Abschiede

Das schrieb ich am Donnerstag:

Das trübe Wetter draußen passt zu meiner Stimmung.

Aus der Notunterkunft für geflüchtete Menschen zurück, stürze ich mich erst Mal auf meinen Blog, beantworte Kommentare und lese die Abos.

Ablenkung.

Heute morgen kam ich gerade noch recht, um mich hastig von einem unserer Schüler zu verabschieden. Verlegung. Nach irgendwo in Sachsen. Doch irgendwo in Sachsen ist in jedem Fall schlechter als Leipzig. Wir machen uns Sorgen. Vielleicht hatte er ja Glück und kam in eine Unterkunft in Leipzig?

Und einen 2. Schüler vermissen wir. Wo ist er? Saß er schon im Bus?

Sachen erledigen. Deutsch geben. Und immer wieder die Frage „Wo ist x?“

Schon vor 2 Tagen verlegt. Ort unbekannt (aus datenschutzrechtlichen Gründen). Kontakt verloren.

Oh Mann. Uns wird bewusst, Leipzig ist wie dieses kleine gallische Dorf. Sie erinnern sich?

Wir leben in Sachsen, wo der Anteil derer, die meinen, zu kurz gekommen zu sein, etwas höher zu sein scheint als anderswo. Wer als geflüchteter Mensch zuerst nach Leipzig kommt, erhält ein völlig falsches Bild von diesem Bundesland. Oder trügt der Schein dahingehend, dass es mehr hilfsbereite, empathische Menschen gibt als Rassisten, darüber in den Medien aber weniger berichtet wird? In Dresden bedanken sich Flüchtlinge heute mit Blumensträußen bei den Dresdner Bürgern für ihre Gastfreundschaft. In der Stadt der Pegida? Blumen für gastfreundliche Bürger? Danke für die herzliche Aufnahme? Das macht mir doch etwas Mut.

Und dann höre ich, wohin der 2. Schüler verlegt wurde. Das schnürt mir fast das Herz zu.

Aber.

Eine Kleinstadt mit fast 40000 Einwohnern. 200 davon protestierten eine zeit lang lautstark und medienwirksam gegen die Überfremdung. 200 von 40000. Es wird auch dort genügend Menschen geben, die die Neubürger willkommen heißen. Die ihnen helfen, sich zu Recht zu finden. Einzuleben. Deutsch zu lernen. Nur, darüber berichten die Medien nicht.

Ich möchte es glauben.

Ich bin ganz sicher!

Am nächsten Tag gab es einen weiteren Transfer. Und wieder verließ uns ein Schüler. Inzwischen haben wir Kontakt zu allen, den einen hat es richtig gut getroffen, den anderen eher schlechter.

Diese ersten Abschiede leeren uns die Erfahrung, dass alle irgendwann verlegt werden. Theoretisch war uns das klar. Aber theoretisches Wissen findet ja manchmal nur schwer den Weg ins tatsächliche Bewusstsein. DIES ist der erste bewusste Abschied.

Deutsch Klassen formieren sich neu. Sie werden so nicht ewig bestehen. Und wir, die wir nicht nur Deutsch unterrichten sondern eben auch deutsche Eigenarten, aber auch Gleichberechtigung zum Beispiel bei den Religionen oder zwischen den Geschlechtern, die wir unsere Schützlinge manchmal durch die Stadt führen und ein bisschen zur Stadtgeschichte referieren, aber auch über Faschismus, Holocaust und Fremdenhass sprechen, wir lernen nun, dass wir unsere Schüler auch darauf vorbereiten müssen, dass sie Leipzig und uns irgendwann verlassen müssen. Das sie an irgendeinen Ort in Sachsen verlegt werden, einen Ort, wo die, die geflüchtete Menschen ablehnen, vielleicht mehr auffallen als in Leipzig. Wir müssen ihnen Mut machen. Ihnen klar machen, dass es überall Menschen gibt, die ihnen helfen werden. Auch in Orten, wo sich das feige Pack direkt vor den Unterkünften zusammenrottet. Dass ihr Aufenthalt auch an so einem schlimmen Ort nur vorübergehend sein wird. Dass das nur ein weiterer Schritt auf ihrem Weg zum Asyl ist.

Trotzdem.

Ich frage mich, wie ich auf den nächsten Transfer reagiere. Wenn wieder ein paar Schüler an einen Ort verlegt werden, wo ich niemanden hin wünsche. Und ob ich mich je daran gewöhnen werde.

Ps.: Nebenbei lerne ich übrigens, dass Sachsen doch etwas schlechter dargestellt wird, als es ist. Es gibt Gemeinden, da kommt auf 4 Einwohner 1 geflüchteter Mensch, da klappt die Integration ganz wunderbar. Es gibt Orte ganz tief in Sachsen, da macht man keinen Unterschied, ob Deutscher oder Syrer oder Albaner. Da sind alles einfach Menschen. Dass ich mich mit diesen Orten überhaupt beschäftige, verdanke ich Menschen, die ich ohne Flüchtlingskrise nie kennengelernt hätte.

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Über Inch

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5 Antworten zu Abschiede

  1. Zaphod schreibt:

    Dass es in Dresden auch andere Menschen gibt sollte eigentlich jedem klar sein, nur haben sich die Pegidioten halt dort die Schlagzeilen registriert.
    Und über Orte wie Lüchow-Dannenberg berichtet man halt auch nur einmal, in Freital und den anderen Spackennestern ist einfach mehr los, da brennt wenigstens ab und an was.

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    • Inch schreibt:

      Na heute gibts ja Gegenwind aus allen Richtungen. Allein aus LE fahren 6 Busse hin. Leider läuft hier dafür der OfD. Außerdem versuchen die gerade den Zugang zu einer neuen Notunterkunft zu blockieren. Zwar ganz im Norden, aber immerhin LE. Jedenfalls bleiben deshalb ein paar AntirassistInnen hier. Hoffentlich genug. Hoffentlich nicht zu viel. Schade, ich hätte wirklich gern das Kind in Dresden besucht.

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  2. Gudrun schreibt:

    Liebe Inch, ich wünsche mir sehr, dass es dir gelingt, alles nicht allzusehr an dich heran zu lassen. Ich weiß, das plappert sich schnell vor sich hin, aber ich denke nicht, dass euch jemand auf genau den Fall vorbereitet hat. Die Helfer dürfen nicht an ihre Grenzen stoßen. Ich wünsche euch viel Kraft.

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    • Inch schreibt:

      Danke Gudrun. Es gibt einen psychologischen Dienst, den wir in Anspruch nehmen können. Jedenfalls hier in Leipzig. Und für einen unserer ehemaligen Schüler konnte ich in den letzten 90 min ganz viel Dinge auf den Weg bringen. Das baut dann auf.

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  3. Dirgis (Sigrid) schreibt:

    Leider „überstrahlt“ Pegida alles. Aber auch hier in Cemnitz gibt es teilweise massive Proteste. Dabei ist das enstsprechende Gebäude bei entsprechenden Umbauten viel besser geeignet als eine Turnhalle oder leer stehender Supermarkt.

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