Ein langes Wochenende

1.Mai. Langes Wochenende.

Die Freunde planen eine Radtour.

Ohne mich. Denn auf der Hütte feiern meine Lieblingskletterzwillinge ihre 50. Geburtstage. Das könnte eine epische Party werden. Da bin ich dabei.

Am Freitag sagen sie ab. Einer hat Fuß.

Wir fahren am Samstag früh trotzdem los.

Die anderen Freunde radeln längst in unerreichbarer Ferne, für den Garten ist es zu kalt und überhaupt.

Durch Gießkannenregen kämpfe ich das Familienauto mit 80 über die Autobahn Richtung Sächsische Schweiz.

Wir sind pünktlich.

Es ist Jugendfahrt.

Wer plant eine epische Party, wenn Jugendfahrt ist?

Die Hütte ist zum Bersten voll. Wir lassen Matten vom Dachboden zerren und machen es uns unten auf dem Boden bequem.

Klettern fahren wir nicht. Zwar regnet es grad nicht, aber bestimmt gleich wieder, lassen die anderen von dannen ziehen und ziehen unsererseits nach Struppen.

Da ist Hoffest. Da kann man bestimmt ne Stunde hin. Und am Nachmittag den ehemaligen Mitbewohner, Mitbewohner Nr. 1, treffen. Der ist jetzt in Tharand, wohnt aber bei Freunden in Pirna und hat seit zwei Tagen seine Aufenthaltserlaubnis. Subsidiärer Schutz. 1 Jahr. Da hofft das BAMF wohl, das in Mossul gleich bald Frieden ist.

Das Hoffest ist genial. Und riesig.

Prinzessin und der Kleine König sind hin und weg. Erstere macht ihr Kuhdiplom, lässt sich schminken, rutscht auf der Heurutsche, reitet und besteigt riesige Traktoren. Dem Kleinen König ist das suspekt. Er guckt sich die Trekker lieber an.

Zur Fahrt durch den Kuhstall nötige ich die gesamte anwesende Kleinfamilie.

Inzwischen stellt sich Mitbewohner Nr.1 an. Fährt nach Dresden und will uns da treffen.

Nö.

Entweder Pirna oder gar nicht. Ich fahr doch nicht zum Samstag in die Stadt.

Pünktlich als wir im Auto sitzen, fängt es an zu regnen.

Pünktlich als wir in Pirna aussteigen, hört es auf.

Perfekt.

Wir treffen uns im Café.

Weil der Mitbewohner Nr.1 nie im Heim ist, sieht er seinen Sozialarbeiter nie und weiß nicht, dass er sich gleich Dienstag spätestens beim Jobcenter melden muss.

Gut, dass ich da bin.

Und sonst?

Er will nach Leipzig?

Und sonst?

Deutschkurs?

BAMF hat Nein gesagt.

Kann ich nicht glauben. Ich wühle mich durch unvollständige Unterlagen.

Was war das für ein Praktikum? Wie hieß die Maßnahme? Wo ist die Bewertung?

Ah, zwei Kurse hat das BAMF ihm genehmigt. Keinen hat er angenommen. Beim 3. Mal hat die Behörde nein gesagt.

Das alte Lied.

Ich erklär es dem jungen Mann noch mal, wohl wissend, dass es wahrscheinlich verlorene Mühe ist.

Jetzt will er ne Ausbildung machen.

Erst Deutschkurs sage ich.

Kriegt er nicht, sagt er.

Ja, sage ich, weil..

Wir drehen uns im Kreis.

Ich denke an die vielen fleißigen Männer und Frauen, die wie blöd Deutsch lernen, Praktika gemacht haben, arbeiten gehen und im Herbst mit einer Ausbildung oder gar einem Studium beginnen. Ich muss an die denken, damit mir nicht der Kragen platzt.

Mitbewohner Nr.1 hat nur Leipzig im Kopf. Da wird alles besser. Da ist es auch nicht anders als in Dresden oder Pirna oder Tharandt. Deutsch lernen ist überall.

Ich frag mich, was er 1 Jahr gemacht hat. Um Ostern letztes Jahr rum ist er wieder in sein Heim gezogen, den Deutschkurs in Leipzig hatte er da abgeschlossen, einen Vorbereitungskurs. Seither ist nichts passiert.

Geh aufs Jobcenter, frag nochmal nach einem Deutschkurs, geh zur HWK zum Praxischeck.

Mehr kann ich nicht machen, als mögliche Wege aufzuzeigen. Machen muss er selbst.

Zurück auf die Hütte.

Die wird immer voller.

Es wird gegrillt und am Feuer gesessen.

Die Nacht ist unerwartet ruhig und der Schlaf erholsam.

Sonntag. Sonne!

Ab zum Thürmsdorfer Stein.

Aber erst Mal Elbemarathon gucken und ordentlich anfeuern.

Das große Kind klettert. Ich schleppe einen schreienden Kleinen König durch die Pampa und betütele die Prinzessin. Fotos kann ich kaum machen, weil der Kleine König echt ungehalten ist. Dabei ist die Mama gar nicht IMMER klettern.

Abends Spaghetti und Lagerfeuer. Mehr Leute passen wirklich nicht in die Hütte. Einige schlafen in den Autos, einige im Zelt, einige in der Liebeslaube.

Montag.

Kinderklettern.

Aber die Prinzessin will nicht. Genaugenommen ist sie einfach fertig. Der Kleine König schläft eh dauernd ein. Wir fahren nach Hause.

Aber wenigstens mit paar anderen mal in einer Höhle sitzen

War ein schönes Wochenende. Und abwechslungsreich.

Und der Mitbewohner Nr. 1 schafft das auch noch. Bei manchen dauerts eben etwas länger. Mitbewohner Nr. 2 fängt im September an zu studieren. Die beiden sind etwa zur gleichen Zeit nach Deutschland gekommen. Menschen sind eben unterschiedlich. Auch die neuen alten Mitbewohner. Unterstützung brauchen sie alle. Die einen eben mehr, die anderen weniger.

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3 Antworten zu Ein langes Wochenende

  1. Vinni schreibt:

    Ich bewundere deine Geduld und dein Engagement!

    Und prima, dass ihr doch ein bißchen brauchbares Wetter in der Sächsischen Schweiz hattet 🙂

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  2. Zaphod schreibt:

    Kann ich mich nur anschließen, was Geduld und Engagement angeht. Mir platzt schnell der Kragen wenn jemand partout nicht will.
    Aber Du hast schon recht, Menschen sind unterschiedlich, ich vermute mal die beiden hatten auch nicht unbedingt gleiche Voraussetzungen, oder? Es flüchten halt nicht nur Studenten, es flüchten alle die Angst um ihr Leben haben müssen.

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