Platzkartnaja (24.06.2019)

Heute fahren wir Transsib. 3. Klasse. Das hatte ich mir gewünscht. Da wir am Tag fahren, können wir, falls es uns zu bunt wird, immer noch in den Speisewagen ausweichen.

3. Klasse, Platzkartnaja, bedeutet bis 36 Liegen in einem Wagon. Wir sind gespannt.

Doch zunächst heißt es wieder mitten in der Nacht aufstehen, 5:00 Uhr. Ein Taxi bringt uns zum Bahnhof auf der anderen Seite der Ankara.

Es ist neblig. Es ist kalt. Keine idealen Bedingungen für der Freundin Must have Foto vor dem Bahnhofsgebäude. Schließlich war deren Kindheitswunsch, das Synonym für ganz weit weg, immer Irkutsk. Es wird halt ein sibirisches Foto. Dick eingemummelt, Mütze, Kapuze.

Unser Wagon ist relativ leer. Interessiert begutachten wir alles. Auf der einen Seite, da wo wir zum Glück unsere Liegen haben, sind je zwei Liegen übereinander, in einer Nische insgesamt vier. Die unteren Liegen dienen am Tag als Sitzplätze, die oberen können zur Lehne runtergeklappt werden. Auf der anderen Seite sind zwei Liegen übereinander, die untere wird allerdings am Tag vollständig hoch bzw zu Sitzen und Tisch geklappt. Dort hat man bei einer längeren Fahrt sicher die A**karte.

(Wie es in der 2. Klasse, im Kupé, zugeht, können Sie hier nachlesen. Vor 5 Jahren sind wir ausschließlich Kupé gefahren. Im Zug)

Aber wir fahren nur 12 oder 14 Stunden, entlang am Baikal, nach Ulan- Ude. Bis Sljudjanka allerdings liegend. Wir müssen Schlaf nachholen. Frische Bettbezüge gabs gleich nach dem Einsteigen.

In Sljudjanka, einem Urlaubsort direkt am Baikal, haben wir 45 min Aufenthalt. Es gibt keine Babuschki, auch vor dem Bahnhofsgebäude nicht. Dafür höchst offizielle Kioske. Wir kaufen Omul und Piroschki. Und ich staune wieder mal, dass importierte Zigaretten, in dem Fall die Marke mit M, billiger sind als russische.

Der Baikal lässt sich kaum sehen, hüllt sich in dicke Nebelschwaden ein. Die Freundin hat Kopfschmerzen. Vermutlich von den Rüttelfahrten auf Olchon.

In Wydrino stehen sie, die Babuschki. Doch ich habe nur 500 Rubel, die mir niemand wechseln kann. Jetzt bin ich auch leicht bedient, denn natürlich ist der Omul aus dem Kiosk ungenießbar. Wieso kriegen den nur die Kafes und die Opis der Omis so hin, dass man ihn essen kann? Fragen über Fragen.

Abends treffen wir in Ulan- Ude ein und laufen eine kleine Ewigkeit zum Hotel. Hier ist es gar nicht neblig , dafür richtig heiß. Und das Hotel, die billigste Unterkunft auf dieser Reise, ist die nobelste. So richtig mit Hausschühchen und Bademantel und Hygieneprodukten im Bad. Dem Hotel ist ein gutes Restaurant angeschlossen, das wir unserem nicht verzehrten Reiseproviant vorziehen.

Heute gibt es wieder ein paar mehr Bilder. Aus dem Zug und aus dem Zug heraus, als das Wetter besser wurde und natürlich ein paar Stationen gibt es auch zu sehen. Den Baikal nicht. Der lag unter einer dicken grauen Nebelschicht. Und als es aufklarte, hatten wir den See längst passiert. Drauf klicken erleichtert wie immer die nähere Betrachtung.

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Weg von der Insel (23.06.2019)

8:00 Uhr aufstehen. Und das im Urlaub.

Es ist diesig, es ist kalt, es nieselt.

Wir sind ein bisschen aufgeregt, ob uns der Marschrutkafahrer auch findet. Der, der uns hergefahren hat, hat uns schließlich am falschen Ort abgesetzt. Deshalb gehen wir nach dem Frühstück und dem Auschecken runter zur Nagornaja- Straße. Unsere Pension liegt laut Adresse zwar auch in dieser Straße, aber in Wirklichkeit eben nicht. Da die Marschrutkas die Fahrgäste an ihren Unterkünften abholen, ist natürlich unklar, wann genau der Minibus hier sein wird.

Doch der Fahrer findet unsere Unterkunft und wir hasten den Berg hinauf einem kopfschütelnden Chauffeur entgegen.

Kein Platz für meinen Rucksack, obwohl mit uns erst 5 Leute im Fahrzeug sitzen. Eine Asiatin mit Mundschutz zeigt mir, wo ich mich hinzusetzen habe. Die Frau ist Passagierin. Ich bin sofort angefressen. Ehrlich, wenn das so weiter geht, entwickle ich hier noch einen Rassismus. Aber natürlich, ich weiß, die Arschlochdichte ist ja überall gleich. Und die hier spinnt ja wohl.

Leute einsammeln. Der Bus wird voll. Rappelvoll. Vier Amis, die Asiatin, wir, der Rest Russen.

Schwanger darf man nicht sein. Es rüttelt und schüttelt.

35 km Rüttelplatte, dann endlich die Fähre, die schon auf uns wartet. Unsere „Freundin“ hustet ununterbrochen. Deswegen wohl der Mundschutz. Als sie sich aber erbricht und danach gleich weiter isst, sind wir anderen leicht konsterniert.

Pause an der Raststätte. Das Essen an diesen riesigen Schnellimbissen ist erstaunlicherweise gut. Jedenfalls an dieser. Und es gibt saubere Toiletten. Das muss erwähnt werden, weil ich das letzte Mal ja ganz andere Erfahrungen gemacht habe.

Die von allen ungeliebte Mitfahrerin, die kein Wort spricht, zeigt allen und überall, was sie zu tun und wo sie sich hinzubewegen haben.

Am Zentralmarkt in Irkutsk, dem Ziel, kann sie dann doch reden. Sie wundert sich nämlich, dass wir nicht am Busbahnhof ankommen. Und da ich ja ein netter Mensch bin und nicht nachtragend, das zumindest nicht zeige, rede ich mit ihr und erkläre, dass das die Endhaltestelle ist. Wie sie allerdings zum Busbahnhof kommt, soll sie selber rausfinden.

Ich bin böse.

Nein, am Zentralmarkt bin ich selbst immer erstmal etwas orientierungslos und weiß nicht, in welche Richtung ich gehen muss. Ich hätte ihr den Weg gar nicht erklären können, weil ich selbst sicher erstmal falsch gelaufen wäre.

Wir sind wieder im Art Hostel, wo man uns diesmal schon erwartet. Wir dürfen uns auch ein anderes Zimmer wünschen. In das erste hat immer ne Straßenlaterne geschienen, jetzt haben wir eins zum Hinterhof hinaus.

Dann wackeln wir noch zum 130. Quartier. Das ist im Stil der traditionellen russischen Holzbauweise errichtet. Einige Häuser sind alt und restauriert, andere der Einfachheit halber neu gebaut, allerdings nach dem Vorbild alter Stadthäuser.

Es gibt nur noch Boutiquen und Nobelrestaurants dort. Und ein Einkaufszentrum am Rand des Viertels. Wir sind schnell durch. Falls ich noch mal nach Irkutsk komme, hier muss ich nicht mehr her. (Wie wir das Viertel vor 5 Jahren erlebt haben, können Sie hier lesen. Dann werden Sie auch den Unterschied bemerken. Der zweite Blick) Aber dann treffen wir zwei Reisebekannte aus Chuschir, die wir in der Unterkunft trafen. Die sind auf Weltreise. Low Budget. Wir quatschen ein bisschen, verabschieden uns und wackeln zurück. Auf dem Weg finden wir ein wunderbares russisches Kafe, wo ich endlich leckeren Omul und die Freundin nicht weniger leckere Buusy essen.

Fotos gibt’s heute fast keine. Das Quartier ist nicht schön und alles andere, fast alles andere habe ich Ihnen ja schon gezeigt. Allerdings mussten wir dringend die Straßenbahn fotografieren, mit der wir sehr gern durch die Stadt gefahren sind. Und den Mann auf dem Pferd. Glaubt uns ja sonst wieder keiner.

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Wandertag (22.06.2019)

In der Nacht hat es geregnet. Und auch am Vormittag ist es noch recht frisch.

Heute wollen wir Räder ausleihen und auf die andere Seite der Insel fahren. Das sind 20 km hin und 20 zurück. Dabei müssen wir jeweils 10 km bergauf und 10 km bergab fahren, weil zwischen unserem und dem anderen Ufer ein fieser Berg liegt.

Aber noch ist es uns zu windig und trüb.

Laufen wir also erstmal zur „Promenade“, trinken Kaffee, essen Blini und kaufen noch mehr Socken aus Yakwolle und für die Enkelin der Freundin eine Wackelmatrjoschka.

Währenddessen wägen wir das Für und Wieder der Radtour ab. Und entscheiden.

Nein.

Wir wandern lieber.

Richtung Klein Chuschir vorbei am „chinesischen Lager“. Hier sieht jedes Haus gleich aus. Und natürlich schützt ein Tor die Insassen, äh Bewohner, vor ungebetenen Gästen. Oder soll eher vermieden werden, dass die Bewohner unbefugt das Camp verlassen? Gut, Ferienanlagen sehen in der Regel immer hässlich aus. Und bestehen immer mehr oder weniger aus gleichen Bungalows.

Wir staunen über das Verständnis der Russen für Naturschutz. Direkt neben dem Schild, das die Grenze markiert und Auto fahren und Feuer verbietet, stehen neue Wohnhäuser und Autos und natürlich, da wo noch Wald ist, liegt Müll in eben diesem.

In einem Restaurant in einer Jurte wollen wir nun unbedingt einkehren. Aber erst müssen wir warten bis die Betreiber, die in ein paar Jurten nebenan wohnen, da sind. Und dann gibt es nur Käse. Gehen wir eben weiter.

Bin ich froh, dass wir keine Räder ausgeliehen haben. Es geht stetig bergan, es gibt keinen Baum, dafür einigermaßen Wind. Irgendwo da oben ist ein Aussichtspunkt. Den wählen wir als Ziel aus. Der Weg zieht sich.

Oben werden wir allerdings tatsächlich mit einer schönen Aussicht belohnt. Trotz trüben Wetters können wir das gesamte Ufer von Klein Chuschir bis Chuschir sehen. Die Orte natürlich auch. In die andere Richtung allerdings starren wir nur auf noch mehr Berge. Bin ich froh.

Über diese Berge wollen wir bei dem Wetter nicht mal laufen. Wir kehren zurück, kaufen im Supermarkt Reiseproviant, essen irgendwo Buusy und trollen uns in unsere Unterkunft.

Am Abend zieht dicker Nebel vom Baikal her. Das ist ein Naturschauspiel, das ich allerdings ohne Kamera genieße, weil ich nur noch mal raus wollte. Als ich mich endlich lösen kann vom Spektakel und den Fotoapparat geholt habe, ist es eigentlich schon vorbei. Hat weniger als eine halbe Stunde gedauert, da ist der Ort in dicken Nebel gehüllt.

Morgen soll es regnen. Egal. Morgen geht es zurück nach Irkutsk.

Es folgen ein paar Nebel- und ein Müllbild.

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Ruhetag und neue Bekanntschaften (21.06.2019)

Heute also ruhen wir uns aus. Trotz Sonnenschein bedeutet das, erst mal bis Mittag in der Pension abhängen. Nebenbei wäscht die Putzfrau, eine Burjatin, heimlich unsere Klamotten. Jedenfalls soll das die Chefin nicht wissen, bedeutet sie uns, die Burjatin. Wäschewaschen lassen kostet nämlich. Schlappe 100 Rubel. Vielleicht auch 200. Jedenfalls nicht viel. Aber die Putzfrau freut sich so, der Chefin ein Schnippchen zu schlagen und uns einen Gefallen tun zu können, wie soll man da Nein sagen?

Dann wackeln wir durch den Ort. Immerhin ist Freitag. Vielleicht sind da ein paar mehr Händler da wegen der zu erwartenden Wochenendausflügler. Ich brauch dringend neue Hausschuhe. Die aus Yakwolle. Die, die im Sommer so herrlich kühlen und im Winter kuschelig warm sind. Meine haben immerhin 5 Jahre gehalten. Aber jetzt hat die Sohle ein Loch. Ich bin ganz wuschig.

ICH.BRAUCHE.NEUE.HAUSSCHUHE.

Es sind tatsächlich mehr Händler da. Aber nicht die richtigen. Irgendwie. Viel Kunst und Schmuck und Gedöhns. Aber das Mädchen mit den Socken aus Yak-, Kamel-, Schaf- und Ziegenwolle ist wieder da. Und die hat heute Hausschuhe. Es sind nicht die Art, wie ich sie vor 5 Jahren kaufte. Sie sind ehrlich gesagt, nicht halb so schön. Und die sind auch nicht aus Yakwolle, sondern vom Kamel. Nuja, dann eben die.

Wir laufen die Hauptstraße hoch und runter, den Boulevard hoch und runter, kaufen noch mehr Tee und Warenje und Zirbelkerne.

Dann hängen wir wieder in der Pension ab. Es ist wirklich schade, dass es keinen geräucherten Omul mehr gibt. Den gesalzenen aus dem Supermarkt kriegen wir nicht geschnitten, nicht gekaut und eigentlich ist er auch ungenießbar.

Was die Russen Dank Sanktionen gelernt haben, ist, Käse herzustellen. Das ging denen früher völlig ab. Jetzt gibts hier ordentliche Sorten aus heimischer Produktion, die unseren Möchtegern- Edamer und – Gouda und – Tilsiter in nichts nachstehen. Und leckere Dauerwurst gibt es auch. Es heißt ja immer, dass Krisen auch Chancen bergen. Die Russen haben diese Chance meisterlich genutzt. Sanktionen können auch was Gutes haben.

Am Abend bringt uns eine Marschrutka nach Maly Chuschir, dem burjatischen Nachbardorf, in dem jetzt auch Russen leben. Und es gibt die ersten Pensionen und Hotels. Ich hoffe, die gehören Burjaten.

Mit uns gefahren sind 5 Russinnen, mit denen wir den alten Hof besuchen, auf dem noch ein bisschen versucht wird, die Traditionen zu bewahren und Besucher zu informieren. Das Programm ist zum Glück etwas anders als vor 5 Jahren. Interessant ist es allemal. Wir müssen wieder mittanzen, es gibt weiße Speisen und Getränke und Samogan, Schnaps, und die Frau spricht es wirklich so aus: Sa-mo-gan. Die Erzählerin ist diesmal eine sehr alte Frau und beim Rätselraten finde ich sogar einmal die Lösung. Da hätte ich jetzt gern meine Cousine neben mir, die mir vor 5 Jahren attestierte, wie grottenschlecht mein Russisch sei. Ätsch.

Dann vergisst uns der Fahrer abzuholen und wir stehen lange draußen in der Kälte. Denn nachts ist es kalt in diesem Juni. Die Russinnen zeigen uns Videos und Fotos, wie sie im Baikal baden. Ich meine, jetzt nicht nur mit den Füßen. Der Freundin und mir schaudert. Sie fragen uns, ob wir auch gebadet haben. Natürlich nicht! Und mit Hinweis auf die Fotos, auf denen alle Damen mit Schuhen badeten, meine ich Wir haben die falschen Schuhe. Zu dumm, dass ich Tefas trage. Das sind genau die richtigen Badeschuhe, gickern die fünf. Und dann zeigt uns Veronika noch ein Video vom Winter. Ein Video, wie sie im Winter badet. Im Freien. Und eine Dame, die aus Archangelsk kommt, hat leider kein Video oder Foto, beteuert aber, dass sie da auch im Winter badet. Wir glauben ihr aufs Wort.

Dann findet sich endlich der Fahrer ein und bringt uns zurück. Und wir brauchen erst mal ganz viel heißen Tee. Uns ist schon allein vom Video gucken bitterkalt zumute.

Morgen wollen wir Räder ausleihen und auf die andere Seite der Insel fahren. Wir haben heute schon geguckt, wo wir uns die Räder ausleihen werden und nach dem Preis gefragt.

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Geister, Steine und Geschichten (20.06.2019)

Es ist zwar warm, aber nicht staubtrocken. Also das richtige Wetter für einen Ausflug an die nördlichste Spitze der Insel. Nach Choboi. Mit der Marschrutka. Choboi ist immerhin 40 km entfernt, es gibt keine Befestigte Straße, nicht mal dieses Gebilde, das vom Fährhafen nach Chuschir führt. Und da davon auszugehen ist, dass noch andere Ausflügler unterwegs sein werden, jedenfalls sieht man hier immer mindestens zwei der Minibusse zusammenfahren, ist es schon wichtig, aufs Wetter zu achten. Denn sitzt man im hinteren Fahrzeug, schluckt man bei zu heißem Wetter nicht nur zuviel aufgewirbelten Staub und Sand, man sieht vermutlich auch nichts.

Also Choboi. Das Kap liegt ganz im Norden der 72 km langen Insel. Dort treffen Kleines und Großes Meer, in das der Baikal unterteilt wird, zusammen. Hier befindet sich die breiteste, aber auch die tiefste Stelle des größten Süßwassersees der Erde..

Choboi ist burjatisch und bedeutet Reißzahn. Viele Namen auf der Insel, wie der der Insel selbst, stammen aus dem burjatischen. Und da die bizarren Felsformationen die Phantasie anregen und anregten, wurden sie Teil der Geisterwelt dieser mongolischer Volksgruppe. Auch wenn heute viele Buddhisten sind, erinnern die Geschichten und Namen an den Tengrismus und Schamanismus der Vorfahren.

Und so ist auch Choboi ein sakraler und heiliger Ort.

Aber wir kämpfen uns erst mal wieder durch das Frühstück. Seltsam, vor 5 Jahren gabs hier ständig Blinies, in diesem Jahr haben wir die leckeren Dinger noch nicht ein mal serviert bekommen. Heute gibt es Kascha, was wir abwählen bzw. einem jungen Pärchen überlassen. Die zwei sind Deutsche und befinden sich auf Weltreise. Sie trampen viel und gehen eher selten ins Restaurant, da sie natürlich mit dem Geld haushalten müssen. Das sie unser Kascha annehmen, liegt aber nicht an ihren Finanzen, sondern daran, dass ihnen das Zeug schmeckt.

Natürlich werden wir, wie das auf Olchon üblich ist, an der Pension abgeholt. Und der Fahrer, ein Einheimischer logisch, findet die Pension auch. Zwei Russinnen sitzen schon in der Marschrutka, zwei weitere suchen wir gemeinsam. Das heißt natürlich, der Fahrer sucht und kurvt rum und hupt. Und wir recken die Hälse und suchen etwas, das sich bewegt und als unsere Mitfahrer entpuppen könnte.

Dann treffen sich alle Minibusse am Supermarkt.

Dann geht es los.

So, also, bei allem, was wir zu sehen bekommen, das eigentliche Highlight ist die Fahrt. Es geht über „Wege“, ja, wie soll ich es beschreiben, die sind so ausgespült oder ausgefahren, da gibt es Löcher so groß wie die Fahrzeuge. Der Fahrer gibt sich alle Mühe, trotzdem werden wir durch und durch geschüttelt. Und unser Hauptaugenmerk liegt wirklich darauf, nirgends mit dem Kopf anzustoßen, nicht mit der Stirn gegen die Scheibe zu schlagen, sich nicht die Nase am Vordersitz zu brechen. Solche Dinge eben. Nebenbei gucken wir natürlich raus und bestaunen eine unglaubliche Landschaft und die Fahrkünste der Fahrer.

Erster Stopp ist Charanzew. Also ein kleines Kap hinter dem Ort. Hier hat man einen phantastischen Blick aufs Meer, hier das Kleine Meer. Es ist glasklares Wetter, so sehen wir nicht nur die Inseln Krokodil und Löwe, sondern auch eine seltsame Felsformation im Marmor am Ufer des Festlandes. Es erinnert an ein Frauengesicht.

Nur 40 Minuten und ein paar Rüttelschäden am Gehirn später, wobei wir alles durch und überfahren, was die Insel zu bieten hat, als da sind „Feldwege“, sehr ausgefahrenen Waldwege und am Ende Dünen, sind wir in Pestschannaja. Die 8 Einwohner betreiben ein kleines Café nebst Laden, in dem man Snacks und Souvenirs kaufen kann, sowie ein kleines Museum. Früher, genau genommen von 1932 bis 1950, war das ein Gefangenenlager, ein Gulag. Im Lager gab es eine Fischfabrik. Hier saßen auch Bürger Olchons wegen Bagatelldelikten lange Lagerstrafen ab. Es soll mal eine Straße gegeben haben, die jedoch mitsamt 20 Häusern von einer Wanderdüne verschlungen wurde. Nicht sofort. Der Prozess begann Ende der 1940er Jahre und dauerte 30 Jahre. Schneller verschwand der Steg, von den Litauern, die ab 1941 hierher zwangsumgesiedelt wurden, gebaut. Er brannte 2003 ab. Auch sonst erinnert kaum noch etwas an die Geschichte des Ortes. Heute kommen die Leute her, um den breiten Sandstrand zu genießen. Oder sie zwischenstoppen auf dem Weg zum Kap Choboi.

Die Russen in unserem Bus sind ein lustiger Trupp. Singen und reden viel.

Wir sind auf dem Weg zu den ‚Drei Brüdern“, einer weiteren außergewöhnlichen Felsformation aus Marmor, mit den charakteristischen roten Flechten überzogen. Hier ließ der Gott der Burjaten, Burchan, seine ungehorsamen Söhne zu Stein erstarren. Sie hatten sich geweigert, die entflohene Schwester einzufangen. Und wir sind ständig auf der Flucht vor in 5-6 Marschrutkas tourenden Chinesen und Chinesinnen. Nicht, weil wir gegen Chinesen und Chinesinnen sind, sondern weil wir fotografieren wollen. Und fotografieren mit wenig Menschen drauf, ist irgendwie nicht möglich, wenn die 5-6 Minibusse da sind. Aber das Gebiet ist zum Glück sehr groß. Wir können erst mal hier hin laufen und dahin, und dort, wo wir ein bisschen klettern können, treffen wir eh nur noch vereinzelt Russen. Als Nebel in eine kleine Bucht zieht, fürchten wir schon um die Aussicht. Aber er scheint sich nicht auszubreiten. Oder zieht wohin, wo wir schon waren oder nicht sind.

Es ist nun Zeit fürs Picknick.

Während die andere Reisegruppe die Picknicktische direkt an den Felsen in Beschlag nimmt, suchen wir uns in Sichtweite ein hübsches Plätzchen im Wald. Hier besteht zusätzlich die Möglichkeit, mal im Gebüsch zu verschwinden. Es gibt Fisch und Kartoffeln, Tee, Kuchen und Obst. Die Frauen singen wieder, wir haben viel Spaß.

Dann geht es endlich zum Reißzahn. Zum Kap Choboi. Da gibts natürlich auch eine Geschichte. Hier soll nämlich ein Schamane seine etwas unzüchtige Gemahlin zu Stein verwandelt haben. Man soll das Profil ihres Gesichts irgendwo sehen. Wir sehen nichts. Der Fahrer der Marschrutka, warnt uns, bevor wir lostappen, eindringlich davor, zu nah an die Felskanten zu gehen. Touristen seien hier schon abgestürzt.

Dann laufen wir los zu einem weiteren heiligen Ort der Urbevölkerung. Hier gibt es aus Holz gebaute Stege, die zum Kap führen. Das schont die Landschaft und hält Übermütige vielleicht davon ab, doch zu nah an die Kanten zu gehen. Na, zumindest trittunsichere Menschen in unpassendem Schuhwerk kommen so einigermaßen sicher zum Reißzahn.

Kurz vorm Ziel steht wieder so eine Serge, ein Pferdepfahl, der auch religiöse Bedeutung hat. Er ist um und um mit Gebetstüchern und Schals umwickelt, und weil es hier im Gegensatz zum Schamanenfelsen nur eine solche Stele gibt, sind fast alle Bäume mit Gebetsfahnen, Schals und dergleichen „geschmückt“.

Natürlich gehört zu einem ordentlichen Ausflug, dass man sich an diesem markanten Punkt fotografiert. Artig stehen die Freundin und ich an und warten, bis die vor uns Angekommenen sich haben ablichten lassen. Dann drücken auch wir die Kamera einem Fremden in die Hand und stellen uns in Position. Leider haben die Chinesen inzwischen auch das Kap erreicht. Eine Frau stellt sich dreist dazu und lässt sich und uns fotografieren. Ich krieg ne Krise. Wir versuchen sie so freundlich wie möglich zu bitten, uns doch die halbe Minute zu gönnen. Aber sie grinst nur und es stellen sich immer mehr ihrer Landsleute zu uns. Das ist zu viel. Wir gehen weiter. Zum Glück ist das Kap groß. Es gibt sogar Stellen, wo man relativ einsam die Aussicht und das Licht genießen kann.

Es ist vermutlich das Licht, das den Baikal und die Landschaft in solche Farben taucht. Oder doch magische Kräfte, wie Schamanen, Burjaten und Esoteriker meinen? Wer weiß. Für mich zählt nur, dass es atemberaubend schön ist.

Später gehen wir noch mal zum Serge und bekommen doch noch unser Foto. Dann laufen wir durch ein Wäldchen zurück und staunen nicht schlecht über drei russische Jugendliche, die sich die ganze Zeit mittels Selfiestick filmen, wie sie da durch den Wald latschen.

Unseretwegen könnte es nun zurück nach Chuschir gehen. Aber die Tour hat noch einiges zu bieten.

Das Kap der Liebe zum Beispiel, einen herzförmigen Felsen. Obs dazu eine Geschichte gibt, weiß ich nicht. Wir hören nicht mehr so richtig zu. Heilig ist der Ort jedenfalls nicht. Aber natürlich schön.

Schließlich fahren wir nach Usuri, dem nördlichsten Ort der Insel. Hier leben 9 Menschen. Hier gibt es auch eine Forschungs- und eine Wetterstation. In der Bucht liegt ein Schiff. Es ist wunderbar hier. Es sind nicht mal Chinesen hier. Chinesinnen auch nicht. Wir sitzen da und glotzen aufs Wasser. Wie kann Wasser nur so blau sein? Und der Himmel so klar?

Dann geht es zurück nach Chuschir. Über Feldwege, stark ausgefahrene Waldwege, Feldwege, Sand, Dünen, Feldwege, stark ausgefahrene Waldwege und die „Hauptstraße“,.

Wir lassen uns am Supermarkt absetzen und gehen in die Posnaja, ein Restaurant, in dem es leckere Buusy gibt, essen.

18:30 Uhr sind wir in der Pension. Völlig erledigt. Über Huckelholperpisten geschleudert zu werden, kann nämlich anstrengend sein. Und wenn der Geist so viele Eindrücke, so viel Schönheit aufnehmen muss, ist das auch ermüdend. Morgen brauchen wir definitiv einen Ausruhtag. Soviel Schönheit hält ja kein Mensch aus.

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Das Dorf, das guggl nicht kennt (19.06.2019)

Der Frühling, sagt unsere Wirtin, ist ungewöhnlich kühl in diesem Jahr. Aber heute ist es schon am Morgen angenehm. Jedenfalls scheint es, als reiche eine Jacke oder ein dünner Pullover, wenn man das Haus erst nach dem Frühstück verlässt.

Zum Frühstück gibt es eine seltsame warme Speise aus Eiweiß. Vermute ich. Kascha ist es nicht. Die Wirtin nennt es Omelett. Aber irgendwas ist komisch. Und es schmeckt nicht. Zum Glück ist ein russisches Frühstück reichhaltig, so dass wir uns an Brot und Wurst und Marmelade halten können.

Wir haben, nachdem wir gestern Pläne geschmiedet haben, tief und fest geschlafen, fühlen uns ausgeruht und bereit. Die Freundin will keinen Bootsausflug machen, weil sie Angst hat, dass wir die einzigen zwei Nicht- Chinesen auf dem Boot sein könnten. Das ist mir Recht. Vor 5 Jahren war es hier sehr heiß und staubtrocken, weswegen wir nicht per Marschrutka ausflügelten. Jetzt ist das Wetter genau richtig. Aber erst morgen. Übermorgen Klein- Chuschir und überübermorgen mit dem Rad auf die andere Seite der Insel.

Und heute?

Heute laufen wir am Strand lang. Richtung Norden. Richtung Wald.

Olchon ist die größte Insel des Baikalsees. Und die einzig ständig bewohnte. 1700 Menschen leben hier ständig. Dazu kommen Besitzer, Betreiber und Angestellte aus dem Gastgewerbe, die nur im Sommer hier sind. Und Hunderttausende Besucher. 2016 waren es schon über 700000.

Olchon ist das burjatische Wort für Wald. Oder auch trocken, lese ich. Es stimmt beides. Denn die 72 km lange Insel ist zur Hälfte mit Wäldern bedeckt, die andere Hälfte ist Steppe. Es gibt nicht einen einzigen Fluss auf der Insel. Auch keinen Bach.

Chuschir liegt ungefähr in der Mitte der Insel, so dass man bei der Anreise zwar nicht durch flaches, aber baumloses Land fährt. Wir wollen jetzt endlich mal den Wald sehen.

Dazu müssen wir wieder am Schamanenfelsen vorbei. Immerhin schützen da Holzabsperrungen davor, dass man mit dem Auto ganz ran fahren kann. Auch an den Strand kommt man nicht mehr mit dem (motorisierten) Fahrzeug. Gleich am Parkplatz, der auch neu ist, stehen ein paar Holzschnitzereien rum, die wir uns ansehen. Die erinnern etwas an die Stelen oder Statuen, die wir oft neben oder an den Jurten sehen.

Dahinter begänne jetzt der Wald. Aber wir laufen doch erst mal am Strand lang. Es ist so schönes Wetter. Wir tragen kurze Hosen, ziehen manchmal die Jacken aus und stecken sogar die Füße in das Wasser des Baikal. Biotoxine hin, Giftstoffe her.

Wir sind fast ganz allein hier. Nur zwei bis fünf Personen begegnen uns. Ob am Strand oder später im Wald weiß ich nicht mehr. Sicher am Strand, denn im Wald, da hätten wir vielleicht mal jemanden nach dem Weg fragen können, daran würde ich mich erinnern.

Hier ist es so menschenleer wie man sich Olchon wünscht. Hier kann frau die Natur genießen. Glasklare Luft, blaues Meer, weiße Wolken, den Sandstrand, die Steilküste aus weißem Marmor am anderen Ufer und der atemberaubende Blick von der Steilküste, an der wir jetzt stehen.

Im Wald verfitzeln wir etwas. Wir haben eine Karte, ja, aber auf einer Insel wo sich die Leute ständig neue Wege schaffen, sind Karten bestenfalls eine Orientierungshilfe. Aber bange wir uns nicht. Links ist der Baikal, rechts irgendwo die „Straße“, hinter uns Chuschir. Sollten wir an Charanzew vorbei laufen, finden wir trotzdem zurück.

Charanzew, so heißt das Dorf, in das wir wollen, hat 97 Einwohner und ist damit immerhin zweitgrößter Ort der Siedlung. (Es gibt auch ein Dorf mit 3 Einwohnern). Vorher suchen wir aber noch einen Picknickplatz mit Blick auf den See.

Hier im Wald ist es windstill und entsprechend warm. Sehr warm. Kaum haben wir ein einigermaßen baumfreies Plateau mit Blick aufs Wasser gefunden, müssen wieder die Jacken raus. Baumfrei ist das Plateau vermutlich auch wegen des letzten Brandes. Es gibt sehr viele Brandspuren im Wald.

Und dann erreichen wir das Dorf. Hier gibt es merkwürdigerweise einen Flugzeuglandeplatz. An dem vorbei kommen wir nach Charanzew. Hier gibt es , etwas außerhalb, zwar auch ein paar Hotels, aber ansonsten wirkt der Ort noch sehr ursprünglich. Es gibt ein Kofe und ein Magazin (Tante Emma Laden), ansonsten dominieren die typischen russischen Holzhäuser. Die meisten ziemlich klein. Die sehen sich so ähnlich, dass man glauben könnte, man hätte immer nur dasselbe Häuschen fotografiert. Ich habe Ihnen mal welche zu einer Collage zusammengestellt. Zum Vergleich.

Während ich hier sitze und schreibe, finde ich heraus, dass es im Kofe die wohl besten Buusy der ganzen Insel gibt. Leider nicht, als wir da sind. Also es gibt eigentlich gar nichts. Außer den üblichen Instand Kaffee. Es hat aber auch niemand etwas dagegen, dass wir uns im benachbarten Laden Kekse holen und zum Kaffee essen.

Zurück wollen wir auf der „Straße“ laufen. Da hier nichts asphaltiert ist, sollte das nicht fußlahm machen. Dazu müssen wir den Flugplatz umrunden und dann ein ganzes Stück über freies Feld laufen. Hier treffen wir tatsächlich zwei Deutsche, schwätzen ein bisschen über Russland im Allgemeinen, Sibirien im Besonderen und Olchon im Speziellen. Dann laufen wir zurück. Die Straße zeiht sich endlos hin, obwohl es nur 8 km sind.

Im einzigen Supermarkt in Chuschir kann man jetzt mit Kreditkarte bezahlen, was auch gefährlich werden kann. Schließlich müssen wir alles im Rucksack nach Hause schleppen, da sollte frau sich bremsen und nicht in einen Kaufrausch verfallen. Wir decken uns mit Tee ein. Für uns, für die Familie, die Zuhausegebliebenen. Und Süßigkeiten als Belohnung für uns selbst. Und natürlich essen wir Eis. Eis essen wir jeden Tag. Es hat auch nur wenige Stunden gedauert, bis wir herausgefunden haben, dass das geliebte Moskauer Eis hier Russisches Eis heißt. Und jetzt gibt es das täglich.

Was es irgendwie nicht mehr gibt, ist Omul. Keine Omis, die den von Opi gefangenen und geräucherten Fisch verkaufen, selbst in den Kofes und Gaststätten ernte ich auf Nachfrage immer ein Net. Oder meistens. Aber heute haben wir Glück und erhalten in einem Café Fisch. Ist zwar kein Omul, trotzdem lecker.

Im Text habe ich den Bericht zum Bootsausflug vor 5 Jahren verlinkt. Hier nun der Link zu unserem Spaziergang Richtung Süden, vor 5 Jahren.

Zum Bilder groß gucken wieder auf dieselben klicken

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Teil des Problems (18.06.2019)

Im Netz habe ich gelesen, dass die Baikalinsel Olchon, besonders der Hauptort Chuschir immer mehr unter dem Touristenansturm leidet. Der setzte ein, als die Insel 2006 ans Stromnetz angeschlossen wurde. Nach wie vor gibt es keine befestigten Straßen auf der Insel. Nach wie vor gibt es keine Infrastruktur. Nach wie vor schießen Hotels wie Pilze aus dem Boden.

Das ist uns schon 2014 aufgefallen. Jetzt soll es noch schlimmer sein. Dass chinesische Touristen 2017 Fährleute verprügelt haben sollen, kann ich allerdings kaum glauben.

Chinesen? Aggressiv? Gut, es sind auch in Irkutsk ein paar mehr als noch vor 5 Jahren, aber die sind doch alle eher lieb. Oder?

Die Schlägerei soll sich im Sommer 2017 ereignet haben. Als eine der drei Fähren zur Insel mitten im Fährbetrieb kaputt ging, kollabierte das System. Auf der Insel selbst kam es in der Folge zu Versorgungsengpässen und der Zivilschutz musste Trinkwasser einfliegen. An den Fährstellen aber bildeten sich kilometerlange Staus, es kam zu Wartezeiten bis zu 24 Stunden. Dass die Einwohner vorrangig abgefertigt wurden, brachte die Touristen teilweise zur Weißglut und eine Gruppe Chinesen versuchte eins der Schiffe zu stürmen und verprügelte dabei eine Mitarbeiterin.

Das klingt so unglaublich.

Keineswegs unglaublich scheint mir die Tatsache, dass die Wasserqualität nachgelassen hat. Wegen der Verbreitung einer bestimmten Algenart kommt es zur Konzentration von toxinproduzirenden Bakterien im See. Jedenfalls in Ufernähe. 20 m tiefer soll es noch ok sein. Vielleicht deshalb, oder weil sie lieber den Wissenschaftlern glauben, die sagen, alles sei gut, begannen die Chinesen im Januar 2018 mit dem Bau einer Wasserabfüllanlage. Das führte zu riesigen Protesten. 1,2 Millionen Russen unterzeichneten eine Petition und stoppten damit den Bau der Anlage.

Überhaupt die Chinesen. Die wollen 11 Milliarden Dollar in die touristische Entwicklung des Baikal stecken. Wäre schön, wenn sie da auch in Abwassersysteme. Kläranlagen und Müllentsorgung investieren würden. Allein, mir fehlt der Glaube.

Nun ja. Was den Touristenansturm betrifft, sind wir ja ein Teil dessen.

Wir müssen jetzt erstmal zum Baikal kommen und dann auf die Insel Olchon. Natürlich erwischen wir wieder den Minibus mit einem kleinen Schaden. Das Rad klingt komisch und irgendwann stellt das auch der Fahrer fest. Wir halten, er und seine Kollegen aus den anderen Bussen hämmern und schräubeln ein bisschen rum, dann geht es weiter.

Die Fahrt nach Chuschir auf Olchon dauert sehr lange. Schließlich sind 300 km zu bewältigen. 250 davon wenigstens auf mal besserer mal schlechterer Asphaltpiste, aber immerhin Asphalt. Auf der Insel geht es dann auf Huckelsandpisten weiter. Aber soweit sind wir noch nicht. Mit der Überfahrt dauert das im Idealfall 6 Stunden. Aber wir sind noch auf dem Festland. Nach der Zwangspause kommt die offizielle Pause in einem riesigen Selbstbedienungsrestaurant. Trotzdem sind die Speisen frisch und lecker. Jedenfalls unsere.

Dann sind wir an der Fähre. Wir müssen alle aussteigen.Und wundern uns nicht schlecht, dass die Chinesen, es sind sehr viele Chinesen, mit ihren viel zu großen Koffern auf die Fähre kommen. Warum lassen die ihr Gepäck nicht in ihren Bussen? Jedenfalls, wir finden das alles etwas nervend. Und dann glaube ich plötzlich die Geschichte mit der verprügelten Angestellten der Fährgesellschaft. Eine ganz kleine Frau versucht nämlich meine Freundin von ihrer sehr guten Position an der Reling wegzudrängeln und zu schubsen. Zum Glück zerrt sie ein junges Mädchen weg. Die Arschlochdichte ist eben überall gleich auf der Welt.

Auf der Insel angekommen, müssen wir alle ein bisschen schadenfroh grinsen, weil die Kollegen mit den großen Koffern jetzt in wirklich unkomfortabel aussehende Marschrutkas steigen müssen. Jetzt begreife ich, die sind mit Reisebussen angekommen. Reisebusse sind natürlich zu groß für die Fähre. Einige Ex-Reisebusinsassen sehen sehr entsetzt aus, und jetzt schäme ich mich schon wieder für meine Schadenfreude. Nur weil die mir mit ihren Koffern auf den Nerv gingen. Schließlich können die nichts dafür. Haben eine Reise gebucht und es hat ihnen sicher niemand erzählt, was sie hier erwartet.

Die Sandhuckelpiste bis Chuschir, ungefähr 35 km lang, kommt mir extrem huckelig vor.

Dann irrt der Fahrer lange durch die Straßen, um unsere Unterkunft zu finden. Man wird da nämlich direkt abgesetzt. Schließlich lässt er uns aussteigen. Unsere Pension ist hier nicht. Wir müssen fragen und ich erweitere meinen russischen Wortschatz. Bzw. war mir das Wort entfallen. Nun ist es wieder da. Möwe. чайка. Möwen zieren die Giebelfront unserer Pension. So finden wir sie. Denn natürlich steht sie nicht da, wo die Adresse vermuten lässt. In der Straße ist überhaupt kein Platz mehr. Die Pension wurde dahinter gebaut. In dritter Reihe.

Wir werden empfangen mit der Ankündigung, dass es in der Pension keine Chinesen gibt. Die scheinen nicht sehr beliebt zu sein. Und kaum Kinder. Russen scheinen zu denken, das Deutsche Rucksacktouristen keine Kinder mögen.

Dann laufen wir durch den Ort. Viel hat sich verändert. Vieles wurde neu gebaut. Wieviel, das werden wir in den nächsten Tagen noch sehen. Jetzt sehen wir, dass fast bis an den Schamanenfelsen heran gebaut wurde. In Chuschir, lernte ich vor 5 Jahren, lebten nur Russen. Kein Burjate käme auf die Idee, so nah an diesem heiligen Ort zu bauen. Und es heißt auch, dass die Leute früher Lappen oder Fälle um die Hufe ihrer Pferde wickelten, wenn sie hier vorbei mussten, um keinen Geist zu stören. Jetzt entsteht in unmittelbarer Nachbarschaft ein Restaurant mit großem Wintergarten, so dass man auch bei schlechtem Wetter den Blick auf den Felsen genießen kann. Etwas weiter oben steht schon ein Hotel mit garantiertem Blick auf den Felsen. Hier wurde soviel gebaut, dass ich das Hotel, in dem wir vor 5 Jahren logierten, nicht mehr finde. Es stand mal ziemlich einsam da. Ob es da wohl noch Ziesel gibt?

Am Hafen der Steg ist neu und ganz ohne Löcher, durch die man plumpsen könnte und erinnern Sie sich an den Ferienkomplex mit Zugang zum See, den die Cousine und ich vor 5 Jahren umklettern mussten? Da wohnen die Chinesen. Es sieht aus wie ein Lager, meint die Freundin, jedes Haus sieht aus wie das andere. Aber so sehen manche Vorstadtsiedlungen in Deutschland auch aus. Ich meine so eintönig. Diese Anlage hier ist natürlich aus Holz.

Mit ein bisschen Mühe kann ich auch die Bucht so ablichten, dass man keine Häuser auf dem Bild sieht.

Trotzdem, mir ist natürlich klar, dass wir Teil des Problems sind. Um so mehr freut es mich, dass sich Unmut in der Bevölkerung regt. Der Baustopp für diese Wasserabfüllanlage war ein erster Schritt. Jetzt fordern die Einwohner eine Straße. Wenigsten vom Fährhafen bis Chuschir. Man denkt über eine Begrenzung der Besucherzahlen nach, müsste sich allerdings vorher der auch hier herrschenden Korruption entledigen. Es gibt eine kleine Gruppe von Umweltaktivisten.

Ich drücke ihnen und der Insel die Daumen.

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Veränderungen (16/17. 06 2019)

oder Irgendwas ist ja immer

Wie ich schon erwähnte, diesmal hatten wir nicht soviel Zeit. Diesmal mussten wir fliegen. 7 Stunden braucht es trotzdem nach Irkutsk. Ist eben eine großes Land. Russland.

Der Flug selber war die Hölle. So wunderbar die russischen Züge sind, so schrecklich sind die Inlandflüge. Offenbar denkt, wer mal so 7 Tage im Zug lebt, um die Omma zu besuchen, 7 Stunden, das ist nix. Das sitzen wir mit der linken Backe ab.

Der Airbus ist proppenvoll, eng und die Lehnen lassen sich nur 2 cm verstellen. Ich glaube, ich mache kein Auge zu. Die Freundin auch nicht.

Das Arthostel finden wir schnell. Dort allerdings ist man überrascht, dass wir schon da sind. Also wird überprüft und gecheckt und tatsächlich, wir haben die Unterkunft schon bezahlt und auch Early Check In. So kann sich das Team nun an die Vorbereitung unseres Zimmers machen, während wir versuchen, nicht auf der Couch im Foyer einzuschlafen.

Zimmer vorbereiten heißt, zwei Jungs aus einem schmeißen, frische Bettwäsche und Handtücher reinlegen, Voilà. Zum Glück waren die Jungs keine Schmutzfinken und das Zimmer ist sauber.

Von Frühstück inklusive hat im Hostel noch nie jemand gehört. Trotzdem, das Hotel ist in Ordnung und das Personal zwar verpeilt, aber freundlich und hilfsbereit.

Und wir holen erstmal Nachtschlaf nach.

Dann wackeln wir zur Fußgängerzone, die gerade aufgerissen und wenig attraktiv ist. Dafür fehlt die laute Musik vor wirklich jedem Laden, die Käufer hereinlocken soll, uns aber vor 5 Jahren nur abschreckte. In einem russischen Restaurant essen wir. Der Rubel ist fast nichts mehr wert, deshalb ist essen immer eine ziemlich preiswerte Sache. Nach busy lunch brauchen wir wirklich nicht mehr zu gucken. Stattdessen gehen wir wann immer es sich anbietet in ein sogenanntes Kofe, da gibt es, anders als der Name vermuten lässt, einfache russische Gerichte.

Über die Fußgängerzone kommen wir zum Zentralmarkt. Der gruppiert sich um die Markthalle herum und ist wesentlich sehenswerter als diese. Hier gibt es so ziemlich alles, was man frau kind braucht. Für Inch einen Sonnenhut, denn den habe ich irgendwo liegen lassen.

Wir suchen hier den Platz, wo die Marschrutkas nach Talzy fahren. Das ist ein Freilichtmuseum ca. 50 km von Irkutsk entfernt. Die Freundin war da noch nicht und ich brauche neue Hausschuhe.

Offiziell heißt das Museumsdorf Architektur- ethnographisches Museum. Es wurde 1966 auf einem Hügel an der Angara gegründet und zeigt Architekturdenkmale aus ganz Ost- Sibirien, die zu einem Großteil vor der Überflutung im Zusammenhang mit dem Bau von Staudämmen gerettet wurden. Die meisten Exponate sind komplett aus Holz und stammen aus dem 17.-19. Jahrhundert. Dazu kommen noch die Lager der Ureinwohner, der Ewenken und der Tofalaren sowie burjatische Jurten.

Marschrutkas sind Minibusse, die auf festgelegten Strecken fahren. Die Abfahrtszeit richtet sich ein bisschen danach, wie viel Passagiere der Fahrer noch erwartet. Wenn man aussteigen will, gibt man dem Fahrer ein Zeichen, drückt ihm das Geld in die Hand und steigt aus.

Nach Talzy führt eine nahezu schnurgerade Straße. Also eigentlich führt die Straße nach Listwjanka am Baikalsee, aber auf der Hälfte der Strecke liegt das Museum. Die Fahrt kostet 100 Rubel. Das sind im Juni 2019 gerade mal 1,50€.

Das Freilichtmuseum hat sich leicht verändert. Natürlich stehen noch die Bauernhöfe da, der Erlöserturm, der wie die Kasaner Kapelle ohne einen einzigen Nagel gebaut wurde, die Lager der Ureinwohner und die Jurten. Die Veränderung betrifft eher das Flair. Es gibt sehr, wirklich sehr viele Souvenirshops, die sich teilweise in den Häusern befinden. Dazu kommt ein kleiner Markt für heimische Produkte. Meine Hausschuhe aber gibt es nicht mehr. Zwar steht die Jurte noch, aber in der verkaufen jetzt Menschen, die ganz sicher keine Burjaten sind, Zeugs. Unter dem Zeugs ist sicher auch burjatisches. Keine Ahnung.

Das Fischerdorf an der Angara ist kaum noch zu erkennen. Dort gibt es jetzt einen schönen Steg zum Sonnen und Boote anlegen. Also da gabs schon vor 5 Jahren einen Steg. Aber jetzt ist der riesig.

Es sind sehr viele chinesische Reisegruppen unterwegs.

Und oben auf dem Hügel wird ein russisches Dorf komplett aus Holz nachgebaut. Ob das mal Ferienwohnungen werden? Wir wissen es nicht. Auch neben dem Fischerdorf gibt es neue Pensionen, im Ort Talzy sozusagen. Falls ich noch mal hierher komme, könnte ich dort vielleicht mal logieren.

Trotzdem ist Talzy immer noch schön. Auch wenn viele Häuser geschlossen sind, was vielleicht daran liegt, dass im gesamten Komplex Vorbereitungen für ein Sommerfestival laufen. Und abgesehen davon, dass mir die Laden-Jurte nicht mehr so burjatisch vorkommt wie vor 5 Jahren, finden wir doch auch interessante Dinge bei den anderen Händlern und Verkäufern. Warenje (flüssige Marmelade) aus Zirbelkiefern zum Beispiel.

Wenn man dann zurück nach Irkutsk will, geht man einfach an die Straße, stellt sich an die Haltestelle und winkt die nächste Marschrutka heran. Gemeinsam mit Städtern, die vom Beeren sammeln zurück kommen, geht es dann zum Zentralmarkt.

Wir finden heraus, wo die Marschrutkas zur Insel Olchon fahren. Da geht das nämlich nicht so einfach wie nach Talzy oder Listwjanka. Es gibt kleine Kioske, wo die Karten verkauft werden. Man bekommt Abfahrtszeit und Nummer des Kleinbusses mit der Aufschrift Olchon Express gesagt, und findet sich zur entsprechenden Zeit ein. Das machen wir.

Und dann flanieren wir an der Ankara entlang. Das gehört einfach zu einem Besuch in Irkutsk dazu. Aber auf dem Weg zur Promenade fallen wir noch in jedes Geschäft ein, in dem man Buratinos kaufen könnte. Keiner hat Buratinos. Manche Verkäuferinnen lachen uns aus, andere scheinen zu denken, wir suchen einen Freund namens Buratino. Na so ist es ja fast auch.

Buratino war das russische Pendant zu Pinocchio. Aber nicht weil die Geschichten um die hölzerne Langnase von meinem Lieblingsautor Alexej Tolstoj stammen, mag ich ihn so sehr. Wir sind einfach mit ihm aufgewachsen. Außerdem steht mein Buratino zu Hause bzw. sitzt im Bücherregal. Die Freundin braucht dringend einen für das zu erwartende Enkelchen. Schließlich hat sowohl der ihres Mannes als auch der ihres Sohnes keine Nase mehr. In dieser Familie scheint männlicherseits ein starker Drang im Nasen abkauen zu bestehen.

Na wir finden jedenfalls keinen. Auch keine Wackel-Matrjoschka, die die Freundin ebenfalls begehrt.

Aber wir sind ja noch ne Weile in Russland. Wir finden die beiden Objekte der Begierde sicher noch.

Die Fotos sind von Irkutsk und Talzy. Wer Interesse hat, findet unter der Galerie die Links zu meinen Aufenthalten an beiden Orten vor 5 Jahren

 

Irkutsk Sommer 2014

Talzy Sommer 2014

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Ich habe es wieder getan (14./15.06.2019)

Ich war in Russland.  Im Juni. Am Baikal. Aus einem Wenn Du mal wieder an den Baikal fährst, komme ich mit wurde ein Dieses Jahr können wir an den Baikal fahren.

Nunja, ich hatte eh noch keine weiteren Pläne außer vielleicht mit Freunden nach Albanien, aber Russland ist immer gut und an den Baikal kann Inch auch zwei Mal fahren. Zunächst gab es viel Diskussion wegen des Termins, weil noch eine 3. Freundin, die aber nur in den Schulferien kann, mitwollte. Aber das passte so gar nicht in meinen Arbeits- und Prinzessinnen- Schulanfangs- Plan, im Osten werden Schulanfänge schließlich riesig gefeiert, also einigten wir uns auf Juni und ja, nur zu zweit. Dann habe ich mir am Baikal noch einen Ort ausgesucht, wo ich noch nie war, aber im Prinzip haben wir Städte, Dörfer und Inseln besucht, in und auf denen ich 2014 schon war. Nur nicht so lang und nicht mit dem Zug. Die Freundin hatte wieder nur 2 Wochen Urlaub. Trotzdem, das alles noch mal in einer anderen Reisebegleitung zu erleben, war sehr angenehm.

Natürlich zwischenstoppten wir in Moskau.

Erstens muss man da sowieso umsteigen, zweitens war die Freundin da noch nie. Also machten wie aus 6 Stunden Aufenthalt 1,5 Tage und schauten uns das wichtigste an.

Das wichtigste in Moskau sind der Rote Platz, der Arbat, mindestens eine der sieben Schwestern, die Metro und natürlich die Moskwa.

Wir logierten gleich hinterm Roten Platz, also etwa 900 m mussten wir schon noch laufen, aber auf diesen 900 m konnte man schon recht viel sehen. Leider war das Wetter so gar nicht auf Urlaub eingestellt. Gerade mal 16° C sind in Moskau und ab und an nieselt es sogar. Blinies habe ich diesmal nicht im erstbesten Restaurant gegessen, zwar haben wir in Moskau kein Frühstück in der Unterkunft, aber den Rest des Urlaubs und da gibts bestimmt wieder überall und jeden Tag die leckeren Dinger.

Auch am nächsten Tag wird das Wetter zwar wärmer, aber so richtig gut wirds nicht.

Wir starten in der Basilius-Kathedrale, gleich als sie öffnet, um noch etwas Platz zum Gucken zu haben. Die Freundin ist doch erstaunt, als wir wieder den Roten Platz betreten. Der hat sich in den letzten Stunden aber so was von gefüllt. Die Freundin hatte mir das nicht so recht geglaubt.

Die Freundin findet, dass auch Lenin zu einer Sightseeingtour Tour gehört, also stellen wir uns noch mal an. Beim letzten Mal bin ich ja im Dunkeln durchs Mausoleum getappt und habe einige der Wachsoldaten geärgert. Aber dieses Jahr ist alles anders. Entweder war mein erster Besuch so traumatisierend, dass die Verantwortlichen ein paar Veränderungen vorgenommen haben, oder es gab noch mehr blind depperte Touristen. Jedenfalls finde ich, dass das Mausoleum viel heller ausgeleuchtet ist. Natürlich habe ich auch eine prima Reisebegleitung, die artig vor mir herläuft, falls wir doch mal in eine dunkle Ecke kommen. Aber das passiert nicht und draußen, an den Gräbern der anderen Helden und solchen, die sich für Helden hielten, darf man jetzt ungeniert fotografieren.

Gestern fand die Freundin schon, dass das GUM auch besichtigt werden muss. Im Gegensatz zu 2014 gibt es jetzt gar keine Russischen Geschäfte mehr im GUM, nicht mal mehr ein Russisches Fast- Food Restaurant.

Mich würde ja interessieren, ob Kiew immer noch als Heldenstadt gefeiert wird und außerdem denke ich, die ewige Flamme muss man schon auch sehen.

Der Arbat wirkt seltsam kalt. Liegts am Wetter? Liegts an der Tageszeit? Liegts am Fehlen der kleinen Russischen Restaurants? Keine Ahnung.

Wir schauen uns noch das Gebäude des Russischen Außenministeriums als Beispiel für eine der sieben Schwestern an, dann schlendern wir etwas abseits touristischer Pfade durch Grünanalgen. Natürlich besuchen wir auch die Metro.

Dann ist es schon Zeit, die Rucksäcke zu holen und zum Flughafen zu fahren. Denn nach Irkutsk geht es in diesem Urlaub nicht mit dem Zug, sondern mit dem Flugzeug.

Ich habe versucht, Ihnen keine Bilder zu zeigen, die es schon vor 5 Jahren gab. Wer die sehen möchte, kann gern im alten Blog schauen und auch lesen, wie es damals so lief.

Hier noch mal zum Nachlesen die Links zu den Aufenthalten 2915 in Moskau:

Lenin ist ein kleiner Mann

Touristenkram, ein altes Viertel und Erinnerungen an einen Roman

Für Touristen und die, die es nicht an die Kremlmauer geschafft haben

Trotzdem wiederholt sich natürlich sicher hie und da etwas. Sehen Sie es mir nach, bitte

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Letzter Stopp Zagreb (12.10.2019)

Zagreb also.

Zagreb hat alles, was Inch für einen Stadtbummel braucht. Enge Gässchen, kleine Straßen, große Straßen, Parks, schöne Aussichten, viele Cafés, kleine niedliche Häuser, große Häuser aus der Gründerzeit, spitze Türmchen obenauf, Kirchen, Unterstadt, Oberstadt, viel Architektur eben, Statuen und, man kann das nur zu schätzen wissen, wenn man mal in Belgrad war in letzter Zeit, einen Bahnhof IN der Stadt.

Ich wohne in der Kneipenmeile. Hostel, 6- Bett-Zimmer, serbischer Zimmergenosse, der Belgrad, wo er herkommt, doof findet.

Zagreb ist um die 950 Jahre alt. Die Oberstadt entwickelte sich als Wohnort der Kaufleute und Handwerker auf dem Hügel Gric gegenüber des 1094 gegründeten Bistums mit Kapitol und slawischer Siedlung. Erst 1850 vereinigten sich Kapitol, Gradec (die Stadt auf dem Hügel Gric) und die später entstandene Unterstadt zu Zagreb. Oder Agram, wie die Stadt zu österreich- ungarischen Zeiten hieß. Heute leben in der kroatischen Hauptstadt 800000 Menschen.

Hostel und Kneipenmei befinden sich in der Oberstadt, der 1892 im neoklassizistischen Ziel erbaute Hauptbahnhof in der Unterstadt.

Ich bin gefühlt seit zwei Tagen auf den Beinen und stehend k.o., als ich einchecke. Aber wenn man so an der Quelle haust, muss man abends schon noch mal raus. Hunger habe ich auch.

Nun ist das in Zagreb mit dem Essen so eine Sache. Ich bin natürlich nur einen Abend und einen Tag in der Stadt und kann das evtl. nicht beurteilen, aber ich finde immer nur Pizza Pasta Burger. An diesem Abend kann ich das kaum glauben und suche erst mal eine Weile nach einem Restaurant mit einheimischen Gerichten. Ich könnte natürlich auch Döner, asiatisch oder griechisch… Schließlich lasse ich mich irgendwo nieder. Als nach der 2. Zigarette immer noch kein Kellner kommt, wechsle ich die Lokalität. Dort warte ich nur eine Zigarette, in der 3. Kneipe steht der Kellner so schnell neben mir, dass ich mich fast ein bisschen erschrecke.

Das Gute ist, dass es warm ist, alle draußen sitzen und noch mehr draußen laufen. Es gibt also jede Menge zu sehen.

Der nächste Tag beginnt mit diesigem, aber warmen Wetter. Ich schlendere zum Markt, gleich um die Ecke. Der Dolac- Markt wurde 1928 angelegt, ich wage mich sogar ganz kurz in die Fischhalle. Ansonsten ist er genau so, wie Inch es mag. Gemüse, Obst, Blumen, Fleisch und Käse, Bauernmarkt eben, aber dazu auch Handwerk. Es gibt viele Gebrauchsgüter aus Holz und Leder. Ich decke mich mit dringend benötigten hölzernen Küchenuntensilien ein und finde auch paar Dinge für den Kleinen König und die Prinzessin.

Dann schlendere ich durch die Stadt. Kathedrale, Markuskirche und noch mehr Kirchen, Gassen, Straßen, Türme und Türmchen, Stadttor, Markusplatz und noch mehr Plätze, Bänke zum Ausruhen, Grün zum Entspannen, Cafés zum Auftanken, noch mehr Märkte und viele Hinterhöfe. Und am Mittag kommt auch die Sonne raus. Und es gibt sehr viele Krawattengeschäfte in der Stadt. Ich stehe nun nicht so auf Krawatten, zum Glück gibt es auch kleine Lädchen mit Likörchen und Seifchen und Ölchen. Das ist schon eher meins. Ich schaue bei so einer wundertätigen Marienstatue vorbei, störe aber hoffentlich die Gläubigen nicht. Durch Zagreb zu streunen macht mir richtig viel Spaß.

Die Fahrt zum Busbahnhof spare ich mir. Zwar gibt es für den Nachtzug keine Liegeplätze mehr, aber ein Sitz im Zug ist allemal besser als einer in einem engen Bus.

Im Zug nach München dann teile ich das Abteil mit einem Pärchen aus Bangladesch und einem Reisenden aus Schottland.

An der kroatisch- slowenischen Grenze gibt es Theater mit einer Deutschen Familie. Weil das Kind, blond, blauäugig, biodeutsch, „nur“ im Reisepass des Vaters steht, dürfen die nicht über die Grenze. Vater und etwa zweijähriges Kind werden aus dem Zug geholt und in einen zurück nach Zagreb gesetzt. Die Mutter fährt weiter. Wahrscheinlich, um einen Kinderpass zu besorgen. (ich habe übrigens nachgesehen, für Reisen nach Slowenien und Kroatien reicht der Eintrag des Kindes in einen elterlichen Reisepass. Scheiße, wenn Eltern sich auf so etwas verlassen)

Wir unterhalten uns angeregt, als es ganz laut, wirklich ganz laut knallt. Dann kommt der Zug zum Stehen und ich bin nun doch froh, dass ich nicht im Schlaf- oder Liegewagen bin. Denn wir müssen alle raus auf den Bahnsteig und da sehen die, die aus den Betten kommen, irgendwie noch unglücklicher aus als wir.

Nach einer halben Stunde, ich betone: EINER HALBEN STUNDE, ist der kaputte Zug abgeschleppt und ein neuer eingefahren. Das darf man der Deutschen Bahn gar nicht erzählen. Und der Defekt erweist sich als Glücksfall, denn nun haben wir Pullmannsitze, die das Pärchen und ich sofort ausziehen. Nur der der Schotte will nicht mitmachen. Er schläft entsprechend schlecht, wir dagegen so gut, dass uns der Brite in München wecken muss.

Ich könnte jetzt sagen, das Zugticket Zagreb-München war das teuerste der Reise. Aber das ist natürlich Quatsch. München- Leipzig toppt alles. Trotz Bahncard und Fixpreis.

Aber das war ja zu erwarten.

Tja, das war mein Balkanurlaub. Es hat nicht alles so geklappt, wie ich es wollte. Dafür war ich an Orten, die ich vorher nicht auf dem Plan hatte. Aber ich habe ein Gefühl für Reisen in dieser Region bekommen. Das war auch das Ziel. Nun bin ich gewappnet für mehr Ausflüge auf den Balkan.

Übrigens, in meinem Reiseführer, den ich erst in Zagreb ausführlich gelesen habe, steht gleich am Anfang unter dem Punkt „Das wichtigste in Kürze“, Abschnitt „Hauptstadt-Hopping“, …ist der Westbalkan nicht prädestiniert für Zugreisen…. Manchmal macht es vielleicht doch Sinn, Reiseführer im Vorfeld zu lesen. Andererseits, hätte ich dann die Reise unternommen?

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