzeug haben ihre neuen Besitzer gefunden und in meine Küche hat ein neues hölzernes Utensil Einzug gehalten.
Der Urlaub war kurz, nur zwei Wochen lang, aber sehr intensiv. Am liebsten würde ich gern und sofort wieder hinfahren. Aber für 2018 habe ich schon andere Pläne. Und nach Armenien will ich ja auch noch mal. Und nach Russland MUSS ich nochmal. Wer weiß also, ob ich je wieder nach Georgien komme. Obwohl ich mich ja nun gerade eingelebt hatte.
Heute gibt es ein paar Bilder, die noch ein bisschen übrig geblieben sind. Als Diashow und durcheinander. In der Hoffnung, dass die Art der Betrachtung ein bisschen von der Vielfalt des Landes zeugt. Obwohl wir ja nur ein kleines Stück gesehen haben und nicht mal am Meer waren.
Danke fürs Lesen und Fotos gucken.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Veröffentlicht unter Wanderlust | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , | 13 Kommentare

Das Fest des lebensspendenden Stammes (14. Oktober 2017)

Heute hat das Kleine Kind Geburtstag. Ich schicke ihr einen Gruß nach Hause, die vernetzte Welt macht es möglich.
Heute also wollen wir nach Mzcheta, der alten Hauptstadt von Georgien. Die Stadt war fast 1000 Jahre, nämlich von der Mitte des 1. Jahrtausends vor Christi bis zur Mitte des ersten Jahrtausends nach Christi die Hauptstadt der iberischen und kartlichen Könige. Hier traten sie zum Christentum über, aber die hier gemachten archäologischen Funde reichen noch viel weiter zurück, in die Zeiten Babylons.
Mzcheta lag an der Seidenstraße, war eine der wichtigsten Handelszentren zwischen Kaspischen und Schwarzen Meer. Die Römer Plutarch, Strabon und Plinius schreiben über sie. Heute ist Mzcheta, nur wenige Kilometer von Tbilissi entfernt, eines der religiösen Zentren des Landes. Die Kulturdenkmäler der Stadt gehören zum UNESCO-Welterbe, das sollte man nicht verpassen.
Allerdings, am 14. Oktober ist das Fest der lebenspendenden Stammes. Vielleicht nicht der günstigste Tag, dahin zu fahren. Aber die Freundin will nicht zweimal in die Stadt, wir beide wollen zum Fest. So fiel ein Vorher- Besuch aus und heute ist der letzte Tag in Georgien. Jetzt müssen wir.
Natürlich wollen alle nach Mzcheta. Schon in die Marchrutka Nr. 105 kommen wir kaum, klemmen irgendwie zwischen Tür, Geländer und Pobacken. An der Metrostation heißt es aussteigen, mit der Metro nach Didube fahren und dort die richtige Marchrutka suchen. Die, die nach Mzcheta fährt. Hier teilen sich Busse und Markt wieder den Platz, trotzdem muss man einfach nur den Leuten hinterher laufen und man landet an der richtigen Stelle. Wohl weil es über die autobahnähnliche Straße Richtung Gori geht, packt der Fahrer sein Mobil nicht so voll, besorgt sich noch einen Zettel, der ihm erlaubt, heute in die Stadt zu fahren und ab geht’s.
Kaum in Mzcheta aus der Marchrutka gepellt, bieten uns Taxifahrer an, dahin und dorthin zu fahren. Für 30 Lari. Ausflugsziele bietet die Stadt, die früher aus mehreren miteinander verbundenen Festungen bestand, genug. Zum Beispiel die Dschwari – Kirche. Sie gilt als eines der vollkommensten Beispiele frühgeorgischer Baukunst, steht auf einem 100 m hohen Felsen und ist von überall sichtbar. Der Ort, an dem die Kirche steht, war schon vor- christlichen Kulturen heilig. Eigentlich eine Schande, dass wir die Kirche aus dem 6. Jahrhundert nicht besucht haben, aber dafür fehlt uns wirklich die Zeit. Wie auch für die Feste Armazis Ziche auf dem Bagineti, oder besser die Ruinen der einst mächtigen Burg.

Wir konzentrieren uns auf die Kirchen in der Stadt.

Und auf das Fest.

Es ist ein bisschen wie in Tbilissi plus Kindervergnügen plus sehr viel Tanz und Musik. Georgischer Tanz und georgische Musik, vermute ich mal. Das gibt es auf einer Bühne, die wir auch erst einmal ansteuern. Dann essen wir im besten Restaurant der Stadt, weil wir uns von der Terrasse einen guten Blick auf die Bühne und das Markttreiben erhoffen. Aber die strategisch günstigen Tische und Sofas sind reserviert. Dafür haben wir einen wunderbaren Blick auf o.g. Festung und Kirche. Auch Sweti Zchoweli ist gut zu sehen, was insofern wichtig ist, da es unten in der Kirche und rund herum so von Menschen wimmelt, dass fotografieren schier unmöglich ist.
Wir essen gut und ausgiebig, bezahlen dafür fast nix und solange die Reservierer noch nicht da sind, schauen wir immer mal dem Treiben auf der Bühne zu. Das könnten wir eigentlich den ganzen Tag tun. Aber Kirchen nur aus der Ferne gucken ist auch doof.
Wir bahnen uns also wieder den Weg durch Schaulustige und Straßenhändler. Und durch eine unglaubliche Anzahl von Bettlern. Einer wirft sich schreiend auf den Boden und hält dabei einen Jungen im Arm. Das ist schon ein bisschen widerlich.
Vor dem Kirchentor stehen dann so viele bettelnde Frauen, dass mir schnell das Kleingeld ausgeht. Aber dann schaffen wir es doch irgendwie, unbeschadet aufs Kirchgelände zu kommen. Da ist es ganz schön voll. Also richtig voll.
Wir sind im Samtawro- Frauenkloster. Hier stand der Palast König Mirians, das ist der, der das Christentum als Staatsreligion in Georgien einführte. Die meisten Gebäude stammen aus dem 11. Jahrhundert, aber die kleine Kapelle im ehemaligen Garten ist nachweislich aus dem Anfang des 4. Jahrhunderts. Sie ist der erste christliche Sakralbau auf dem Territorium Georgiens und wurde an der Stelle errichtet, an die sich die Syrerin Nino zum Beten zurückzog.
Ist die Kirche an sich schon viel zu voll, an die Kapelle ist gar kein herankommen. Fast sieht man sie nicht, so viele Gläubige wollen sie betreten, berühren, küssen.

Wir wühlen uns wieder durchs Volksfest, die Händler und Bettler zur nächsten Kirche.

Sweti Zwocheli, die erste KIRCHE von Mzcheta , sie wurde in den 30er Jahren des 4. Jahrhunderts errichtet. Im 11. wurde sie durch einen Kreuzkuppelbau ersetzt. Und natürlich rankt sich um Sweti Zchoweli eine Legende. Wie könnte es anders sein. Wir sind in Georgien. Die Georgier lieben neben Märtyrern auch Legenden. Und das ist sie also, die Legende:
Als die Rabbiner über Jesus und seine Lehre zu Gericht saßen, luden sie Rechtsgelehrte aus allen Provinzen, auch den entferntesten ein. Elias aus Mzcheta war so ein Rechtsgelehrter und Iberien eine weit entfernte Provinz. Seine Schwester Sidonia aber beschwor ihren Bruder, keinesfalls für die Verurteilung Jesus‘ zu stimmen. Doch Elias kam zu spät, Jesus war bereits gekreuzigt worden. Er bestach die römischen Legionäre und erhielt das blutgetränkte Hemd des Heilands. Und nahm es mit in seine Heimat. Als Sidonia ihn erblickte, schnappte sie sich das Hemd, presste es an ihre Brust, wurde vom Schlag getroffen und sank darnieder. Da sie noch im Tod das Hemd nicht hergeben wollte, musste sie mit ihm begraben werden. Aus dem Grab aber wuchs eine mächtige libanesische Zeder. Als 300 Jahre später die Syrerin Nino zunächst den König und dann das Volk bekehrte, ließ König Mirian eine Basilika errichten, genau da, wo Sweti Zwocheli heute steht. Dafür mussten 7 mächtige Bäume gefällt werden, einer davon war jene Zeder auf Sidonias Grab. Der aus ihr gehauene Stamm aber widersetzte sich der Bearbeitung und ließ sich nicht in die richtige Lage bringen. Also betete Nino und bat Gott um Hilfe und wie von unsichtbarer Hand getragen schwebte der Stamm an seinen vorgesehen Platz . Tropfen eines wundersamen lebensspendenden Balsams flossen aus ihm und so entstand der Name der Kirche: lebensspendender Stamm.
Und am 14. Oktober also wird das in ganz Georgien gefeiert. Und wir sind hier, in der Mutter aller Kirchen. Sie ist natürlich sehr schön. Und sehr alt. Aber auch sehr voll mit Menschen, die wohl immer noch auf ein Wunder hoffen. Sie küssen Bilder und Kreuze, kriechen um etwas herum, in dem das Hemd Jesus‘ aufbewahrt sein soll. Das ist mir etwas zu viel Frömmelei.
Ich komme mir etwas deplatziert vor. Ich habe ja kein Problem, in Kirchen zu fotografieren. Aber wenn sie so vollgestopft ist mit so sehr Gläubigen, fühle ich mich schon unwohl.
Draußen ist es auch voll. Der Patriarch ist in irgendeinem Nebengebäude. Und alle wollen ihn sehen. Von Männern mit schwarzen Sonnenbrillen abgeschirmt kommt er heraus, steigt in ein großes schwarzes Auto und fährt davon. Das Volk rennt ihm mit hoch gereckten Handys nach. Bad in der Menge sieht anders aus.
Wir wühlen uns wieder durchs Volksfest, wir wollen noch ein bisschen Stadt gucken.
Gleich neben der Kirche stehen die alten Häuser Mzchetas. Und davor allerhand Stände und Händler. Wir lassen uns an einem Tisch nieder, schauen zu, wie Espresso auf Sand gekocht und Granatapfelsaft zubereitet wird. Dann beobachten wir das Treiben. Ein Kind kommt und bettelt mich an. Die Saftverkäuferin will ihn vertreiben, der Junge schnappt sich das auf dem Tisch bereit liegende Trinkgeld, küsst die Münze, macht eine Geste in meine Richtung und verschwindet lachend. Ich bin ziemlich sauer. Rotzfreche Göre, rege ich mich auf. Etwa 50 m weiter positioniert sich seine Mutter, die bis dahin ganz gut zu Fuß war, als leicht behindert, alt und abgehärmt und bettelt wehklagend.
Das wars. Bettler können mir ab sofort gestohlen bleiben.
Die Freundin hat keinen Bock auf noch mehr, zum Beispiel die Dschwari- Kirche, für die jetzt doch noch Zeit wäre, also wühlen wir uns wieder durch das Volksfest zum Platz, wo die Marchrutkas ankommen und abfahren. Nachdem es uns nicht gelingt, uns in die erste zu drängeln, bin ich bei der zweiten ganz Georgierin. Ich drängle meinerseits einen Opi mit Enkel weg. Weil ich mich aber dafür natürlich schäme, vergewissere ich mich 30 sec später, ob es die beiden auch in den Minibus geschafft haben. Haben sie. Puh.
In Didube ist immer noch Markt und wir stürzen uns ins Gedränge. Der Freundin aber riecht es zu streng (obwohl ich Fischstände und Fleischhändler extra und aus Rücksicht meide), so dass ich nach dem Kauf der obligatorischen Konfekts nachgebe und wir zurück fahren. Mit der Metro und dann mit der Marchrutka. Die Stelle, wo wir den Fahrer stoppen müssen, finden wir diesmal ganz allein. Im Dunkeln. Wir haben uns eingelebt. Morgen geht’s nach Hause. Und darüber werde ich auch berichten. Verlassen Sie sich drauf.
Jetzt erst mal folgen wieder viele Fotos. Und wie immer gilt: Drauf klicken = groß gucken.

Veröffentlicht unter Wanderlust | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 4 Kommentare

Taxifahrt (13. Oktober 2017)

Sieht man sich die Fotos an, könnte man meinen, vom heutigen Tag gäbe es nichts zu berichten. Tatsächlich habe ich exakt 2 Bilder gemacht. Und die kann ich Ihnen nicht mal zeigen.

Aber natürlich gibt es zu erzählen. Und sogar ein paar Bilder, denn die Freundin findet immer ein Motiv.

Heute geht’s zurück nach Tbilissi. Aber nicht mit dem Zug. Die Gastleute sagen, Taxi wäre schöner und auch gar nicht teuer und rufen „ihren“ Taxifahrer an. Der ist im Urlaub oder unterwegs oder was, jedenfalls bestellen sie einen anderen.

Vorher gibt’s ordentlich Frühstück, das Enkelkind ist da und die Vermieter schwanken zwischen Enkelchen zeigen und uns in Ruhe frühstücken lassen.

Das mit dem Taxi geht so: Ein Großraumfahrzeug lädt sich 5-6 Passagiere ein mit dem gleichen Ziel. Die teilen sich den Fahrpreis und so kommt man für 5 Lari pro Person von Gori nach Tbilissi. Das ist natürlich sehr komfortabel. Allerdings ist der Fahrer doch recht unfreundlich. Und die anderen Fahrgäste haben ihre besten Klamotten an und viel Parfüm aufgelegt. Geht ja schließlich in die Hauptstadt. Ich frage mich in solchen Situationen immer, was die so von uns halten. Als Deutsch gelten wir ja reich. Und zwar sitzen wir in teuren Wandersachen da und haben teure Rucksäcke im Kofferraum und natürlich teure Kameras… aber wahrscheinlich erkennt der Einheimische nur die Kamera und hält uns für ziemlich verlottert. Wir riechen auch nicht so gut. Zwar frisch geduscht, aber nicht parfümiert und die Schuhe tragen wir schon paar Tage, auch wenn die Socken frisch sind. Also ich würde mich in einer Marchrutka wohler fühlen. Marchrutkas fahren auch nach Tbilissi, aber die hätte uns nicht vom Gasthaus abgeholt. Ist schon bequemer so. Ich fühle mich eben nur nicht sehr wohl.

An der Metrostation Isani sind wir am vorläufigen Ziel und das Geschacher mit den Taxifahrern fängt an. 15 Lari wollen die für die Fahrt zur Unterkunft. Uns wurde von Einheimischen gesagt, wir sollten nicht mehr als 5 bezahlen. Die Männer winken lachend ab, umringen uns aber weiter. Ein junger, englisch sprechender Mann kommt uns zu Hilfe. Aber die Fahrer bleiben stur. Es gäbe auch eine Marchrutka in die Richtung, sagt der junge Mann. Aber nein, wir haben keinen Stadtplan von diesem Teil Tbilissis. Unser Helfer entschuldigt sich für die Fahrer, das sei der Touri- Aufschlag. Ja, wissen wir. Georgien hat unglaubliches geleistet. Um der Korruption Herr zu werden. Hat alle Polizisten entlassen und die, die neu eingestellt wurden, haben das 10- fache Gehalt bekommen. Damit die eben nicht wie ihre Vorgänger Autos anhalten unter irgendeinem Vorwand und jeder weiß, hier geht’s nur weiter, wenn man Bakschisch zahlt. Das Parlamentsgebäude ist gläsern, viel Stadtverwaltungsgebäude im Land ebenfalls. Damit will man Transparenz demonstrieren. Und es bleibt nicht beim Demonstrieren. Abgeordnete müssen ihre Gehälter und Besitztümer angeben. Das kann dann jeder im Internet lesen. Die Georgier wollen in die EU. Die Taxifahrer, scheint es, nicht. Denn an denen gehen alle Bemühungen vorbei. Taxameter werden, so es sie gibt, nicht eingeschaltet. Und der Preis richtet sich nach Herkunft, manchmal auch nach Anzahl der Passagiere und natürlich dem Wetter.

Schließlich fährt uns einer für 12 Lari und da wir hier sonst nicht wegkommen, willigen wir ein.

Ganz großes Kino.

Der Fahrer findet die Adresse nicht!

Um den Preis feilschen und dann seinen Job nicht richtig machen. Ich krieg nen Hals.

Er ruft unsere Vermieter an, die kommen uns mit dem Auto holen.

Echt mal.

Wir haben ein großes Zimmer in einem großen Wohnhaus, dass von einer armenisch- russischen Familie bewohnt wird. Die 11- jährige Tochter dolmetscht ins Englische. Offenbar sind alle sehr stolz auf das Kind. Der Vater guckt den ganzen Tag Fernsehen und spielt nebenbei auf dem Laptop. Die Mutter macht mal dies mal das. Es scheint noch ältere Kinder zu geben, vielleicht sind das auch Cousins oder Onkel. Das Licht im Zimmer müssen wir im Flur ein und ausschalten, das ist etwas merkwürdig, aber sonst ist alles ok und die Familie sehr nett.

Zum Haus, das am Rande der Stadt steht mit Blick auf die Berge, gehört ein Hund. Eine Art Labrador. Der wohnt auf dem Hof, darf nicht ins Haus und verschwindet nachts, denn der Hof ist offen. Tags Haushund, nachts Straßenhund. So ist das also.

In Tbilissi gibt es jede Menge Straßenhunde, die durch die Bank weg freundlich sind und einen gepflegten Eindruck machen. Sie tragen einen gut sichtbaren Plastechip im Ohr, daran erkennt man, dass der Hund geimpft und sterilisiert ist.

„Unser“ Hofhund trägt nix im Ohr. Vielleicht hat er ja einen Chip IM Ohr inkl Adresse der Besitzer. Vielleicht hoffen diese auch, dass er Nächtens weggefangen wird und geimpft und mit Plastechip am Ohr wieder kommt. Wer weiß das schon. Es würde Kosten sparen. Allerdings bliebe dann zu hoffen, dass keine deutsche oder französische Hundeweltretterin vorbei kommt und den armen Straßenhund von seinem Elend erlöst und ihn in ihre schicke Appartementwohnung in Mitteleuropa kauft.

Naja, unsere Sorge solls nicht sein.

Unsere Sorge ist die Fahrt ins Stadtzentrum. Von Taxifahrern haben wir genug, bis zur Metrostation zu laufen ist aber zu weit, also wenden wir das altbewährte Mittel aus Gori an.

Marchrutka Nr 10, das kriegen wir hin. Ziffern können wir lesen. Und auf einen Zettel lassen wir uns auf georgisch schreiben, wo wir aussteigen müssen, wenn wir zurück kommen.

Klappt wunderbar. Wir steigen im Bäderviertel aus, treffen Buba und spazieren durch das sommerliche Tbilissi. Uns hat es da so ein Restaurant auf einem Boot angetan. Aber zum Stadtfest war alles reserviert, jetzt ist es geschlossen. Wir landen wieder in „unserem“ Restaurant hinter dem Maidan. Hier sind die Pelmeni einfach am besten.

Die Rückfahrt. Nun ja. Es ist dunkel. Die Marchrutka ist zwar nicht ganz so voll wie auf der Fahrt in der Stadt. Ich sitze auf einem Sitz statt in der Tür zu klemmen und wir können nach links und rechts gucken. Aber im Dunkeln sieht so eine Stadt schon ganz schön anders aus. Es nützt nichts, wir müssen Mitfahrende um Hilfe bitten. Also eigentlich brauchen wir nicht zu bitten, die Leute helfen uns einfach.

Im Dunkeln als Fußgänger eine Straße zu überqueren ist in Tbilissi auch nicht ohne Risiko. Vor allem, wenn dem Fußgänger nicht ganz klar ist, auf welcher gedachten Spur die Autos fahren, da diese es selber nicht so genau zu wissen scheinen und Spuren mit weißen Linien gibt es eh nicht, nur breite sehr befahrene Straßen.

Aber ich sitze hier und schreibe. Ergo sind wir gesund über die Straße gekommen, haben Brot gekauft und dieses auch wieder zurück getragen.

Zurück im Haus stellen wir fest, es gibt noch einen kleinen Bruder. Die großen sind also Onkel. Oder Cousins.

Wir löschen das Licht und tapsen im Dunkel in unsere Betten. Morgen gibt es noch ein Fest. Jepp

Veröffentlicht unter Wanderlust | Verschlagwortet mit , , , , , , | 2 Kommentare

Stein und Wein (12. Oktober 2017)

Wir sind soweit.

Wir sind Taxi gefahren, was ja einfach ist, und mit dem Zug, was schon eine kleine Herausforderung war, jedenfalls der Fahrkartenkauf. Nun wollen wir uns bewegen wie Einheimische. Nach Uplisziche nehmen wir die Marchrutka.

„Minibus“ korrigiert uns der Gastwirt. Die Mädchen, die wir gestern hier wieder getroffen haben, haben uns ein paar Tipps gegeben, vor allem hinsichtlich der überall auf der Lauer liegenden Taxifahrer. Allerdings, wie sollen wir lesen können, wohin die Marchrutkas fahren? Warum habe ich vor dem Urlaub nicht das Alphabet gelernt? Schwierig wird die Rückfahrt werden, denn da wollen wir uns absetzen lassen, um noch ein bisschen durch das Tal der Tana zu wandern. Es soll eines der geschichtsträchtigsten der Region sein. Ich will da unbedingt hin.

Unsere Wirtsleute schreiben uns ein Zettelchen für den Marchrutka- Fahrer, dann wackeln wir los Richtung Zentralsammelpunkt.

So. Wir konnten und können das nicht lesen und haben unseren Gastwirten einfach mal vertraut

Dort stehen nicht nur viele Minibusse rum, auf dem Platz ist auch Markt und natürlich heftet sich uns sofort ein Taxifahrer an die Fersen, der uns für nur 30 Lari zum Höhlenkomplex fahren will. Wo sollen Touristen sonst auch hin wollen? Aber nachdem wir zweimal verneint und betont haben, dass wir Marchrutka fahren wollen, hilft er uns, den richtigen Minibus zu finden. Wir zahlen je 1 Lari und steigen ein. Zusammen mit Leuten, die vom Markt heimfahren. Käufer und Verkäufer.

Uplisziche liegt nur 12 km von Gori entfernt. Die Höhlenstadt, so wird geschätzt, ist dreitausend Jahre alt. Allerdings haben Erdbeben und die Horden Timur Lenks einigen Schaden angerichtet, so dass die ältesten heute noch zu besichtigenden Höhlen aus dem 2. Jahrhundert sein sollen. An der Seidenstraße gelegen, lebten die Bewohner, es sollen in ihrer Blütezeit 20000 gewesen sein, vom Handel.  Und es gab hier alles, was zu einer Stadt gehört. Inklusive Gefängnis, Apotheke, Bäckerei und natürlich sehr viele Lagerhäuser.

Der Minibus hält in einem Dorf und der Fahrer bedeutet uns auszusteigen. Er zeigt in die Richtung, in der die Höhlenstadt liegt und wir überqueren den Mtkvari auf einer zum Glück stabilen Brücke, während uns die Reste der alten Hängebrücke das Fürchten lehren. Auf der Straße geht es ein ziemliches Stück, es ist warm, die Sonne scheint, links liegt der Fluss Kura, rechts ragen Felsen aus extrem weichen Sandstein in den Himmel. Wir sind guter Laune und in Urlaubsstimmung, fotografieren jede Feige und jeden Strauch, Felsen und Höhlen und dann, wenn wir uns an unsere Pläne für heute erinnern, laufen wir wieder zügigen Schritts weiter. Ungefähr 20m.

Trotzdem erreichen wir unser Ziel irgendwann. Und weil hier eine schöne Straße herführt, ist auch viel mehr los als in Dawit Garetscha.  Busse und PKW drängeln sich auf dem Parkplatz zwischen den Restaurants, Imbissbuden und fliegenden Händlern. Wir zahlen Eintritt (8 Lari, also ca 3€) und huschen hinein. Und dann laufen wir die Wege entlang, klettern in Felsen eingehauene Treppen hinauf und hinunter, finden, dass die ehemaligen Bewohner ganz schön trittsicher und sportlich gewesen sein müssen, schauen in große und kleine Höhlen, in Ein- Zimmer- Höhlen und solche mit Nebenzimmern, wundern uns über Löcher im Boden, denken, die sind zum Auffangen des Regenwassers, lesen dann, dass da aber irgendwas zubereitet wurde, was ich inzwischen wieder vergessen habe, erahnen die ehemals blaue Wandfarbe in einer Höhle der Oberstadt, staunen über in Stein gehauene Fliesen und Deckenbalken, stehen im Palast einer Königin Tamaris Dabarsi, schauen uns natürlich auch die aus dem 10. Jahrhundert stammende Fürstenkirche ganz oben an und hinunter ins ebenfalls verlassene Unterdorf direkt am Fluss, genießen den Blick in die Landschaft und schießen  natürlich hunderttausendmillionen Fotos, möglichst mit ohne Menschen drauf. Außer die Menschen heißen Inch oder Inchfreundin.

Die Höhlenstadt ist groß, beeindruckend und wahrscheinlich haben wir nicht alles gesehen. Aber nach 100 Höhlen ist auch mal gut. Über die Poterne, einen Fliehgang, der ehemals der Wasserversorgung der Stadt, die übrigens auch über eine Kanalisation verfügte, diente, steigen wir hinter einer von einem Mönch geführten Reisegruppe sehr alter Menschen wieder hinab. Die Freundin sieht sich noch im Souvenirshop um, während ich lieber im Schatten eines Baumes außerhalb der Anlagen rauche.

Hier erst mal die Fotos der Höhlenstadt und vom Markt. Zum groß gucken drauf klicken und dann weiterlesen.

In einem kleinen Imbiss mit lauschigem Freisitz trinken wir Kaffee und essen Nüsse, dann laufen wir zurück zu dem Dorf hinter der Brücke. Ich glaube, es heißt Kvakhvreli.

Hier müsste jetzt irgendwann eine Marchrutka Richtung Gori kommen. Na, statt hier dumm rumzustehen, können wir ja schon loslaufen und ein bisschen Dorf gucken.

Es dauert ein ganzes Stück, eh so ein Minibus kommt, wir halten dem Fahrer unseren Zettel vor die Nase, und er setzt uns an einer Abzweigung ab.

Nun geht’s wieder zu Fuß weiter. Die Tana- Schlucht ist 40 km lang, liegt im Trialetischen Gebirge und es soll hier an die 50 Kulturdenkmale geben. Diese sind aus dem 7.- 10. Jahrhundert, aber in diesem Tal wurden die ältesten Spuren georgischer Geschichte gefunden bzw. derer, die vor den Georgiern hier siedelten.

Wir können natürlich keine 40 km laufen, dazu fehlt uns die Zeit und 40 km sind auch ganz schön viel. Aber ein bisschen und wenigstens bis Sioni Ateni wäre schon schön. Aber das sind auch mindestens 8 km. Wir sollten trampen, Freundin. Oder eine Marchrutka anhalten. Und wir müssen aufpassen, dass wir nicht vom Weg abkommen. Also nicht, dass man sich verlaufen könnte. Aber guckt man sich zu lange das Treiben der Dorfbevölkerung an, droht die Gefahr einer Einladung. Schon kurz nach dem Abzweig schauen wir zu lange in einen Hof, als der Älteste sich in unsere Richtung in Bewegung setzt und uns zuwinkt, winken wir zurück und sputen uns, weg zu kommen.

Hierher verirren sich eindeutig keine Touristen.

Ein alter Mann nimmt uns in seinem Pick Up mit bis Patara Ateni. Hier wird gerade die Straße aufgebuddelt. Nach Beendigung der Bauarbeiten sind die Anwohner offenbar verpflichtet, die Löcher wieder zu beseitigen.  Und was sind denn das für seltsame Leitern? Ist hinter der Mauer ein Swimmingpool? Aber warum sollten die Leute von der Straße aus da einsteigen? Und hier sind auch welche auf Rädern. Das Tal ist grün, die Freundin nascht Feigen, der Wein ist reif und die Granatäpfel auch. Ah, die Leitern sind für die Weinernte. Die Trauben hängen über der Straße. Wie ein Spalier sieht das aus. Die Leitern aber sehen wacklig aus.  Allesamt. Als wir einem Mann zu lange zuschauen, winkt er uns heran, drückt uns jedem eine Traube in die Hand und wir ziehen weiter.

Dann kommt eine Marchrutka und nimmt uns mit bis zum Kloster Sioni Atari. Das stammt aus dem 7. Jahrhundert und sein Name Sioni bezieht sich auf den Berg Zion in Jerusalem. Die Kirche ist das berühmteste Bauwerk in Tana- Tal und eine fast original getreue Kopie der Dshwari- Kirche von Mzcheta, der alten Hauptstadt Georgiens, die wir später noch besuchen werden.

Die Mönche sind bei der Wallnussernte, möchten nicht fotografiert werden, sind mürrisch wie schon gewohnt und das Kloster darf natürlich auch nicht fotografiert werden. Es gibt einen kleinen Laden, wo selbst gemachter Honig und so verkauft wird. Wir würden gern kaufen, aber hier lässt sich nicht einmal ein mürrischer Mönch sehen. Obwohl die uns argwöhnisch beäugen und wir uns wirklich lange die Nasen breit drücken, es kommt keiner uns Heiden was zu verkaufen. Und weil die Kirche gerade saniert wird, versperren Baugerüste den Blick auf die Wandmalereien, für die die Kirche eigentlich berühmt ist.

Das Tal selber ist sehr schön. Und wir erahnen, dass es dahinten noch viel schöner weitergeht. Aber die Zeit drängt, wir laufen zurück. Wir wollen laufen bis es dunkel wird und dann auf den kleinen Bus warten, der so gegen 18:30 das letzte Mal nach Gori fährt.

Es ist wie immer, die Wohnhäuser sind in bedauernswertem Zustand, die Kirchen und Klöster werden gerade saniert. Oder sind es schon. Dafür sind die Menschen extrem freundlich. Irgendwann drückt uns eine Frau soviel Trauben in die Hand, extra mit Zeitungspapier, dass ich nun nicht mehr fotografieren kann. Zum Glück hat die Freundin einen Beutel im Rucksack. Wandern wir eben mit Einkaufsbeutel weiter.  In einem kleinen Laden in Didi Ateni kaufen wir ein paar Riegel, von den Trauben kriegt man ja bestenfalls einen Vitaminschock, sie füllen auch den Magen, aber wer wandert, muss richtig essen, und seien es Riegel.

Didi Ateni, heute eine Weinbausiedlung, war früher eine Stadt und wurde in den Georgischen Chroniken erstmals im 9. Jahrhundert  erwähnt. Eine Stadt, in der  Georgier, Juden und Armenier  lebten. Links, etwas erhöht, sehen wir noch die Ruinen der einstigen Festung. Rechts, etwas unterhalb der Hauptstraße, lenkt ein sanierter Klosterkomplex unsere Aufmerksamkeit auf sich.

Als die Dämmerung einsetzt, setzen wir uns in Patara Ateni  auf eine Bank vor einen Hof, da kommt  „unser“ Bus, aber Richtung Kloster. Der Fahrer jedoch besteht darauf, dass wir einsteigen, er hat wohl Angst um die Mädchen, so fahren wir  noch einmal zu den mürrischen Mönchen, wenden und lassen uns in Gori am Bahnhof absetzen.

Für morgen brauchen wir Zugfahrkarten, aber anders als in Tbilissi muss man die hier nicht vorher kaufen sondern bitteschön erst morgen.

Weil wir viel zu viele Trauben haben, schenken wir die unseren Wirtsleuten und gehen dann in das von ihnen empfohlene „sehr gute“ Restaurant in der Stalinallee. Das Essen ist gut, ok, aber die Bedienung … russisch. Sehr viel Personal, wenig Service. Und als das Personal  sich die Langeweile mit ohrenbetäubend lauter Popmusik vertreiben will, müssen wir doch bitten.

Wir sitzen da und denken wieder mal, wir seien schon mindestens 3 Wochen in Georgien.  Hier passiert einfach zu viel an einem Tag. Das reicht in anderen Urlauben für drei.

Und hier die Fotos vom 2. Teil des Tages. Ich hoffe, der Trick mit den zwei Galerien täuscht über die viel zu vielen Bilder hinweg. Wie immer gilt: Drauf klicken = groß gucken

Veröffentlicht unter Wanderlust | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | 3 Kommentare

Stalin, Krieg und Gastfreundschaft (11. Oktober 2017)

Weil es so preiswert ist, haben wir uns 1. Klasse gegönnt. Zum Glück. Denn die 1. Klasse ist ein Witz. Eher schlechte 2. Klasse. Dafür ein Riesen Tamtam beim Einsteigen. Mit Tickets und Passport und allem Drum und Dran. Das haben die Georgier sich schön beibehalten aus Sowjetzeiten.

Die Freundin und ich sitzen eigentlich getrennt (wer verkauft Sitzplätze an zwei Personen, die zu zweit am Schalter stehen und kaufen, die nicht benachbart sind? Also wir wissen ja, wer uns diese Sitzplätze verkauft hat. Aber warum? Warum tun Menschen so etwas?  Woher kommt diese Art Ignoranz?  Oder Arroganz? Sind diese Art Menschen der Meinung, dass andere Menschen, die etwas von ihnen wollen, dankbar zu sein haben, dass sie sich und ihre kostbare Arbeitszeit überhaupt diesen … Bittstellern, diesen Nobodies, diesen Normalos  widmen dankbar zu sein haben und alles hinzunehmen haben, was diese Menschen ihnen hinwerfen? Ist es eine Form von Machtgefühl? Dabei war die Schalterbeamte nicht mal unfreundlich. Wir hatten nicht, wie so oft in Russland, das Gefühl, dass wir sie in ihrer Arbeitszeit stören, eindringen in ihren Schlummer und es im Prinzip eine Frechheit unsererseits darstellt, dass wir sie an ihrem Arbeitsplatz stören. Die Sitzplätze, die sie uns dann verkauft hat, zeigen aber, dass sie das mit den Kunden und den Dienstleistungen doch noch nicht ganz kapiert hat. Egal), weil der Wagon aber fast leer ist, sitzen wir doch zusammen und der kontrollierende Schaffner, der natürlich noch mal währende der Fahrt gucken muss, ob wirklich nur Leute mit korrektem Ticket an ihm vorbei in den Zug gelangt sind, stört sich nicht einmal daran.

Dumm ist, dass wir nicht so recht gefrühstückt haben, weil wir glaubten, 1. Klasse, da gibt’s Kaffee und mindesten Snacks zu kaufen. Da kommt so jemand mit Rollwägelchen durch. Ist natürlich absoluter Blödsinn.

Die Fahrt nach Gori dauert auch nur eine Stunde, wir müssen also nicht den Hungertod sterben. Dort, in Gori, stürzt sich sofort ein Taxifahrer auf uns. Den brauchen wir auch, denn wir haben keinen Plan von der Stadt, im wörtlichen Sinn. 5 Lari will er für die Fahrt, als er uns dann aber vor dem Gasthaus absetzt, will er nur noch 3. Die Fahrt ist nicht allzu weit, und das, was wir von Gori sehen, sieht ganz gruselig aus. Das mag am Regen liegen, aber ich weiß nicht…

Im Gasthaus sind wir viel zu früh. Die Zimmer sind noch belegt, heißt es, im Speisezimmer sitzen Polen und frühstücken, ich krame schnell eine polnische Begrüßung aus den Tiefen meines Gehirns und dann werden wir schon in einem Gemeinschaftsraum geparkt.  Von dem gehen zwei Zimmer ab, eins wird unseres und nach einer Stunde Warten bekommen wir sogar noch Frühstück.

Genial.

Das Ehepaar vermietet wohl, um Gäste zu haben und Unterhaltung, das wird ganz schnell klar. Sie sind herzensgut und sehr kommunikativ. Natürlich, wie alle Georgier, können sie über 500 Jahre zurückliegende Kriege und Metzeleien klagen, als wären sie… aber das hatte ich Ihnen ja schon erzählt.

Wir müssen erst mal wieder Ausschlafen. Dann geht es ins Stadtzentrum.

Gori also. Sowohl mein etwas älterer Reiseführer als auch die Ausgabe von 2017 schreiben „ Die Stadt selbst ist wenig interessant, aber als Ausgangspunkt für Ausflüge in die Umgebung bestens geeignet“. Genau deshalb sind wir hier. Und wenn wir schon mal hier sind, da müssen wir natürlich –  ins Stalinmuseum.

1999 lebten in Gori noch abchasiche Flüchtlinge und vor dem Museum stand das letzte  Stalindenkmal der ganzen ehemaligen UdSSR, in der 2017er Ausgabe ist davon keine Rede mehr.  Immerhin, in Gori gibt es eine Festung, eine Felsenfestung, die wir von der Stalinallee (!!!) aus auch sehen können. Schon im Jahr 65 nach Chisti erlangte sie gewisse Bekanntheit , als sie dem Ansturm der römischen Legionen unter Pompeius standhielt.  Die Festung scheint vom Zentrum aus gut und schnell erreichbar, doch wir lassen sie im wörtlichsten Sinne links liegen, wir wollen zum Museum am Ende der Allee.

Dort stehen wir erst einmal vor einem von einem marmornen Schrein überdachten Ziegelhäuschen, hier wurde Jossif Wissarioniowitsch Dschugaschwilli geboren. Der Priesterlehrling, der sich später Stalin nannte.

Während wir so noch rumstehen und Witze machen, kommt ein Reporter von Al Jazeera und interviewt mich zum Stalinmuseum. Ja, da waren wir ja noch gar nicht drin. Trotzdem will er wissen, warum wir hinein wollen und was wir erwarten.

Tja, warum wollen wir da hinein? Wir erwarten ganz sicher keine reflektierte Ausstellung, die sich kritisch mit Stalins Leben und Wirken auseinandersetzt. Die Georgier lieben ihren großen Staatsmann, so wie er in vielen Teilen Russlands ja ebenfalls noch verehrt wird. Aber warum wollen wir hinein? Weil er Teil unseres Geschichtsunterrichts war? Immerhin hat er den Krieg gewonnen und uns befreit,  und die Amis, so haben wir es gelernt, haben ins Geschehen ja erst eingegriffen, als der Sieg der Russen schon ziemlich klar war. Freilich haben wir auch von den Säuberungen erfahren, damals im Geschichtsunterricht. Und das Lenin vor ihm als seinen Nachfolger gewarnt hat, aber das wirkliche Ausmaß seiner Verbrechen, darüber haben wir uns erst nach 1990 informieren können.

Warum wollen wir da hinein? Weil der Mensch an sich sich gern gruselt? Weil uns das Böse an anderen fasziniert? Weil wir im Innersten wissen, dass auch viel Böses in uns steckt?

Keine Ahnung. Ich stottere rum.

Dann gehts ins Museum.

Dort treffen wir sehr alte Menschen, vermutlich Veteranen mindestens aus Revolutionszeiten und –  Ausländer. Die einen sicher, um ihrem Helden und größten Führer ihre Ehre zu erweisen, die anderen, um sich zu gruseln.

Der Museumsbau selbst im klassizistischen Stil ist riesig. Ihm wie auch der Stalinallee in typisch sowjetischen gigantischen Ausmaßen mussten viele alte Ziegelhäuschen weichen, nur das, in dem der Generalissimo geboren wurde, durfte als Teil des Komplexes stehen bleiben. Im Museum ist es dann so, wie wir es uns vorgestellt haben. Stellen Sie sich eine Kultstätte für einen sehr gewaltigen Gott vor. Es scheint, als sei jedes Schnipselchen, dass Georgiens großer Sohn, der Vater aller Sowjetvölker jemals angefasst hat, eine Reliquie. Erst sind wir unangenehm berührt und diskutieren über  das Subjekt der Verehrung, dann sind wir zunehmend wütend, dann lachen wir das alles nur noch aus. Manches kann man eben nur mit Humor ertragen. Und nur weil wir Russisch können, vor allem die Freundin ja richtig gut, und nur, weil wir Details kennen und nach denen SUCHEN, finden wir die winzig kleinen Hinweise. Zum Beispiel Lenins Diktat, in dem er vor Stalin warnt. Und in einem Nebenraum die Fotos von 6 ehemaligen Mitstreitern, die aus dem Weg geräumt wurden. Da ist kurz von Repressionen die Rede. Lesen kann es freilich nur, wer Russisch kann, denn hier fehlen die knapp gehaltenen Englischen Übersetzungen komplett. Zudem handelt es sich um Leute, die schon ermordet wurden, als Lenin noch lebte.

Und am Ende dieses Gang kommen wir in einen Raum, in dem jede Beschriftung fehlt, sogar die georgische. Hier geht es offenbar um die Ermordung der Russischen Zarenfamilie, wie wir an den Fotos erkennen. Und dann ist da noch eine Zelle. Aber wer saß da drin? Stalin sicher nicht, da wäre sie beschriftet. Die Zarenfamilie? Ein Teil davon? Jemand anderes? Wir wissen es nicht.

Es gibt dann noch Stalins Salonwagen zu besichtigen. Wir sehen ihn von diversen Fenstern aus, finden aber zunächst nicht hin. Auf der Suche nach dem Weg landen wir im Verwaltungstrakt. Na das ist wie in Russland. Stören Sie mal arbeitende Menschen mit ihre Arbeit betreffende Anliegen. Im übrigen ist hier alles nicht mehr ganz so chic.  Also war es sicher mal, aber da gibt’s doch einige Schadstellen im Parkett, an den Fliesen und der 50 Jahre alten Wandfarbe.

Wir finden den Waggon und stehen vor verschlossenen Türen. Schon als wir aufgeben wollen, kommt so eine Museumsführerin und schließt für eine Gruppe auf. Wir huschen mit rein, müssen der missmutigen Dame aber natürlich mittels unserer Eintrittskarten nachweisen, dass wir berechtigt sind, dass heilige Gefährt zu betreten. Und so schauen wir uns den provinziellen Luxus an, der lächerlich scheinen könnte und überflüssig, wenn man nicht  bedenke, dass der Vater aller Völker damit an seinen verhungernden Kindern vorbei gefahren ist.

Wir sind ziemlich frustriert, als wir das Museum verlassen und brauchen dringend anderen Input, ehe wir den Tag beschließen und der Einladung unserer Wirtsleute zum Essen folgen. Auf dem Herweg sind wir am Kriegsmuseum vorbei. Ja, ist jetzt auch nicht gerade erheiternd, aber lenkt vielleicht etwas ab.

Hier ist die Frau Ticketverkäuferin sehr freundlich. Das erst 2009 eröffnete Museum befasst sich in seinen Ausstellungen vor allem mit dem 2. Weltkrieg, und da speziell mit georgischen Divisionen und den Kämpfen im Kaukasus, und den Kriegen nach 1990. Da hier oft auf russische oder gar englische Übersetzungen verzichtet wurde (Ausländer interessieren sich scheinbar nicht für diesen Teil der Geschichte), können wir uns vieles nur zusammen reimen. Bedrückend finde ich Fotowände mit den Porträts der Opfer der Stadt nach 1990. 2008 wurde Gori Opfer von russischen Luftangriffen, später rückten russische Truppen in die Stadt ein, es gab offiziell etwas über 250 zivile Opfer  und knapp 300 georgische Militärs kamen ums Leben. Spuren der Kampfhandlungen sind in der Stadt noch zu sehen.  Die Stadt liegt nur 25 km von Südossetien entfernt. Falls die Geschichte Südossetiens, in der die Georgier keine sehr rühmliche Rolle spielten, Ihnen entfallen ist, guggeln Sie bitte selbst.  Oder folgen Sie diesem Link.

In einem Café gönnen wir uns eben einen solchen, dann wackeln wir zurück in unser Gasthaus. Die beiden deutschen Mädels, die inzwischen eingecheckt haben und natürlich auch zum Abendessen eingeladen wurden, kennen wir aus dem Hostel in Tbilisi. Eins rannte mich fast um, als ich von Toilette kam. Wir empfehlen Diarrh- Limit.

Und dann kommen noch zwei Tschechen. Die hatten woanders gebucht, standen dort aber vor verschlossener Tür und finden nun hier Unterschlupf. Der Chef des anderen Gasthauses sei sicher Abchase, meint unser Gastgeber abfällig. Er mag auch keine Russen und Türken. Nie wurde mir der georgische Nationalismus so deutlich wie hier und an diesem Abend. Das, wovor ich mich gefürchtet habe, es ist alles da. Aber wir alle steigen nicht auf diese Art Diskussionen ein. Das ist zu dumm. Und, was sollen wir einen Georgier darüber belehren, was er von Abchasen und Russen zu halten hat? Wir waren nicht hier. Weder in den 1990ern noch 2008. Wir sitzen in unserem friedlich reichen Mitteleuropa und bilden uns satt und sicher unsere Meinungen.

Wir essen lecker und trinken Wein. Der Wirt ist der Tamada und ich kann mit meinem neu erworbenen Wissen glänzen, als er den Trinkspruch mit der Familie bringt. Ich ergänze die nicht anwesenden Lebenden durch die nicht anwesenden Toten.  Und nun also, liebe Leserinnen und Leser, kommt endlich , auch wenn dieser Blog schon reichlich lang ist, ein kleiner Exkurs in die Gepflogenheiten des georgischen Gastmahls. Sie können sich sicher vorstellen, dass es etwas anders abläuft als hierzulande. Schließlich heißt es in Georgien „Ein Gast ist ein Geschenk Gottes“ und die Gastfreundschaft ist sozusagen eine georgische Pflicht. Natürlich, das ist klar, kommen ziemlich viel Speisen auf den Tisch. Und  natürlich Wein. Sehr viel Wein. Von dem können die Georgier viel mehr trinken als wir.  Das ist Fakt. Und um den zu trinken, den Wein, braucht es Trinksprüche. Eigentlich ist es verboten, zwischendurch mal am Glas zu nippen. Es muss erst einen Trinkspruch geben und dann wird das Glas geleert. GELEERT. Bei Ausländern drücken die Georgier aber, gastfreundlich wie sie nun mal sind, ein Auge zu. Trotzdem verläuft so ein Essen immer mit einer sehr hohen Anzahl von Trinksprüchen. Im Prinzip, so müssen Sie sich das vorstellen, verlief in Tuschetien jedes Abendessen so. Und als wir in Kachetien im Restaurant unseres Nobelhotels die Rückkehr in die Zivilisation feierten, spendierte uns irgendein georgischer männlicher Gast  ein Glas Wein. Mit uns meine ich den anwesenden Frauen, und nur denen. Weil das so Sitte sei. In Georgien.

Aber zurück zu den Trinksprüchen  Die wirft nicht jeder, wie es ihm oder ihr beliebt, in die Runde. Dafür ist der Tamada verantwortlich. Der bestimmt Thema und Tempo der Trinksprüche und sorgt dafür, dass sich kein Gast von der Tafel ausgeschlossen fühlt. Er ist also vielmehr als der Trinkspruchlieferer, er ist der Zeremonienmeister des Gastmahls, verantwortlich für die Stimmung und Kommunikation in der Runde.

Nun sagt er aber nicht einfach einen Trinkspruch auf, alle stoßen an, trinken und fertig. Am Anfang, bevor ich das begriffen habe, dachte ich „Warum quatschen die denn alle rein?“. „Wie unhöflich, wir müssen doch erst anstoßen und trinken, bevor wir weiter quatschen“. Aber genau darum geht es. Trinksprüche werden beantwortet, erweitert, es kann zig mal Gaumachos gerufen werden, ehe man  bzw. frau endlich trinken darf und kann. Die Reihenfolge der Dinge, auf die ein Toast ausgesprochen wird, ist zunächst vorgegeben:  Man trinkt auf Gott und seinen Sohn,  auf den Gastgeber, die Gäste, abwesende Lebende und Tote, auf die Liebe, die Frauen (alle Männer stehen auf. Eigentlich), auf Kinder, Alte, Heimat, Freundschaft,  auf die Wechselfälle des Lebens, natürlich auf den Wein und auf gutes Gelingen. Und immer wieder auf den Frieden. Frieden für alle. Je geistreicher und wortgewandter ein Tamada ist, desto höher wird er verehrt.  Er kann dabei auch Gedichte rezitieren oder große Denker zitieren. Aber das können auch die Gäste, wenn sie aufgefordert werden , den Trinkspruch fortzusetzen oder einfach selbst das Bedürfnis haben, etwas hinzuzufügen. Ich habe gelesen, dass das schon mal dazu führt, dass die Gäste singen oder tanzen, statt einfach nur zu antworten.

So, das war ziemlich kurz gefasst. Eigentlich muss man so ein Essen mal erleben. Und das geht ganz einfach, denn sobald ein Gast da ist, wird aus einem gewöhnlichen Essen ein Gastmahl eben.

So ausufernd war unser Abend in Gori dann aber doch nicht, mit zwei Georgiern, vier Deutschen und zwei Tschechen war der Anteil der Ausländer einfach zu hoch. Der Gastgeber war auch recht gnädig und hat uns nicht gedrängt, ständig Wein zu trinken. Trotzdem war es ein sehr schöner Abend in Englisch, Deutsch und Russisch.  Wir haben viele Geschichten gehört und erzählt, gut gegessen, einige Tipps für unseren morgigen Ausflug erhalten und natürlich auch getrunken.

Gaumachos!

Veröffentlicht unter Wanderlust | Verschlagwortet mit , , , , , , | 4 Kommentare

Salz Wasser Glauben. Und Brot (10. Oktober 2017)

An der Aserbaidschanischen Grenze, im Südosten Kachetiens,  liegt Dawit Garetscha, der östlichste Vorposten des historischen Christentums.

Um dahin zu gelangen, muss man ein Steppe durchqueren. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es nicht. Einen Leihwagen haben wir nicht, also bleibt nur Buba, der Fremdenführer, den wir gestern gebucht haben.

Beim Frühstück im Hostel (Bananen und irgendwas verpacktes), bemerkt eine Gästin aus Asien meinen Flyer vom Casa Muntean in der Maramures. Da war ich vor ein paar Jahren. Und das Reisetagebuch ist damals ja nicht voll geworden, so dass ich es auch für diesen Urlaub nutzen kann. Die junge Frau war letztes Jahr da. Die Welt ist ein Dorf. Jedenfalls wenn man in Hostels übernachtet oder anderen einfachen Unterkünften.  Wir reden ein bisschen über die Munteans und die Maramures.

Meine Freunde aus Moldawien sind heute etwas indisponiert. Nur die Toilette interessiert sie, wenn sie verstehen, was ich meine und ich bin irgendwie beruhigt, dass es nicht nur verweichlichte Mitteleuropäer erwischt. Natürlich tun sie mir leid. Genau wie das junge Mädchen, dass mich gestern fast umgerannt hätte, als ich die Keramik verließ.

In Tbilissi regnet es. Das ist nun nicht das ideale Ausflugswetter. Aber wir haben gebucht. Wenn wir auch unsicher sind, ob Buba kommt.

Er kommt.

Nur leider ohne Fahrer. Er muss einen neuen besorgen. Der kennt unseren Treffpunkt nicht, weiß nicht  wo das ist und wir laufen wieder Richtung Metrostation Marjanischwili. Dort ist ein Mc Doof und unser Fremdenführer lädt uns zu einem Kaffee ein. Bei Mc Doof! Warum glauben Einheimische so oft, dass uns gerade dort der Kaffee am besten schmecken würde? Weil er da am teuersten ist? Jedenfalls in vermeintlich ärmeren Ländern?

Wie dem auch sei, wir sind gute Gäste und nehmen die Einladung an.

Buba spricht Deutsch, weil er aber lange nicht in Deutschland war, wechselt er ins Englische.  Und dann kommt Nika, der Fahrer. Im Mercedes! Für zahlende Gäste nur das beste. Der Ausflug kostet uns pro Person 11 oder 14 €, ich habe es vergessen, weil es wirklich preiswert war.

Über diverse Nebenstraßen, so scheint es, versucht Nika dem nie endenden Stau in der Hauptstadt auszuweichen. Als wir diese verlassen, hört es auf zu regnen.

Anfangs fahren wir noch auf Straßen, dann geht es im äußersten Kachetien über recht holprige Feldwege. Ich bin mir nicht sicher, ob das dem Mercedes gut tut. Aber noch sind wir auf der Straße. Das Land ist flach bis leicht hügelig und von einer außergewöhnlich schönen Kargheit. Ich liebe solche Gegenden fast mehr als blühende Landschaften. Und da ist der Salzsee. Nein zwei. Hier sollte doch die Radtour, die abgesagte, hinführen? Ob wir halten können? Klar können wir.

An Udabno fahren wir nur vorbei bzw durch. Es gibt zwei Orte dieses Namens, der übersetzt  „unbewohnbares Land“ bedeutet . In Neu- Udabno leben oder lebten Swanen, die im Winter 1987 ihr Dach überm Kopf verloren und sich hier eine neue Existenz aufbauten. Wenn ich das richtig verstanden habe, ziehen sie inzwischen aber wieder weg. 1987, da gehörte Georgien noch zur UdSSR, das Dorf ist im Prinzip eine Kolchose. In Kolchosen wollen heute auch keine Swanen mehr leben.

Bis zum 16. Jahrhundert soll das Land übrigens bewaldet gewesen sein, was angesichts der Kargheit kaum vorstellbar  scheint. Die Türken ließen alles abholzen. Zur besseren Kontrolle der eroberten georgischen Fürstentümer.

Es geht weiter auf staubigen Feldwegen durch diese einzigartige  in verschiedenen Rot-, Gelb- und Brauntönen gezeichnete Landschaft. Manchmal, an Kreuzungen, ragen blaue Straßenschilder wie Fremdkörper in den Himmel. In der Ferne strotzt ein Militärkomplex  wie eine Trutzburg.

Ach ja, wir nähern uns der Grenze.

Dawit Garetscha  ist ein Komplex von 13 Höhlenklöstern, von  denen sich eines heute auf aserbaidschanischem Boden befindet.  Wir besichtigen die Kloster Lavra, der Weg nach Udabno liegt teilweise auf aserbaidschanischem Gebiet, soll aber begehbar sein, wobei davor gewarnt wird, das andere Land zu betreten, was wohl unweigerlich zur Verhaftung und kostspieligen Deportation führen würde. Das muss nicht sein. Vielleicht haben wir aber auch Teile von Udabno gesehen, denn wir sind einen Pfad hinauf geklettert und haben in Höhlen geschaut. Wer weiß das schon. Jedenfalls  das sind die zwei, die auch mit dem Auto erreichbar sind. Zu einem 3. müsste man 12 km laufen, wozu uns die Zeit fehlt und auch der richtige Führer bzw. eine richtige Karte, von den anderen sollen nur noch Ruinen übrig sein.

Die Gründung des Komplexes geht auf einen der 13 syrischen Väter, die im 6. Jahrhundert nach Georgien kamen, um von Christus zu sprechen, zurück. Es wird übrigens vermutet, dass diese 13 syrischen Väter Georgier waren, die u.a. in Syrien die Kunst des Höhlenbaus erlernten, aber das nur nebenbei. Dawit wählte sich ursprünglich Tbilissi als Wirkungsort, wohnte in einer Höhle im Berg Mamadawiti-Mtatsminda und kam einmal pro Woche in die Stadt, den Bewohnern das Wort Jesu zu verkünden. Die damals den Volksglauben beherrschenden zoroasthritischen Prediger beschuldigten ihn, eine Ehefrau geschwängert zu haben, aber Dawit bewirkte ein Wunder, was die Menge zwar überzeugte und  begeisterte, aber der Syrer war eingeschnappt und verzog sich in die Gareja- Hügel, wo er erneut eine natürliche Höhle bezog. Die Anhänger, die ihm folgten, gruben sich ringsherum auch Höhlen in den Sandstein und es entstand Dawit Garetscha.  Der Komplex bestand nicht mehr nur aus Höhlen, es wurde auch ordentlich gebaut. Doch im 10. Jahrhundert zerstörten die Seldschuken alles,  Dawit der Erneuerer ließ es wieder aufbauen, die Mongolen zerstörten es wieder, es wurde wieder aufgebaut, genau wie nach Timur Lenk, den Persern und den Türken. Bis zur Osternacht 1616 galt der Klosterkomplex trotz aller Zerstörungen als geistiges und künstlerisches Zentrum des Landes, die hier entwickelte Freskenmalerei beeinflusste ganz Georgien.  In jener Osternacht vor 400 Jahren aber ließ Schah Abbas 3000 Mönche niedermetzeln.  Zwar ließen sich danach immer wieder Mönche und Einsiedler dort nieder, um  den heiligen Ort wieder zu beleben, aber das gelang bis heute nie. Und in der Sowjetzeit gehörte die Anlage zu einem militärisches Sperrgebiet, indem sich die Truppen ab dem Ende der 1970er Jahre auf ihren Einsatz in Afghanistan vorbereiteten.  Doch gerade der Protest gegen die drohende Zerstörung der Klöster war der Anfang der georgischen Nationalbewegung.  Nach der Unabhängigkeit Georgiens zogen die Sowjets ab, Mitte der 1990er Jahre ließ sich hier der erste Einsiedler wieder nieder  und als die georgische Armee das Potential des dünn besiedelten Landstrichs erkannte, wehrte sich die Zivilbevölkerung  mit öffentlichen Protesten wie Sitzblockaden und erzwang den vorläufigen Abzug der Truppen. Heute leben wieder etwas über ein Dutzend Mönche  hier, es wird gewerkelt und restauriert, was das Zeug hält. Der Besucherstrom hält sich, wohl wegen der Lage, in Grenzen. Immerhin, auf dem Parkplatz stand ein Bus  von  „Biblische Reisen“ aus Deutschland, ansonsten mühten sich nur Einheimische oder ehemalige Einheimische, die heute in Russland oder wo leben, nach Lavra und Udabno.

Mit Sicherheit besichtigen wir Lavra. Einige Gebäude wurden bzw werden saniert und auch an den Höhlen wird gewerkelt. Ein Teil der Höhlen stammt noch aus der Zeit Dawits, in einer hat er im 6. Jahrhundert gelebt, andere wurden mit Fenstern und Türen versehen und sind wieder bewohnt.  Das Tor, durch das man die Anlage betritt, natürlich aus Stein, stammt aus dem Ende des 17. Jahrhunderts.  Wir sehen uns alles an, was man sich ansehen darf, da das Kloster bewohnt ist, gibt es natürlich auch gesperrte Bereiche und kraxeln dann hoch zu den Höhlen, von denen wir glauben, dass sie zu Udabno gehören. Auch wenn ich mir da nicht mehr so sicher bin, von hier aus hat man einen phantastischen Blick auf das Kloster zu unseren Füßen und die Landschaft.

Es stellt sich heraus, dass auch Nika zum ersten Mal hier ist, was für ein Erlebnis auch für ihn. In einem kleinen Laden wecken wir einen Mönch aus seinem Nickerchen, weil wir ein paar Karten oder so kaufen wollen. Ich versuche einen Scherz, aber der Herr bleibt missmutig. Das ist mir schon oft aufgefallen. Außer in Bulgarien scheinen orthodoxe Mönche und Priester durchweg missmutig zu sein und im Übrigen nicht viel von Menschen zu halten, die keine Mönche oder Priester sind.

Auf selben Wege fahren wir zurück, doch die Jungs halten unterwegs an einer Bäckerei. Wir dürfen zugucken und fotografieren und das Brot ist heiß und lecker.

Zurück in Tbilissi regnet es wieder. Es scheint, als hätten wir genau den richtigen Tag für unseren Ausflug  gewählt. Buba und Nika setzen uns im Bäderviertel ab, denn heute endlich wollen wir in eins der Bäder. Die Freundin hat sich das bunte rausgesucht, das, das gerade frisch saniert wurde. Wir bestellen eine Doppelkabine mit Kaffee und Saft und Massage. Dann müssen wir eine Stunde warten, bis etwas frei wird (Reservieren kann man nicht). Aber warten ist nicht langweilig, es passiert genug im Bad. Also auf den Gängen.

Wir sind kaum in unserer Kabine, da kommen die Getränke und die Masseuse. Und die Massage ist schon ein Kunstwerk für sich. Gut, dass wir zu zweit sind, so das jede mal sieht, wie das geht. Leider kann ich Ihnen keine Fotos zeigen. Aber falls Sie mal nach Tbilissi kommen, gehen Sie in ein Bad und gönnen Sie sich eine Massage. Das dicke Männer auf ihnen sitzen und sie durchkneten, ist eine Lüge aus alten Prospekten.  Glauben Sie mir, die Behandlung ist äußerst angenehm.

Weil es immer  noch regnet, nehmen wir ins Hostel ein Taxi. Und sosehr uns Einheimische auch erzählt haben, wie viel das nur kosten darf, der Fahrer lässt sich nicht erweichen. Schließlich seien wir zu zweit und es regnet. Wir zahlen mehr als den dreifachen Preis.  Ist uns aber im Moment tatsächlich egal und von einem geldgierigen Taxifahrer wollen wir uns unser Wohlgefühl ganz sicher nicht verderben lassen und ja, auch der mehr als dreifache Preis ist letztlich nicht teuer.

blabla

 

Veröffentlicht unter Wanderlust | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 8 Kommentare

Erledigungen (9. Oktober 2017)

Uns wurde gesagt, Zugtickets müsse man im Vorfeld kaufen, also machen wir uns nach dem Frühstück auf zum Bahnhof.

Das Frühstück fällt ähnlich aus wie gestern, obwohl unsere georgische Medizin fast augenblicklich wirkt. Trotzdem, sicher ist sicher.

Auf dem Weg zum Bahnhof kehren wir schon mal ins Büro eines Anbieters für Tagesausflüge ein. Die Freundin hatte ja noch in Deutschland eine Radtour gebucht.  Die hat der deutsche Veranstalter, nachdem sich die Preise ständig erhöht hatten, schließlich abgesagt, weil der Guide angeblich noch, ich weiß nicht wo sei und uns dafür einen ziemlich teuren Tagesausflug angeboten.  Aber den können wir hier billiger haben. Die Anbieter stehen überall am Maidan , das haben wir schon vor einer Woche gesehen.

Hier, in der extra für Touristen sanierten  Davit- Aghmashnebeli- Avenue vielleicht nicht die beste Idee, denn hier übertreffen die Anbieter mit ihren Preisvorstellungen sogar noch die des deutschen Veranstalters. Nee Freundin, lass uns mal am Maidan gucken.  Später.

Die Avenue besteht übrigens nicht nur aus Fußgängerzone, ist sie doch 3 km lang. Sie entstand im 19. Jahrhundert. Hier mischen sich russischer Klassizismus, spätes Empire und Jugendstil, in denen je nach Geschmack die damaligen Bauherren Banken, Kontore, Börsen, Geschäfte errichten ließen. Hier war das Bürgertum zu Hause. Die legten weniger Wert auf Traditionen als auf die entsprechende Mode. Weil sich aber dazwischen die Georgier mit ihren Balustraden und Balkonen einrichteten, entstand eine spannende Mischung. Und wenn man einen der Hinterhöfe betritt, und hier hat jedes Haus einen Hinterhof, ist sowieso alles georgisch.

Den Bahnhof zu finden ist etwas mühselig. Also hin finden wir schon, aber dann stehen wir vor einem Einkaufszentrum, auf einem Parkplatz für Marschrutkas, und dazwischen bieten allerhand Händler billigen Kram feil. So Second Hand Klamotten aus dem Westen und Plastikschrott aus China.

Gut, hätten wir unsere Reiseführer etwas genauer gelesen, wäre uns einige Mühe erspart geblieben. Der Bahnhof befindet sich im 2. Stock eines Einkaufszentrums. Hätten wir als Leipziger erahnen müssen, ist unser Bahnhof doch auch nur noch ein Einkaufszentrum mit Gleisanschluss. Nur sieht unserer von außen wie ein Bahnhof aus, der in Tbilissi tatsächlich wie ein Einkaufszentrum.

Zugtickets zu kaufen ist auch nicht so einfach. An einem Schalter heißt es, es gäbe nur eine Elektritschka nach Gori, die zudem nur zwei Mal am Tag fährt. Nun wäre das sicher spannend, aber früh 6:00 Uhr?

Nee.

Wir können das nicht glauben, fragen noch an mehreren anderen Schaltern, bis wir schließlich jemanden finden, die uns Fahrkarten für den ZUG nach Gori verkauft, Mittwoch 8:30 Uhr, 1. Klasse.

Weiter geht es zurück ins jüdische Viertel. Da muss das Büro von Kaukasus- Reisen sein. Die Schweizerinnen haben uns gebeten, dort ein Geschenk für Lewan abzugeben.

Auch das Büro zu finden, ist ziemlich schwierig. Erstens ist das Viertel doch sehr verwinkelt, zweitens helfen rein georgisch geschriebene Straßennamen nun nicht gerade bei der Suche. So kommen wir aber mit vielen Leuten in Kontakt, kriechen in vielen Ecken rum und die Freundin darf sogar in einer Bäckerei fotografieren. In diesen Bäckereien wird ausschließlich Brot gebacken. Auf eine sehr traditionelle Weise. Sehr mühselig. Und reich wird man davon auch nicht.

Was mich an dem Viertel fasziniert, ist das Grün. Das ist nicht automatisch da. Das schaffen sich die Bewohner selbst. So wirkt mancher Straßenzug doch freundlicher. Und bewohnt.

Wer eine Postkarte bei mir bestellt hat, hat evtl. eine von Kaukasus- Reisen bekommen, denn die sind die einzigen, wo wir welche von Tuschetien kaufen können. Steffi gibt uns noch ein paar wertvolle Tipps, besonders hinsichtlich der Taxipreise.

Dann laufen wir endlich zum Maidan und „buchen“ beim ersten Guide, der auf der Straße steht, den Ausflug nach David Garetscha.  Also, wir haben nichts schriftlich. Er auch nicht. Aber er holt uns morgen 10:00 Uhr ab. Ich bin gespannt.

Da uns die Kankali nicht so schmecken, dass wir sie unbedingt und überall essen müssen, gehen wir wieder in unser „Stammlokal“ am Maidan und essen Pelmeni. Hier waren wir während des Urlaubs tatsächlich einige Male.

Und dann gehts endlich zur Festung hoch, die aber keinen Besuch wert ist.  Narikala, so heißt sie, wurde im 4. Jahrhundert von den Persern errichtet.  Bis zur Erfindung des Schießpulvers war sie praktisch uneinnehmbar. Wachtang Gorgassali und sein Sohn Datschi erweiterten den Bau. Zur Oberburg kamen  eine Unterburg und Stadtmauern.  Als Aga Mohammad Khan Tbilissi praktisch dem Erdboden gleich machte, verschonte er die Festung, die zwar schwer, aber nicht mehr uneinnehmbar war. Und doch war es dann das Schießpulver, das Narikalas Schicksal werden sollten. Die Russen nutzten die Zitadelle nämlich als Pulverkammer und als ihnen 1827 ihr Pulver um die Ohren flog, war das das Ende der Festung.

Wir haben keine Lust auf Ruinen und schlendern an zahlreichen Bettlern vorbei zur Mutter Georgiens. Die ist gar nicht so leicht zu fotografieren, da sie uns ihr Hinterteil präsentiert. Dafür kann man von hier aus mit dem Tele endlich mal Wachtang auf der anderen Seite des Flusses ins Gesicht schauen.

Wir würden gern mit diesen Dingern über den Botanischen Garten schweben. Also ich bin mir nicht wirklich sicher. Aber die Freundin will. Aber wir würden auch gern Seilbahn fahren. Mit diesen Dingern auf einer Art Flying Fox de luxe über den botanischen Garten zu schweben oder rasen, würde bedeuten, wieder hoch zur Festung laufen zu müssen. Dazu hat keine Lust. Lieber Aussicht genießen bei Latte Macchiato auf einer Terrasse, viele Fotos machen und dann mit der Seilbahn runter in die Stadt.

Und abends sitzen wir wieder in der Nähe des Hostels und schauen dem Treiben auf der Straße zu. Schlafen ist eh unmöglich. Bis nach Mitternacht hämmert jemand auf einem Klavier rum.

Veröffentlicht unter Wanderlust | Verschlagwortet mit , , , , , | 4 Kommentare

Heute kein Kosten (8. Oktober 2017)

Im Hostel, unten im Keller, in der Küche, da sitzen die Besitzer und rauchen. Als ich gestern Abend draußen auf dem Hof stand, haben sie mich extra darauf hingewiesen.

Ich bin zwiegespalten. Einerseits ist das natürlich komfortabel. Andrerseits stört es mich.

Aber früh am Morgen, wenn das Hostel noch schläft, ist das ok. Ich muss ja zeitig raus, weil ich die erste auf der Toilette sein will.

Zwei Moldawier sind schon da. Und rauchen.

Das sind Roma.

Also eigentlich weiß ich nicht, ob es Roma sind oder Sinti oder. Der Mann erklärt mir stolz, dass sie Gipsy aus Moldawien sind. Hm. Als politisch korrekter Mensch darf ich nicht Zigeuner sagen. Aber leben in Moldawien Roma? Oder Sinti? Oder? Ich frage nicht. Denn wenn sie oder sind, sind sie vielleicht beleidigt, weil ich zwar Roma und Sinti „kenne“ aber nicht sie. Die Welt ist kompliziert.

Sie laden mich zum Essen ein. Ich lehne dankend ab. Ich würde ja gern, aber…

Was das Essen  betrifft, verhalten wir uns inzwischen leicht paranoid.

Die Freundin hat gelesen, dass man auch die Zähne nur mit gekauftem Wasser putzen soll. Also tun wir das. In Gaststätten trinken wir nur aus geschlossenen Flaschen bzw. Dosen, denn wir trinken hauptsächlich Cola. Soll ja helfen. Ich glaube, in Georgien habe ich soviel Cola getrunken wie in den letzten 30 Jahren zusammengenommen. Frisches Gemüse kommt nach wie vor nicht auf den Tisch. Alles muss gekocht, gebraten, gebacken sein. Deshalb kann ich zum Glück auch Kaffee trinken. Ok, die aufgeschäumte Milch…

Aber wir sind eh chancenlos. Inzwischen haben wir erfahren, dass es hier eine sehr lange Hitzewelle gab und irgendein Virus oder irgendwelche Bakterien jeden Ausländer flach legen. Es soll schon ganze Reisegruppen ermittelt haben. Und sogar Georgier.

Zum Frühstück gibt’s Bananen und Salzstangen. Wir kaufen nur noch, was gut verpackt ist, am besten in Mitteleuropa zubereitet wurde und irgendwie hilft.

Dann wackeln wir zur Apotheke.  Die Frau hinterm Tresen grinst, verkauft uns jedem eine Packung Diarrh-Limit und schärft uns ein, alle 6 Tabletten nach Anweisung und bis zum Schluss zu nehmen. Ich kaufe noch Antibakterielle Tücher dazu. Ich hasse Menschen, die sich nach Benutzung von Toiletten die Hände derart reinigen. Ich bin paranoid.

Straßenfest ist überall in der Stadt. Sogar auf den Dächern der Bäder. In den engen Gassen der Altstadt ist kaum ein Durchkommen und die Plätze wie der Maidan oder der, wir nennen ihn Europaplatz, sind überfüllt.  Wir versuchen auch die Stadt zu fotografieren, was angesichts der Menschenmassen ein schwieriges Unterfangen ist. Die Bettler haben ihre Plätze vor den Kirchen und Moscheen verlassen. Oder es sind heute einfach mehr. Manche ziehen eine echte Show ab. Schmeißen sich mitten auf den Gehweg oder Platz, liegen da und zittern und schreien. Das ist ziemlich übel und animiert mich nun nicht gerade dazu, etwas Kleingeld herauszugeben.

Oberhalb des von uns so getauften Europaplatzes gibt es Kinderreiten. Die, die die Pferde führen, sind keine reitdenden Mädels wie hierzulande. Mir sehen sie eher, ja, wie „unsere “ Hirten aus. Ich hoffe, die da haben noch Herden und das hier ist nur ein kleiner Nebenverdienst. Glücklich sehen sie dabei allerdings nicht aus.

Wir lassen uns treiben. Gern würden wir Schaschlik essen. Oder diese Süßspeisen, die die alten Frauen da zusammenrühren. Oder Freundin, guck mal, DAS sieht ja auch sehr lecker aus. Was das wohl ist?

Es ist zum Heulen. Ich achte nie auf die Ratschläge für Touristen. Esse und probiere am liebsten auf der Straße. Doch an diesem Sonntag bin ich ganz brav. Die Freundin auch. Nur einmal wollen wir Kinkali kaufen, aber die Frau, die die verkauft (es ist nicht dieselbe, die die Kinkali zubereiten), scheucht uns davon.

So essen wir brav im Restaurant. In der Touristraße. Abends. Und unterwegs eben Bananen und verpackten Scheiß aus dem Westen.

Und geröstete Nüsse. Eine Ausnahme wird ja wohl erlaubt sein.

Zum Glück gibt es genug zu sehen. Und ich könnte ja Socken für die ganze Familie kaufen. Aber es gibt weder ganz kleine  für die Enkel noch ganz große  für die mit Schuhgröße über 40. Aber so eine gefolizte Tasche? So eine Marienkäfertasche? Die ist doch wie gemacht für Prinzessinnen. Und die Omi legt mir noch eine Haarspange dazu. Auch gefilzt. Versteht sich ja von selbst.

Und dann wird überall getanzt und Musik gemacht. Am meisten dort nahe der Brücke, den Platz finden wir nur zufällig, weil wir mal einen anderen Weg gehen wollten. Und wenn Sie sich wundern, dass die Bilder so unscharf wirken, ja, da war überall Rauch. Wie Nebel. Von den Grills.

Die Frauen rennen mit Blumenbändern im Haar rum. Die Freundin auch. Ich nicht.

Und es ist Sommer.

Ein schöner Tag. Vom gestrigen Schock nichts mehr zu spüren. Tbilissi ist noch schöner, wenn die Einwohner feiern.

Als wir zurück laufen, verlaufen und fürchten wir uns etwas, so gruselig sieht das Viertel aus. Aber die Männer sind nett, winken und schreien uns nach und zeigen uns, wo es lang geht zur Fußgängerzone in Neu- Tbilissi. Da wo die Touris wohnen und alles etwas sauberer scheint.

Die Hostelmama hat unsere Wäsche von der Leine genommen und zusammengelegt ins Zimmer getan. Währenddessen sitzen wir ganz lange in der Touristraße draußen auf einem Freisitz und sehen dem Treiben zu. Denn Einwohner gibt’s ja auch hier. Und es ist Sommer.

Achtung: Heute gibt es sehr viele Fotos.

Veröffentlicht unter Wanderlust | Verschlagwortet mit , , , , | 9 Kommentare

Der übliche Schock (7. Oktober 2017)

Wenn man aus dünn besiedelten oder sehr armen Gebieten in Großstädte kommt, wenn die Menschen in jenen dünn besiedelten oder sehr armen Gebieten auch noch, wie es uns scheint, recht archaisch leben, die Großstadt aber modern ist oder sich zumindest den Anschein gibt, erlebt man eine Art Schock.

Ich erlebe eine Art Schock.

Jedesmal.

Wenn ich aus dem armen Rumänien kam in das für Ostblockverhältnisse unglaublich reiche Budapest und auch als ich Jahre später aus der rumänischen Maramures in die ungarische Hauptstadt kam.

Ich stehe dann immer etwas fassungslos da. Die Menschen sind mir viel zu viel, es ist zu laut und die Probleme der gestressten Einwohner scheinen mir lächerlich, wohl wissend, dass genau diese Probleme in spätestens zwei Wochen wieder meine eigenen sein werden. Je nachdem, wie lange ich mir die Gelassenheit bewahren kann.

Als mich der Greyhound seinerzeit über Nacht von den Amischen direkt ins Herz New  Yorks katapultierte, wollte ich die Stadt sofort wieder verlassen. Zum Glück ging das  nicht, weil ich ja abhängig vom Flieger war. Zum Glück, weil New York sich  als spannender, faszinierender Ort entpuppte.

Als wir nach Tbilissi kamen, waren wir auch geschockt. Zwar hatten wir uns am Abend vorher in unserem Nobelrestaurant in Kachetien schon etwas an die Zivilisation gewöhnen können, aber die georgische Hauptstadt erwartete uns mit dem jährlichen Stadtfest. Und Stadtfest oder überhaupt Fest bedeutet in Georgien, dass alle, wirklich alle auf der Straße sind. Und ich meine jetzt nicht nur die Einwohner. Denn überall sitzen Frauen und Männer und verkaufen, was sich verkaufen lässt. Jeder kann irgendetwas schnitzen, stricken, kochen, backen, häkeln, malen, filzen, anbauen.  Und wer nichts kann, kann wenigstens Kinder schminken. Übrigens, diese Art der Kinderbespaßung obliegt in Georgien, wie  bei uns ja eher üblich, nicht den Frauen, sondern den Männern. Wer all das nicht kann, kauft eben Wasser oder Luftballons und verkauft sie wieder. Dazwischen wird überall, wirklich ÜBERALL gegrillt. Die nobelsten Restaurants werden zu Grillbuden. Dazwischen räumt jeder zweite Bewohner seinen privaten Grill raus und verkauft, ja was schon, Schaschlik. Schaschlik ist übrigens eine georgische Erfindung, die sich über das gesamte russische Reich verbreitet hat und auch in Georgien heute unter seinem russischen Namen, Schaschlik eben, geliebt und zelebriert wird.

Und wer wirklich gar nichts kann, der bettelt. Teilweise auf sehr kreative Weise, wenn ich das mal positiv ausdrücken darf. Aber dazu später.

Wir fahren also im Kleinbus nach Tbilissi.

Der Freundin ist schlecht. Es dauert eine Weile, eher wir sie dazu überreden können, sich doch bitte vor zum Fahrer zu setzen. Die Schweizerinnen haben Durchfall. Ich irgendwie auch wieder. Der Fahrer tut mir leid, der sichtlich Angst um seinen schönen neuen Kleinbus hat. Dazu die hysterische Fracht (der Hamburger ist der einzige verbliebene Mann, da das Pärchen beim Chef des Unternehmens im Auto sitzt). Als er fast eine Hündin mit Welpen überfährt, ist das Gekreische groß. Und dann muss er natürlich ab und an mal halten. Und zwar jetzt hier sofort. Weil die eine Luft braucht und die andere einen Busch und Papier.

Was gut ist am Reiseveranstalter, ist, dass er uns nicht am Hotel im Bäderviertel absetzt, wo ja die Tour offiziell endet, sondern zu unserem Hostel bringen lässt. Das liegt in Neu- Tbilissi. In einer Fußgängerzone. Später erfahren wir, dass die Einwohner die Straße als Touristraße bezeichnen. Tatsächlich reihen sich hier Bars, Cafés und Restaurants aneinander, dazu Hostel und Souvenirshops. Wissen wir aber nicht, als wir aus dem Bus hopsen und uns durch das Gedränge oben beschriebenen Straßenfestes wühlen.

Unser Hostel liegt in einem typischen georgischen Hinterhof. Die Stadtführerin hatte uns vor einer Woche extra so einen gezeigt. Nun wohnen wir in einem. Das Zimmer ist eng und hat nur ein winziges Fenster. Ich habe versucht zu fotografieren. Es ist auch nicht abschließbar. Es sei ja immer jemand da, meint der junge Mann. Der gehört zu der Familie, die die Unterkunft betreibt und die wohnt auch hier. Man trifft sie ständig in der Küche. Die liegt Richtung Hof quasi im Keller. Aber in die andere Richtung ist noch ein Hof, da liegt die Küche im Erdgeschoss. Es gibt eine Toilette für Hostel und Familie. Da ist auch die Dusche drin. Das wird hart für leicht kränkliche Mitteleuropäer.

Wir packen aus, richten uns ein und schlafen erst mal eine Runde.

Dann laufen wir zum Bäderviertel. So groß ist Tbilissi wirklich nicht, scheint es. Auf dem Maidan treffen wir die Schweizerinnen und den Hamburger. Auch das Pärchen kommt noch mal kurz vorbei, um Tschüß zu sagen,, muss aber weiter, weil es bei Freunden eingeladen ist, bevor es weiter nach Sarajevo geht.

Wir fünf suchen und finden tatsächlich eine etwas ruhigere Gasse mit Restaurants. Wir sitzen draußen. Es ist warm in Tbilissi. Was für ein Genuss. Und. An diesem Abend sehr wichtig. Von dem die ganze Stadt einnehmenden Geruch nach Schaschlik und dem Qualm der Grills und Öfchen ist hier fast nichts zu spüren.

Die Schweizerinnen werden weiter ans Meer fahren und geben uns wertvolle Tipps für den Zugticketkauf.

Wir werden uns morgen erst mal in das Stadtfest stürzen. Jepp.

Fotos wie immer. Drauf klicken = groß gucken. Und. Morgen gibts wieder mehr Fotos

Veröffentlicht unter Wanderlust | Verschlagwortet mit , | 4 Kommentare