Geister, Steine und Geschichten (20.06.2019)

Es ist zwar warm, aber nicht staubtrocken. Also das richtige Wetter für einen Ausflug an die nördlichste Spitze der Insel. Nach Choboi. Mit der Marschrutka. Choboi ist immerhin 40 km entfernt, es gibt keine Befestigte Straße, nicht mal dieses Gebilde, das vom Fährhafen nach Chuschir führt. Und da davon auszugehen ist, dass noch andere Ausflügler unterwegs sein werden, jedenfalls sieht man hier immer mindestens zwei der Minibusse zusammenfahren, ist es schon wichtig, aufs Wetter zu achten. Denn sitzt man im hinteren Fahrzeug, schluckt man bei zu heißem Wetter nicht nur zuviel aufgewirbelten Staub und Sand, man sieht vermutlich auch nichts.

Also Choboi. Das Kap liegt ganz im Norden der 72 km langen Insel. Dort treffen Kleines und Großes Meer, in das der Baikal unterteilt wird, zusammen. Hier befindet sich die breiteste, aber auch die tiefste Stelle des größten Süßwassersees der Erde..

Choboi ist burjatisch und bedeutet Reißzahn. Viele Namen auf der Insel, wie der der Insel selbst, stammen aus dem burjatischen. Und da die bizarren Felsformationen die Phantasie anregen und anregten, wurden sie Teil der Geisterwelt dieser mongolischer Volksgruppe. Auch wenn heute viele Buddhisten sind, erinnern die Geschichten und Namen an den Tengrismus und Schamanismus der Vorfahren.

Und so ist auch Choboi ein sakraler und heiliger Ort.

Aber wir kämpfen uns erst mal wieder durch das Frühstück. Seltsam, vor 5 Jahren gabs hier ständig Blinies, in diesem Jahr haben wir die leckeren Dinger noch nicht ein mal serviert bekommen. Heute gibt es Kascha, was wir abwählen bzw. einem jungen Pärchen überlassen. Die zwei sind Deutsche und befinden sich auf Weltreise. Sie trampen viel und gehen eher selten ins Restaurant, da sie natürlich mit dem Geld haushalten müssen. Das sie unser Kascha annehmen, liegt aber nicht an ihren Finanzen, sondern daran, dass ihnen das Zeug schmeckt.

Natürlich werden wir, wie das auf Olchon üblich ist, an der Pension abgeholt. Und der Fahrer, ein Einheimischer logisch, findet die Pension auch. Zwei Russinnen sitzen schon in der Marschrutka, zwei weitere suchen wir gemeinsam. Das heißt natürlich, der Fahrer sucht und kurvt rum und hupt. Und wir recken die Hälse und suchen etwas, das sich bewegt und als unsere Mitfahrer entpuppen könnte.

Dann treffen sich alle Minibusse am Supermarkt.

Dann geht es los.

So, also, bei allem, was wir zu sehen bekommen, das eigentliche Highlight ist die Fahrt. Es geht über „Wege“, ja, wie soll ich es beschreiben, die sind so ausgespült oder ausgefahren, da gibt es Löcher so groß wie die Fahrzeuge. Der Fahrer gibt sich alle Mühe, trotzdem werden wir durch und durch geschüttelt. Und unser Hauptaugenmerk liegt wirklich darauf, nirgends mit dem Kopf anzustoßen, nicht mit der Stirn gegen die Scheibe zu schlagen, sich nicht die Nase am Vordersitz zu brechen. Solche Dinge eben. Nebenbei gucken wir natürlich raus und bestaunen eine unglaubliche Landschaft und die Fahrkünste der Fahrer.

Erster Stopp ist Charanzew. Also ein kleines Kap hinter dem Ort. Hier hat man einen phantastischen Blick aufs Meer, hier das Kleine Meer. Es ist glasklares Wetter, so sehen wir nicht nur die Inseln Krokodil und Löwe, sondern auch eine seltsame Felsformation im Marmor am Ufer des Festlandes. Es erinnert an ein Frauengesicht.

Nur 40 Minuten und ein paar Rüttelschäden am Gehirn später, wobei wir alles durch und überfahren, was die Insel zu bieten hat, als da sind „Feldwege“, sehr ausgefahrenen Waldwege und am Ende Dünen, sind wir in Pestschannaja. Die 8 Einwohner betreiben ein kleines Café nebst Laden, in dem man Snacks und Souvenirs kaufen kann, sowie ein kleines Museum. Früher, genau genommen von 1932 bis 1950, war das ein Gefangenenlager, ein Gulag. Im Lager gab es eine Fischfabrik. Hier saßen auch Bürger Olchons wegen Bagatelldelikten lange Lagerstrafen ab. Es soll mal eine Straße gegeben haben, die jedoch mitsamt 20 Häusern von einer Wanderdüne verschlungen wurde. Nicht sofort. Der Prozess begann Ende der 1940er Jahre und dauerte 30 Jahre. Schneller verschwand der Steg, von den Litauern, die ab 1941 hierher zwangsumgesiedelt wurden, gebaut. Er brannte 2003 ab. Auch sonst erinnert kaum noch etwas an die Geschichte des Ortes. Heute kommen die Leute her, um den breiten Sandstrand zu genießen. Oder sie zwischenstoppen auf dem Weg zum Kap Choboi.

Die Russen in unserem Bus sind ein lustiger Trupp. Singen und reden viel.

Wir sind auf dem Weg zu den ‚Drei Brüdern“, einer weiteren außergewöhnlichen Felsformation aus Marmor, mit den charakteristischen roten Flechten überzogen. Hier ließ der Gott der Burjaten, Burchan, seine ungehorsamen Söhne zu Stein erstarren. Sie hatten sich geweigert, die entflohene Schwester einzufangen. Und wir sind ständig auf der Flucht vor in 5-6 Marschrutkas tourenden Chinesen und Chinesinnen. Nicht, weil wir gegen Chinesen und Chinesinnen sind, sondern weil wir fotografieren wollen. Und fotografieren mit wenig Menschen drauf, ist irgendwie nicht möglich, wenn die 5-6 Minibusse da sind. Aber das Gebiet ist zum Glück sehr groß. Wir können erst mal hier hin laufen und dahin, und dort, wo wir ein bisschen klettern können, treffen wir eh nur noch vereinzelt Russen. Als Nebel in eine kleine Bucht zieht, fürchten wir schon um die Aussicht. Aber er scheint sich nicht auszubreiten. Oder zieht wohin, wo wir schon waren oder nicht sind.

Es ist nun Zeit fürs Picknick.

Während die andere Reisegruppe die Picknicktische direkt an den Felsen in Beschlag nimmt, suchen wir uns in Sichtweite ein hübsches Plätzchen im Wald. Hier besteht zusätzlich die Möglichkeit, mal im Gebüsch zu verschwinden. Es gibt Fisch und Kartoffeln, Tee, Kuchen und Obst. Die Frauen singen wieder, wir haben viel Spaß.

Dann geht es endlich zum Reißzahn. Zum Kap Choboi. Da gibts natürlich auch eine Geschichte. Hier soll nämlich ein Schamane seine etwas unzüchtige Gemahlin zu Stein verwandelt haben. Man soll das Profil ihres Gesichts irgendwo sehen. Wir sehen nichts. Der Fahrer der Marschrutka, warnt uns, bevor wir lostappen, eindringlich davor, zu nah an die Felskanten zu gehen. Touristen seien hier schon abgestürzt.

Dann laufen wir los zu einem weiteren heiligen Ort der Urbevölkerung. Hier gibt es aus Holz gebaute Stege, die zum Kap führen. Das schont die Landschaft und hält Übermütige vielleicht davon ab, doch zu nah an die Kanten zu gehen. Na, zumindest trittunsichere Menschen in unpassendem Schuhwerk kommen so einigermaßen sicher zum Reißzahn.

Kurz vorm Ziel steht wieder so eine Serge, ein Pferdepfahl, der auch religiöse Bedeutung hat. Er ist um und um mit Gebetstüchern und Schals umwickelt, und weil es hier im Gegensatz zum Schamanenfelsen nur eine solche Stele gibt, sind fast alle Bäume mit Gebetsfahnen, Schals und dergleichen „geschmückt“.

Natürlich gehört zu einem ordentlichen Ausflug, dass man sich an diesem markanten Punkt fotografiert. Artig stehen die Freundin und ich an und warten, bis die vor uns Angekommenen sich haben ablichten lassen. Dann drücken auch wir die Kamera einem Fremden in die Hand und stellen uns in Position. Leider haben die Chinesen inzwischen auch das Kap erreicht. Eine Frau stellt sich dreist dazu und lässt sich und uns fotografieren. Ich krieg ne Krise. Wir versuchen sie so freundlich wie möglich zu bitten, uns doch die halbe Minute zu gönnen. Aber sie grinst nur und es stellen sich immer mehr ihrer Landsleute zu uns. Das ist zu viel. Wir gehen weiter. Zum Glück ist das Kap groß. Es gibt sogar Stellen, wo man relativ einsam die Aussicht und das Licht genießen kann.

Es ist vermutlich das Licht, das den Baikal und die Landschaft in solche Farben taucht. Oder doch magische Kräfte, wie Schamanen, Burjaten und Esoteriker meinen? Wer weiß. Für mich zählt nur, dass es atemberaubend schön ist.

Später gehen wir noch mal zum Serge und bekommen doch noch unser Foto. Dann laufen wir durch ein Wäldchen zurück und staunen nicht schlecht über drei russische Jugendliche, die sich die ganze Zeit mittels Selfiestick filmen, wie sie da durch den Wald latschen.

Unseretwegen könnte es nun zurück nach Chuschir gehen. Aber die Tour hat noch einiges zu bieten.

Das Kap der Liebe zum Beispiel, einen herzförmigen Felsen. Obs dazu eine Geschichte gibt, weiß ich nicht. Wir hören nicht mehr so richtig zu. Heilig ist der Ort jedenfalls nicht. Aber natürlich schön.

Schließlich fahren wir nach Usuri, dem nördlichsten Ort der Insel. Hier leben 9 Menschen. Hier gibt es auch eine Forschungs- und eine Wetterstation. In der Bucht liegt ein Schiff. Es ist wunderbar hier. Es sind nicht mal Chinesen hier. Chinesinnen auch nicht. Wir sitzen da und glotzen aufs Wasser. Wie kann Wasser nur so blau sein? Und der Himmel so klar?

Dann geht es zurück nach Chuschir. Über Feldwege, stark ausgefahrene Waldwege, Feldwege, Sand, Dünen, Feldwege, stark ausgefahrene Waldwege und die „Hauptstraße“,.

Wir lassen uns am Supermarkt absetzen und gehen in die Posnaja, ein Restaurant, in dem es leckere Buusy gibt, essen.

18:30 Uhr sind wir in der Pension. Völlig erledigt. Über Huckelholperpisten geschleudert zu werden, kann nämlich anstrengend sein. Und wenn der Geist so viele Eindrücke, so viel Schönheit aufnehmen muss, ist das auch ermüdend. Morgen brauchen wir definitiv einen Ausruhtag. Soviel Schönheit hält ja kein Mensch aus.

Über Inch

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7 Antworten zu Geister, Steine und Geschichten (20.06.2019)

  1. wildgans schreibt:

    „Soviel Schönheit hält ja kein Mensch aus.“
    Wohl wahr, sogar beim fernmündlichen Zuschauen…DANKE!

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  2. freiedenkerin schreibt:

    Das ist wirklich eine wunderschöne Gegend. Da erwacht die Sehnsucht, sich auch einmal dorthin zu begeben…

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  3. Zaphod schreibt:

    Die Huckelbuckelpisten sind denen an der portugiesischen Westküste recht ähnlich, daher kann ich die Schaukelei gut nachvollziehen. Wenns keinen Wald hat ist die Vegetation aber recht spärlich dort am Baikal.

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  4. athenmosaik schreibt:

    Das klingt aber auch ziemlich spannend was ihr erlebt. Solche direkten und persönlichen Reiseberichte bevorzuge ich immer tausendmal mehr als glatte Berichte mit voll glänzenden Instagram Bilder. Danke fürs mitnehmen!

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