Licht und Schatten

Bing, eine Nachricht erreicht mich.

Bitte, Frau Lehrerin, was bedeutet das?

Ein ehemaliger Schüler schickt mir Fotos eines offiziellen Schreibens. Es ist vom Gericht. Es kündigt die Aufhebung eines Bescheids wegen Verfahrensfehlern ein.

Ich jubele und erkläre X. den Inhalt.

Vor zwei Monaten hatte er mich um Hilfe gebeten. Asylverfahren abgelehnt, Abschiebung angedroht.

Klage eingereicht. Begründung nachgereicht. Alles ohne Anwalt.

Als uns während meiner derzeitigen Schulung der entsprechende Dozent, immerhin Jurist, dann immer wieder erklärte, dass wir in solchen Fällen UNBEDINGT einen Anwalt zu konsultieren hätten, wurde mir ein bisschen mulmig. Aber ein Anwalt kostet so 200€. Und Klage kann man schließlich selber einreichen. Und die Begründung nachschieben. Jedenfalls, wenn so offensichtlich Rechtsgrundsätze nicht eingehalten wurden.

Trotzdem. Mhm.

Es kamen Briefe vom Amt und vom Gericht. Da die Sozialarbeiter in der Unterkunft eher wenig hilfreich waren, oder X. vielleicht auch nicht vertrauenswürdig schienen, landete alles bei mir.

Und gestern dann: Bescheid aufgehoben wegen Verfahrensfehler. Das heißt nun nicht, das X. bleiben kann, das heißt nur, dass er ein faires Verfahren bekommt. Eine faire Chance, seine Fluchtgründe darzulegen.

Ich pack das Handy ein und fahre breit grinsend weiter.

Ich bin auf dem Weg zum letzten ehemaligen Mitbewohner. Einladung zum Fasten brechen. Strahlend erzähle ich ihm von X. Und freue mich und freue mich.

Dann sprechen wir über Termine im Oktober. Und der letzte ehemalige Mitbewohner, der jetzt in einer WG lebt, erzählt, dass Y. dann nicht mehr da sein wird. Y.s Asylantrag wurde abgelehnt.

Die Stimmung sinkt auf den Nullpunkt. Dann freue ich mich wieder für X. So geht das hin und her.

Wir, ich wusste, dass das kommen würde. X. und Z. haben kaum Chancen, bleiben zu dürfen. Bei Y. schien alles offen. Alle drei kommen weder aus Syrien, noch aus dem Irak, Eritrea oder dem Iran.

Wir, ich wusste, dass das passieren würde.

Doch nun, wo es soweit ist, wird es doch eine Weile dauern, sich daran zu gewöhnen. Vielleicht ist es auch etwas, woran man sich nie gewöhnen kann.

Was für ein Glück, dass ich in Deutschland geboren wurde.

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Eine Antwort zu Licht und Schatten

  1. freiedenkerin schreibt:

    So eng liegen Gutes und weniger Gutes beieinander… Viele meiner muslimischen Kollegen/innen haben sich jetzt während des Ramadan Urlaub genommen. Das viele Stehen und Gehen – immerhin in etlichen Abschnitten neun Stunden lang – während des Fastens wäre schon ausgesprochen schädigend und belastend.

    Gefällt mir

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