Die werden mich nicht beschützen

Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht so recht, wie ich über den gestrigen Tag berichten soll. Weil ich selber noch dabei bin, das Geschehene einzuordnen zu versuchen.

Als bekannt wurde, dass Die Rechte, OfD, einige Brigaden, die extremistische Thügida und Kameraden durch Connewitz, das Alternativviertel, dass sich vehement gegen Gentrifizierung wehrt, marschieren wollen, war klar, dass es sich dabei nur um eine Provokation handeln kann. Es war auch klar, dass einige Teile der Bewohner und deren Freunde diese Provokation annehmen würden.

Bis zum Schluss hoffte ich, dass man die 3 Märsche der Faschisten nicht zulassen würde.

Aber, wir leben in Sachsen. Selbst Worch, der offensichtlich Morgenluft witterte und ebenfalls auf den Plan trat, erhielt damals jedesmal die Genehmigung zu laufen. Und lief jedesmal keinen Meter. Nein, das ist falsch, beim ersten Mal lief er vielleicht 100 m.

Weil, Leipzig hebt sich etwas vom Rest des Freistaates ab. Und so wurden die 3 Märsche zusammen gelegt. Die auf 600 m gekürzte Marschroute verlief am Rand der Südvorstadt.

Doch unabhängig davon schaukelten sich die Gegner im Vorfeld hoch. Die einen drohten, Connewitz platt zu machen, die anderen schworen sich darauf ein, den Faschisten keinen Fußbreit zu überlassen.

Und ich hoffte immer noch, dass man die Provokation nicht zulassen werde. Auch meine Freunde waren überzeugt, dass die Nazis nicht laufen würden.

7 Gegendemonstrationen und Kundgebungen waren geplant, sieben, von denen ich wusste. Dazu wurde aufgerufen, die nahe gelegenen Flüchtlingsheime zu bewachen.

Trotzdem, bis heute verstehe ich nicht, wieso der Marsch der Nazis genehmigt wurde. Wenn jemand droht, einen Stadtteil platt zu machen, hat das nichts mit Meinungsfreiheit zu tun.

Und auch, dass in der Nacht zum Samstag schon mal Stadtteilbüros von Abgeordneten der Linken angegriffen und demoliert wurden, änderte nichts an der Genehmigung.

So machte ich mich also am Samstag morgen auf den Weg, meine Freunde zu treffen, und ich sage Ihnen, so viele wache Menschen habe ich an einem Samstag Vormittag noch nie durch Connewitz ziehen sehen. Eigentlich schlafen vormittags nämlich noch alle. Aber gestern. Das war schlimmer als beim Straßenfest.

Klare Ansagen:

Wir stellten schnell fest, dass Protest in Hör- und Sichtweise kaum möglich sein würde, so hermetisch war die Route abgeriegelt. Und weil ich sicher war, dass sportliche junge Menschen blockieren würden und dann vielleicht viele Menschen gebraucht würden, sich der Polizei friedlich entgegen zu stellen, überredete ich die Freunde, dahin zu gehen, wo die Nasen aus der Kurt-Eisner- in die Arthur-Hoffmann-Straße einbiegen würden. Eine, im Nachhinein betrachtet gute Entscheidung, denn an der Arndtstraße, wo die Freunde eigentlich stehen wollten, ermittelte es die Menschen schlimmer als letztlich uns.

 

Und außerdem konnten wir die Blockade, die tatsächlich auf der Route gebildet wurde, nicht sehen, aber die abgeführten Blockierer.

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Irgendwo da hinter den Autos latschen die Nazis lang. Und dort ist auch die Blockade

Dann liefen die Nazis. Bundesweiter Aufruf und 130 Mannen kommen. Alle scheinbar doch recht sportlich, denn entgegen ihrer Kameraden von Legida liefen diese recht schnell.

Da ein bisschen unklar war, wo deren Marsch nun endete und oder ob die auf der Route zurück kommen, entschieden wir uns, zur angemeldeten Kundgebung an der Arndtstraße zu wackeln.

Also zurück und über die Bernhard-Göring zum Ziel.

Und nun beginnt, was mich noch heute fassungslos an den gestrigen Tag denken lässt. An der Kreuzung Göring/Eisner-Straße sperren Polizisten den Weg zur Kundgebung über die Göringstraße. Sie schicken uns stattdessen über die Karli – und genau in eine Falle.

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Kein Durchkommen zur Kundgebung. Friedliches Murren und Folgeleistung der Anordnungen der Beamten

Ich betone, alles ist friedlich, die Anweisungen der Polizisten ergeben zwar keinen Sinn und mancher fragt auch nach, worauf die antworten, dass seien ihre Befehle, was die Gegendemonstranten zwar mit Kopfschütteln aber friedlich und einem „naja, die können da auch nix dafür“quittieren, aber alle kommen den Aufforderungen nach und laufen brav Richtung Karli.

Dort müssten wir nach rechts abbiegen. Dort rechts steppt aber schon lange der Bär. Rauchsäulen künden von einigen Auseinandersetzungen. Trotzdem schiebt sich die Masse vorsichtig Richtung Arndtstraße. Dann kommt alles ins Stocken.

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Verwirrung an der Karli

Eine Bekannte kommt uns entgegen, erzählt von aggressiver und aufgeladener Stimmung und das kein Durchkommen sei. Wir ziehen uns langsam wieder in die Eisner zurück, die aber an der nächsten Kreuzung an zwei Seiten gesperrt ist und, sollte der Befehl kommen, auch die dritte Seite abzuriegeln, zur Sackgasse werden könnte. Aber daran denke ich nur kurz. Schließlich bin ich friedlich, ich bin nicht vermummt, man sieht mit mein Alter an, ich werfe keine Steine, trage keinen Stock… mir wird ja wohl kein Polizist nichts tun? Und so sage ich trotzig: Ich bleibe hier stehen. Kann ja wohl nicht sein, dass mich die Polizei durch mein Viertel jagt, nur weil ich keine Nazis hier will.

Ungefähr 20 sec. Ich sehe, wie jemand auf der anderen Seite der Kreuzung ein Polizeiauto bewirft und dann Richtung Karli abhaut. Dann renne ich selber. Weil alle rennen.Richtung Göringstraße. Dann ruft jemand: Nicht rennen. Neben mir schiebt jemand einen Rollstuhl. Dann explodieren CS-Gaskartuschen neben und hinter und vor mir. Der Rollstuhlfahrer versucht entsetzt seinem Schieber zu helfen und so hat der Mühe, den Rollstuhl in Fluchtrichtung zu drehen. Ich halte mir den Schal vor die Nase. Menschen überholen mich. Und überall diese Gaskartuschen. Husten, brennende Augen, Atembeschwerden.

Panik

Alles dauert wahrscheinlich nur ein paar Sekunden. Dann biegen wir an der nächsten Kreuzung um die Ecke, und können wieder frische Luft atmen.

Später lese ich, dass 1000 gewaltbereite Demonstranten die Polizisten angegriffen hätten. Das ist eine so unverschämte Lüge. Dabei hätte die Polizei sehr leicht die gewaltbereiten Demonstranten isolieren können, wenn sie es gewollt hätten. Wenn sie nämlich die, die keine Steine hatten, einfach zu den Kundgebungsplätzen gelassen hätte, statt sie auf die Karli zu schicken, wo, völlig sinnlos, Barrikaden brannten. Aber das war möglicherweise nicht gewollt. Wie schließlich soll man sonst den völlig überzogenen Einsatz rechtfertigen?

Den Krieg, den es angeblich gab, hat die Polizei irgendwie selbst veranstaltet. Wobei ich nicht brennende Mülltonnen verharmlosen will. Die stinken, sehen nicht schön aus und kosten Geld. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass die sächsische Polizei und ihre Kollegen nur halb soviel Engagement zeigen würden, wenn ein paar besorgte Bürger den Zugang zu einem Flüchtlingsheim versperren. Oder gar anzünden. Ich jedenfalls fühle mich seit gestern nicht mehr sicher auf Demos. Ich weiß seit gestern, die Polizei wird mich nicht beschützen. Wo ich bis gestern gern noch versucht habe, die Beamten zu verstehen, wenn sie in Stresssituationen mal überreagieren, zumal sie ja tatsächlich Befehlsempfänger sind und ich das Problem eher bei der Landesregierung im Allgemeinen, dem Innenminister im Besonderen und der sächsischen Polizeiführung im Speziellen sehe, weiß ich nun:

Die werden mich nicht beschützen!

Ganz davon abgesehen kämpfe ich heute schon den ganzen Tag mit den Folgen des Angriffs: Kopfschmerzen, brennende Augen, Übelkeit.

Im folgenden noch ein paar Fotos von den Spuren des Tages.

Und ein Video, dass offensichtlich von der Polizei oder der Feuerwehr selbst hochgeladen wurde und die Sinnlosigkeit ihres Agierens zeigt

Keine Ahnung, wie das technisch geht. Aber das hier ist ganz offensichtlich ein anderes Video, als das, was noch im Dezember unter dem Link gezeigt wurde.

Video

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Über Inch

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29 Antworten zu Die werden mich nicht beschützen

  1. Frau Tonari schreibt:

    Ich bin ein bisschen sprachlos, weil der Umgang mit den Demos sehr dilettantisch wirkt.
    Ansonsten bestärkt mich Dein Bericht darin, an meiner bisherigen Einstellung festzuhalten:
    Feind ist für sie, wer in der Nähe ist und keine Polizeiuniform trägt.

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  2. freiedenkerin schreibt:

    In den MDR-Nachrichten wurde das heute abend so hingedreht, als hätte es in Leipzig lediglich randalierende und extreme Linke gegeben. Die Rechten wurden – so mein Eindruck – im Gegensatz dazu als lammfromm und friedlich hingestellt. Da bin ich jetzt so frei und bin Schelm, und denke Böses…

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  3. Herr Ärmel schreibt:

    Liebe Inch, ich danke dir für deinen ausführlichen Bericht und deine eindrücklichen Fotos dazu!

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  4. ostnomade schreibt:

    Nicht nur in den MDR- Nachrichten ist das so dargestellt worden …
    Ich staune schon ein bißchen über die gegensätzlichen Darstellungen der Angelegenheit. Sicher, die Genehmigung der ersten Demo, zu der sagenhafte 130 Nazis kamen, wie du schreibst, ist zweifelhaft. Die Vorgänge am 1. Mai jeden Jahres in Berlin, wenn der schwarze Block marschiert, nicht minder … Wer hat wen angegriffen? Mehr als 50 verletzte Polizisten, wie ich lese, sind mehr als 50, die beim nächsten Mal dem schwarzen Block nicht helfen werden. Oder?
    Und dazu noch die Meldungen über die Vorgänge an der Wurzener Schule, die sich vollkommen mit dem deckt, was die Jüngste erlebt hat.
    Nein, Leipzig und Umland unterscheiden sich leider überhaupt nicht vom übrigen Deutschland.

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  5. ostnomade schreibt:

    … wenn das so war, dann ist es tatsächlich eine Frechheit. Leider wird das von all den Berichterstattern nicht erwähnt.

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  6. Martin schreibt:

    Starker Bericht

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  7. kati schreibt:

    Danke für Deinen Bericht.
    Habe ähnliche Erfahrungen gemacht. Protest war minimal in 100m zur Nazidemo und kaum mit Sichtkontakt möglich. Ein Mitwandern parallel zur Nazidemo war auch kaum möglich. Stattdessen wurden alle die zunächst an der Nazi-Demo eben mit dieser beschäftigt waren auch noch in Richtung Karli und Südplatz gelenkt, wo es schon seit Stunden langsam hochkochte und eskalierte. Völlig sinnfrei bzw. so offensichtlich dumm, dass man sich schon unweigerlich fragt, ob das Absicht war.

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  8. Pingback: Das Letzte vom Tag | Teil 2 Einfach(es) Leben

  9. Arabella schreibt:

    Da in den Medien auch heute wieder falsch über den Abend berichtet worden ist, habe ich mir erlaubt, in meinem Blog ei en Hinweis zu diesem Post einzustellen.

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  10. westendstorie schreibt:

    Vielen Dank für diesen Bericht… bin sprachlos und es ist irgendwie bestätigt, das was sich zu entwickeln scheint… ein Schutz der falschen Seite mit unglaublichem Ausmaß. …. 😦

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  11. Maccabros schreibt:

    Manchmal frage ich mich, ob es in den hohlen Köpfen nie ankam, was WIRKLICH früher in Deutschland geschah…

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  12. Pingback: Die werden mich nicht beschützen | new artist army

  13. Thomas schreibt:

    Hat dies auf kopfeinschalten.com rebloggt und kommentierte:
    Interessanter Bericht eines Augenzeugen…ich hab mir noch kein abschließendes Urteil gebildet, aber Gewalt ist Scheiße – egal aus welcher Richtung, das steht mal fest!

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  14. Pingback: Deutschland im Advent 2 | ostnomade

  15. ostnomade schreibt:

    Habe mir ebenfalls erlaubt, deinen Beitrag zu verlinken https://ostnomade.wordpress.com/2015/12/15/deutschland-im-advent-2/

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  16. feinkostblog schreibt:

    oh weh, das klingt aber um einiges schlimmer als „nur eben so ein bißchen in ner Gaswolke gestanden“ :-/ erschütternd!
    wir haben das geschehen ja größtenteils am twitter verfolgt und haben sonst nur so mitbekommen, was freunde und weihnachtsmarktbesucher so erzählt haben – und waren sehr erleichtert, daß es sich bei uns in grenzen hielt. was wahrscheinlich auch mit daran lag, daß die polizei eben nicht aus unserer richtung kam…

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  17. Zaphod schreibt:

    Verletzte Cops im hohen zweistelligen Bereich sind nach meinen Erfahrungen immer Opfer ihrer eigenen Mittel. Wer Tränengas und Pfefferspray in rauen Mengen verballert, der trifft halt auch mal die eigenen Leute. Schuld sind natürlich trotzdem die anderen, denn wenn die nicht wären müsste man ja kein Tränengas werfen *fg*

    An die Freunde und Helfer glauben auch nur noch Menschen, die sich nie auf einer Demo für oder gegen irgend etwas eingesetzt haben (außer vielleicht ne Olympiade *fg*). Die bürgerliche Mitte ist so ein bisschen aufgeschreckt worden, als es einem aus dieser bürgerlichen Mitte das Augenlicht gekostet hat, nur weil er gegen einen Bahnhof war. Ansonsten sind doch immer die linken Krawallmacher (wahlweise Fußballultras) schuld, da muss die Polizei einfach härter durchgreifen gegen diese Chaoten.
    Ich bin jedenfalls froh, dass Du den Tag einigermaßen unbeschadet überstanden hast. Nach dem was da so im Vorwege auf beiden Seiten angekündigt wurde, ist ein wenig Gas noch das geringste Übel, das geht vorbei.

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    • Inch schreibt:

      Ja, Zaph, Du hast ja Recht, vielleicht war ich doch noch zu naiv. Ich meine, ich war ja nicht das erste Mal auf einer Demo und habe nicht das erste Mal erlebt, dass die Polizei lieber aufpasst, dass die Gegendemonstranten den Hamburger Gittern zu nah kommen, statt.. Ich habe auch schon Wasserwerfer erlebt und Tränengaseinsatz. Aber diese Einsätze folgten immer, wenn zB ne Blockade geräumt werden musste. Oder so. Am Samstag wurde einfach in die stehende, übrigens niemandem im Weg stehende Menge „geschossen“. Und das, das gebe ich zu, hätte ich so nicht für möglich gehalten. Da war ich naiv, da gebe ich Dir recht. Das zeigt ja auch nur, dass ich immer noch dabei bin, Demokratie zu lernen. Am Samstag war eine wichtige Lektion

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  18. Wolfram schreibt:

    Ich halte grundsätzlich wenig bis nichts von Demonstrationen. Und schon gar nicht von „Gegen-Demonstrationen“. Noch weniger, wenn im Vorfeld klar ist, daß die Sache eskalieren wird.
    Warum? Weil das zwangsläufig darauf hinausläuft, daß der Recht hat, der lauter brüllt oder härter zuschlägt. Aber diese Ansicht überlasse ich den Dumpfbacken. Ganz egal, ob sie Asis klatschen oder Nazis jagen – das ist übrigens der gleiche Über/Unter-Menschen-Scheiß nur mit verschiedenem Lack: „wenn du nicht bist wie ich, mach ich dich platt. Denn du siehst zwar aus wie ein Mensch, aber für mich bist du keiner.“

    Weißt du, was die wöchentlichen Märsche durch Lüdenscheid seinerzeit beendet hat? Die Leute haben die Fensterläden zu gemacht. Die Geschäftsleute haben die Läden geschlossen. Kein Publikum. Keine Reaktion auf die drei Dutzend aus halb Deutschland zusammen gerufenen Marschierer. Das haben die zwei mal gemacht, aber kein drittes. Und fertig.

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